3. Die paulinischen Peristasenkataloge
Die Interpretation des Leidens als eine Vergegenwärtigung Christi im Apostolat

Die Peristasenkataloge:
3.1 1Kor 4,6-13: Die aufgeblasenen Korinther und die Wirklichkeit der Apostel
3.2 2Kor 4,7-15: Leidensgemeinschaft mit Christus
3.3 2Kor 6,3-10: Der Apostel als Diener Gottes
3.4 2Kor 11,21b-30: Der Apostel als Diener Christi
3.5 2Kor 12,9b-10: „Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark
3.6 Anhang (2Kor 10-13): Der schwache Apostel und die Kraft der Rede

Y.S.Choi

3.1 (1Kor 4,6-13): Die aufgeblasenen Korinther und die Wirklichkeit der Apostel

Spaltungen in der Gemeinde: Paulus wünscht, dass die Gemeinde eine Einheit bildet. Das zentrale Anliegen ist die Zugehörigkeit zum gekreuzigten Christus, weil alle Glaubenden von Korinth zu Christus gehören (3,23). Die drei rhetorischen Fragen (1Kor 1,13) erweisen als Hauptzweck des Abschnitts 1Kor 1-4 die Einheit der Gemeinde: 1) Ist Christus zerteilt? 2) Ist Paulus für euch gekreuzigt? 3) Seid ihr auf den Namen des Paulus getauft worden? Zerteilt ist nicht Christus, sondern die korinthische Gemeinde, gekreuzigt ist nicht Paulus, sondern Christus, die Gemeinde ist nicht auf den Namen des Paulus getauft, sondern auf den Namen Jesu Christi. Hier setzt Paulus den Aposteln Christus entgegen. Die in 1,12 erwähnten Namen, Paulus, Apollos, Kephas repräsentieren die Apostel. Für Paulus ist der Inhalt seiner Verkündigung, dass Jesus Christus als der Gekreuzigte verkündigt wird (52f).

Inhaltlich wird in diesem Katalog die apostolische Existenz des Paulus dem Leben der Korinther entgegengesetzt: 'Sattsein' bei den Korinthern (4,8a), 'Hunger und Durst' bei Paulus; Reichsein bei den Korinthern, Armut bei Paulus. Der Peristasenkatalog hat den Zweck, vor Reichgewordenen, Sattgewordenen und Aufgeblasenen zu warnen. Um die in Schismata (1,10) stehende Gemeinde zu einen und zu verbinden, argumentiert Paulus mit Taufe, Herrenmahl und Peristasenkatalog. Im Zentrum steht jeweils der Gekreuzigte. Im gekreuzigten Christus sind alle verbunden, die zu ihm gehören. Denn der Christustod bedeutet, sich für andere hinzugeben. Die Peristasen haben die Funktion, den Kreuzestod Christi zu vergegenwärtigen und damit zur Einheit der Gemeinde beizutragen (54f).

1Kor 4,6-13: Einzelauslegung

4,6: Die aufgeblasenen Korinther: Nicht über das hinaus, was geschrieben steht! Damit sich keiner für den einen gegen den anderen aufblase“.

Jer 9,22: „Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit, ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke, ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums. (23) Sondern wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, dass er klug sei und mich kenne, dass ich der Herr bin, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden; denn solches gefällt mir, spricht der Herr“.

Der Mensch rühmt sich der Weisheit, der Stärke, des Edlen, aber Gott erwählt das Törichte, das Schwache, das Unedle. Paulus redet vom Sich-des-Herrn-Rühmen (1,31;  4,6). Gal 6,14: Paulus rühmt sich nur des Kreuzes Jesu Christi. Für ihn besteht das Lernziel der Korinther darin, sich nicht der Menschen zu rühmen, sondern nur im Herrn, besonders dessen Leiden bzw. der Leiden, die Paulus und die Apostel erleiden zu rühmen, was er in 4,9-13 entfaltet (69f).

4,7: Gnadengaben und das Sich-Rühmen der Menschen:Denn wer gibt dir einen Vorrang? Was hast du, das du nicht empfangen hast? Wenn du es aber empfangen hast, was rühmst du dich dann, als hättest du es nicht empfangen“? Das Problem der korinthischen Gemeinde liegt im menschlichen Sich-Rühmen, denn der Ursprung aller Gaben ist allein Gott (73).

4,8: Sattsein, Reichsein und Herrschen der Korinther: Die eschatologische Vollendung zu leben ist zu früh, weil jetzt noch leidende Zeit ist, wie sie die Apostel erleiden und wie sie schon Christus erlitt. Das Leiden des Paulus konstrastiert der Sättigung, dem Reichsein, dem Herrschen und damit dem Aufgeblasensein der Korinther (77).

4,9: Die Leidensexistenz des Paulus: Dem Todesurteil übergeben: Denn ich denke, Gott hat uns Apostel als die Allergeringsten hingestellt, wie zum Tode Verurteilte. Denn wir sind ein Schauspiel geworden der Welt, den Engeln und den Menschen“. Paulus versteht sich einerseits als 'Letzter', andererseits als der durch Gottes Willen berufene Apostel (1,1), der von Christus Gesandte (1,17), der die Offenbarung Gottes Empfangende (2,10), der den Geist Christi Habende (2,16). Paulus nimmt wahr, dass der berufene Apostel um des gekreuzigten Christus willen leiden muss. Als Verkündiger versteht er seine leidende Existenz als die eines 'Letzten', die dem Todesurteil übergeben wurde. Von dieser Selbsterfahrung der Todesgefahr spricht er mehrmals in seinen Briefen (1Kor 15,30-32;  2Kor 1,8f;  4,10-12;  Röm 8,36). Paulus ist der Meinung, Gott habe die Apostel, nicht zur Herrschaft, sondern sie im Gegenteil als 'Letzte' hingestellt: „Gott hat das vor der Welt Geringe und Verachtete erwählt, das, was nichts ist ...“ (1Kor 1,28). Der Gedanke von Kosmos und Engeln als Zuschauer von menschlichem Leiden erscheint schon im jüdischen Märtyrertum (4Makk 17,11-16) (78f).

4,10:Wir sind Narren um Christi willen, ihr aber seid klug in Christus, wir schwach, ihr aber stark; ihr angesehen, wir aber verachtet“. Der Existenz der Apostel als 'ehrlos' (4,10), 'geschmäht werdend', 'verfolgt werdend' (4,12), 'verlästert werdend' (4,13) entspricht seine Rede in 1,28, wonach Gott das 'Niedriggeborene', das 'Verachtete', das 'nichts Seiende' erwählt hat. Die Erwählung der Törichten, Schwachen und Verachteten ist der Weg Gottes, damit sich kein Mensch rühme. Diese Erwählung nach dem Weg Gottes entspricht der Erfahrung als 'Letzte' (4,9). Törichte, Schwache und Niedriggeborene (1,27f) sind der Ort in den Peristasen von 4,6-13, an dem der Apostel leidet. Mit diesen Begriffen wird die Existenz der Apostel der der Korinther kontrastiert. 1Kor 1,17-31 wirkt als Vorspiel des in 4,6-13 entfalteten Peristasenkatalogs. Paulus kritisiert mit ironischer Rede Weisheit, Stärke und Berühmtheit der Korinther, die mit ihrem Selbstverständnis nicht am Kreuzestod Jesu orientiert sind (1,23f). Im Gegensatz dazu erinnert die apostolische Existenz mit ihrer Schwachheit, Torheit und Ehrlosigkeit an den Gekreuzigten. Für Paulus sind Torheit, Schwachheit und Ehrlosigkeit der Ort, an dem der gekreuzigte Christus verkündigt wird (82).

4,11-12a: Allezeit Leidenserfahrungen im Aposteldienst: (11) „Bis auf diese Stunde leiden wir Hunger, Durst und Blöße und werden geschlagen und haben keine feste Bleibe (12a) und mühen uns ab mit unserer Hände Arbeit“.

4,12b-13a: Misshandlungen in der Missionstätigkeit des Apostels: (12b) „Man schmäht uns, so segnen wir; man verfolgt uns, so dulden wir's, (13a) man verlästert uns, so reden wir freundlich“. In der Verfolgung reagiert Paulus durch Ausharren. Böse Nachrede beantwortet Paulus mit guten Worten.

4,13b: Die Selbsterniedrigung der Apostel: Wir sind geworden wie der Abschaum der Menschheit, jedermanns Kehricht, bis heute“. Es geht um die Realität der Verachtung der Apostel. Sie sind zum Schauspiel bzw. Kehricht der Welt geworden. Dieser Kontext bestimmt ihre Wirklichkeit (1Kor 1,28; „Gott hat das, was nichts ist, erwählt“) (87).

Herrenmahl – Taufe – Peristasenkatalog: Paradosis bedeutet bei Paulus die Vergegenwärtigung des Kreuzestodes bzw. des Gekreuzigten (2,2). Die Korinther meinen, das Kreuz überwunden und hinter sich gelassen zu haben. In 1Kor 4,8 kritisiert Paulus die Korinther, für die das Kreuz nicht mehr gegenwärtig ist. Gemeinsam sind Taufe, Herrenmahl und Peristasenkatalog die Vergegenwärtigung des Kreuzestodes Christi (Röm 6,3f;  1Kor 11,26;  2Kor 4,10ff). Taufe, Herrenmahl und Peristasenkatalog sind die wichtigen Elemente bei Paulus für die Einheit der von ihm gegründeten Gemeinde aufgrund des Kreuzestodes Christi, seines Apostelamtes und der Verkündigung des Evangeliums (94).

Fazit

Das Wort vom Kreuz dient in 1Kor 1-4 dazu, die Spaltung der korinthischen Gemeinde zu klären. Dieser Abschnitt ist eine Auseinandersetzung mit den aufgeblasenen Korinthern. In 1Kor 1,12-3,23 werden Kreuzeslogos und Weisheitslogos deshalb gegenübergestellt, um die Zugehörigkeit aller Korinther zum gekreuzigten Christus als entscheidendes Kriterium und Band der Einheit herauszuarbeiten (95).

Der Argumentationsgang des Paulus in 4,6-13 zielt darauf, die Differenz zwischen dem Selbstbewußtsein der Korinther und der apostolischen Wirklichkeit zu charakterisieren. Seine mit den drei Verben „zerteilt, getauft, gekreuzigt“ schon 1,13 beginnende Argumentation zielt auf die Einheit der Gemeinde, die in Spaltung (1,10) lebt. Indem Paulus die drei Verben mit Herrenmahl, Taufe und Kreuzestod Jesu verbindet, zeigt er deren Funktion für die Gemeindeeinheit auf. Das perfektische „gestorben“ (1,23;  2,2) ist Ausgangspunkt sowohl von Taufe und Herrenmahl als auch der paulinischen Peristasen. Verstanden werden Taufe, Herrenmahl und Peristasen als Vergegenwärtigung des Kreuzestodes Christi (Röm 6,3f;  1Kor 11,26;  2Kor 4,10ff). Taufe, Herrenmahl und Peristasenkatalog sind die verbindenden Elemente bei Paulus für die Einheit der von ihm gegründeten Gemeinde durch ihren gemeinsamen Bezug auf den Kreuzestod Christi, der sein Apostolat und die Verkündigung des Evangeliums konstituiert. Der Gekreuzigte und sein Leiden sind die zentralen Motive des paulinischen Peristasenkatalogs (95f).

Die Peristasen werden so wie in 1Kor 4,9 zum Ort für die Realpräsenz des Kreuzestodes bzw. des Leidens Christi. Die Leiden des Paulus erinnern an die Leiden Christi. Der Peristasenkatalog hat deshalb die gleiche Funktion wie die sakramentalen Handlungen, den Kreuzestod Christi zu vergegenwärtigen und dadurch zur Einheit der Gemeinde beizutragen. Das Motiv aller seiner Leiden ist um Christi willen (4,10a). Im Peristasenkatalog 2Kor 4,7-15 unterstreicht der sechmalige Bezug auf Jesus, dass seine leidende Existenz als Verkündigung des Gekreuzigten zu verstehen ist. In dem Text 1Kor 4,6ff dienen die Leiden als Vergleich zwischen den Korinthern und den Aposteln. Paulus kritisiert das Sich-Rühmen, weil das Sich-Rühmen nur für den Herrn gelten kann (1,31) und nicht für Menschen (3,21). Er stellt sich damit gegen die Reichgewordenen, Sattgewordenen und Aufgeblasenen, die schon jetzt die eschatologische Vollendung zu leben suchen. Für ihn ist jetzt die Zeit des Leidens. Die Apostel leiden jetzt, so wie Christus schon gelitten hat. Deswegen kritisiert Paulus die Hochstimmung der Korinther ironisch und stellt ihr das Verachtetsein der Apostel in Niedrigkeit gegenüber. Wenngleich Paulus Welt, Menschen und Engel als Schauspiel dienten, kann er dennoch ausharren, denn Gott hat ihm diesen 'letzten' Platz zugewiesen. Dass der Apostel als Kehricht der Welt erscheint ergibt sich aus der realistischen Betrachtung seiner Existenz in der Welt. Das Aushalten in Niedrigkeit und Bedürftigkeit kommt aus der Kraft Gottes, der Christus aus dem Tod erweckt hat. Die Korinther werden durch ihr Hochgefühl gespalten. Dagegen sind die Apostel in ihrer verachteten Existenz Schauspiel und Kehricht. Aber das geschieht um des gekreuzigten Christus willen (4,10a). Paulus appelliert an die Korinther, ihn nachzuahmen (1Kor 4,16). Das ist eine Einladung an die Korinther zur Teilnahme am Leiden Christi (1Phil 3,10) (96f).