4. Paulus beschneidungsfreie Völkermission

U. Schnelle (2015)

a. Die 1. Missionsreise
b. Exkurs: Die drei großen Strömungen des Anfangs
c. Der Apostelkonvent
d. Die eigenständige paulinische Mission
e. Die Mission gegen Paulus und die galatische Krise
f. Die Kollekte und die Jerusalemer Gemeinde

a. Die 1. Missionsreise

Zypern, Perge, Antiochia, Ikonium, Lystra, Derbe

Lukas verarbeitet in Apg 13,1-14,28 zahlreiche ältere Traditionen, zugleich verbindet er mit der ersten Rundreise des Apostels Paulus ein theologisches Konzept: Ausgesandt vom Heiligen Geist, vollbringen Barnabas und Paulus die ihnen von Gott aufgetragene und ermöglichte Aufgabe, den Völkern die Tür des Glaubens aufzutun. Damit ist sachlich die Klärung der Probleme des Apostelkonvents vorbereitet, die dann in Apg 15,1-35 erfolgt. Während zuvor die Heidenmission staunend hingenommen wird (10,1  -  11,18), erfolgt nun nach lkn Darstellung eine offizielle Einigung zwischen der Jerusalemer Gemeinde und Paulus (215).

Die 1. Missionsreise markiert eine entscheidende Veränderung in der Geschichte des entstehenden Christentums: Mit einer gezielten Mission, einem exklusiven Anspruch und dem Verzicht auf die Beschneidung werden bisherige geographische und theologische Grenzen überschritten und universale Perspektiven eröffnet (215f).

b. Exkurs: Die drei großen Strömungen des Anfangs

Die Jerusalemer Gemeinde (Stabilität):die Jerusalemer Gemeinde verstand sich immer als Ausgangspunkt und Zentrum der neuen Bewegung. Petrus als erster Leiter der Gemeinde war ebenso wie die Hellenisten offen für eine Ausweitung der Bewegung. Es setzte sich jedoch eine andere Linie durch, die vor allem von der Familie Jesu mit ihrem Oberhaupt Jakobus repräsentiert wurde. Für die lokale Stabilität steht Jerusalem als Ort des Leidens und der Kreuzigung Jesu; zudem ereigneten sich hier Erscheinungen Jesu. Ebenso verbinden sich alle zentralen Hoffnungen des Judentums und auch der neuen Bewegung mit Jerusalem. Man versteht sich als ein Strukturtyp eines vielgestaltigen Judentums des 1. Jh. n. Chr., der partielle Differenzierung vornimmt, seine missionarischen Aktivitäten auf Juden beschränkt und die Beschneidung als selbstverständliche Bedingung für die Aufnahme nicht-jüdischer  Mitglieder ansieht (215f).

Die Jesus Bewegung (Das Wirken Jesu): die galiläische Jesus-Bewegung ist der zweite entscheidende Impuls des Anfangs. Während sich die Jerusalemer Gemeinde auf das Ende des Auftretens Jesu konzentrierte (Passion und Erhöhung), steht im Zentrum der Jesus-Bewegung das vollmächtige Auftreten und Wirken des vorörsterlichen Jesus von Nazareth in Galiläa.

Dabei werden der Tod Jesu und seine Heilsbedeutung nicht wirklich thematisiert. Die Jesus-Bewegung band in Kontinuität zu Jesus Heil und Gericht an ihre radikale Botschaft und scheute den Konflikt mit Israel nicht. Die Jesus-Nachfolger sahen sich in unmittelbarer Schicksalsgemeinschaft mit Jesus, lebten und handelten wie er und erwarteten von ihm und mit ihm die endzeitliche Herrschaft (Lk 22,28-30Q). Die Jesus-Bewegung schuf die Voraussetzungen für die neue Literaturgattung Evangelium (217).

Antiochia und Paulus (Universalismus): die geographische und theologische Beschränkung auf das Land Israel und das Judentum wurde von den aus Jerusalem vertriebenen Hellenisten und vielen unbekannten Diasporajuden ab ca. 40 n.Chr. überwunden. Vor allem in Antiochia bildete sich ein neuer Subtyp der Bewegung heraus, der innerhalb kurzer Zeit öffentlich wahrgenommen wurde (Apg 11,26: 'Christianer')und ein eigenes theologisches und geographisches Programm entwarf. Theologisch stand die universale Heilsbedeutung des Todes und der Auferstehung Jesu im Mittelpunkt, die in prägnanten Formeln zum Ausdruck gebracht wurde. Geographisch und theologisch überschritt dieser Flügel der neuen Bewegung bewusst die Grenzen Israels und die Begrenzungen des Judentums, indem es das Christusgeschehen als Heil für alle Völker auffasste (217).

Pluralität von Anfang an: Von Anfang an existierten verschiedene Modelle der Jesus-Interpretation. Den 'reinen' Jesus gab es nie, sondern von Anfang an nur die unterschiedlichen Deutungen und Rezeptionen seines Wirkens und seiner Bedeutung. Paulus entfaltete eine beeindruckende Wirkungsgeschichte, aber auch die Jesus-Bewegung bestimmte mit der Logienquelle und den synoptischen Evangelien entscheidend die Jesus-Bilder und die Geschichte des frühen Christentums. Schließlich hinterließ auch die Jerusalemer Gemeinde ein bleibendes theologisches Konzept, das vor allem im Matthäusevangelium und im Jakobusbrief fortwirkte. Eine vollständige Einheit der Christusgläubigen bzw. Christen hat es nie gegeben, sondern die Pluralität ist die Signatur auch des Anfangs. Sich differenzierende Subsysteme sind gerade die Erklärung für die erfolgreiche Missionsgeschichte der neuen Bewegung, denn nur sie ermöglichten die notwendige Anpassungsfähigkeit an die unterschiedlichen Erfordernisse ihrer Missionsfelder (218f).

c. Der Apostelkonvent

Die unterschiedlichen theologischen Konzeptionen der drei Subtypen des frühen Christentums und die anhaltenden Missionserfolge von Antiochia unter Menschen aus den Völkern/Nichtjuden machten die Klärung der Frage notwendig: Müssen sich Glaubende aus den Völkern beschneiden lassen, um zum auserwählten Gottesvolk zu gehören? Damit verbanden sich die Fragen nach der Zugehörigkeit, den Grenzen, der Identität und der Anschlussfähigkeit der neuen Bewegung (223).

Der Ausgangskonflikt: Nach der Beendigung der 1. Missionsreise kehrten Barnabas und Paulus nach Antiochia zurück. Hier treffen nach Apg 15,1 'einige' aus Judäa ein, die die Brüder in Antiochia lehrten: "Wenn ihr euch nicht beschneiden lasst nach der Sitte des Mose, dann könnt ihr nicht gerettet werden". Daraufhin entstand ein heftiger Streit zwischen den Judenchristen aus Judäa auf der einen und Barnabas und Paulus auf der anderen Seite (223f).

Der antiochenische Zwischenfall: Die Probleme gemischter Gemeinden aus Juden-und Völkerchristen waren nicht gelöst. Sie brachen in Antiochia auf, wo die Tischgemeinschaft zwischen Judenchristen und unbeschnittenen (unreinen) Völkerchristen offenbar selbstverständliche Praxis war. Petrus beteiligte sich (Gal 2,11)  an den gemischten Mahlzeiten in Antiochia. Diese liberale Haltung änderte sich schlagartig mit dem Eintreffen "einiger Leute von Jakobus" (Gal 2,4). Petrus zog sich zurück und hob die Speisegemeinschaft mit Völkerchristen auf. Er sonderte sich ab, wie es im Jub 22,16 empfohlen wird (232).

Der Apostelkonvent löste das Grundproblem des frühen Christentums nicht: welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, um im vollen Umfang Mitglied der neuen Bewegung zu werden? Deshalb schwelte der Konflikt weiter, bis er in der galatischen Krise explosionsartig ausbrach (234).

d. Die eigenständige paulinische Mission

Die Ereignisse um den Apostelkonvent und den antiochenischen Konflikt führten zu einer Trennung zwischen Paulus und Barnabas und zur endgültigen Loslösung des Paulus von der antiochenischen Mission (236).

Die 2. Missionsreise (Apg 15,36  -  18,22)

Neapolis, Philippi, Thessaloniki, Beröa, Athen, Korinth

In Korinth blieb Paulus 1 1/2 Jahre (Apg 18,11)

Die 3. Missionsreise (Apg 18,23  -  20,38)

3 Jahre in Ephesus (Apg 20,31). In Ephesus wirkte Apollos (Apg 18,24-28) bevor Paulus mit seiner Tätigkeit begann (Apg 19,1).

An den Ephesus-Aufenthalt schloss sich die Kollektenreise durch Makedonien und Achaia an. Die Mehrheit der in den Paulusbriefen genannten Mitarbeiter waren Gemeindegesandte. Sie entstammten den von Paulus gegründeten Gemeinden und nahmen nun als Delegierte dieser Gemeinden an der Missionsarbeit teil (Erastus, Gaius, Aristarchos, Sosipater, Jason, Epaphras und Epaphroditus).Sie hielten den Kontakt zu ihren Heimatgemeinden aufrecht, unterstützten Paulus auf vielfältige Weise und missionierten eigenständig im Umland der Gemeindegründungen (249f).

e. Die Mission gegen Paulus und die galatische Krise

Ein einschneidendes Ereignis in der Geschichte der pln  Mission und des frühen Christentums insgesamt war die Mission gegen Paulus. Die Konflikte im 2Kor und Gal, aber auch im Röm und Phil zeigen, dass spätestens mit dem 2Kor  eine Gegenbewegung, eine Mission gegen Paulus im Gang war. Sie ist eine Folge des Apostelkonvents und der sich anschließenden Entwicklung: Bereits die verschiedenen Berichte über den Apostelkonvent und der antiochenische Konflikt mit dem Auftreten der 'Jakobusleute' lassen erkennen, dass die Frage der Gültigkeit des mosaischen Gesetzes für Völkerchristen nicht gelöst war. Hinzu kam eine gegenläufige Entwicklung: Auf der einen Seite die Erfolge der ständig nach Westen (und damit von Jerusalem weg) expandierenden pln Mission, auf der anderen Seite die Jerusalemer Gemeinde, die sich bewusst weiterhin als Teil des Judentums sah, zugleich aber von jüdischen Nationalisten immer stärker bedrängt wurde. Die Frage: soll die neue Bewegung als liberale Variante innerhalb des Judentums verbleiben oder eine dem Judentum verbundene, aber neue, beschneidungsfreie und eigenständige Religion werden? Die maßgeblichen Kräfte in der Jerusalemer Gemeinde entschieden sich für die erste Option und unterstützten (oder tolerierten) den Versuch die pln Gemeinden in einer Art Gegenmission in das Judentum zu integrieren (283f).

Spuren einer solchen Gegenmission finden sich im 2Kor. Die 'Überapostel' (2Kor 11,5; 12,11) beriefen sich nicht nur auf ihre rhetorischen und ekstatischen Fähigkeiten und ihre besondere Qualifikation als Apostel, sondern sie argumentierten vor allem mit Mose und Abraham. Sie beriefen sich auf den exklusiven Bund Gottes mit Mose (Ex 34), den Paulus durch den 'neuen Bund' (2Kor 3,6)in der Kraft des Geistes überbieten will. Sie verstanden sich als alleinige legitime Erben der Verheißungen Abrahams. Schließlich betonten sie, Christus 'nach dem Fleisch' (2Kor 5,16), d.h. den irdischen Jesus gekannt zu haben, während Paulus nicht den Christus 'nach dem Fleisch', sondern allein den erhöhten und im Geist wirkenden Christus kennen will (2Kor 3,17) (284).

Der (teilweise) erfolgreiche Versuch streng judenchristlicher Fremdmissionare, die galatischen Völkerchristen (Gal 4,8-10) nachträglich zu beschneiden (Gal 4,21; 5,3; 6,12f) und zu jüdischer Kalenderobservanz zu bewegen (Gal 4,3.9f), führte zu einem tiefgreifenden Konflikt. Die Galata waren empfänglich für die Argumente der Gegner. Damit ergab sich für Paulus eine völlig neue Situation. Die Vereinbarungen des Apostelkonvents schienen für die streng judenchristlichen Gegner nicht (mehr)zu gelten, auch die Christen aus den Völkern sollten sich umfassend den Bestimmungen der Tora (und dem Führungsanspruch Jerusalems) unterwerfen. Damit stellten die judenchristlichen Missionare das gesamte bisherige pln Missionswerk infrage. Die beschneidungsfreie Mission war Ausdruck einer theologischen Grundposition: Gott rettet auch die Völker durch den Glauben an Jesus Christus. Es ging um die sachgemäße Erfassung der Heilstat in Jesus Christus: Gilt sie vorbehaltlos allen Menschen, oder ist sie an bestimmte Vorbedingungen gebunden? Durch die Beschneidungsforderung der Gegner rückte nun auch in den Gemeinden Kleinasiens und Griechenlands die Tora von der Peripherie in das Zentrum. Paulus sah sich deshalb genötigt, dass auf dem Apostelkonvent vereinbarte Konzept unterschiedlicher Wege in der Gesetzes-/Torafrage (Gal 2,7)aufzukündigen. Mit der Beschneidung verbindet sich die Frage nach der Lebensgewinnung durch die Tora, d.h. die soteriologische Qualität des Christusgeschehens wäre beeinträchtigt worden. Paulus demontiert die Tora, indem er sie zeitlich (Gal 3,17) und sachlich (Gal 3,19f) als sekundär einstuft. Ihr kam innerhalb der Geschichte lediglich die Aufgabe zu, die Menschen zu beaufsichtigen (Gal 3,24).Die Glaubenden aus Judentum und griechisch-römischer Welt sind jenseits der Beschneidung und der Tora die legitimen Erben der Verheißungen an Abraham (Gal 3,29). Paulus hebt im Gal die hamartiologische Sonderstellung der Juden und Judenchristen auf (Gal 2,16). Beschneidung und Tora gehören nicht zur soteriologischen Selbstdefinition des Christentums, weil sich Gott unmittelbar in Jesus Christus offenbarte und die Getauften und Glaubenden in der Geistgabe an diesem Heilsereignis partizipieren (Gal 3,26-28). Damit kündigt auch Paulus die Vereinbarungen des Apostelkonvents auf, denn das petrinische 'Evangelium der Beschneidung' (Gal 2,7)bestätigte eine Sonderstellung der geborenen Juden und ihrer weiterhin beschnittene Nachkommen in der neuen Bewegung. Nun aber gilt: "denn aus Werken des Gesetzes wird gerechtfertigt kein Fleisch" (Gal 2,16). Damit wird der Gal zum Dokument eines Bruchs, der nie wieder geheilt werden konnte, obwohl Paulus mit dem Röm und der Kollektenübergabe genau diesen Versuch unternimmt (285f)!

Der Röm des Paulus ist der Versuch, der sich verfestigenden Trennung zwischen der Jerusalemer Gemeinde um Jakobus und seinen eigenen Gemeinden in Kleinasien und Griechenland entgegenzuwirken. Paulus bestreitet in Röm 2,1-3,20 eine Sonderstellung Israels durch die Toragabe. Weil es ein allen Menschen gemeinsames Gesetz gibt, das als vernünftiger Maßstab des Gerechten und Ungerechten überhaupt erst ein Leben in der Gemeinschaft der Polis oder des Staates ermöglicht, haben die Menschen aus den Völkern auch in diesem Bereich keinen Nachteil gegenüber den Juden (Röm 2,14f). Diese negative Gleichstellung verbindet Paulus mit der Einführung des Begriffs "Gerechtigkeit Gottes" als theologischen Leitbegriff, der bewusst als "Gerechtigkeit Gottes ohne Gesetz" (Röm 3,21) bestimmt wird. Schließlich rückt der Sündenbegriff im Röm in den Mittelpunkt, indem nun die Sünde zur eigentlichen Unheilsmacht und Gegenspielerin der Tora wird (Röm 7,7ff), ein Gedanke, der zuvor in Gal 3,22 nur anklingt. So ist es Paulus nun möglich, das Gesetz sehr viel positiver als im Gal zu bewerten. Er spricht vom "Gesetz des Glaubens" (Röm 3,27) und davon, die Tora wieder aufzurichten (Röm 3,31) und vor allem: "das Gesetz ist heilig und das Gebot ist heilig und gerecht und gut" (Röm 7,12). Auch in der Israelfrage setzt Paulus neue Akzente, indem er erstmals das Thema wirklich ausführlich behandelt und zudem eine überraschende Perspektive anbietet: Beim Erscheinen des Parusie-Christus "wird ganz Israel gerettet werden" (Röm 11,26). Zugleich finden sich aber auch im Röm deutliche Spuren der anhaltenden Agitation der judaistischen Gegner und zwar sowohl in Rom als auch in Jerusalem. In Rom agierten seine Gegner (Röm 16,17-20: ... ich ermahne euch Brüder zur Wachsamkeit gegenüber denen, die Spaltungen und Ärgernisse anrichten...")  und wurde seine Theologie angegriffen und ad absurdum geführt (Röm 3,1-8; 6,1f; 7,7; 9,1). In erster Linie sieht Paulus als "Apostel der Völker" (Röm 11,13) seine Position im Osten als stark geschwächt an (Röm 15,23: " Nun aber habe ich keinen Raum mehr in diesen Gegenden"). Er unternimmt mit der geplanten Spanienmission den Versuch, den Schwerpunkt der entstehenden christlichen Bewegung mehr nach Westen zu verlagern (Röm 15,24). Besonders fürchtet er aber, dass die Jerusalemer Gemeinde die Kollekte nicht annimmt und in Jerusalem jüdische und streng judenchristliche Gegner ihn in Gefahr bringen werden (Röm 15,31: "damit ich vor den Ungehorsamen in Judäa errettet werde und mein Dienst an Jerusalem von den Heiligen freundlich angenommen wird"). Große Teile der pln Briefe und Theologie sind thematisch von der Gegenmission bestimmt (286f).

Die Mission gegen Paulus war in dem Bestreben einig die überwiegend völkerchristlichen pln  Gemeinden wieder in das Judentum zu integrieren. Während die pln  Gemeinden sich auf dem Weg zu einer eigenständigen Kultbewegung  in einem vornehmlich paganen Umfeld befanden, warben und drängten die Gegenmissionare für eine primär jüdische Identität, die in eine Beschneidungsforderung mündete. Wahrscheinlich verlor diese Bewegung erst mit dem Untergang der Jerusalemer Gemeinde im Jahr 70 n.Chr.  ihre Kraft (288).

f. Die Kollekte und die Jerusalemer Gemeinde

Ursprünglich war die Kollekte eine rein materielle Unterstützung vor allem der griechischen Gemeinden "für die Armen unter den Heiligen in Jerusalem" (15,26). In der Folge der galatischen Krise bekam die Überbringung der Kollekte für Paulus eine große Dringlichkeit und mit ihr verband sich nun das große theologische Thema der Einheit der einen Kirche Gottes aus Juden-und Völker-Christen. In Röm 15,30f thematisiert Paulus die gespannte Situation, er fürchtet gewaltsame Aktionen der Juden in Judäa, deren Feindschaft gegenüber dem Apostel auch das Verhalten der Jerusalemer Gemeinde maßgeblich beeinflusste. Die Spannungen eskalierten in Jerusalem und Paulus unternimmt mit seiner Reise den letzten Versuch, die Vorwürfe gegenüber seiner Person zu entkräftigen, um so die Agitation seiner judenchristlichen und jüdischen Gegner (in Jerusalem, Galatien, Korinth (2Kor), Rom, Philippi) zum Erliegen zu bringen und das Verhältnis zur Gemeinde in Jerusalem durch die Übergabe der Kollekte  auf eine neue Basis zu stellen (288f).

Lukas berichtet nicht von der Kollektenannahme. Vieles spricht dafür, dass die Jerusalemer die Kollekte ablehnten und Lukas darüber schwieg, weil dies nicht seiner Ekklesiologie der einen Kirche aus Juden und Heiden entsprach. Die ablehnende und auf Distanz bedachte Haltung der Jerusalemer Gemeinde gegenüber Paulus zeigt sich auch darin, dass von Seiten der Jerusalemer kein Versuch berichtet wird, Paulus aus der Gefangenschaft zu befreien (289).

Die Entfremdung zwischen Paulus und der Jerusalemer Gemeinde ist kein Zufall, sondern eine folgerichtige Entwicklung, die spätestens mit dem Apostelkonvent einsetzte. offensichtlich erhob Jakobus einen weit über Jerusalem hinausgehenden Anspruch, der Antiochia (Gal 2,21), aber auch genuin pln Gemeindegründungen miteinschloss.  Das nie spannungsfreie Verhältnis zwischen Paulus und der Jerusalemer Gemeinde (Gal 1,18f; 2,6)  entwickelte sich so am Ende der erfolgreichen pln Völkermission  zu einem offenen Gegeneinander. Zu tief waren die theologischen Gegensätze.  Paulus wollte nicht die Trennung von Israel (und der Jerusalemer Gemeinde, Röm 9,1), verhinderte sie aber auch nicht. Er konnte sie nicht verhindern, weil er sonst seinen theologischen Grundüberzeugungen untreu geworden wäre. Zugleich aber geriet auch die Gemeinde in Jerusalem wegen Paulus sowohl theologisch als auch politisch immer mehr unter Druck. Theologisch musste sie begründen, weshalb sich die Christusgläubigen  auf der einen Seite noch als Teil des Judentums betrachteten, andererseits ein expandierender Flügel der neuen Bewegung auf die Beschneidung von Völkerchristen  verzichtete und den Gedanken des wahren Gottesvolkes exklusiv auf sich bezogen. Die Ablehnung der Kollekte führt vor Augen, dass am Ende der grundlegenden Epoche des frühen Christentums nicht die Einheit stand, sondern die bleibende Entzweiung (290f).