2. Anhang: Paulus - neu gesehen

2.1 Zwei Briefe an die Gemeinde der Thessalonicher (1Thess)

Die Entdeckung des ältesten Paulus Briefes (der kanonische 2Thess stammt nicht von Paulus)

R. Pesch (1984)

Die beiden ältesten Briefe des Apostels sind erst nach seinem Tod, als man daran ging, seine Briefe zu sammeln und zu veröffentlichen, zusammengefügt. Der nun älteste Brief ist schon im Jahr 49 n.Chr. in Athen geschrieben und von Timotheus nach Saloniki, in die Hauptstadt Mazedoniens, überbracht worden (8f).

2.1.1 Die Gründung der Gemeinde in Saloniki und der erste Thessalonicherbrief

Paulus war um das Jahr 49 n.Chr. von Antiochien in Syrien aus zu seiner eigenständigen Mission aufgebrochen. Einer der führenden Männer aus der Jerusalemer Urgemeinde, Silas-Silvanus, einer der Abgesandten des Apostelkonzils an die antiochenische Gemeinde, war sein neuer Mitarbeiter, der auf dieser zweiten Missionsreise Barnabas ersetzte. In Lystra stieß Paulus auf einen jungen Mann, der Christ geworden war: Timotheus, Paulus zweiter Mitarbeiter. Paulus ließ Timotheus „mit Rücksicht auf die Juden, die in jenen Gegenden wohnten, beschneiden“(Apg 16,3). Paulus wollte sich und seinen Mitarbeitern den Zugang zu den Synagogen, den jüdischen Gemeinden in den Städten, offenhalten. Durch Phrygien und Galatien, wo Paulus einige Gemeinden gründen kann, ziehen die Missionare bis Troas. „Dort hatte Paulus eine Vision. Ein Mazedonier bat ihn: Komm herüber nach Mazedonien und hilf uns! Auf diese Vision hin entschlossen wir uns, sofort nach Mazedonien abzufahren, denn wir waren überzeugt, dass Gott uns dazu berufen hatte, dort das Evangelium zu verkünden“ (Apg 16,9f) (11f).

Mit einem Schiff setzte Paulus mit Silas und Timotheus nach Europa über. Die erste größere Stadt, in der sie ihre Mission in Mazedonien begannen, war Philippi. Hier gewannen sie die reiche Purpurhändlerin Lydia für den Glauben an den Messias Jesus; ihr Haus wurde der Versammlungsort der entstehenden christlichen Gemeinde und der Stützpunkt der Mission.

Nach dem Exorzismus an der wahrsagenden Sklavin, deren Herren ihr Geschäft geschädigt sahen, wurden Paulus und Silas vor die Stadtbehörden geschleppt, der Unruhestiftung angeklagt, ausgepeitscht und ins Gefängnis geworfen. Die Apostelgeschichte erzählt von einem Türöffnungswunder bei Nacht und von der Bekehrung des Kerkermeisters (Apg 16,25-34). „Vom Gefängnis aus gingen die beiden zu Lydia. Dort fanden sie die Brüder, sprachen ihnen Mut zu und zogen dann weiter“ (Apg 16,40) von Philippi nach Saloniki. Thessalonich-Saloniki war die Hauptstadt der Provinz Mazedoniens und Sitz des römischen Prokonsuls. Die Synagoge in Saloniki hat nach Apg 17,4 einen größeren Kreis von gottesfürchtigen Heiden angezogen. Hier konnte Paulus wieder missionieren (12f). Unter den Juden hatte Paulus geringen Missionserfolg, nur einige von ihnen ließen sich überzeugen. Unter den gottesfürchtigen Griechen jedoch konnte Paulus eine große Menge gewinnen, darunter nicht wenige vornehme Frauen. Da Paulus in Saloniki mindestens einmal finanzielle Unterstützung aus Philippi (Phil 4,16) erhalten hat, dürfen wir annehmen, dass er einige Wochen bleiben konnte, bevor Silas und er von den Juden vertrieben wurden. In Apg 20,4 werden später zwei Mitglieder der Gemeinde in Thessalonich genannt, Aristarch und Sekundus. Im Bericht über die Vertreibung (Apg 16,6.9) hören wir vom Quartiergeber in der Stadt, einem Jason (14).

Paulus und Silas Vertreibung aus Saloniki: Dass Paulus und Silas griechische Frauen aus prominenten Kreisen der Synagoge abwarben, ist ein verständlicher Grund für die Eifersucht der Juden, von der die Apostelgeschichte im Bericht über die Vertreibung der Missionare (17,5-10) erzählt. Die Juden in Saloniki behalfen sich damit, dass sie sich einige üble Männer aus dem Pöbel holten und mit deren Hilfe eine Volksmenge zusammenrotteten und so in der Stadt einen Aufruhr anrichteten. Sie ließen die aufgehetzte Menge zum Haus des Juden Jason (der von Paulus bekehrt worden war) vorrücken, wo sie Paulus und Silas vermuteten. Doch die Missionare waren rechtzeitig entkommen. So kam es, dass Jason, der Quartiergeber, und andere Christen, die sich bei ihm aufhielten, vor die Oberen der Stadt gezerrt wurden, wo ihnen vorgeworfen wurde, sie hätten Paulus und Silas, Unruhestifter, subversive Elemente, begünstigt und sich damit indirekt des Aufruhrs schuldig gemacht. Der Prokonsul würde notfalls die Stadtoberen zur Rechenschaft ziehen, wenn sie Unruhestifter, die zum Aufstand aufhetzten in der Stadt dulden. Deshalb lautet die Anklage, die Christen handelten „gegen die Gebote des Kaisers“, da sie behaupteten einem anderen gebühre der im Osten für den Kaiser übliche Titel Basileus, nämlich Jesus. Die Juden haben die Botschaft des Paulus, Jesus sei der in der Schrift verheißene Messias – König und Kyrios, in eine politische Anklage umgemünzt: Paulus und Silas und ihre Anhänger in Saloniki wie Jason würden dem Kaiser die Weltherrschaft bestreiten (14f).

Den Juden gelingt es, die Bevölkerung und die Politarchen in Aufregung zu versetzen. Diese nehmen von Jason und den anderen Christen, die vor sie geschleppt worden waren, eine Kaution, die bei einer Wiederholung des Vergehens, dessen sie verdächtigt waren, verfallen wäre. Jason konnte also Paulus und Silas nicht mehr in sein Haus aufnehmen; die Missionare mussten Saloniki alsbald in der folgenden Nacht im Schutz der Dunkelheit verlassen. Sie mussten die noch nicht gefestigte Gemeinde zurücklassen und befürchten, dass die Christen angesichts der nächtlichen Flucht des Apostels und seines Mitarbeiters verunsichert waren. Waren sie leichtgläubigen jüdischen Wanderpredigern aufgesessen? So ist verständlich, dass Paulus und Silas in die Kleinstadt Beröa (75 km von Saloniki entfernt) fliehen, von wo aus Paulus zweifellos, wenn sich der Sturm gelegt hätte, nach Saloniki zurückkehren wollte (15f).

Paulus Vertreibung aus Beröa (Apg 17,10-15): Dass Paulus und Silas in Beröa bei den Juden selbst und deren gottesfürchtigen Gönnern so gute missionarische Erfolge hatten, erklärt, dass die ortsansässige Judenschaft hier nicht gegen die Missionare einschritt. Die nicht einverstandenen Juden aus Beröa haben hingegen die Juden in Saloniki alarmiert. So wird verständlich, dass auf die Kunde von der Mission in Beröa hin Juden aus Saloniki kommen, um auch hier die Bevölkerung aufzuhetzen und Paulus vertreiben. Paulus wird selbst rasch die Konsequenzen gezogen haben, es sei besser, er räume das Feld, bevor sich die Vorgänge aus Saloniki wiederholten, damit der weniger exponierte Silas bleiben könne. Apg 20,4 erzählt, die Brüder in Beröa (einer von ihnen Sopater) hätten damals sogleich gehandelt und Paulus aus der Stadt geleitet, damit er ans Meer gelangen und sich nach Athen einschiffen konnte. Silas blieb in Beröa und arbeitete hier wohl an der Konsolidierung der Gemeinde, die sich später auch an der Kollekte des Paulus für die Jerusalemer Urgemeinde beteiligte (17f).

Paulus zieht über Athen nach Korinth: Nach der Rückreise der Christen aus Beröa, die Paulus nach Athen begleitet hatten, blieb der Apostel allein in Athen. Seine Missionserfolge in Athen waren gering. In Athen ist erst im zweiten Jahrhundert eine bedeutende Christengemeinde entstanden. Paulus scheint nicht lange in Athen geblieben zu sein; seine Mitarbeiter, Silas und Timotheus trafen ihn nicht mehr in Athen, wohin sie rasch nachkommen sollten, sondern sie stießen erst in Korinth (Apg 18,5) wieder zu Paulus. Freilich muss Timotheus schon zuvor bei Paulus in Athen gewesen sein (1Thess 3,1-5), denn Timotheus wurde von Paulus noch einmal nach Saloniki zurückgeschickt, um die dortige Gemeinde zu stärken und Paulus von ihr – wie er hoffte – gute Nachrichten zu überbringen. Diese Nachriten erhielt Paulus in Korinth (60 km von Athen entfernt). Paulus hat die Reise von Athen in die neue Metropole allein zurückgelegt. Der Weg führte über Eleusis und Megara und war in 2 – 3 Tagen zu bewältigen. Paulus scheint sich in Korinth alsbald wieder im Umkreis der Synagoge umgesehen zu haben (18f).

Hier fand er einen Juden namens Aquila, der aus 'Pontus' am Schwarzen Meer stammte, und dessen Frau Priszilla. Bei dem judenchristlichen Ehepaar fand Paulus, der wie Aquila 'Zeltmacher', d.h. Sattler, Lederverarbeiter, war, Unterkunft und Arbeit. Er konnte sich seinen Lebensunterhalt verdienen und an den Sabbaten in der Synagoge Lehrvorträge halten. Ein Missionserfolg stellt sich erst ein, nachdem Silas und Timotheus aus Mazedonien gekommen waren und eine Geldspende mitbrachten (2Kor 11,8f), die es Paulus eine Zeitlang erlaubte, sich ganz der Missionsarbeit zu widmen (19f).

Paulus schreibt aus Korinth an die Gemeinde in Saloniki (Frühjahr/Sommer 50 n. Chr.): Paulus nennt „Silvanus und Timotheus“ (1Thess 1,1) als Mitarbeiter. Die Absenderangabe ist wichtig, weil sich in Verbindung mit Apg 18,5, der Notiz über die Ankunft der aus Mazedonien kommenden Mitarbeiter in Korinth, Entstehungsort und Entstehungszeit des 1Thess festlegen lässt. Paulus bestätigt in 1Thess 3,6, dass er seinen Brief an die Thessalonicher schreibt jetzt, da Timotheus von euch zu uns gekommen ist und uns die frohe Botschaft von eurem Glauben und eurer Liebe brachte“. Der Brief ist also im Jahr 50 in Korinth verfasst und von hier aus nach Saloniki geschickt worden. Es dürften Christen aus der Gemeinde in Philippi oder Beröa gewesen sein, die mit Silas und Timotheus die Spende der Gemeinde von Philippi überbracht hatten (2Kor 11,9). Sie haben sich vermutlich nicht allzu lange in Korinth aufgehalten, so dass Paulus den Brief nach Saloniki, den er ihnen mitgab, bald nach der Ankunft des Timotheus geschrieben haben muss, wie es auch das doppelte 'jetzt' in 1Thess 3,6.8 nahelegt (20f).

Es gibt einen älteren Brief, den Paulus dem Timotheus schon aus Athen nach Saloniki mitgegeben hat. Dieser Brief ist im vorliegenden 1Thess, der eine Briefkomposition ist, mitenthalten. Wenn wir die Briefe des Paulus durchmustern, sehen wir, dass er immer, wenn er einen seiner Mitarbeiter zu einer seiner Gemeinden geschickt hat, einen Brief mitgab. Die Briefe des Apostels sind ein wesentliches Instrument seiner Sorge um seine Gemeinden (22).

2.1.2 Der erste Thessalonicherbrief – eine Briefkomposition

  Brief aus Korinth
  1,1 Präskript
  1,2-10 Danksagung und Rückblick
Brief aus Athen  
(Präskript)  
2,13-16 Danksagung  
2,1-12 Rückblick  
2,17-3,5 Sendung des Timotheus  
3,6-10 Rückkehr des Timotheus  
4,1-8 Mahnungen  
3,11-13 Schluss  
(Grüße, Segenswunsch)  
4,9-12  Über die Bruderliebe
4,13-18  Über die Entschlafenen
5,1-11  Über die Zeiten
5,12-22  Mahnungen
5,23-37  Mahnungen
5,28  Segenswunsch (115)

Alles spricht dafür, dass Paulus nach seiner Flucht aus Saloniki und Beröa „für kurze Zeit“(2,17) von den Thessalonichern getrennt, nach widerholten gescheiterten Versuchen, noch einmal nach Saloniki zurückzukehren, in Athen, weil „er es nicht länger aushielt“ (3,1) zur Feder griff und Timotheus mit einem Brief, in dem er diesen Mitarbeiter empfahl und dessen Auftrag bezeichnete, nach Saloniki schickte (64).

Ein Brief Pauli aus Athen nach Saloniki: die Untersuchung aller auffälligen Dopplungen und Spannungen im 1Thess – der doppelten Danksagung, des doppelten Rückblicks auf den 'Zugang', der doppelten Situationsbeschreibung, der doppelten Schlusspassage, der gedoppelten Mahnung sowie kleinerer Dopplungen  - und insbesondere des Abschnitts, der von der Sendung des Timotheus nach Saloniki handelt, hat erkennen lassen, dass in den unterschiedlichen Briefabschnitten unterschiedliche Briefsituationen gespiegelt sind: in zeitlicher Nähe zum Gründungsaufenthalt Pauli bei den Thessalonichern anlässlich der Sendung des Timotheus von Athen aus nach Saloniki und in zeitlicher Entfernung davon nach der Rückkehr des Timotheus aus Saloniki in Korinth (65).

Der älteste Paulusbrief, den Paulus schon von Athen aus geschrieben und seinem Mitarbeiter Timotheus an die Gemeinde in Saloniki mitgegeben hat, ist im kanonischen 1Thess im Rahmen des zweiten Briefes, den Paulus nach der Rückkehr des Timotheus von Korinth aus nach Saloniki schrieb, eingefügt. Dieser älteste Paulusbrief ist nicht vollständig erhalten. Es fehlt sein Präskript, es fehlen Grüße und der übliche Segenswunsch am Schluss. Das konnte bei der Zusammenfügung der beiden Briefe, die vor deren Veröffentlichung und Verbreitung geschehen sein muss, nicht doppelt erhalten bleiben. Der erste, in Athen geschriebene Brief musste, als er in den zweiten, in Korinth verfassten eingefügt wurde, in der Abfolge seiner Abschnitte verändert worden sein. Der Herausgeber konnte nicht zwei Danksagungen und zwei Schlusspassagen unmittelbar aufeinander folgen lassen und wollte offenbar die mahnenden und belehrenden Partien beider Briefe miteinander verbinden (65f).

Der erste Brief aus Athen enthält keinen belehrenden Teil und ist daher recht kurz; ansonsten laufen die Abschnitte in beiden Briefen parallel – vor allem mit dem Rückblick auf den 'Zugang' und den Ausführungen über die Sendung und Rückkehr des Timotheus. Der Vergleich der beiden Briefe zeigt, wie sehr der erste, der ältere aus Athen, von der Unruhe, der Sorge, der Ungewissheit des Apostels über die Entwicklung der Gemeinde geprägt ist. Der älteste Brief ist außergewöhnlich stark situationsgebunden. Die Zusammenfügung der beiden Briefe ließ sich angesichts ihrer parallelen Struktur leicht bewerktstelligen, fast ohne redaktionelle Eingriffe in ihren Bestand, unter Erhaltung aller wesentlichen Aussagen des Apostels (113f).

Die ursprünglich in einer konkreten Situation entstandenen 'Gelegenheitsschreiben' des Apostels Paulus haben durch ihre Vereinigung in der Briefkomposition eine grundsätzlichere, bleibende Bedeutung für die ganze Kirche bekommen (121).

2.1.3 Anhang: Der zweite kanonische Thessalonicherbrief stammt nicht von Paulus: Wenn der 2Thess von Paulus selbst stammte, müsste er auch noch während der sog. zweiten Missionsreise in der Zeit des 1 ½ jährigen Aufenthalts des Apostels in Korinth verfasst worden sein. Denn im Präskript (1,1) werden wie im Eingang des 1Thess „Silvanus und Timotheus“ als Mitabsender genannt. Silvanus hat Paulus jedoch auf der dritten Missionsreise nicht mehr begleitet, er scheint zum Mitarbeiter des Petrus geworden zu sein (1Ptr 5,12). Wenn der 1Thess eine Briefkomposition ist, dann setzt der 2Thess diese Briefkomposition voraus, die erst nach dem Tod des Paulus entstanden ist (124f).

2.2 Drei Briefe an die Heiligen von Philippi (Phil)

Paulus und seine Lieblingsgemeinde

R.Pesch (1985)

2.2.1 Die Gründung der Gemeinde in Philippi und der Philipperbrief

Die Mission in Philippi: Lydia, eine Purpurhändlerin, eine Gottesfürchtige, hört Paulus besonders gut zu. Jetzt erfährt sie, dass der Messias Jesus auch ihr, der heidnischen Frau, die Möglichkeit ganz zum Volk Gottes zu gehören, eröffnet hat. Gott schloss ihr das Herz auf. Die heidnische Frau als 'Gottesfürchtige' kennt den Glauben an den einen wahren Gott und dessen Geschichte mit seinem Volk Israel; sie muss nur noch den Glauben an das Evangelium von Jesus Christus hinzugewinnen, den ihr die Predigt des Paulus vermittelt hat. Mit Lydia haben sich auch die Mitglieder ihres Hauses, ihre Familie, Hausangestellte und Sklaven, bekehrt. Das Haus der Lydia wurde durch ihre Einladung an die Missionare, denen sie Quartier gewährte, zum Stützpunkt der Mission in Philippi und zum Versammlungsort der entstehenden Gemeinde (Apg 16,40). Zur Gemeinde gehören neben Lydia und ihrem 'Haus' der Kerkermeister „und alle die Seinen“(16,33). Weitere Gemeindemitglieder sind Epaphroditus (Phil 2,25;  4,18), die beiden Frauen Evodia und Syntyche (4,2) und Klemens (4,3). Die Christen in Philippi sind hauptsächlich Heidenchristen (Phil 3,3) (16f).

Die Ausweisung von Paulus und Silas aus Philippi: Paulus konnte wahrscheinlich nur wenige Wochen in Philippi wirken. Als Paulus und Silas aus der Stadt ausgewiesen wurden, dürfte Timotheus dort geblieben sein und die weitere Festigung der entstehenden Gemeinde betrieben haben. In Philippi hatte Paulus Unbilden und Misshandlung zu erdulden (1Thess 2,2). Die Apostelgeschichte (16,16-40) berichtet von der Einkerkerung und Ausweisung von Paulus und Silas nach der Austreibung eines Wahrsagergeistes aus einer Magd, deren Herren ihr Geschäft geschädigt sahen und Anzeige erstatteten. Die Sklavin hatte Paulus und dessen Begleiter mehrere Tage hindurch dadurch belästigt, dass sie hinter ihnen herlief und schrie. Paulus hatte nach Tagen geduldiger Gelassenheit schließlich aufgebracht reagiert und den Wahrsagegeist ausgetrieben, an der Sklavin einen Exorzismus vollzogen (18).

Die Besitzer der Sklavin ließen Paulus und Silas ergreifen und vor die städtischen Behörden schleppen. Die obersten Beamten, tragen der antijüdischen Volksstimmung Rechnung und lassen Paulus und Silas ohne Verhör und Urteil die Kleider vom Leib reißen und auspeitschen (wobei Paulus viele Wunden Apg 16,33 zugefügt wurden) und dann ins Gefängnis werfen. In 2Kor 11,23-27 erwähnt Paulus, dass er „häufiger im Gefängnis“ war und „dreimal ausgepeitscht“ wurde. Der Kerkermeister, der die Gefangenen Missionare sicher verwahren soll, bringt sie in die innerste Sicherheitszelle. Zusätzlich sichert er ihre Füße im hölzernen Block. Die Überlieferung erzählt von einem mitternächtlichen 'Türöffnungswunder' und von der Bekehrung des Kerkermeisters, der den nächtlichen Lobgesang der Missionare gehört hatte. Am nächsten Tag kommt es dann zur Freilassung und Ausweisung von Paulus und Silas aus der Stadt. „Vom Gefängnis aus gingen die beiden zu Lydia. Dort fanden sie die Brüder, sprachen ihnen Mut zu und zogen dann weiter“ (Apg 16,40). Der Weg führte sie über Amphipolis und Apollonia nach Thessalonich (19f).

Die weitere Verbindung des Paulus mit der Gemeinde in Philippi: Timotheus war wohl in Philippi zurückgeblieben, um die Gemeinde zu stützen. In Saloniki hat Paulus aus Philippi eine finanzielle Unterstützung erhalten, die ihm die Missionsarbeit dort erleichtern sollte (Phil 4,16). Als Paulus von den Juden in Saloniki aus der Hauptstadt Mazedoniens und danach aus Beröa vertrieben worden war, traf er spätestens in Athen wieder mit Timotheus zusammen, den er von hier aus mit dem ältesten Brief nach Saloniki schickte. Spätestens in Athen ist Paulus also auch von Timotheus über die Entwicklung der Gemeinde in Philippi unterrichtet worden. In Korinth, wo er 1 ½ Jahre bleiben konnte, hat er erneut eine Geldspende aus Philippi erhalten. Wahrscheinlich ist eine Delegation aus Philippi mit Silas und Timotheus, als sie dem Apostel nach Athen nachreisten (Apf 18,5), mitgezogen. Paulus war erneut mit den Philippern in Verbindung. Als Paulus seine Mission nach Ephesus verlegt hatte, musste er von hier aus „drei Jahre lang“ (Apg 20,31) den Kontakt mit seinen europäischen Gemeinden halten. Die im 1Thess vereinigten Schreiben waren schon auf der Gründungsreise in Europa von Athen und Korinth aus geschrieben worden. Dass der Philipperbrief nicht mehr auf der sog. zweiten Missionsreise, die Paulus nach Europa führte, geschrieben ist, geht daraus hervor, dass nur noch Timotheus, nicht mehr Silas (der den Apostel nach der Zeit in Korinth nicht mehr begleitete) als Mitabsender genannt ist (20f).

Paulus wurde gegen Ende seiner dreijährigen Wirksamkeit in Ephesus (52-55 n. Chr.) dort ins Gefängnis geworfen. Das 'Quittungsschreiben' und der Brief aus dem Gefängnis anlässlich der Rücksendung des Epaphroditus dürften im Jahr 55 entstanden sein, der Kampfbrief Anfang des Jahres 56 in Korinth. Seit der Gründung der Gemeinde von Philippi waren 5-6 Jahre vergangen. Paulus blickt in 1,5 auf „den ersten Tag“ und in 4,15 auf „den Anfang der Evangeliumsverkündigung“ aus gutem Abstand zurück (58).

2.2.2 Der Philipperbrief - eine Briefkomposition

  2 Brief: Der Brief aus dem Gefängnis anlässlich der Rücksendung des Epaphroditus
  1,1-2 Präskript
  1,3-11 Danksagung
  1,12-26 Bericht über die Lage des gefangenen Apostels
  1,27-2,18 Weisungen für das des Evangeliums würdige Leben der Gemeinde
  2,19-30 Ankündigung des Timotheus, eines eigenen Besuches und der Rücksendung des Epaphroditus
  3,1 Mahnungen  
3. Brief: Das Kampfschreiben    
(Präskript, Briefeingang)
3,2-21 Auseinandersetzung mit den Irrlehrern, Warnung
4,1-3 Mahnungen
  4,4-7 2. Brief: Mahnungen
4,8-9 Schluss
(Grüße, Segenswünsche)
1. Brief: Die Empfangsbestätigung für die Geldspende
(Präskript, Danksagung)
4,10-18 Empfangsbestätigung für die Geldspende
4,19-20 Schluss
(Grüße, Segenswünsche)
  4,21-22 2. Brief: Grüße
  4,23 Segenswünsche

Der Brief aus dem Gefängnis anlässlich der Rücksendung des Epaphroditus - das Präskript (1,1f): Paulus nennt neben sich Timotheus (der schon bei der Gemeindegründung mit in Philippi war und dort vermutlich länger bleiben konnte als Paulus und Silas) als Mitabsender. Das bedeutet: Timotheus ist beim gefangenen Paulus. Im Frühjahr 49 n.Chr. war Paulus in Philippi und 50/51 in Korinth, zwischen 52 und 55 n.Chr. hat er sich in Ephesus aufgehalten. In der ersten Zeit seines Aufenthalts dort schickte er Timotheus nach Korinth (1Kor 4,17). Vor seinem Aufbruch von Ephesus nach Troas und Mazedonien (2Kor 2,12f) sandte Paulus „zwei seiner Helfer, Timotheus und Erastus, nach Mazedonien voraus“ (Apg. 19,22). Paulus hat Timotheus und Erastus (Mitabsender des 2Kor) in Mazedonien wiedergetroffen (2Kor 7,5). Im Philipperbrief (2,19-23) stellt Paulus eine baldige Sendung des Timotheus nach Philippi in Aussicht, doch erwartet der Apostel seinen Mitarbeiter in Ephesus zurück, weil er erfahren möchte, wie es um die Gemeinde in Philippi steht. Paulus muss gegen Ende seines Aufenthalts in Ephesus im Kerker gewesen sein. Dazu passt auch sein Hinweis im aus Mazedonien geschriebenen 2Kor 1,8-10 auf die in der Hauptstadt der Provinz Asia überstandene Todesgefahr. Paulus stellt sich und Timotheus als „Knechte Christi Jesu“ (Phil 1,1) vor. Zum ersten und einzigen Mal in seinen Briefen nennt Paulus eine besondere Gruppe von Gemeindeleitern im Präskript: die Episkopen und Diakone. Dass in Philippi diejenigen, die im Leitungsdienst der Gemeinde stehen schon Titel tragen, setzt voraus, dass die Lieblingsgemeinde des Paulus eine kontinuierliche Entwicklung ihrer Festigung seit der Gemeindegründung durchlaufen hat (76f).

2.3 Vier Briefe an die Gemeinde Gottes in Korinth (1Kor)

Paulus ringt um die Lebensform der Kirche

R.Pesch (1986)

2.3.1 Die Gründung der Gemeinde in Korinth und der erste Korintherbrief

Die Gemeinde in Korinth, der Hauptstadt der Provinz Achaia, war die bedeutendste Gemeinde des Völkerapostels auf europäischem Boden. Mit dieser Gemeinde hat Paulus nach seinem Weggang von Korinth jahrelang gerungen – durch Briefe, durch Besuche seiner Mitarbeiter und des Apostels selbst (13).

Paulus kommt nach Korinth: Von Athen aus zieht der Apostel in die 60km entfernte Provinzhauptstadt Korinth. In Korinth hat Paulus außergewöhnliches Glück, er trifft auf ein judenchristliches Ehepaar, das ihm Unterkunft und Arbeit anbieten kann. Das Ehepaar, das schon in Rom zum Glauben an den Messias gekommen war, war kürzlich, nicht lange vor Paulus, aus Italien nach Korinth gekommen. Anlass dieser Übersiedlung war eine Anordnung des Kaisers Klaudius im Jahr 49 n.Chr., dass alle Juden (?) und Judenchristen Rom verlassen sollten. Aquila und Priszilla hatten, da sie einige Zeit vor Paulus nach Korinth gekommen waren, hier schon ein Haus erwerben und eine Werkstatt einrichten können (14f).

Auf seiner Quartiersuche war Paulus in Korinth auf dieses Ehepaar gestoßen. Der Zufall wollte es, dass Aquila und Paulus dasselbe Handwerk gelernt hatten, Paulus also in Aquilas Zeltmacherwerkstatt seinen Lebensunterhalt verdienen konnte. In den späteren brieflichen Auseinandersetzungen mit der korinthischen Gemeinde spielt es eine bedeutende Rolle, dass Paulus sich von der Gemeinde nicht unterhalten ließ, sondern von seiner eigenen Handarbeit lebte. Zunächst hat Paulus die arbeitsfreien Sabbate zu missionarischen Lehrvorträgen in der Synagoge genutzt. Von einem Missionserfolg ist zunächst nicht die Rede. Er scheint sich erst eingestellt zu haben, nachdem Silas und Timotheus aus Mazedonien nach Korinth gekommen waren und Paulus seine Missionsarbeit intensivieren konnte. Timotheus brachte auch gute Nachrichten aus Saloniki, die Paulus zur Abfassung seines zweiten Briefes an die Thessalonicher (nach dem Athener Brief) veranlasste (15).

Die Mission in Korinth: Silas und Timotheus brachten eine finanzielle Geldspende der mazedonischen Gemeinden, besonders eine Geldspende seiner 'Lieblingsgemeinde' in Philippi, für den Apostel mit nach Korinth (2Kor 11,8f; Phil 4,15f). Paulus brauchte nun eine Weile nicht zu arbeiten und konnte sich mit seinen beiden Mitarbeitern ganz der Mission widmen (Apg 18,5). Paulus hat seine Lehrtätigkeit in der Synagoge intensiviert und insbesondere eine ausführliche messianische Schriftauslegung betrieben. Jedoch regt sich der Widerstand der Juden, die die Messianität des gekreuzigten Nazareners Jesus nich anerkennen wollen, sondern 'lästern' (Apg 18,6), d.h., dass die Juden den Fluch der Tora (Dtn 21,23) über den 'Gekreuzigten' nachsprechen (15f).

Als Paulus in der Synagoge nicht mehr geduldet wird, bietet ihm ein gottesfürchtiger Heide, Titius Justus, der offenbar von Paulus überzeugt worden war, sein Haus als Versammlungsort an. Er besaß ein geräumiges Haus, das „an die Synagoge angrenzte“ (Apg 18,7). Hier kann Paulus wirken – in offener Konkurenz zur Synagoge bei der Werbung um heidnische Hörer. Die in Korinth entstehende Gemeinde setzt sich aus ehemaligen Juden und ehemaligen Heiden zusammen, unter den Heiden aus solchen,die sich schon für das Judentum interessiert und als 'Gottesfürchtige' (wie Titius Justus) an den Sabbatgottesdiensten teilgenommen hatten (16).

Der Kern des judenchristlichen Teils der korinthischen Gemeinde bestand aus prominenten ehemaligen Juden. Zum judenchristlichen Teil der Gemeinde wird man auch Stefanas und dessen Familie rechnen dürfen. Paulus erwähnt (1Kor 1,16), dass er die Familie des Stefanas selbst getauft hat, und dass Stefanas der Ersbekehrte in der Provinz Achaia war (1Kor 16,15). Zu dessen Familie gehören auch wohl Fortunatus und Achaikus, die Paulus später zusammen mit Stefanas in Ephesus besuchen (1Kor 16,17) (17).

In 1Kor 1,14 erwähnt Paulus neben dem Synagogenvorsteher Krispus noch einen Gajus, den er selbst getauft hat. Vielleicht ist dieselbe Person gemeint, die Apg 18,7 als der Besitzer des an die Synagoge angrenzenden Hauses vorgestellt war: Gajus Titius Justus. Der ehemalige Gottesfürchtige wäre zum Kern des heidenchristlichen Teils der korinthischen Gemeinde zu zählen. Dazu zählt als weiteres prominentes Mitglied der Stadtkämmerer Erastus (Röm 16,23). Der Römerbrief wurde von Paulus später bei seinem dritten Aufenthalt in Korinth geschrieben, als er dort vor der Kollektenreise nach Jerusalem überwinterte. Er enthält eine Liste von Personen (Röm 16,21-23), die von Korinth aus an die römische Gemeinde Grüße ausrichten lassen. Neben Timotheus, dem Mitarbeiter des Paulus, grüßen „Lucius, Jason und Sosipater, die zu meinem Volk gehören“ (Röm 16,21), die den judenchristlichen Teil der Gemeinde verstärkten. Dann grüßt Tertius, der Schreiber dieses Briefes (Röm 16,22), der zu den Heidenchristen gehört. Dann stoßen wir erneut auf „Gajus, der mich und die ganze Gemeinde gastlich aufgenommen hat“ (Röm 16,23). Er war also später wieder Gastgeber Pauli, wie in der Anfangszeit als er sein Haus für die Lehrvorträge des Apostels zur Verfügung stellte. Zu den Heidenchristen zählt noch der Bruder Quartus (Röm 16,23) (17f).

Zur Zeit des dritten Besuchs des Paulus in Korinth, fünf bis sechs Jahre nach dem Gründungsbesuch, gab es auch in der Hafenstadt Kenchreä schon eine eigene Gemeinde, in der Phöbe, eine Frau, Diakon war (Röm 16,1). In Korinth selbst wird Paulus die entstehende Gemeinde schon während seiner 1 ½ jährigen Wirksamkeit dort in verschiedene Hausgemeinden strukturiert haben. Gemeindemitglieder, die Häuser mit größeren Versammlungsräumen besaßen, haben sie für die Gemeindeversammlungen, Gottesdienste und gemeinsame Mahlzeiten zur Verfügung gestellt (18).

Der größere Teil der überwiegend heidenchristlichen Gemeinde gehörte den unteren sozialen Schichten der Bevölkerung an (1Kor 1,26). Die Apostelgeschichte erzählt (18,9-11), dass der Widerstand der Juden, die Paulus in der Synagoge nicht mehr geduldet hatten, nach dessen Umzug in das benachbarte Haus des Titius Justus gewachsen war. Paulus wird in einem Nachtgesicht vom Herrn Jesus, der ihm erscheint, ermutigt: „Fürchte dich nicht, sondern rede und schweige nicht! Denn ich bin mit dir. Niemand wird dich antasten, um dir Böses anzutun. Denn mir gehört ein großes Volk in dieser Stadt“ (Apg 18,9f). Paulus kann in den 1 ½ Jahren, die er in Korinth bleibt (Apg 18,11), seine größte und bedeutendste Gemeinde sammeln (19).

Paulus verlässt nach 1 ½ Jahren Korinth: Als Paulus Korinth verließ, ging er in die Provinz Asia und machte deren Hauptstadt Ephesus zu einem weiteren Vorort seiner Mission. Als Gallio sein Amt in Korinth antrat, suchten die Juden, denen der Missionseifer des Paulus ein Dorn im Auge war, ihre Chance. Sie klagten Paulus vor dem Gericht des Statthalters an. Doch Gallio wollte mit der Sache nichts zu tun haben. Gallio verjagte die Juden kurzerhand von seinem Richterstuhl auf der Agora. Die Juden verprügelten (Apg 18,17) Sosthenes, ihren Synagogenvorsteher, der ihre Sache schlecht vertreten habe. Wenn Paulus (Apg 18,12) zu Beginn der Amtszeit des Gallio im Sommer 51 von den Juden angeklagt wurde und wenn die Anklage gegen Ende der 1 ½ jährigen Wirksamkeit des Apostels in Korinth erfolgte, muss Paulus zu Beginn des Jahres 50 n.Chr. nach Korinth gekommen sein, wo Aquila und Priszilla seit dem Spätherbst des Jahres 49 n.Chr. ihre neue Wekstatt eingerichtet hatten. Paulus Abschied von Korinth fällt in den Herbst 51 n.Chr. Ab 52 n.Chr. wirkte er dann für drei Jahre in Ephesus. Doch zuvor kehrte er an den Ausgangspunkt seiner Mission, nach Jerusalem und Antiochia, zurück. Unterdessen kam ein anderer begabter Missionar nach Korinth: Apollos (20f).

Nach Paulus wirkt Apollos in Korinth: Apollos war wie Paulus Judenchrist. Apollos scheint schon in Ephesus eine kleine Christengemeinde gesammelt zu haben (Apg 18,27f). Schon bevor Paulus wieder nach Ephesus kam, war Apollos mit einem Empfehlungsschreiben der kleinen judenchristlichen Gemeinde in Ephesus nach Korinth abgereist (22f).

Apollos muss in Korinth eine gute Weile missioniert und in der Gemeinde selbst als christlicher Weisheitslehrer gewirkt haben. Apollos muss eine Gruppe in der korinthischen Gemeinde so beeindruckt haben, dass man sich auf ihn als den Missionar einschwor: „Ich gehöre zu Apollos“ (1Kor 3,4). Dadurch entstanden 'Parteiungen' in der christlichen Gemeinde, die Paulus in Ephesus zu einem ersten Brief nach Korinth veranlassen, sobald er durch die Leute der Chloe von den Streitereien hört (23).

Paulus macht Ephesus zum neuen Vorort der Mission in der Provinz Asia: Nach dem Abschied von Korinth war Paulus (Apg 18,18-23) zusammen mit Aquila und Priszilla und seinen Mitarbeitern Silas und Timotheus zu Schiff zunächst bis Ephesus gereist, wo er das Ehepaar zurückließ, wohl deshalb, weil sie in Ephesus bis zur Rückkehr des Paulus wieder ein Haus erwerben, eine Werkstatt einrichten und so die missionarische Basis herstellen und den wirtschaftlichen Grund zu einer Gemeindebildung legen wollten. Paulus wird mit Silas und Timotheus weitergereist sein. Er landete in Cäsarea am Meer in Palästina und stieg von hier nach Jerusalem hinauf, wo er ein Gelübde (Apg 18,18) auszulösen hatte: Paulus „hatte sich in Kenchreä das Haupt scheren lassen, denn er hatte ein Gelübte getan“. Die Apostelgeschichte berichtet nichts von dem, was sich in Jerusalem und Antiochia, von wo aus Paulus vor etwa drei Jahren zur Mission in Europa aufgebrochen war, bei seinen Besuchen zutrug (Apg 18,22f) (24).

Der knappe Text erwähnt nicht: 1. Silas, der bisherige Jerusalemer Begleiter des Paulus, scheint Paulus nach Jerusalem zurückbegleitet, sich aber dort vom Apostel getrennt zu haben und später in die Begleitung des Petrus übergewechselt zu sein (1Ptr 5,12). 2. An die Stelle des Silas tritt in der Folgezeit Titus, der Paulus schon mit der antiochenischen Delegation zum Apostelkonzil nach Jerusalem begleitet und in der Zwischenzeit wohl in Antiochia geblieben war. Nach Gal 2,13 war Titus den galatischen Gemeinden bekannt, wohl deshalb, weil er mit Paulus von Antiochia aus durch Galatien nach Ephesus gereist war. 3. Paulus hat Titus, der später als der wichtigste Kollektendelegat erscheint (2Kor 8,6.16.23;  12,18), wohl insbesondere der neu übernommenen Kollektenverpflichtung wegen als Mitarbeiter angeworben. Beim zweiten Besuch in den galatischen Gemeinden hat Paulus dort die Sammlung für die Jerusalemer Urgemeinde angeregt (1Kor 16,1f) (24f).

Falls Paulus im Herbst des Jahres 51 n.Chr. - vor Schließung der Seefahrt im Oktober – nach Cäsarea gesegelt war, kann er über den Winter in Jerusalem und Antiochia gewesen und im Frühjahr des Jahres 52 n.Chr. über Galatien und Phrygien nach Ephesus aufgebrochen sein. Hier wird er spätestens im Herbst 52 n.Chr. angekommnen sein, nachdem er unterwegs die früher gegründeten Gemeinden gestärkt hatte. Von der dreijährigen Wirksamkeit (Apg 20,31) des Paulus in Ephesus berichtet die Apostelgeschichte nicht viel: Sie weiß von der Bekehrung von Johannesjüngern (Apg 19, 1-7), von drei Monaten, während Paulus in der Synagoge Lehrvorträge halten konnte (Apg 19,8), bevor er – ähnlich wie zuvor in Korinth – dort nicht mehr geduldet wurde und in ein anderes Haus überwechselte, diesmal in Ephesus in den Hörsaal des Tyannus, wo Paulus zwei Jahre hindurch täglich lehren konnte (Apg 19,9f). Paulus wollte von der Metropole, dem neuen Vorort aus, das Ganze der Provinz Asia erreichen (Apg 13,10) (25).

Apg 19,11-20 erzählt vom Wundertäter Paulus und seinem erfolgreichen Einschreiten gegen Magie und Zauberwesen. In Apg 19,21f wird dann vom Plan des Paulus berichtet, nach Jerusalem und Rom zu ziehen. Die Jerusalemreise hängt mit der Kollekte für die Urgemeinde zusammen, die Paulus während der Zeit in Ephesus und danach auf seinem Zug durch Mazedonien nach Korinth beschäftigt. Bevor Paulus von Ephesus aufbricht, schildert die Apostelgeschichte noch die dramatische Episode vom Aufruhr der Silberschmiede in Ephesus (Apg 19,21-40), die den großen Missionserfolg des Apostels in der Provinz Asia spiegelt: Demetrius, der Zunftmeister der Silberschmiede, führt in ihrer Versammlung aus: „Ihr seht und hört, dass dieser Paulus nicht nur in Ephesus, sondern fast in der ganzen Provinz Asia viele Leute verführt hat“ (Apg 19,26). Paulus war in den Jahren 52-55 n.Chr. in Ephesus. In diese Zeit fällt nicht nur ein Teil seiner Korrespondenz mit seiner 'Lieblingsgemeinde' in Philippi, nicht nur die im Galaterbrief gespiegelte Auseinandersetzung mit den in den galatischen Gemeinden eingedrungenen judaisierenden Gegnern und mit den von diesen bedrohten Gemeinden selbst, sondern auch ein guter Teil des Ringens mit den Korinthern um die Lebensform der Kirche, der ekklesia, der ntl Gemeinde aus Juden und Heiden. Zeuge dieses Ringens ist hauptsächlich der erste Korinthbrief (25f).

Paulus schreibt aus Ephesus an die Gemeinde Gottes in Korinth: In 1Kor 16,5 erörtert Paulus seine Reisepläne: er will durch Mazedonien ziehen, nach Korinth kommen und dort überwintern: „Denn ich möchte euch nicht nur im Vorbeigehen sehen; ich hoffe nämlich, eine Zeitlang bei euch zu bleiben, wenn der Herr es gestattet. Ich werde aber in Ephesus bleiben bis Pfingsten...“ (16,7f) (26).

Dass Paulus aus Ephesus schreibt, macht auch den regen Besuchsverkehr von Leuten aus Korinth bei Paulus verständlich. In Ephesus kommen die Leute der Chloe (1,11), Stefanas, Fortunatus und Achaikus (16,17), weitere Brüder und Apollos (16,12) zu Paulus. Vielfältige Nachrichten, auch ein Brief der Korinther (7,1) veranlassen Paulus, zur Feder zu greifen. Der 1Kor ist zwischen 52 und 55 n.Chr. geschrieben worden und spigelt das Ringen des Apostels um die Lebensform der Kirche, der ntl Gemeinden, die in der neuen Vergesellschaftung von Juden und Heiden neue Wege gehen mussten, um den Glauben zu der ihm angemessenen Form zu verhelfen und allen Glaubenden zu der ihnen zugedachten Identität – kurz, der Kirche zu ihrer Aufgabe, konkrete Lebensgestaltung der Erlösung zu sein (26f).

2.3.2 Der erste Korintherbrief – eine Briefkomposition

1. Brief: 'Vorbrief'
1,1-3 Präskript
1,4-9 Danksagung
1,10-17 Die Eröffnung der Apologie
1,18-2,16 Der Bericht zur Sache
3,1-17 Die Beweisführung
3,18-23 Das erste Plädoyer
4,1-13 Der Hinweis auf Konsequenzen
4,14-16 Das zweite Plädoyer
4,17-21 Die Sendung des Timotheus und die Ankündigung eines eigenen Besuchs
5,1-8 Ein Fall von unerhörter Unzucht
2. Brief: 'Zwischenbrief'
5,9-13 Die Korrektur des Missverständnisses des Vorbriefes
6,1-11 1. Brief: Rechtsstreitigkeiten unter Christen
6,12-20 Warnung vor der Unzucht
  Vierter Brief: 'Antwortbrief'
  7,1-16 Fragen zu Ehe und Eheschließung
  7,17-24 Über die Berufung und den Stand der Berufenen
  7,25-38 Fragen zu Ehe und Jungfräulichkeit
  7,39-40 Über die Wiederheirat nach dem Tod des Mannes
  8,1-13 „Über das Götzenopferfleisch aber“
  9,1-27 Eine 'Verteidigung' des Apostolats Pauli
10,1-22 Warnung vor den Götzendienst
10,23-11,1 Rücksicht beim Genuss von Götzenopferfleisch
11,2-6 Die Kopfbedeckung der Frauen im Gottesdienst
11,17-34 Die geordnete Feier des Herrenmahls
Forts. 4. Brief
  12,1-31a „Über die Geistesgaben aber“
  12,31b-13,13 Das Hohelied der Liebe
  14,1-25 Vom Vorzug der Prophetie vor der Zungenrede
  14,26-40 Ordnung für die gottesdienstliche Versammlung
3. Brief: 'Auferstehungsbrief'
15,1-2 Die Eröffnung der Apologie
15,3-11 Der Bericht zur Sache
15,12-28 Die Beweisführung
15,29-34 Das erste Plädoyer
15,35-49 Der Hinweis auf Konsequenzen
15,50-58 Das zweite Plädoyer
  Forts. 4. Brief
  16,1-4 „Über die Kollekte aber für die Heiligen“
  16,5-9 Reisepläne des Apostels
  16,10-11 Empfehlung des Timotheus
  16,12 „Über Apollos aber, den Bruder“
  16,13-18 Schlussmahnungen
  16,19-20 Grüße
  16,21-24 Der Briefschluss

2.4 Drei weitere Briefe an die Gemeinde Gottes in Korinth (2Kor)

Paulus kämpft um sein Apostolat

R. Pesch (1987)

2.4.1 Die Gegner des Paulus in Korinth

a. Die Gegner der Paulus im 1Kor

Die Gegner des Apostels im 1. Brief, dem 'Vorbrief': In Ephesus erreichten Paulus Nachrichten über die Entwicklung der Gemeinde in Korinth, darunter auch Nachrichten über Gegner des Apostels innerhalb der Gemeinde. Aus dem Brief, den Paulus daraufhin nach Korinth schrieb, dem sog. 'Vorbrief' (1Kor 1,1 – 5,8 + 6,1-11), geht hervor, dass sich die Parteien, die sich auf Apollos oder Kefas beriefen, zumindest indirekt gegen Paulus wandten. Die Anhänger des Apollos scheinen Paulus vorgeworfen zu haben, dem Apostel mangele es an glänzender Rednergabe und der gelehrten Weisheitsrede (1Kor 2,1). Paulus rechtfertigt sich: „Meine Rede und meine Verkündigung bestand nicht in Überredung mit Weisheitsworten, sondern im Erweis von Geist und Kraft, damit euer Glaube sich nicht auf Weisheit von Menschen, sondern auf Gottes Kraft gründe“ (1Kor 2,4f). „Was bedeutet Apollos? Was Paulus? Diener sind sie, durch die ihr zum Glauben gekommen seid! Und jedem kommt die Bedeutung zu, die ihm der Herr gegeben hat“ (1Kor 3,5;  4,1-4). Paulus beansprucht (vermutlich in Abweisung von Ansprüchen der Kefas-Partei, die den Jerusalemer Erstapostel dem Spätling Paulus verziehen möchte) seine Autorität als Gemeindegründer: „Gemäß der Gnade Gottes, die mir verliehen wurde, habe ich wie ein weiser Architekt das Fundament gelegt...“ (1Kor 3,10). Durch die Gnade Gottes ist Paulus zum Apostel berufen worden. Deshalb kann niemand ihm sein Apostolat streitig machen. Schon im Präskript des 'Vorbriefes' hatte Paulus – in seinen Briefen erstmals – betont, dass er „Paulus, berufener Apostel Christi Jesu durch Gottes Willen“ (1Kor 1,1) ist. Paulus weiß auch, dass zum Apostel die apostlischen Leiden gehören, dass „Gott uns Apostel als 'Letzte' erwiesen“ (1Kor 4,9) hat, dass sie „Toren um Christi willen“ sind (1Kor 4,10) (17f).

Paulus lässt sich nicht einschüchtern. Er kündigt der Gemeinde und damit auch seinen Gegnern seinen baldigen Besuch an. In den Mahnungen des 'Vorbriefes' macht er eindeutig von seiner apostolischen Autorität Gebrauch. Doch findet Paulus (das zeigt dann der 'Zwischenbrief') nicht in der ganzen Gemeinde in Korinth Zustimmung und Gefolgschaft. Die Spaltungen und Parteiungen in der Gemeinde haben deren Verhältnis zu ihrem Apostel beeinträchtigt. Auch wenn sich noch keine gegnerische Front mit klarem Profil abzeichnet, so sind doch die ersten Auseinandersetzungen (wenn die Aufgeblasenen in Korinth nicht umkehren) dazu angetan, eine solche Front aufzubauen und damit das Verhältnis zwischen dem Apostel und seiner Gemeinde schwer zu belasten. Paulus greift nicht umsonst im 'Vorbrief' zum ersten Mal zur Apologie, einer Verteidigungsrede (18).

Die Gegner des Apostels im 2. Brief, dem 'Zwischenbrief': Paulus hatte Timotheus mit dem 'Vorbrief' nach Korinth geschickt. Dessen Mission hatte keinen umfassenden Erfolg. Zwar hören wir fortan von der Spaltung der Gemeinde in Apollos-, Paulus- und Petrusanhänger nichts mehr, aber der Apostel hat weiterhin Gegner in Korinth, die verhindern, dass seine Weisungen in der Gemeinde angenommen und befolgt werden. Paulus hatte im 'Vorbrief' den Ausschluss des Blutschänders aus der Gemeinde verlangt (1Kor 5,2). Die Gegner des Apostels in Korinth hatten diese Weisung offenbar für weltfremd erklärt (1Kor 5,9). Die Gemeinde in Korinth war der Weisung des Paulus nicht gefolgt. Der Apostel musste sie im 'Zwischenbrief' wiederholen und präzisieren. Indirekt scheint er sich auch mit Gegner auseinanderzusetzen, die die Parole „Alles ist mir erlaubt“ (1Kor 6,12;  10,23) ausgeben und damit sowohl sexuelle Freizügigkeit als auch Freiheit im Genuss von Götzenopferfleisch propagieren. Die Gegner des Paulus in Korinth wird man am ehesten unter den gebildeten Gemeindegliedern zu suchen haben, die sich ihre 'Aufklärung' zugute hielten und übersahen, dass Gottes 'Aufklärung' sich in der Übung der Apage, der Bruderliebe, Bahn bricht (18f).

Die Gegner des Apostels im 3. Brief, dem 'Auferstehungsbrief': Im dritten Brief, den Paulus nach Korinth schickte, wird deutlich, dass inzwischen in die korinthische Gemeinde auch Leute gekommen sind, die den apostolischen Rang des Paulus in Frage stellten. Die Gegner, gegen deren Parolen sich Paulus verteidigt, scheinen Judenchristen zu sein. Vielleicht sind es diejenigen, die auch eine 'Kefas-Partei' veranlaßt hatten. Jedenfalls führen sie die Vergangenheit des Apostels als Verfolger der Kirche gegen seinen apostolischen Anspruch ins Feld. Paulus könne sich nicht ebenbürtig neben die Jerusalemer Apostel, nicht neben Kefas und Jakobus stellen. Paulus sei wie eine 'Mißgeburt' (1Kor 15,8) in die Kirche gekommen, die er verfolgt hatte (19f)!

Wenn Paulus „der geringste der Apostel“ (1Kor 15,9) war, „nicht würdig, Apostel gerufen zu werden“, dann konnte man die Autorität anderer Apostel, insbesondere die des Kefas, dem die erste Christophanie zuteil geworden war (1Kor 15,5), und die des Jakobus, der an der Spitze „aller Apostel“ (1Kor 15,7) rangierte, gegen Paulus ins Feld führen. Sein Apostolat verteidigt Paulus damit, dass auch er einer Christuserscheinung gewürdigt und darin zum Apostel berufen wurde und dass sich sein Apostolat, das er der Gnade Gottes verdankt, in seiner Missionsarbeit als wirksam erwiesen hat: „Durch die Gnade Gottes aber bin ich, was ich bin, und seine Gnade für mich ist nicht umsonst gewesen, sondern mehr als sie alle habe ich mich abgemüht, nicht ich, sondern die Gnade Gottes in mir“ (1Kor 15,10). Die Gemeinde ist der Ruhm des Apostels, der Ausweis seines Apostolats. In der Uneinigkeit der Gemeinde in Korinth behielten die Gegner ihren Spalt, von dem aus sie gegen den Apostel agieren konnten (20).

Die Gegner des Apostels im 4. Brief, dem 'Antwortbrief': Dass die Gemeindemitglieder in Korinth sich in mancherlei Fragen nicht einig waren, zeigt der Brief mit den Anfragen, den Stefanas und seine Freunde gebracht hatten. Paulus nimmt im 'Antwortbrief' zu Fragen von Ehe und Jungfräulichkeit, des Götzenopferfleischessens, der Ordnung im Gottesdienst usw. Stellung. Aus den Erzählungen des Stefanas wird Paulus erfahren haben, dass die judenchristlichen Gegner des Paulus in Korinth noch keine Ruhe geben und auf die Verteidigung des Apostolats im 'Auferstehungsbrief' mit einem neuen Argument reagiert hatten: Paulus habe doch selbst dadurch bewiesen, dass er kein wahrer Apostel sei, dass er in Korinth sich seinen Lebensunterhalt mit Handarbeit selbst habe verdienen müssen, während ein echter Apostel die Anordnung des Herrn Jesus kenne und befolge, „dass die Verkündiger des Evangeliums vom Evangelium leben sollen“ (1Kor 9,14); so könne man es ja auch bei den „Brüdern des Herrn und Kefas“ sehen die als Apostel auch das Recht bezeugen, „eine Schwester als Frau mitzunehmen“ (1Kor 9,5) und sich von den Gemeinden mit unterhalten zu lassen (21).

Schon im 'Vorbrief' hatte Paulus sich verteidigt (1Kor 4,3f). Jetzt sieht er sich erneut zu einer „Verteidigung gegen die, die mich beurteilen“ (1Kor 9,3), veranlaßt. Er besteht darauf, dass er Apostel ist: „Habe ich nicht Jesus, unseren Herrn gesehen“? Er ist durch die ihm zuteil gewordene Christuserscheinung zum Apostel berufen worden! „Seid ihr nicht mehr Werk in Herrn“? Die Existenz der Gemeinde bezeugt das Apostolat des Paulus (1Kor 9,1f). Paulus besitzt das apostolische Unterhaltsrecht, aber um seiner Freiheit und der Freiheit des Evangeliums willen hat er darauf verzichtet, davon Gebrauch zu machen (1Kor 9,12). Der Apostel hat als echter Apostel „alles um des Evangeliums willen“ (1Kor 9,23) getan. Paulus sieht sich zunehmend herausgefordert, um sein Apostolat, um die Anerkennung seiner apostolischen Autorität zu kämpfen (21f).

b. Die Gegner des Paulus im 2Kor

Die Gegnerschaft gegen den Apostel in Korinth wuchs: Zunächst muss er Missverständnisse ausräumen, die die Änderung seiner Reisepläne hervorgerufen haben (1,12-22). Paulus hatte, offenbar weil sein 4. Brief der 'Antwortbrief', seine Gegner noch nicht zum Einlenken bewogen hatte und vielleicht ebenfalls deshalb, weil inzwischen judaisierende Judenchristen, wie sie die galatischen Gemeinden bedroht hatten, auch nach Korinth gekommen waren, dort von Ephesus einen kurzen Zwischenbesuch gemacht, bei dem er sich nicht hatte durchsetzen können (2Kor 2,1-11;  7,5-12). Jetzt betont er: „Ich rufe aber Gott zum Zeugen an bei meinem Leben, dass ich, um euch zu schonen, nicht mehr nach Korinth gekommen bin. Wir sind ja nicht Herren über euren Glauben, sondern Mitarbeiter an eurer Freude“ (2Kor 2,23f) (22f).

Bei seinem Zwischenbesuch hat ihn offenbar aus der Mitte der Gemeinde „einer betrübt“ (2,5), vielleicht weil er den Gegnern den Zugang zur Gemeinde verschaffte. Leider sind die Passagen, in denen Paulus an den Zwischenfall in Korinth erinnert, für uns allzu dunkel. Merkwürdig ist, dass Paulus zwischen seiner Schilderung, wie er nach Troas und Mazedonien aufbrach und dort schließlich Titus wiedertraf (2,12f;  7,5-16), in 1Kor 2,13-7,4 erneut so ausführlich sein Apostolat bespricht und verteidigt. Offenbar ist ihm seine letzte, die dritte Apologie (1Kor 9) von den Gegnern als eine Selbsempfehlung ausgelegt worden. Der Apostel setzt sich zur Wehr: „Wir sind ja nicht wie die vielen, die das Wort Gottes verhökern; vielmehr: Wir reden wie aus Aufrichtigkeit, wie aus Gott und vor Christus“ (2,17). Wie in der Apologie (1Kor 9) betont Paulus erneut, dass er Kraft der Gande Gottes Apostel ist: „Nicht, dass wir von uns aus fähig sind, als könnten wir etwas als von uns aus machen – vielmehr stammt unsere Eignung von Gott. Er hat uns geeignet gemacht als Diener des neuen Bundes, nicht des Buchstabens, sondern des Geistes“ (3,5f). Paulus muss sich gegen den Vorwurf der Hinterhältigkeit und der Heimtücke (4,2), der dunklen Verhülltheit seines Evangeliums (4,3) und der Selbstverkündigung (4,5) verteidigen; auch gegen den Vorwurf, der seine körperliche Schwäche gegen ihn wendet: „Wir haben aber diesen Schatz in irdenen Gefäßen, damit das Übermaß der Kraft von Gott und nicht von uns kommt“ (4,7). Der Apostel betont erneut, dass er sich nicht selbst empfiehlt (5,11), er ist durch seine apostolische Tätigkeit empfohlen: „... Vielmehr empfehlen wir uns in jeder Hinsicht als Diener Gottes, in viel Geduld, in Drangsalen ...“ (6,3ff) (23f).

Sehr ausführlich hat Paulus erneut sein Apostolat verteidigt (7,2). Dann (7,5-16) berichtet er von der Wiederbegegnung mit Titus, der gute Nachricht aus Korinth brachte, und kommt zweimal auf die Kollekte für die Jerusalemer Gemeinde zu sprechen (Kp 8 und 9). Dann jedoch (Kp 10-13) setzt er sich erneut mit Vorwürfen auseinander, und diesmal auch direkt mit Gegnern, die er nicht nur „gewisse Leute“ (10,2), „Leute, die sich selbst empfehlen“ (10,12) und sich „maßlos rühmen“ (10,13) und sich „überheben“ (10,14), nennt, sondern auch als solche bezeichnet, die „einen anderen Jesus verkündigen, den wir nicht verkündet haben“ (11,4), und als „Überapostel“ (11,5) und sogar als „Lügenapostel, heimtückische Arbeiter, die sich als Apostel Christi tarnen“ (11,13), als „Diener Satans“ (11,15). Diese Gegner sind solche, die die Gemeinde versklaven, ausbeuten und erpressen (11,20), die sich als „Hebräer-Istaeliten-Same-Abrahams“ brüsten. Offenbar sind es Leute, wie sie auch die Gemeinde in Philippi bedrohten, die von Paulus im 'Kampfbrief' an die Philipper bekämpft wurden. Sie scheinen sich auf besondere Offenbarungen, „Wunder und Machttaten“ (12,12) berufen und alte Vorwürfe gegen Paulus erneuert zu haben (24).

Es scheint sich um neue Gegner zu handeln, von denen Paulus neuerdings erfahren hat. In 2Kor 10,12-16 charakterisiert er sich als Missionare, die nach Korinth gekommen sind und hier Paulus dessen Apostolat und seinen Rang als Gemeindegründer steitig machen. Paulus gibt zu erkennen, dass sie „sich maßlos aufgrund fremder Bemühungen rühmen“ (10,15) und dass sie ihren „Ruhm ernten wollen nach einem fremden Maßstab und auf einem Feld, das schon bestellt ist“ (10,16). Hat Paulus die Nachrichten über sie erst erhalten als er 2Kor 1-9 schon geschrieben bzw. diktiert hatte (24f)?

2.4.2 Der zweite Korintherbrief – eine Briefkomposition

  7. Brief: 'Versöhnungsbrief'
 
1,1-2 Das Präskript
  1,3-11 Die Lobpreisung Gottes
  1,12-24 Paulus verteidigt die Änderung seiner Reisepläne
  2,1-11 Die Wirkung des 'Tränenbriefes'
  2,12-13 Die Wiederbegegnung mit Titus
5. Brief: 'Apologie'
(Präskript, Briefeingang)
2,14-17 Dank an Gott für die Eignung zum Apostel
3,1-3 Die Gemeinde als 'Empfehlungsbrief' des Apostels
3,4-6 Der Apostel ist „Diener des neuen Bundes“
3,7-18 Die überragende Herrlichkeit des neuen Dienstes
4,1-6 Der Apostel verkündigt nicht sich selbst
4,7-18 Die Bedrängnis und die Hoffnung des Apostels
5,1-10 Die Zuversicht des Apostels angesichts des Todes
5,11-15 Die Liebe Christi drängt den Apostel
5,16-21 Die apostolische Versöhnungsbotschaft
6,1-13 Mahnung im Blick auf die apostolischen Leiden
6,14-7,1 Mahnung zur Absonderung von der Gesetzlosigkeit
7,2-4 Bitte um ein neues Einvernehmen
  7,5-16 7. Brief: Die Wiederbegegnung mit Titus
8,1-24 Bericht über die Kollekte und die Bemühungen um ihren Abschluss
(Grüße, Segenswunsch)
  9,1-15 7. Brief: Zweiter Bericht über die Kollekte
  7. Brief: (Grüße, Segenswunsch)
6. Brief: 'Tränenbrief'
(Präskript, Briefeingang)
10,1-6 Mahnungen und Bitte
10,7-11 Ankündigung der tatkräftigen Stärke des Apostels
10,12-18 Der Apostel empfiehlt sich nicht selbst
11,1-6 Der Apostel eifert um seine Gemeinde
11,7-11 Paulus ist den Korinthern nicht zur Last gefallen
11,12-15 Gegen die Lügenapostel
11,16-33 Der Ruhm des Apostels
12,1-10 Der Apostel rühmt sich seiner 'Gesichte und Offenbarungen dess Herrn'
12,11-21 Der Apostel verteidigt sich erneut
13,1-4 Ankündigung des dritten Besuchs
13,5-10 Mahnung und Fürbitte
13,11 Schlußmahnung
13,12 Grüße
13,13 Segenswunsch

 2.4.3 Anhang: Der 'Tränenbrief' (2Kor 10-13)
Der 6. Brief an die Gemeinde Gottes in Korinth

Als Titus und die Brüder, die mit ihm gefahren waren, aus Korinth zurückgekommen waren und Paulus darüber unterrichtet hatten, dass seine 'Apologie' in Korinth nichts ausgerichtet habe, dass es vielmehr den Gegnern des Apostels gelungen sei, die Mehrheit der Gemeinde gegen Paulus zu stimmen, hat sich Paulus zu einem raschen Besuch in Korinth entschlossen. Bei diesem Besuch, der wohl nur kurz gedauert hat und bei dem Paulus sich nicht durchsetzen konnte, hat der Apostel viel Betrübnis erfahren und in der Versammlung ungeschützt Unrecht hinnehmen müssen. Paulus wird bald in Ephesus zurückgewesen sein – und ist hier vielleicht bald in die Haft geraten, aus der er zwei Briefe an seine Lieblingsgemeinde in Philippi geschrieben hat. Ob der Apostel den 'Tränenbrief' noch vorher oder schon im Kerker verfasst hat, wissen wir nicht (122).

Im 'Tränenbrief' macht Paulus einen letzten Versuch, seine Gegner in Korinth in die Schranken zu weisen und seine Gemeinde wieder für ihren Apostel zu gewinnen. Erneut geht Titus nach Korinth, um das Schreiben zu überbringen und in der dortigen Gemeindeversammlung bzw. in den Versammlungen der Hausgemeinden verlesen zu lassen. Paulus bangt seiner Rückkehr entgegen; der Apostel erwartet seinen Mitarbeiter in Troas, schließlich in Mazedonien. Er weiß, dass er in seiner Polemik bis zum äußersten gegangen ist, als er „aus viel Drangsal und Herzensnot unter vielen Tränen“ (2,4) seinen 6. Brief „an die Gemeinde Gottes in Korinth“ schrieb. Über die Verteidigung der eigenen Person hinaus geht es um die Verteidigung der Wahrheit, bei Paulus: um sein Apostolat und um die Wahrheit des Evangeliums (122f).

10,1-6 Mahnung und Bitte: Gleich zu Beginn des Hauptteils des 'Tränenbriefs' setzt sich der Apostel mit Vorwürfen auseinander, die wohl im Zusammenhang des 'Zwischenbesuchs' in Korinth gegen ihn erhoben worden waren: In seinen Briefen, „aus der Ferne“, zeige sich Paulus „unerschrocken“ gegenüber der Gemeinde, aber „im persönlichen Umgang“ sei er „unterwürfig“ (10,1). Paulus bekräftigt, dass er auch im persönlichen Umgang in seiner apostolischen Verantwortung „so unerschrocken und fest aufzutreten“ vermag, wie es seinen Gegnern gegenüber angebracht ist, die ihm vorwerfen, er handle selbstbezogen-selbstsüchtig („nach dem Fleisch“). Freilich möchte Paulus zu solchem Auftreten nicht gezwungen werden (135f).

Paulus stellt sich nun als Kämpfer vor, dessen Waffen zu seinem Feldzug ihm von Gott zur Verfügung gestellt worden sind und die ihre Durchschlagskraft „zur Schleifung der Bastionen“ von daher haben. Paulus meint die Waffen der Glaubenserkenntnis und Glaubenseinsicht, mit denen er „jegliches Denken für den Gehorsam des Christus gefangen“ zu nehmen vermag. Erkenntnis Gottes ist ein Geschenk, das dem Demütigen zukommt, dem vertrauend Gehorsamen, dem, der „nicht nach dem Fleisch wandelt“ und sich durch seine Angst um sein Leben, die Sorge um seine Selbstsicherung nicht den Blick für Gottes überraschendes Handeln verstellt. Wenn Paulus zum dritten Mal nach Korinth kommt, wird er zeigen, dass seine schwache Existenz nicht „fleischlich“ bestimmt ist, sondern der Ort, wo Gottes Stärke sich auswirken kann – gegen die Feinde des Apostels, die auch Feinde Gottes sind, der Paulus zu seinem Gesandten gemacht hat. Die Waffen, die Paulus auf seinem Feldzug benutzt, sind die Früchte des Geistes: die wahre Erkenntnis und die freimütige Rede, die Offenheit und die Einfachheit. Sie zwingen nicht von außen, sondern ermöglichen den wahren Gebrauch der Freiheit im „Gehorsam des Christus“, der ganzen Zustimmung zum Willen Gottes (136f).

10,7-11 Ankündigung der tatkräftigen Stärke des Apostels: Die apostolische Vollmacht, derer sich der Apostel rühmt, ist die, „die mir der Herr zum Aufbau gegeben hat und nicht zur Zerstörung“. Die Korinther können „auf das schauen, was vor Augen liegt“: Auf die Gemeinde, auf deren Apostel, auf sich selbst. Paulus wird sich bei seinem dritten Besuch in Korinth „gewichtig und stark erweisen in der Tat“. Paulus wird – wenn es keinen anderen Ausweg gibt – die Gemeinde auflösen und lieber eine Spaltung in Kauf nehmen als die innere Zersetzung der Gemeinde, ihrer Gemeinschaft der Mitglieder untereinander und aller mit dem Apostel. Paulus ringt um sein Apostolat – und darin zugleich um die glaubwürdige Existenz der Gemeinde Gottes in Korinth (137f).

Paulus hat einen mit der Autorität des Völkerapostels konkurrierenden Anspruch der Gegner im Auge. Deshalb „rühmt“ er sich nun seiner eigenen „Vollmacht, die mir der Herr gegeben hat“, die sich auch darin als echt erweist, dass sie nicht wie die angemaßte Vollmacht der Gegner spalterisch und zerstörend wirkt. Der Abschnitt spiegelt, dass der Apostel, der in seinen früheren Briefen so klare Anweisungen für die Gemeinde gegeben hatte, sich bei seinem Zwischenbesuch nicht hatte behaupten und durchsetzen können (138).

10,12-18 Der Apostel empfiehlt sich nicht selbst: Mit scharfer Ironie (10,12) geißelt der Apostel das Verhalten derer, die sich deshalb für unvergleichlich halten, weil sie sich nur mit sich selbst vergleichen. Der Maßstab, das Kriterium der missionarischen Arbeit: Paulus hat in 1 ½ jährigen Mühen mit seinen Mitarbeitern die Gemeinde in Korinth gegründet; seine Gegner sind unbefugte Eindringlinge. Gott hat den urchristlichen Missionaren ihre Arbeitsfelder zugewiesen. Dass Paulus „bis zu euch hin gelangt“, bis nach Korinth gekommen ist, ist kein bloßer Zufall, sondern entspricht der Aufteilung von Judenmission und Heidenmission beim Jerusalemer Abkommen (Gal 2,1-10). Paulus hat sich an das Abkommen gehalten und in der heidnischen Welt missioniert. Seine judaisierenden Gegner, deren Missionsgebiet Palästina wäre, haben das Abkommen gebrochen (138f).

Paulus unstreitiger Anfangserfolg in Korinth bestätigt seinen Auftrag, der ihn nicht in die Maßstablosigkeit eines enthusiastischen Selbstgefühls entläßt, sondern ihm ein Ziel und eine Grenze vorgibt. Paulus hat sich auf die Erstmission spezialisiert und arbeitet nicht dort, wo vor ihm schon andere missionarisch tätig waren (Röm 15,20-24;  2Kor 10,16f). Paulus rühmt sich nach dem durch die Schrift (Jes 9,22f) verbürgten Maßstab Gottes. Die Gemeinde in Korinth selbst ist seine Empfehlung. Wenn die Gemeinde mit dem Apostel nicht einigt ist, wird diese Empfehlung geschwächt und hindert die weitere Mission. Paulus plant, nach Rom weiterzuziehen (Röm 15,23f). Deshalb schreibt er: „Wir haben die Hoffnung, dass wir, wenn euer Glaube wächst, bei euch nach unserem Maßstab überschwenglich gepriesen werden, so dass wir das Evangelium über eure Grenzen hinaus weiter verkünden können“. Paulus wird dann nach der Versöhnung mit der korinthischen Gemeinde im Winter 55/56 n.Chr. in Korinth seine Mission im Westen vorbereiten, die freilich durch seine Verhaftung in Jerusalem verhindert wird (139f).

11,1-6 Der Apostel eifert um seine Gemeinde: Der Apostel hat den Eifer Gottes um sein Volk übernommen, der eifersüchtig darüber wacht, dass sein Volk, seine Braut, nicht hinter fremden Göttern herläuft und ihm untreu wird. Er eifert als ein Brautwerber, der die Gemeinde als „reine Jungfrau“ dem Messias, ihrem „einzigen Mann“, anverloben möchte. Als Brautwerber trägt der Apostel die Verantwortung für die Unberührtheit der Braut. Er muss fürchten, dass die Gemeinde sich vom Widersacher verführen lässt, der durch die Gegner des Paulus wirkt und die Gemeinde zu täuschen sucht, wie die Schlange Eva. Paulus warnt seine Gemeinde vor einem schlimmen Fall: Wenn sie sich die Verkündigung eines „anderen Jesus“ zumuten und den Empfang eines „anderen Geistes“ vorspiegeln lässt – oder ein „anderes Evangelium“ (140)!

11,7-11 Der Apostel ist den Korinthern nicht zur Last gefallen: Paulus hat sich sogar 'erniedrigt', damit die Korinther 'erhöht' würden. Er meint: er hat mit seinen Händen gearbeitet, um ohne Inanspruchnahme seines apostolischen Unterhaltsrechts „umsonst das Evangelium Gottes“ zu verkünden. Schon im 'Antwortbrief' (1Kor 9), hatte der Apostel bestritten, dass er „einen Fehler gemacht“ habe, als er auf sein Recht verzichtete. Er spielt jetzt sarkastisch auf seine frühere Verteidigungsrede an, die seine Gegner verdreht hatten, als sie die in 11,8 zitierte Parole ausgaben: „andere Gemeinden hat er ausgeplündert, als er Geld von ihnen nahm für den Dienst bei euch“. Damit waren die Korinther gewarnt, der Apostel könne sie ähnlich ausnutzen wie die Gemeinden Mazedoniens. Paulus ist zunächst daran interessiert festzuhalten, dass er in Korinth niemandem „zur Last gefallen ist“ und „es auch weiterhin nicht tun werde“. Er hat sich von den Gemeinden Mazedoniens unterstützen lassen, aber nicht von den Gemeinden „im Gebiet von Achaia“. Wenn die Korinther seine Zuwendung nicht anerkennen, kann er sie ihnen nicht mit Worten demonstrieren. Der Verzicht auf das apostolische Unterhaltsrecht war für Paulus keine Nebensache. Er kann sich nur dann bezahlen lassen, wenn ihn dies nicht in Abhängigkeit bringt (141).

11,12-15 Gegen die Lügenapostel: Die Gegner des Apostels suchen jede „Gelegenheit, damit sie sich rühmen“ und Paulus herabsetzen können. Sie möchten Paulus dahin treiben, doch sein apostolisches Unterhaltsrecht in Anspruch zu nehmen. So hätten sie ihm einen heimlichen Vorrang entwunden, der ihn im Vergleich mit ihnen auszeichnet. Aber dazu lässt Paulus es nicht kommen. Mit schärfsten Worten attackiert er sie wegen ihres doppelbödigen Spiels (142).

11,16-33 Der Ruhm des Apostels: Jetzt hält er seine 'Narrenrede': „Was ich sage, sage ich nicht im Sinne des Herrn, sondern wie im Unverstand im Zustand des Rühmens“. Paulus ist den Korinthern gegenüber nach dem gescheiterten Zwischenbesuch im 'Tränenbrief' nur noch das Mittel bitterer Ironie zur Verfügung geblieben. In 2Kor 10,17 hatte Paulus nur das Rühmen „im Herrn“ als angemessen zugelassen. Im Blick auf seine 'Narrenrede', die ihm abgenötigt wird, stellt er jetzt fest: „Was ich sage, sage ich nicht im Sinne des Herrn, sondern wie im Unverstand des Rühmens“ (11,17). Die Gegner „rühmen sich nach dem Fleisch“, sie beeindrucken offenbar die Korinther mit ihren Hinweisen auf ihre Vorzüge, deshalb muss Paulus sich nun auch rühmen, da die Gemeinde selbst seine Vorzüge nicht erkannt hat und rühmt. Sarkastisch gibt er ihnen zu verstehen, dass sie sich in ihrer Selbstüberschätzung an die Gegner des Apostels, die geschickt vorgehen, ausgeliefert haben: Sie ertragen von den Gegnern, die sie ausnutzen, Versklavung (während Paulus die Freiheit brachte), Ausbeutung (während Paulus ihnen nicht zur Last fiel), Erpressung (während Paulus nur Bittsteller war) und verbale Hiebe ins Gesicht (während Paulus immer um die Gemeinde warb). In den Augen der Gegner ist 'Schwäche' nicht die Einbruchstelle der Macht Gottes, sondern – wie Paulus erneut sarkastisch feststellt – eine Schmach. Paulus hat sich bei seinem Zwischenbesuch nicht einfach alles gefallen lassen, nicht einfach alles ertragen! Als 'Narr', im Unverstand, kann er sich aber mit seinen Gegnern messen, sich mit all den Vorzügen brüsten, mit denen sie prahlen (143f).

Die Gegner kennzeichnen ihr missionarisches Selbstbewusstsein mit dem Titel 'Diener des Messias'. Paulus nimmt diesen Dienst für sich in außergewöhnlichem Maß in Anspruch: „Ich rede ganz unverständig – ich noch mehr“! Paulus legt das 'Mehr', das ihn als 'Diener Christi' auszeichnet, auf seine apostolischen Leiden hin aus: Die Mühsale, Einkerkerungen, die empfangenen Prügelstrafen, usw. Fünfmal erhielt er die synagogale Prügelstrafe, „Vierzig weniger einen“ Hieb; dreimal wurde er von römischen Behörden ausgepeitscht; in Lystra (Apg 14,19) wurde er gesteinigt; dreimal erlitt er Schiffbruch. Jedesmal war Paulus dabei in Todesgefahr, denn auch eine Auspeitschung konnte mit dem Tod des Geschlagenen enden. Auf seinen Missionsreisen war der Apostel ständigen Gefahren ausgesetzt; von reißenden Flüssen, den Reisenden auflauernden Räubern, von den Juden in den hellenistischen Städten (die Paulus wie in Saloniki oder Beröa vertrieben und ihn in Korinth vor Gericht schleppten), von den heidnischen Behörden und dem Mob in den Städten, der gegen Paulus aufgehetzt werden konnte. Schließlich nennt Paulus die schlimmste: die „Gefahr unter Falschbrüdern“. Dann erwähnt er noch die aufreibende Last seiner apostolischen Arbeit: „der tägliche Andrang zu mir, die Sorge für alle Gemeinden“. Täglich beschäftigt ihn die Schwäche von Gemeindemitgliedern, der Eifer, mit dem er jeden begleitet (144f).

Paulus deutet selbst den Kontrast seiner 'Narrenrede' zur üblichen 'Ruhmesrede': „Wenn man sich rühmen muss, will ich mich meiner Schwachheit rühmen“. Das Leiden ist die Wahrheit, die Realität seiner apostolischen Existenz. Paulus hatte aus Damaskus fliehen müssen und war in einem Korb durch die Mauer herabgelassen worden. Paulus war in Damaskus bekehrt worden und dann in der 'Arabia' (Gal 1,17), im Gebiet des Aretas missionarisch tätig, bis er aus Damaskus vertrieben wurde. Paulus hat nicht das Leiden oder das Martyrium gesucht; sein Leben gehört dem Dienst an der Gründung, der Konsolidierung und dem Wachstum seiner Gemeinden (145f).

12,1-10 Der Apostel rühmt sich seiner 'Gesichte und Offenbarungen des Herrn': Die ekstatischen Erlebnisse, Erfahrungen und Visionen, mit denen die Gegner sich in Korinth brüsten und die Paulus selbst auch erfahren hat, die zum konkreten, mühseligen Gemeindeaufbau wenig betragen, wenn sich die Ekstatiker nicht ganz in den missionarischen Dienst nehmen lassen. Paulus hatte von seinen ekstatischen Erfahrungen nie gesprochen, die Gegner hatten ihn deshalb wohl abqualifiziert. So sieht sich der Apostel genötigt, sich zu rühmen. Auch er ist ein Visionär. Vor 14 Jahren, Anfang der vierziger Jahre, hat Paulus eine Entrückung „in das Paradies“ erfahren, „bis in den dritten Himmel“. Er hat dort die Engel oder Gott selbst reden gehört: „unausprechliche Worte“. Er ist außer sich, in tiefere Erkenntnis Gottes eingeführt worden. Paulus könnte sich solcher Erlebnisse rühmen, aber er verzichtet darauf, „damit niemand von mir höher denkt über das hinaus, was er an mir sieht und von mir hört“. „Meiner selbst will ich mich nicht rühmen, es sei denn meiner Schwachheiten“ (146f)!

Paulus kommt auf eine Schwäche, wohl eine chronische Krankheit, gesondert zu sprechen: „Damit ich mich der einzigartigen Offenbarung wegen nicht überhebe, wurde mir ein Stachel ins Fleisch gegeben, ein Bote Satans, dass er mich züchtige, damit ich mich nicht überhebe“. Paulus versteht die Krankheit, unter der er leidet und wegen der er schon zum 'dreifachen' Gebet Zuflucht nahm, als eine Hilfe gegen die Gefahr der Überhebung, sie setzt ihm Grenzen. Paulus hat den Herrn sagen hören: „Lass dir an meiner Gnade genügen, denn die Kraft kommt in der Schwachheit zum Ziel“. Gottes Kraft hat ihre Wirkung in der 'Schwachheit' des Menschen, damit sie nicht mit menschlicher 'Kraft' verwechselt werde. Paulus hat dieses Maß übernommen: „Viel lieber will ich mich meiner Schwachheit rühmen, damit die Kraft Christi sich auf mich herabläßt. Deshalb sage ich Ja zu den Schwachheit...“. „Denn wenn ich schwach bin, dann bin ich stark – weil ich dann Gott handeln lasse“ (147f).

12,11-21 Der Apostel verteidigt sich erneut: Ich bin unverständig geworden“, er sah sich durch die Korinther dazu gnötigt: „Denn ich sollte eigentlich von euch empfohlen werden“. Stattdessen hatten die Gemeindemitglieder in Korinth nicht verhindert, dass Paulus angegriffen und bei seinem Zwischenbesuch schwer beleidigt wurde. Sie hatten die Gegner, jene 'Überapostel', nicht in die Schranken gewiesen, sondern geduldet, dass sie Paulus als eine 'Null' verspotteten. Paulus erinnert die Korinther an die 'Wunder', die er gewirkt hat: „Die Zeichen des Apostels werden bei euch in aller Geduld gewirkt, mit vielen Wundern und Machttaten“ (Krankenheilungen, Dämonenaustreibungen, wunderbare Bekehrungen). Paulus hat die wunderbaren Taten „in aller Geduld gewirkt“, nicht um sich hervorzutun, sondern um dem Evangelium zum Sieg zu verhelfen, um die Realität der Herrschaft Gottes und seines Messias zu erweisen (149).

Auch beim bevorstehenden dritten Besuch, den Paulus ankündigt, wird er der Gemeinde „nicht zur Last fallen“. Wie er schon im 1.Brief, dem 'Vorbrief' ausgeführt hatte, weiß er sich als „Vater“ der Gemeinde (1Kor 4,14f). Deshalb sorgt er für sie wie die Eltern für ihre Kinder. Er dürfte, da er seine Liebe der Gemeinde geschenkt hat, eigentlich deren Antwort erwarten: „Soll ich weniger geliebt werden“? Wenn die Korinther die Vorwürfe der Gegner des Apostels prüfen, finden sie keinen Anhaltspunkt, der die bösen Verdächtigungen rechtfertigen könnte. Paulus hat die Gemeinde nicht „mit List für sich eingenommen“, sondern alles getan, um die Gemeinde aufzubauen, die Versammlung und die Lebensgemeinschaft derer, die er nun „Geliebte“ nennt (149f).

Paulus ist, als er den 'Tränenbrief' schreibt, noch unsicher, ob die Gemeinde umkehren wird, so dass er sie so antrifft, dass er nicht von seiner apostolischen Strafautorität Gebrauch machen muss, mit der er diejenigen aus der Gemeinde ausschließen würde, die sich der Herrschaft von „Streit, Eifersucht, Zornausbrüchen, Ehrgeiz, Verleumdungen, übler Nachrede, Aufgeblasenheit und Verwirrung“ unterwerfen, statt der Herrschaft Gottes in der Agape. Wenn er zum dritten Mal kommt und die Gemeinde in einem desolaten Zustand antrifft, dass sie den Namen „Gemeinde Gottes“ nicht mehr verdient, dann wird Gott ihn demütigen. Der 'Tränenbrief' ist in großer Anspannung geschrieben – und Paulus blieb, wie der 'Versöhnungsbrief' zeigen wird, in dieser Anspannung, bis er in Mazedonien Titus traf, der den 'Tränenbrief' nach Korinth überbracht hatte (150f).

13,1-4 Ankündigung des dritten Besuchs: Paulus wird der Gemeinde bei seinem dritten Besuch „eine Bestätigung dafür, dass durch ihn Christus spricht“, geben. In der Schwäche des Apostels wird die Macht Gottes zum Zuge kommen. Paulus hat die Zuversicht, dass Gott durch ihn wirken wird, auch wenn er einen Teil der Gemeinde strafen muss (151).

13,5-10 Mahnung und Fürbitte: Zum Schluss ruft Paulus die Korinther zur Selbstprüfung auf: „Befragt euch selbst, ob ihr im Glauben seid“! Der Gemeinde ist die Gabe der Unterscheidung der Geister gegeben. Wenn die korinthische Gemeinde im Glauben Stand gewonnen hat, dann weiß sie, dass sie dies ihrem Apostel verdankt. Paulus betet für die Bewährung der Gemeinde, die Gutes tun und sich darin vor Gott bewähren soll. Paulus geht es nur um das Evangelium, und deshalb vermag er nur etwas „für die Wahrheit“, die durch die Schwäche des Apostels nicht widerlegt wird, weil diese von Gott gerade zum Ort der Entfaltung Seiner Kraft gewählt wurde (152).

Jetzt schreibt Paulus „abwesend“ von den Korinthern, seinen 'Tränenbrief', der seine Anwesenheit ersetzen und zugleich vorbereiten muss: den dritten Besuch bei der Gemeinde. Durch den Brief erhält die Gemeinde noch eine Umkehrchance. Paulus hat die Hoffnung, seine Gemeinde bei seinem dritten Besuch wieder als apostolische „Gemeinde Gottes“ anzutreffen (154).

13,11-13 Der Briefschluss: Paulus, der um die 'Instandsetzung' der Gemeinde betet – sie ist Gottes Werk, mahnt jetzt: „Lasst euch instand setzen“! In der Gemeinde darf kein Streit mehr entstehen, sie muss Frieden halten, dafür sind alle verantwortlich. Gott ist ein Gott der Agape und des Friedens – und er „wird mit euch sein. Die Gemeinschaft möchte der Apostel seiner Gemeinde und jedem einzelnen in ihr erhalten, deshalb schreibt er ihr den 'Tränenbrief' – und deshalb ringt er um sein Apostolat, weil ihm das Wort der Versöhnung anvertraut ist (154).