2. Paulus – neu gesehen
2.1 Zwei Briefe an die Gemeinde der Thessalonicher (1Thess)
2.2 Drei Briefe an die Heiligen von Philippi (Phil)
2.3 Vier Briefe an die Gemeinde Gottes in Korinth (1Kor)
2.4 Drei weitere Briefe an die Gemeinde Gottes in Korinth (2Kor)

2.1. Zwei Briefe an die Gemeinde der Thessalonicher (1Thess)
Die Entdeckung des ältesten Paulus Briefes (der kanonische 2Thess stammt nicht von Paulus)

a. Die Gründung der Gemeinde in Saloniki und der erste Thessalonicherbrief
b. Der erste Thessalonicherbrief – eine Briefkomposition
c. Anhang: Der zweite kanonische Thessalonicherbrief stammt nicht von Paulus

R. Pesch (1984)

Die beiden ältesten Briefe des Apostels sind erst nach seinem Tod, als man daran ging, seine Briefe zu sammeln und zu veröffentlichen, zusammengefügt. Der nun älteste Brief ist schon im Jahr 49 n.Chr. in Athen geschrieben und von Timotheus nach Saloniki, in die Hauptstadt Mazedoniens, überbracht worden (8f).

a. Die Gründung der Gemeinde in Saloniki und der erste Thessalonicherbrief

Paulus war um das Jahr 49 n.Chr. von Antiochien in Syrien aus zu seiner eigenständigen Mission aufgebrochen. Einer der führenden Männer aus der Jerusalemer Urgemeinde, Silas-Silvanus, einer der Abgesandten des Apostelkonzils an die antiochenische Gemeinde, war sein neuer Mitarbeiter, der auf dieser zweiten Missionsreise Barnabas ersetzte. In Lystra stieß Paulus auf einen jungen Mann, der Christ geworden war: Timotheus, Paulus zweiter Mitarbeiter. Paulus ließ Timotheus „mit Rücksicht auf die Juden, die in jenen Gegenden wohnten, beschneiden“(Apg 16,3). Paulus wollte sich und seinen Mitarbeitern den Zugang zu den Synagogen, den jüdischen Gemeinden in den Städten, offenhalten. Durch Phrygien und Galatien, wo Paulus einige Gemeinden gründen kann, ziehen die Missionare bis Troas. „Dort hatte Paulus eine Vision. Ein Mazedonier bat ihn: Komm herüber nach Mazedonien und hilf uns! Auf diese Vision hin entschlossen wir uns, sofort nach Mazedonien abzufahren, denn wir waren überzeugt, dass Gott uns dazu berufen hatte, dort das Evangelium zu verkünden“ (Apg 16,9f) (11f).

Mit einem Schiff setzte Paulus mit Silas und Timotheus nach Europa über. Die erste größere Stadt, in der sie ihre Mission in Mazedonien begannen, war Philippi. Hier gewannen sie die reiche Purpurhändlerin Lydia für den Glauben an den Messias Jesus; ihr Haus wurde der Versammlungsort der entstehenden christlichen Gemeinde und der Stützpunkt der Mission.

Nach dem Exorzismus an der wahrsagenden Sklavin, deren Herren ihr Gesc7häft geschädigt sahen, wurden Paulus und Silas vor die Stadtbehörden geschleppt, der Unruhestiftung angeklagt, ausgepeitscht und ins Gefängnis geworfen. Die Apostelgeschichte erzählt von einem Türöffnungswunder bei Nacht und von der Bekehrung des Kerkermeisters (Apg 16,25-34). „Vom Gefängnis aus gingen die beiden zu Lydia. Dort fanden sie die Brüder, sprachen ihnen Mut zu und zogen dann weiter“ (Apg 16,40) von Philippi nach Saloniki. Thessalonich-Saloniki war die Hauptstadt der Provinz Mazedoniens und Sitz des römischen Prokonsuls. Die Synagoge in Saloniki hat nach Apg 17,4 einen größeren Kreis von gottesfürchtigen Heiden angezogen. Hier konnte Paulus wieder missionieren (12f). Unter den Juden hatte Paulus geringen Missionserfolg, nur einige von ihnen ließen sich überzeugen. Unter den gottesfürchtigen Griechen jedoch konnte Paulus eine große Menge gewinnen, darunter nicht wenige vornehme Frauen. Da Paulus in Saloniki mindestens einmal finanzielle Unterstützung aus Philippi (Phil 4,16) erhalten hat, dürfen wir annehmen, dass er einige Wochen bleiben konnte, bevor Silas und er von den Juden vertrieben wurden. In Apg 20,4 werden später zwei Mitglieder der Gemeinde in Thessalonich genannt, Aristarch und Sekundus. Im Bericht über die Vertreibung (Apg 16,6.9) hören wir vom Quartiergeber in der Stadt, einem Jason (14).

Paulus und Silas Vertreibung aus Saloniki: Dass Paulus und Silas griechische Frauen aus prominenten Kreisen der Synagoge abwarben, ist ein verständlicher Grund für die Eifersucht der Juden, von der die Apostelgeschichte im Bericht über die Vertreibung der Missionare (17,5-10) erzählt. Die Juden in Saloniki behalfen sich damit, dass sie sich einige üble Männer aus dem Pöbel holten und mit deren Hilfe eine Volksmenge zusammenrotteten und so in der Stadt einen Aufruhr anrichteten. Sie ließen die aufgehetzte Menge zum Haus des Juden Jason (der von Paulus bekehrt worden war) vorrücken, wo sie Paulus und Silas vermuteten. Doch die Missionare waren rechtzeitig entkommen. So kam es, dass Jason, der Quartiergeber, und andere Christen, die sich bei ihm aufhielten, vor die Oberen der Stadt gezerrt wurden, wo ihnen vorgeworfen wurde, sie hätten Paulus und Silas, Unruhestifter, subversive Elemente, begünstigt und sich damit indirekt des Aufruhrs schuldig gemacht. Der Prokonsul würde notfalls die Stadtoberen zur Rechenschaft ziehen, wenn sie Unruhestifter, die zum Aufstand aufhetzten in der Stadt dulden. Deshalb lautet die Anklage, die Christen handelten „gegen die Gebote des Kaisers“, da sie behaupteten einem anderen gebühre der im Osten für den Kaiser übliche Titel Basileus, nämlich Jesus. Die Juden haben die Botschaft des Paulus, Jesus sei der in der Schrift verheißene Messias – König und Kyrios, in eine politische Anklage umgemünzt: Paulus und Silas und ihre Anhänger in Saloniki wie Jason würden dem Kaiser die Weltherrschaft bestreiten (14f).

Den Juden gelingt es, die Bevölkerung und die Politarchen in Aufregung zu versetzen. Diese nehmen von Jason und den anderen Christen, die vor sie geschleppt worden waren, eine Kaution, die bei einer Wiederholung des Vergehens, dessen sie verdächtigt waren, verfallen wäre. Jason konnte also Paulus und Silas nicht mehr in sein Haus aufnehmen; die Missionare mussten Saloniki alsbald in der folgenden Nacht im Schutz der Dunkelheit verlassen. Sie mussten die noch nicht gefestigte Gemeinde zurücklassen und befürchten, dass die Christen angesichts der nächtlichen Flucht des Apostels und seines Mitarbeiters verunsichert waren. Waren sie leichtgläubigen jüdischen Wanderpredigern aufgesessen? So ist verständlich, dass Paulus und Silas in die Kleinstadt Beröa (75 km von Saloniki entfernt) fliehen, von wo aus Paulus zweifellos, wenn sich der Sturm gelegt hätte, nach Saloniki zurückkehren wollte (15f).

Paulus Vertreibung aus Beröa (Apg 17,10-15): Dass Paulus und Silas in Beröa bei den Juden selbst und deren gottesfürchtigen Gönnern so gute missionarische Erfolge hatten, erklärt, dass die ortsansässige Judenschaft hier nicht gegen die Missionare einschritt. Die nicht einverstandenen Juden aus Beröa haben hingegen die Juden in Saloniki alarmiert. So wird verständlich, dass auf die Kunde von der Mission in Beröa hin Juden aus Saloniki kommen, um auch hier die Bevölkerung aufzuhetzen und Paulus vertreiben. Paulus wird selbst rasch die Konsequenzen gezogen haben, es sei besser, er räume das Feld, bevor sich die Vorgänge aus Saloniki wiederholten, damit der weniger exponierte Silas bleiben könne. Apg 20,4 erzählt, die Brüder in Beröa (einer von ihnen Sopater) hätten damals sogleich gehandelt und Paulus aus der Stadt geleitet, damit er ans Meer gelangen und sich nach Athen einschiffen konnte. Silas blieb in Beröa und arbeitete hier wohl an der Konsolidierung der Gemeinde, die sich später auch an der Kollekte des Paulus für die Jerusalemer Urgemeinde beteiligte (17f).

Paulus zieht über Athen nach Korinth: Nach der Rückreise der Christen aus Beröa, die Paulus nach Athen begleitet hatten, blieb der Apostel allein in Athen. Seine Missionserfolge in Athen waren gering. In Athen ist erst im zweiten Jahrhundert eine bedeutende Christengemeinde entstanden. Paulus scheint nicht lange in Athen geblieben zu sein; seine Mitarbeiter, Silas und Timotheus trafen ihn nicht mehr in Athen, wohin sie rasch nachkommen sollten, sondern sie stießen erst in Korinth (Apg 18,5) wieder zu Paulus. Freilich muss Timotheus schon zuvor bei Paulus in Athen gewesen sein (1Thess 3,1-5), denn Timotheus wurde von Paulus noch einmal nach Saloniki zurückgeschickt, um die dortige Gemeinde zu stärken und Paulus von ihr – wie er hoffte – gute Nachrichten zu überbringen. Diese Nachriten erhielt Paulus in Korinth (60 km von Athen entfernt). Paulus hat die Reise von Athen in die neue Metropole allein zurückgelegt. Der Weg führte über Eleusis und Megara und war in 2 – 3 Tagen zu bewältigen. Paulus scheint sich in Korinth alsbald wieder im Umkreis der Synagoge umgesehen zu haben (18f).

Hier fand er einen Juden namens Aquila, der aus 'Pontus' am Schwarzen Meer stammte, und dessen Frau Priszilla. Bei dem judenchristlichen Ehepaar fand Paulus, der wie Aquila 'Zeltmacher', d.h. Sattler, Lederverarbeiter, war, Unterkunft und Arbeit. Er konnte sich seinen Lebensunterhalt verdienen und an den Sabbaten in der Synagoge Lehrvorträge halten. Ein Missionserfolg stellt sich erst ein, nachdem Silas und Timotheus aus Mazedonien gekommen waren und eine Geldspende mitbrachten (2Kor 11,8f), die es Paulus eine Zeitlang erlaubte, sich ganz der Missionsarbeit zu widmen (19f).

Paulus schreibt aus Korinth an die Gemeinde in Saloniki (Frühjahr/Sommer 50 n. Chr.): Paulus nennt „Silvanus und Timotheus“ (1Thess 1,1) als Mitarbeiter. Die Absenderangabe ist wichtig, weil sich in Verbindung mit Apg 18,5, der Notiz über die Ankunft der aus Mazedonien kommenden Mitarbeiter in Korinth, Entstehungsort und Entstehungszeit des 1Thess festlegen lässt. Paulus bestätigt in 1Thess 3,6, dass er seinen Brief an die Thessalonicher schreibt jetzt, da Timotheus von euch zu uns gekommen ist und uns die frohe Botschaft von eurem Glauben und eurer Liebe brachte“. Der Brief ist also im Jahr 50 in Korinth verfasst und von hier aus nach Saloniki geschickt worden. Es dürften Christen aus der Gemeinde in Philippi oder Beröa gewesen sein, die mit Silas und Timotheus die Spende der Gemeinde von Philippi überbracht hatten (2Kor 11,9). Sie haben sich vermutlich nicht allzu lange in Korinth aufgehalten, so dass Paulus den Brief nach Saloniki, den er ihnen mitgab, bald nach der Ankunft des Timotheus geschrieben haben muss, wie es auch das doppelte 'jetzt' in 1Thess 3,6.8 nahelegt (20f).

Es gibt einen älteren Brief, den Paulus dem Timotheus schon aus Athen nach Saloniki mitgegeben hat. Dieser Brief ist im vorliegenden 1Thess, der eine Briefkomposition ist, mitenthalten. Wenn wir die Briefe des Paulus durchmustern, sehen wir, dass er immer, wenn er einen seiner Mitarbeiter zu einer seiner Gemeinden geschickt hat, einen Brief mitgab. Die Briefe des Apostels sind ein wesentliches Instrument seiner Sorge um seine Gemeinden (22).

b. Der erste Thessalonicherbrief – eine Briefkomposition

(1) Brief aus Athen 1Thess (2) Brief aus Korinth
1,1 Präskript
1,2-10 Danksagung und Rückblick
b) Rückblick 2,1-12
a) Danksagung 3,13-16
Sendung des Timotheus 2,17  -  3,5
3,6-10 Rückkehr des Timotheus
b) Schluss 3,11-10
a) Mahnungen 4,1-8
4,9-12        über die Bruderliebe
4,13-18        über die Entschlafenen
5,1-11 über die Zeiten
5,12-22     Mahnungen
  5,23-27        Schluss
  5,28       Schlusssegenswunsch

Alles spricht dafür, dass Paulus nach seiner Flucht aus Saloniki und Beröa „für kurze Zeit“(2,17) von den Thessalonichern getrennt, nach widerholten gescheiterten Versuchen, noch einmal nach Saloniki zurückzukehren, in Athen, weil „er es nicht länger aushielt“ (3,1) zur Feder griff und Timotheus mit einem Brief, in dem er diesen Mitarbeiter empfahl und dessen Auftrag bezeichnete, nach Saloniki schickte (64).

Ein Brief Pauli aus Athen nach Saloniki: die Untersuchung aller auffälligen Dopplungen und Spannungen im 1Thess – der doppelten Danksagung, des doppelten Rückblicks auf den 'Zugang', der doppelten Situationsbeschreibung, der doppelten Schlusspassage, der gedoppelten Mahnung sowie kleinerer Dopplungen  - und insbesondere des Abschnitts, der von der Sendung des Timotheus nach Saloniki handelt, hat erkennen lassen, dass in den unterschiedlichen Briefabschnitten unterschiedliche Briefsituationen gespiegelt sind: in zeitlicher Nähe zum Gründungsaufenthalt Pauli bei den Thessalonichern anlässlich der Sendung des Timotheus von Athen aus nach Saloniki und in zeitlicher Entfernung davon nach der Rückkehr des Timotheus aus Saloniki in Korinth (65).

Der älteste Paulusbrief, den Paulus schon von Athen aus geschrieben und seinem Mitarbeiter Timotheus an die Gemeinde in Saloniki mitgegeben hat, ist im kanonischen 1Thess im Rahmen des zweiten Briefes, den Paulus nach der Rückkehr des Timotheus von Korinth aus nach Saloniki schrieb, eingefügt. Dieser älteste Paulusbrief ist nicht vollständig erhalten. Es fehlt sein Präskript, es fehlen Grüße und der übliche Segenswunsch am Schluss. Das konnte bei der Zusammenfügung der beiden Briefe, die vor deren Veröffentlichung und Verbreitung geschehen sein muss, nicht doppelt erhalten bleiben. Der erste, in Athen geschriebene Brief musste, als er in den zweiten, in Korinth verfassten eingefügt wurde, in der Abfolge seiner Abschnitte verändert worden sein. Der Herausgeber konnte nicht zwei Danksagungen und zwei Schlusspassagen unmittelbar aufeinander folgen lassen und wollte offenbar die mahnenden und belehrenden Partien beider Briefe miteinander verbinden (65f).

Der erste Brief aus Athen enthält keinen belehrenden Teil und ist daher recht kurz; ansonsten laufen die Abschnitte in beiden Briefen parallel – vor allem mit dem Rückblick auf den 'Zugang' und den Ausführungen über die Sendung und Rückkehr des Timotheus. Der Vergleich der beiden Briefe zeigt, wie sehr der erste, der ältere aus Athen, von der Unruhe, der Sorge, der Ungewissheit des Apostels über die Entwicklung der Gemeinde geprägt ist. Der älteste Brief ist außergewöhnlich stark situationsgebunden. Die Zusammenfügung der beiden Briefe ließ sich angesichts ihrer parallelen Struktur leicht bewerktstelligen, fast ohne redaktionelle Eingriffe in ihren Bestand, unter Erhaltung aller wesentlichen Aussagen des Apostels (113f).

Die ursprünglich in einer konkreten Situation entstandenen 'Gelegenheitsschreiben' des Apostels Paulus haben durch ihre Vereinigung in der Briefkomposition eine grundsätzlichere, bleibende Bedeutung für die ganze Kirche bekommen (121).

c. Anhang: Der zweite kanonische Thessalonicherbrief stammt nicht von Paulus: Wenn der 2Thess von Paulus selbst stammte, müsste er auch noch während der sog. zweiten Missionsreise in der Zeit des 1 ½ jährigen Aufenthalts des Apostels in Korinth verfasst worden sein. Denn im Präskript (1,1) werden wie im Eingang des 1Thess „Silvanus und Timotheus“ als Mitabsender genannt. Silvanus hat Paulus jedoch auf der dritten Missionsreise nicht mehr begleitet, er scheint zum Mitarbeiter des Petrus geworden zu sein (1Ptr 5,12). Wenn der 1Thess eine Briefkomposition ist, dann setzt der 2Thess diese Briefkomposition voraus, die erst nach dem Tod des Paulus entstanden ist (124f).