5. Der Römerbrief und die Aporien des paulinischen Denkens

U. Schnelle (2009)

Warum wollte Paulus nach Spanien? Der Hauptgrund für Spanien dürfte darin gelegen haben, dass der Widerstand gegen den ‚Apostel der Völker‘ (Röm 11,13) im Osten des Reiches immer stärker wurde und er dort keine Zukunft mehr für seine Mission sah. Innerhalb kurzer Zeit drangen judenchristliche Charismatiker (2Kor) und Beschneidungsforderer (Gal) erfolgreich in seine Gemeinden ein, die kaum ohne Rückendeckung der Urgemeinde agierten. Wahrscheinlich konnte er sich noch einmal gegen sie erwehren, aber er spürte, dass seine Position im Osten immer schwächer wurde (Röm 15,23: „Nun aber habe ich keinen Raum mehr in diesen Gegenden“). Selbst in Rom agierten seine Gegner (Röm 16,17-20), wurde seine Theologie angegriffen und ad absurdum geführt (Röm 3,1-8; 6,1f; 7,7; 9,1). Eine militante Gegenmission war im Gang, die vor allem die offene Israelfrage mit der Integration der Glaubenden aus den Völkern in das eine erwählte Volk qua Beschneidung lösen wollte (Gal 4,29; 5,11; 6,12). Der Römerbrief ist der Versuch einer denkerischen Bewältigung der Krisensituation, in der sich Paulus, aber auch das gesamte frühe Christentum befanden (5f).

Paulus als theologischer Denker: Der große Erfolg seiner beschneidungsfreien Mission stellte Paulus vor enorme Probleme, denn er musste als erster jene unausweichlichen Aporien zur Kenntnis nehmen, mit denen sich das formierende Christentum immer stärker konfrontiert sah. Er musste zusammendenken, was nicht zu harmonisieren war: Gottes erster Bund bleibt gültig, aber nur der neue Bund rettet. Welchen Wert hat die Tora, wenn Menschen aus den Völkern auch ohne Beschneidung den Willen Gottes umfassend erfüllen können? Das erwählte Gottesvolk muss sich zu Christus bekehren, um mit den glaubenden Menschen aus den Völkern das eine wahre Gottesvolk zu werden (6f).

Paulus muss sich wie in keinem anderen Brief argumentativ in einem komplexen theologischen und historischen Kontext bewegen und behaupten, um die römische Gemeinde für sich zu gewinnen. Die Themen ergeben sich aus der Missionsgeschichte, so vor allem die Gesetzes- und Israelproblematik (8f).

Das Gesetz: Die Gesetzesproblematik war die erste Aporie, der sich Paulus umfassend im Röm stellt. Paulus befand sich z.Zt. der Abfassung des Röm in einer schwierigen Situation: Er musste die Beschneidungsfreiheit für Christen aus den Völkern wahren, die rituelle sowie soteriologische Insuffizienz der Tora für Judenchristen und Christen aus den Völkern behaupten und zugleich die Erfüllung des Gesetzes der Tora auch durch die Christen postulieren. Nur so war es möglich, die bleibende Gültigkeit des ersten Bundes und den alleinigen Heilscharakter des neuen Bundes zu sichern. Zudem galt es, den aufgrund der Argumentation des Gals erhobenen Vorwurf der ‚Gesetzlosigkeit‘ zu widerlegen (10).

Die galatische Krise veränderte die Situation des Apostels schlagartig und nachhaltig, denn nun wurde den pln Gemeinden die Toraproblematik in Gestalt der Beschneidungsforderung für Christen aus griechisch-römischer Tradition massiv von außen aufgedrängt. Die Tora rückte auch in den vorwiegend beschneidungsfreien christlichen Gemeinden Kleinasiens und Griechenlands von der Peripherie in das Zentrum und Paulus sah sich genötigt, das Konzept unterschiedlicher Wege in der Gesetzes-/Torafrage (Gal 2,7) aufzukündigen und die Bedeutung der Tora für Christen aus dem Judentum und aus den Völkern grundsätzlich zu klären. Mit der Beschneidung verbindet sich die Frage nach der Lebensgewinnung durch die Tora, d.h. die soteriologische Qualität des Christusgeschehens wäre beeinträchtigt worden. Paulus demontiert die Tora, indem er sie zeitlich (Gal 3,17) und sachlich (Gal 3,19f) als sekundär einstuft. Ihr kam innerhalb der Geschichte lediglich die Aufgabe zu, die Menschen zu beaufsichtigen (Gal 3,24). Die Glaubenden aus Judentum und griechisch-römischer Welt sind jenseits der Beschneidung und der Tora die legitimierten Erben der Verheißungen an Abraham (Gal 3,29). Paulus hebt im Gal die hamartiologische Sonderstellung der Juden und Judenchristen auf (Gal 2,16) und ordnet sie in die von der Sünde bestimmte Menschheitsgeschichte ein (Gal 3,22). Beschneidung und Tora gehören nicht zur soteriologischen Selbstdefinition des Christentums, weil sich Gott unmittelbar in Jesus Christus offenbarte und die Getauften und Glaubenden in der Geistgabe an diesem Heilsereignis partizipieren (Gal 3,26-28) (10-12). Im Röm nimmt Paulus Veränderungen gegenüber dem Gal auf drei Ebenen vor:

(1) Zunächst bestreitet Paulus mit Hilfe eines philosophischen Topos die Sonderstellung Israels durch die Toragabe. Weil es ein allen Menschen gemeinsames Gesetz gibt, das als vernünftiger Maßstab des Gerechten und Ungerechten überhaupt erst ein Leben in der Gemeinschaft der Polis oder des Staates ermöglicht, haben die Menschen aus den Völkern auch in diesem grundlegenden Bereich keinen Nachteil gegenüber den Juden (Röm 2,14f). Diese negative Gleichstellung verbindet Paulus (2) mit der Einführung der „Gerechtigkeit Gottes“ als theologischem Leitbegriff (2Kor 5,21; Röm 1,17; 3,5.22; 10,3; Phil 3,9), der bewusst als „Gerechtigkeit Gottes ohne Gesetz bestimmt wird (Röm 3,21; 6,14; 10,1-4). (3) Der Sündenbegriff rückt im Röm in den Mittelpunkt (Röm 48mal), indem nun die Sünde zur eigentlichen Unheilsmacht und Gegenspielerin der Tora wird (Röm 7,7ff), ein Gedanke, der zuvor in Gal 3,22 nur anklingt (12f).

Diese Argumentationsgänge ermöglichen es Paulus, einerseits den theologischen Ertrag des Gals zu sichern, andererseits aber auch die notwendigen Freiräume für eine partielle Neubewertung des Gesetzes/der Tora zu bekommen (Röm 3,31; 7,7.12; 13,8-10): das Gesetz/die Tora wird nicht mehr als solches kritisiert, es ist nun zuerst Opfer der Sündenmacht. Die pln Lösung besteht darin, neu zu definieren, was das Gesetz seinem Wesen nach ist. Einen ersten Schritt in diese Richtung bildet Gal 5,14; „Das ganze Gesetz ist in einem Wort erfüllt, nämlich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“. Die These, die Liebe sei die Erfüllung des Gesetzes/der Tora (Röm 13,10) sichert die pln Argumentation in vierfacher Hinsicht ab: (1) Sie erlaubt die Behauptung, das Gesetz/die Tora in seinem innersten Wesen voll zur Geltung zu bringen und zu erfüllen, ohne ihm eine soteriologische Funktion zuzubilligen. (2) Zugleich ermöglicht diese Vorstellung im Hinblick auf die beschneidungsfreie Mission die notwendige Reduktion des Gesetzes/der Tora. (3) Sowohl mit seiner Konzentration des Gesetzes/der Tora auf ein Gebot bzw. wenige ethische Grundnormen als auch mit seiner Wesensbestimmung des Gesetzes/der Tora als Liebe steht Paulus in der Tradition des hellenistischen Judentums. (4) Auch im griechisch-römischen Kulturbereich galt die Überzeugung, dass Güte und Liebe die eigentliche Form der Gerechtigkeit und der Erfüllung der Gesetze sind (13).

Paulus rang mit der Gesetzesproblematik und gelangte zu einer sich verdichtenden Lösung, die er im Röm vorlegt. Die Konzentration auf den Liebesgedanken ermöglicht es ihm, die theologische Position des Gals in ihrem Kern weiterhin zu vertreten, ohne jedoch als ‚gesetzlos‘ gebrandmarkt zu werden. Paulus nimmt eine Neudefinition vor, indem er seine Auffassung von der Tora (die Liebe als Zentrum und Ziel bei gleichzeitiger Verneinung jeglicher soteriologischer Funktion und der Abrogation der Ritualvorschriften) als ‘das Gesetz‘ formuliert und damit zugleich die Tora in einen übergeordneten Gesetzesbegriff integriert, der gleichermaßen für alle Christen auf ihrem jeweiligen kulturellen Hintergrund zugänglich war. Der Apostel synthetisiert über den Liebesbegriff das jüdische und das griechisch-römische Gesetzesverständnis und gelangt so zu einer stimmigen Integration der Gesetzesthematik in seine Sinnbildung. Über die Neuschreibung gelingt es Paulus, das Unvereinbare zu vereinbaren, um so die notwendige kulturelle Anschlussfähigkeit herzustellen. Paulus geht es in all seinen Äußerungen zum Gesetz/zur Tora nie um ‚Gesetzesfreiheit‘, sondern um die Frage, wie die soteriologische Exklusivität des Christusgeschehens, die Erfüllung des Gesetzes in der Liebe und die Beschneidungsfreiheit der Glaubenden aus griechisch-römischer Tradition zusammengedacht werden können (14).

Israel: Wenn das Heil von den Juden zu den Christusgläubigen überging und sich zugleich die Mehrheit Israels diesem ‚neuen Weg‘ (Apg 19,23) verweigerte, stellt sich mit aller Schärfe die Frage nach dem Verhalten Gottes gegenüber dem erwählten Volk Israel und der Gültigkeit seiner Verheißungen. Damit verband sich für die Urgemeinde die Frage nach ihrem theologisch-politischen Standort. Im Vorfeld des jüdischen Krieges wächst unter zelotischem Einfluss der jüdische Nationalismus und damit die Abgrenzung gegenüber den Heiden. Die schnell wachsende Zahl der Christusgläubigen aus den Völkern und ihr Anspruch, auch ohne Beschneidung Glieder des auserwählten Gottesvolkes zu sein, musste von der Synagoge als Provokation und Gefährdung verstanden werden. Deshalb entschied sich die Urgemeinde unter Führung des Herrenbruders Jakobus wahrscheinlich für eine Änderung ihrer Haltung gegenüber den Beschlüssen des Apostelkonvents bzw. für eine Aktivierung der schon immer vorhandenen Vorbehalte gegenüber der pln Position (Apg 15,28f). Um weiterhin eine Gruppe innerhalb des Judentums bleiben zu können, wurde eine der pln Mission nachfolgende Gegenmission zugelassen, deren Ziel es war, Heidenchristen zur Beschneidung und zur Beachtung des jüdischen Festkalenders zu zwingen (15).

In dieser Situation stellt sich Paulus der Israelfrage, die er in Röm 9-11 ausführlich behandelt. Zunächst unterscheidet er zwischen dem Israel nach dem Fleisch und dem Israel der Verheißung, das allein das wahre Israel ist (Röm 9,6-8). Er nimmt damit wie bei der Gesetzesfrage eine Neudefinition vor. Sodann behauptet er, nur ein Rest Israels sei erwählt, die Übrigen hingegen verstockt (Röm 11,5ff). Schließlich gelangt er über den Gedanken, die Erwählung der Heiden werde Israel zum Heil gereichen, zu der Spitzenthese in Röm 11,26: „Ganz Israel wird gerettet werden“. In 11,20 wird als Grund für den Auschluss Israels vom Heil der Unglaube genannt, dessen Überwindung in V.23 als Bedingung für das Eingehen Israels ins Heil erscheint. Insbesondere V.23 macht somit eine Interpretation von V.26 jenseits des Christusglaubens wenig wahrscheinlich. Neben V.23 legen auch die Unterscheidung zwischen dem Israel der Verheißung und dem Israel nach dem Fleisch in 9,6 die Bemerkung des Apostels in Röm 11,14, er hoffe einige seiner Landsleute zu retten, diese Interpretation nahe (15f).

Paulus erwartet nach Röm 11,25-27 ein Handeln Gottes im Endgeschehen, das mit dem Erscheinen des Parusie-Christus zu einer Bekehrung und damit zur Rettung Israels führt. Paulus sieht so die Treue und die Identität Gottes gewahrt, der Israel nicht für immer verstieß, sondern Juden und Heiden gleichermaßen dem Ungehorsam unterwarf, um sich ihrer in Jesus Christus zu erbarmen (11,32). Eine Spannung bleibt: Als Apostel der Völker (Röm 11,13) war er der entscheidende Protagonist der beschneidungsfreien Mission (17).

Gerechtigkeit: Paulus weitet vor allem im Röm die Grundanschauungen der mit der Taufe verbundenen Rechtfertigungslehre zu einer durch Universalismus und Antinomismus gekennzeichneten exklusiven Rechtfertigungslehre aus. Auf soziologischer Ebene zielt sie auf die Gleichberechtigung der Christen aus den Völkern. Sie sichert ihnen als Glaubende und Getaufte angesichts der judaistischen Infragestellung die uneingeschränkte Zugehörigkeit zum auserwählten Gottesvolk. Darüber hinaus wird die für die römische Gesellschaft grundlegende Kultur der Gegenseitigkeit grundlegend verändert, indem Paulus in radikaler Weise einen Anspruch auf Gottes Wohltaten verneint. Niemand ist vor Gott gerecht (Röm 3,23) und nur Gott allein ist gut (Röm 5,7). Zudem wird die unverdiente Gabe der göttlichen Gerechtigkeit durch einen Gekreuzigten übergeben. Weil niemand auf Grund seiner Rasse, seines Geschlechts oder seines sozialen Standes einen Anspruch auf göttliche Wohltaten hat, führt Paulus eine Demokratisierung des Gnaden-Verständnisses durch. Theologisch negiert die exklusive Rechtfertigungslehre nicht nur jede soteriologische Funktion der Tora und reduziert ihre ethische Relevanz auf das Liebesgebot; sie entschränkt jegliches partikulare bzw. nationale Erwählungsbewusstsein und formuliert ein universales Gottesbild: Jenseits von Rasse, Geschlecht und Nationalität schenkt Gott jedem Menschen im Glauben an Jesus Christus seine die Sündenmacht überwindende Gerechtigkeit (19).

Gerechtigkeit Gottes benennt prägnant das Offenbarwerden sowie das Einbezogenwerden in und die Teilhabe der Glaubenden an Gottes rechtfertigendem Handeln in Jesus Christus. Im Röm fungiert ‚Gerechtigkeit Gottes‘ als theologischer Leitbegriff, weil Paulus im Gefolge der galatischen Krise und im Blick auf die Kollektenübergabe in Jerusalem seine Christologie theozentrisch profiliert und die Gesetzesproblematik einer Lösung zuführen muss: Im Christusgeschehen erschien die von Gott ausgehende und im Glauben anzunehmende Gerechtigkeit Gottes, die allein den Menschen vor Gott rechtfertigt und somit dem Gesetz/der Tora jegliche soteriologische Bedeutung nimmt (Röm 6,14) (20).

Alle Menschen sind ausweglos der Macht der Sünde untertan (Gal 3,22; Röm 3,9.20), d.h. der Status des Sünders kennzeichnet alle Menschen, auch wenn sie einer privilegierten Gruppe angehören und gerecht handeln. Gerechtigkeit kann nur durch den Transfer aus dem Herrschaftsbereich der Sünde in den Christus-Bereich hinein erlangt werden. Paulus negiert jegliche religiöse Sonderstellung, denn seine Christushermeneutik lässt innerhalb des Sünden- und damit auch des Gerechtigkeitsbegriffs keinerlei Differenzierungen zu. Paulus vertritt einen Universalismus, der sich von der Nation, dem Land, dem Tempel und dem Gesetz als Regulativen des Gottesverhältnisses trennt. Damit verlässt er jüdisches Denken, das als national und partikular bezeichnet werden kann. Gottes Handeln ist jeglicher menschlicher Aktivität vorgängig, das neue Sein hat nicht Tat-, sondern Geschenkcharakter. Nicht das Tun definiert das Menschsein, sondern allein das Verhältnis zu Gott. Das Subjekt weiß sich unmittelbar auf Gottes vorgängiges Tun gegründet, es konstituiert sich aus seiner Beziehung zu Gott und versteht sich als von Gott anerkannt, gehalten und erhalten. Damit ist die Rechtfertigungslehre auch die christliche Symbolisierung einer unantastbaren Menschenwürde jedes Individuums (20f).

In großer Nähe zum griechisch-römischen Denken integriert Paulus das Gesetz/die Tora in das höchste Prinzip menschlichen Lebens: Die Liebe. Die Überführung in die Liebe nimmt dem Gesetz/der Tora die zerstörerische Kraft des religiösen Eifers und stärkt so seine dienende Funktion. Der antike griechische Mensch geht (wie der moderne Mensch) von der Überzeugung aus, dass er aus eigener Kraft durch sein Denken und Handeln seine Lebensbestimmung erreichen kann. Paulus entwirft ein anderes, neues Bild: alle Attribute, die Menschen in der Regel ihrer Subjektivität zuschreiben, werden von Paulus Gott zugeschrieben: Gerechtigkeit, Liebe und Freiheit. Allein Gott als Grund der Externität menschlicher Existenz vermag die Freiheit und Würde des menschlichen Subjekts zu begründen und zu bewahren (22).

Anhang: Wandlungen im paulinischen Denken in bezug auf das Gesetz und auf Israel

a. Das Gesetz
b. Israel

U. Schnelle (1989)

a. Das Gesetz

Der 1Thess und 1/2Kor kennen das Gesetzesverständnis des Gal und Röm noch nicht. Offenbar bedurfte es des äußeren Anstoßes der galatischen Ereignisse, um zur Formulierung einer reflektierten und begrifflich akzentuierten Rechtfertigungslehre zu kommen (53f).

Das Gesetzesverständnis des Gal

In Galatien steht für Paulus sein von Christus geoffenbartes Evangelium auf dem Spiel (1,6ff; 1,11ff), das fremde judenschristliche Missionare durch die Forderung nach Einhaltung kultischer Zeiten (4,3.9f) und der Beschneidung (5,3.11f; 6,22f) in sein Gegenteil verkehren wollen (54).

Das Ergebnis der Heidenmissionssynode nennt Gal 2,9b: „Wir zu den Heiden, sie aber zur Beschneidung“. Zwar erkannte diese Regelung die Gleichwertigkeit der beiden Missionsarten grundsätzlich an, aber die Probleme im Umgang zwischen Heiden- und Judenchristen waren damit nicht gelöst, was der Zwischenfall in Antiochia belegt (Gal 2,11-14). Paulus versteht die Beschneidung und auch die Einhaltung kultischer Zeiten als pars pro toto legis, beides verpflichtet seiner Meinung nach zur vollständigen Toraobödienz. Zeigte der antiochische Zwischenfall mit dem Auftreten der Jakobusleute, dass die Heidenmissionssynode nur eine sehr vorläufige Regelung brachte, so trat mit der offenbar erfolgreichen Missionstätigkeit der Judaisten in Galtien für Paulus eine neue Situation ein. Die Beschneidungsforderung auch für Heidenchristen stellte sowohl das pln Evangelium als auch die pln Missionspraxis in Frage, sodass Paulus auf diese Herausforderung theologisch antworten musste. Er tat dies mit der im Gal erstmals entfalteten Rechtfertigungslehre (55).

Im 1Kor musste sich Paulus nicht mit Judaisten, sondern mit urchristlichen Pneumaenthusiasten auseinandersetzen. Die Korinther wähnten sich aufrgund der Geistesgabe bereist im Heilsstand der Vollendung (1Kor 2,6; 4,8; 5,2; 6,12; 10,1ff.23; 15,12.46). Auch für die im 2Kor erwähnten Gegner war der sich in Zeichen und Wundern artikulierende Geistbesitz entscheidendes Kriterium ihrer Glaubwürdigkeit (2Kor 12,12). Sie gaben sich als wahre Apostel und Diener Jesu Christi aus (2Kor 11,5.13; 12,11), bekämpften das pln Apostolat mit Empfehlungsbriefen (2Kor 10,12.18), warfen Paulus Unaufrichtigkeit (2Kor 1,12ff: Änderung der Reisepläne) und Habgier vor (2Kor 12,14: Bereicherung durch die Kollekte) und lehrten ein anderes Evangelium als er (2Kor 11,4). Die Gegner hatten die Beschneidung nicht gefordert, deshalb kann man die Gegner des 2Kor nicht im gleichen Sinn als Judaisten bezeichnen wie die Gegner des Gal. Die Beschneidung und damit aus pln Sicht die Gesetzesfrage ist im 2Kor nachweisbar noch nicht Gegenstand der Auseinandersetzung (56).

Paulus formuliert die Kernthese seiner Rechtfertigungslehre erstmals im Gal 2,16, wobei er von einer anthropologischen Prämisse ausgeht: Kein Mensch wird aus Werken des Gesetzes gerecht (Gal 2,16), denn der Mensch kann nicht das Gesetz in allen Bestimmungen befolgen (dagegen Phil 3,6), sodass er durch sein Zurückbleiben hinter den Forderungen des Gesetzes unter dessen Fluch gerät (Gal 3,10-12). Jede einzelne Übertretung hat die völlige Ungerechtigkeit des Menschen zur Folge, es gibt keine quantitativen Abstufungen, sondern nur Erfüllung oder Nichterfüllung des Gesetzes (Gal 5,3). Geht Paulus bei dieser Interpretation von der menschlichen Erfahrung des Scheiterns am Gesetz aus, so findet sich die eigentliche Begründung in Gal 3,22: „Die Schrift hat alles unter die Sünde eingeschlossen“. Die Macht der Sünde bewirkt letztlich, dass das Gesetz seine Qualität als Heilsweg verliert. In Gal 2,17f wertet Paulus das Verhalten des Kephas in Antiochia als Beleg für seine These, denn dieser hat durch seine Teilnahme am Mahl mit Heiden die Heilsnotwendigkeit des Gesetzes verneint (56f).

Durch die Predigt des Glaubens und nicht aus Gesetzeswerken haben die Galater den Geist empfangen (Gal 3,1-5). An diese Erfahrung appeliert Paulus, um den Galatern die Widersinnigkeit ihres Tuns vor Augen zu stellen. Im Geist sind die Söhne Gottes und somit die wahren Erben (Gal 4,6f; 3,26), im Geist erwarten sie das Hoffnungsgut der Gerechtigkeit (5,5) und weil sie im Geist leben, wandeln sie auch im Geist (5,25), vollbringen Früchte des Geistes (5,22), sodass schließlich gilt: „Wenn ihr euch vom Geist leiten lasst, seid ihr nicht unter dem Gesetz“ (5,18). Die Galater sind Geistbegabte (6,1) und als solche dem Fleisch nicht mehr unterworfen (6,8), sie sind eine „neue Schöpfung“, sodass weder Beschnitten- noch Unbeschnittensein eine Bedeutung zukommt (6,15). In ihnen gewinnt Jesus Gestalt (4,19), sie haben Christus angezogen (3,27) und sie sind schließlich in Christus allen ethnischen, religiösen und sozialen Unterscheidungen enthoben (3,28). All dies bedeutet Berufung zur Freiheit, die sich in der Liebe realisiert (5,13), Befreiung von jeglicher Knechtschaft (5,1). Alle Äußerungen des Paulus im Gal über das Gesetz und die Gerechtigkeit aus Glauben sind auf dem Hintergrund der durch den Geist und die Freiheit bestimmten christlichen Existenz der Galater zu sehen. Die Aussagen über das Gesetz und die Gerechtigkeit sind in eine zuallererst situationsbedingte Argumentation eingebunden, deren Ziel darin liegt, den Galatern die Unsinnigkeit ihres Verhaltens angesichts ihres erreichten Standes klarzumachen (57f).

Bildet die Geisterfahrung der Galater den eigentlichen Horizont der Argumentation des Apostels, so bedient er sich im einzelnen einer vielschichtigen Beweisführung. Zunächst versucht Paulus an der Gestalt Abrahams die Schriftgemäßheit seiner antinomistischen Rechtfertigungslehre zu erweisen. Nicht das Gesetz des Mose für die Beschnittenen, sondern allein die Verheißung Gottes an Abraham für alle Völker ermöglicht das Heil (Gal 3,6ff). Durch seinen Glauben und durch die an ihn ergangenen Verheißungen dient Abraham dem Apostel gleichermaßen als Vorabbildung und Begründung des Christusgeschehns wie auch der Existenz der glaubenden Gemeinde. Allein in Christus sind die Verheißungen Abrahams in Erfüllung gegangen (3,16) und durch den Glauben an Jesus Christus empfing die Gemeinde die Heilsgabe des Geistes (3,14), sodass nun die Christen die wahren Erben der Verheißung sind (3,7.29). Allein schon der zeitliche Abstand von 430 Jahren zwischen der Abrahamverheißung und dem Gesetz erweist die sachliche Priorität der Verheißung (58).

Die Frage nach der Funktion des Gesetzes beantwortet Paulus erstmals in Gal 3,19, wo er betont, es sei lediglich um der Übertretungen willen hinzugefügt worden. Dem Gesetz kommt somit keine Offenbarungsfunktion zu, es dient allein der Sündenprovokation. Es ist ja auch nur von Engeln angeordnet worden (3,19b) und durch den Mittler Mose zu den Menschen gelangt (3,20). Um die Inferiorität des Gesetzes zu erweisen, werden die Engel als dämonische Mächte zu Urhebern des Gesetzes gemacht, wodurch die ursprünglich gute Intention des Gesetzes verkehrt wurde. Neben der Provozierung von Übertretungen kommt dem Gesetz eine zweite Hauptfunktion zu: Es versklavt den Menschen. Christus hat den Menschen von dieser Versklavung befreit und Freiheit ist deshalb das Kennzeichen des Lebens nach dem Geist. Der Glaubende sieht sich allen religiösen, rassischen und ökonomischen Unterschieden enthoben, die Gemeinde ist eins in Christus Jesus (3,26-28) (58f).

Die Abrahamthematik wird weitergeführt: Die Abstammung von Abraham vollzog sich auf zweierlei Weise: nach dem Fleisch und durch die Verheißung (Gal 4,23). Entspricht der fleischliche Sohn dem Sinaibund, der in die Knechtschaft führte und sich im irdischen Jerusalem manifestierte, so wird der Sohn der Freien durch das himmlische Jerusalem repräsentiert, das die Mutter der Christen ist. Es gilt nun: „Ihr aber, Brüder, seid wie Isaak Kinder der Verheißung“ (Kinder der Freiheit), sodass alles darauf ankommt, die im Christusgeschehen begründete, in der Pneumagabe zugeeignete und durch die Schrift bestätigte Freiheit zu wahren und nicht durch Toraobservanz in ihr Gegenteil zu verkehren (60).

In Gal 5,14 (Lev 19,18) wird gesagt, dass das ganze Gesetz in der Nächstenliebe erfüllt sei. Dies bedeutet radikale Reduktion und gerade dadurch bewusste Abrogation der mosaischen Tora, indem das mit ‚Gesetz‘ bezeichnet wird, was die ‚Geistbegabte‘ ohnehin auszeichnet, nämlich die Liebe (5,22). Das Gesetz wird gänzlich durch Christus dementiert und hat keinerlei Verbindung mit dem mosaischen Gesetz (60f).

Die Vielschichtigkeit der pln Gesetzeskritik im Gal erhält ihre entscheidende Signatur und Einheitlichkeit allein von der Pneumatologie! Durch die Gabe des Geistes ist es für die Christen nicht mehr erforderlich und zugleich unmöglich, sich dem Gesetz zu unterstellen (5,18). Da die Christen die entscheidende Heilsgabe des Geistes nicht aus Werken des Gesetzes, sondern aus der Botschaft des Glaubens empfangen haben (3,2.5), sind Beschneidung und Kalenderabservanz unsinnig, weil sie die im Pneuma zugeeignete Freiheit wieder in ihr Gegenteil verkehren (61).

Das Gesetzesverständnis des Röm

Die Neubewertung des Gesetzes im Röm hängt mit der Briefsituation und der Einführung des theologischen Leitbegriffs ‚Gerechtigkeit Gottes‘ zusammen. Paulus will in Spanien sein Werk fortsetzen und bedarf deshalb der Unterstützung der römischen Gemeinde (Röm 15,20.24). Zuvor beabsichtigt er, die Kollekte für die Urgemeinde in Jerusalem zu übergeben. Paulus sah neben der materiellen Unterstützung in der Kollekte eine Anerkennung des heilsgeschichtlichen Vorranges der Urgemeinde (15,27), vor allem aber ein Band der Einheit zwischen Heiden- und Judenchristen, das die Vereinbarungen der Heidenmissionssynode (Gal 2,9) bekräftigen sollte. Nun aber bezeugt die zunehmende Agitation der Judaisten (selbst in den pln Gemeinden 2Kor, Gal), dass deren Position gegenüber der Heidenmissionssynode (Gal 2,4) erheblich an Gewicht gerade in Jerusalem gewonnen hatte, sodass Paulus sich genötigt sieht, diesen Strömungen erneut entgegenzutreten. Der Röm muss als ein Zeugnis dieser Auseinandersetzung gesehen werden (Röm 3,8.31; 6,1.15; 7,7; 16,17f). Weil der Apostel aber die Römer für seine zukünftigen Pläne braucht, stellt er sich ihnen mit seiner Theologie vor, um so allen Verdächtigungen den Boden zu entziehen (61f).

Z.Zt der Briefabfassung besteht die römische Gemeinde schon mehrheitlich aus Heidenchristen (1,5.13-15; 9,3-5; 10,1-3; 11,13.17-32; 15,15f.18), aber ein beträchtlicher judenchristlicher Einfluss ist dennoch anzunehmen (9,24; 15,7-9; 16,7.11). Paulus erhebt die Wendung ‚Gerechtigkeit Gottes‘ zum Schlüsselbegriff des Röm. Wahrscheinlich schuf Paulus selbst die Wendung ‚ohne Gesetz‘, um so Gottes heilschaffendes Handeln am Menschen präzise zum Ausdruck zu bringen. Im Evangelium offenbart sich die Gerechtigkeit Gottes ‚aus Glauben zum Glauben‘ (1,17). Gott selbst offenbart seine Gerechtigkeit, die im Glauben angenommen wird und auf Glauben zielt. In 3,22 spricht Paulus von der Gerechtigkeit Gottes durch den Glauben an Jesus Christus. Das Christusgeschehen ist der Ort der Gerechtigkeit Gottes und der Glaube an dieses Heilshandeln Gottes dessen Annahmemodus. Die Universalität und Ausschließlichkeit dieses Geschehens wird in Vv 23f unter den Aspekten der Sündhaftigkeit des Menschen und des grundlosen Gnadenhandelns Gottes in Jesus Christus weiter expliziert. „Nun aber ist ohne das Gesetz die Gerechtigkeit Gottes offenbar geworden“ (3,21). Sind Juden und Heiden gleichermaßen am Gesetz gescheitert und der Sünde ausgeliefert (Röm 3,10; Gal 2,16), so gilt nun, dass die Gerechtigkeit Gottes allein und ausschließlich in Jesus Christus offenbar wurde (62f).

Im Christusgeschehen erschien die von Gott ausgehende und im Glauben anzunehmende Gerechtigkeit Gottes, die allein den Menschen vor Gott rechtfertigt und somit dem Gesetz jegliche soteriologische Bedeutung nimmt. Weil durch die Benennung der Gerechtigkeit Gottes als „Gerechtigkeit Gottes ohne Gesetz“ (3,21) das Gesetz als Heilsweg abrogiert ist, kann Paulus im Röm zu einer partiellen Neubewertung des Gesetzes gelangen (63f).

Paulus geht von der universalen Macht der Sünde aus (vgl Gal 3,22), der Juden und Heiden gleichermaßen unterliegen, sodass sowohl die ohne Gesetz als auch die mit Gesetz verloren gehen (2,12). Wenn die Heiden das vom Gesetz Gebotene tun, sind sie sich selbst Gesetz (2,14f); sie belegen damit, dass ihnen die Forderungen des Gesetzes ins Herz geschrieben sind. Dadurch reduziert Paulus das mosaische Gesetz auf ethische Kernforderungen und trägt mit der Vorstellung des ‚ungeschriebenen Gesetzes‘ griechische Gedanken ein, um die Gleichstellung von Juden und Heiden vor Gott zu erweisen. Juden und Griechen unterliegen gleichermaßen und ohne Ausweg der Macht der Sünde (3,9) (64).

Eine Verschiebung gegenüber dem Gal: Die Beschneidung als Erwählungszeichen (3,1) wird positiv bewertet, das durch die Untreue der Juden nicht hinfällig wurde. Standen sich im Gal Beschneidung und Glaube ausschließlich gegenüber, so zeigt sich nun im Röm 4,12 eine Verbindung zwischen beiden, insofern Abraham für die Judenchristen auch Vater der Beschneidung ist, wenn diese glauben. Im Röm gibt es ein Nebeneinander von leiblicher und geistlicher Beschneidung (2,28f) und gilt die Beschneidung als Erwählungszeichen in Verbindung mit dem Glauben für Judenchristen. Auf die Kontrastierung der aussichtslosen Situation des Menschen unter der Sünde (3,20) mit der in Jesus Christus erschienen Heilsmöglichkeit der Gerechtigkeit Gottes (3,21-26) erscheint in 3,27 die für das pln Gesetzesverständnis so bedeutsame Wendung: ‚Gesetz des Glaubens‘ (vgl Gal 6,2). In 3,27 erscheint ‚Gesetz des Glaubens‘ (die Heilstat Gottes in Jesus Christus) als das Mittel, durch das das Rühmen ausgeschlossen ist (65).

Die Versklavung und damit Verurteilung des unter der Macht der Sünde stehenden Ego wäre unabwendbar, wenn Christus die Gläubigen nicht von der Sünde befreit und in den Bereich des Geistes gestellt hätte. Paulus beschreibt diese neue Wirklichkeit mit der Wendung ‚Gesetz des Geistes des Lebens‘ (7,2). Hier muss Nomos mit ‚Norm‘ übersetzt werden, wobei kein Bezug zum mosaischen Gesetz vorliegt. Gesetz des Glaubens bzw. Gesetz des Geistes bezeichnet die neue Heilsordnung in ihrer Diskontinuität zum atl Gesetz (66f).

In Röm 13,8-10 reduziert Paulus die Tora auf das Liebesgebot. Er steht damit in der Tradition jüdischer und judenchristlicher Auslegung (Mt 5,43; 7,12; 19,19; Mk 12,28-34; Lk 10,27), die das Gesetz auf den Liebesgedanken konzentriert, um so seine eigentliche Intention herauszustellen und es auch für Heiden verständlich zu machen. Die völlige Ausrichtung der Tora auf das Liebesgebot kann als bewusste Reduktion und damit Aufhebung verstanden werden, denn die übrigen Gebote und Verbote der Tora verlieren bei Paulus ihre Bedeutung. Damit verlässt Paulus jüdisches Denken. Indem das Gesetz der Agape zugeführt wird, verändert es seinen Charakter und seine ursprüngliche Bedeutung, denn nun wird es von der Liebe bestimmt und im Liebesgedanken zusammengefasst. Beachtet man, dass Paulus seine positive Bewertung des Gesetzes in 3,31; 13,8-10 jeweils nach einer grundlegenden Kritik des Gesetzes als Heilsweg formuliert und es sich um Paränese handelt, so kann von einer Restitution der Tora in 3,31; 13,8-10 nur scheinbar die Rede sein. Zudem zeigen 15,2f.5-7 die christologische Füllung des Liebesgedankens bei Paulus, denn Gott offenbart in Jesus Christus seine Liebe und ermöglicht dadurch das neue Verstehen der Nächstenliebe als eigentlicher Erfüllung des Gotteswillens (67f).

Das notwendige Scheitern des (adamitischen) Menschen am Gesetz wird in seiner grundsätzlichen Dimension in 7,14-25 aus christlicher Sicht entfaltet. Die im Menschen wohnende Sünde (7,17.20.23) bedient sich gerade des menschlichen Strebens nach dem Guten, um ihn zu unterjochen. Der auf das Gesetz ausgerichtete Mensch will das Gute, er tut aber durch die Verführung der Sünde das Böse (7,18f.21), das er als solches nicht erkennen kann, weil er sich gerade in seinem Streben nach dem Guten der Macht der Sünde nicht bewusst ist (69).

Von besonderer Bedeutung für das pln Gesetzesverständnis ist Röm 10,4, wo Christus als das „Ende des Gesetzes“ bezeichnet wird, „zur Gerechtigkeit für jeden, der glaubt“. In 9-30-33 stellt Paulus zunächst die Gerechtigkeit aus Glauben der Heiden dem Gesetz der Gerechtigkeit der Juden gegenüber. Das Scheitern am Gesetz wird mit der Feststellung erklärt, Israel habe die Gerechtigkeit nicht aus Glauben, sondern aus Werken erlangen wollen (9,32). Christus wurde Israel zum Stein des Anstoßes, weil es den Weg des Gesetzes und nicht den Weg des Glaubens ging (9,33). In 10,2 bestätigt Paulus Israel den Eifer für Gott, aber auch die fehlende Einsicht. Sie offenbart sich in dem Versuch, die eigene Gerechtigkeit aufzurichten und sich nicht der Gerechtigkeit Gottes unterzuordnen (V 3). Für den Glaubenden hingegen gilt: Christus ist seine Gerechtigkeit, sodass Christus zugleich das Ende des Gesetzes ist. Gerechtigkeit gibt es allein für den Glaubenden (70).


Das Gesetzesverständnis des Phil

Die Gesetzesproblematik tritt auffällig zurück. Nur die Gegenüberstellung der Gerechtigkeit aus dem Gesetz mit der Gerechtigkeit aus Gott (3,9) knüpft an die Erörterungen des Röm an. Allein Gott ist Ursache und Quelle der Gerechtigkeit. Ergriffen wird diese Gerechtigkeit durch den Glauben, der selbst ein Element des Gnadenhandelns Gottes in Jesus Christus ist. Der Apostel behauptet in V 6 von sich selbst, er sei der Gesetzesgerechtigkeit nach untadelig gewesen. Paulus nimmt für sich in Anspruch, was er andern abspricht, um so eine Negativfolie für seine Rechtfertigungslehre zu erhalten (71).

Folgerungen

Paulus schildert Damaskus als ein Offenbarungsgeschehen, dessen Inhalt eine Christophanie, dessen Folge eine radikale Lebenswende waren. Der Befund im 1Thess und 1/2Kor lässt nur den Schluss zu, dass de facto die Gesetzesfreiheit mehr oder weniger selbstverständliche Basis war. Aufschlussreich ist der Umgang des Apostels mit den Gemeindeproblemen. Er misst den rituellen Gesetzen keine Bedeutung mehr zu (vgl 1Kor 6,12; 10,23; Röm 14,14.20), sondern sieht in der Rücksichtnahme gegenüber der gefährdeten Gruppe und im gegenseitigen Annehmen das rechte christliche Verhalten (1Kor 8,9.12f; 10,32; Röm 14,13.15.29f; 15,7) /72f).

War die Tora zwischen Paulus und den Thessalonichern weder ein Thema noch ein Problem, so bezeugen die Korintherbriefe eine große Freiheit im Umgang mit dem Gesetz. Zeigt 1Kor 7,19b die ethische Relevanz der Gebote in der Gemeinde an, so nennt 1Kor 7,19a auch die Voraussetzung dafür: die Aufhebung aller heilsgeschichtlichen oder ethnischen Prärogative. Während die Beschneidung als Heilsgabe Gottes außer Kraft gesetzt war, konnte die Tora in ihrem ethischen Kerngehalt weiter unbefangen in Anspruch genommen werden, wie es neben 1Kor 7,19b die Zitierung der Tora als Schrift in 1Kor 9,8; 14,21.34 zeigen. Der freie Umgang des Apostels mit der Tora spiegelt sich auch in 1Kor 9,20-22 wider, wo deutlich wird, dass Nomos in der Missionspraxis jeweils nach der missionarischen Zielsetzung des Apostels eine sehr unterschiedliche Bedeutung haben kann. Ziel des Paulus ist allein die Rettung von Juden und Heiden, die außerhalb des Christusgeschehens verloren sind (vgl 1Kor 9,22b). Die Distanz der Gesetzesaussagen der Korintherbriefe zu der überaus komplexen Argumentation des Apostels im Gal und Röm ist offenkundig (73).

Das offenbar über lange Zeit relativ problemlose Nebeneinander von Gesetzesfreiheit als Grundlage der pln Heidenmission und selbstverständlicher Geltung der Tora als ethischer Norm wurde durch das Auftreten judenchristlicher Missionare in Galatien beendet. Ihre Forderung nach Beschneidung auch für Heidenchristen nötigte Paulus, die Gesetzesproblematik von der Peripherie in das Zentrum seiner Theologie zu rücken. Gegenüber dem Apostelkonzil hatte sich eine einschneidende Veränderung der Situation ergeben, denn dort wurde an der Person des Titus exemplarisch deutlich, dass Heidenchristen sich nicht beschneiden lassen müssen, um Glieder des Volkes Gottes zu werden (vgl. Gal 2,3). Die Rechtfertigungslehre des Gal ist eine neue Antwort auf eine neue Situation. Paulus ringt mit einem für ihn in dieser Form neuen Problem. Dies zeigen die dargestellten sehr verschiedenartigen Begründungen für die Abrogation der Tora. Die Vielschichtigkeit der pln Argumentation legt den Schluss nahe, dass der Apostel mit aller Macht eine in seine Gemeinde eingedrungene neue Irrlehre entkräften will. Dabei ergeben sich z.T. erhebliche Spannungen innerhalb der pln Beweisführung (vgl. Gal 3,19f mit Gal 3,21; Gal 5,3 mit Gal 5,14), die ebenfalls auf die Situationsbedingtheit pln Argumentation hinweisen (74).

Wie sehr die pln Rechtfertigungslehre der Situation verhaftet ist, zeigen die Unterschiede im Gesetzesverständnis zwischen dem Gal und Röm. Veranlasst wurde Paulus zu den teilweise neuen Aussagen über das Wesen und die Funktion des Gesetzes durch die gegenüber dem Gal veränderte Gesprächslage, ermöglicht wurden sie ihm durch die Einführung der Wendung ‚Gerechtigkeit Gottes ohne Gesetz‘ (Röm 3,21) als theologischen Zentralbegriff (74f).

Das Fehlen einer begrifflich reflektierten Rechtfertigungslehre im 1Thess und 1/2Kor und die Unterschiede zwischen dem Gal und Röm lassen als Schlussfolgerung zu: Das pln Gesetzesverständnis ist durch Wandlungen gekennzeichnet, die sich der jeweiligen missionarischen Situation verdanken. Diese Wandlungen bringen jeweils essentiell neue Aussagen (75f).

                   

b. Israel

Das Verhältnis zu Israel ist für Paulus gleichermaßen ein biographisches und theologisches Problem. Als Pharisäer wurde er in die Überlieferungen der Väter eingewiesen und verfolgte als Eiferer die christliche Gemeinde (Gal 1,13f; Phil 3,5f). Nun ist er selbst der vehementeste Verfechter jener Anschauung, die er zuvor als Gotteslästerung ansah und verwarf. Wenn das Heil von den Juden zu den Christen überging, stellt sich die Frage nach dem Verhalten Gottes gegenüber dem Volk Israel und der Gültigkeit seiner Verheißungen (77).

1Thess 2,14-16

Das Wirken des Wortes Gottes zeigt sich darin, dass die Thessalonicher Nachahmer der judäischen Gemeinden werden, indem sie von ihren Landsleuten dasselbe erleiden, was jene durch die Juden erlitten. In V 15f wendet sich Paulus den sich dem Christusglauben verschließenden Juden zu. Gegen sie erhebt er folgende Vorwürfe: Die Anklage: die Juden hätten Schuld am Tod Jesu und der Propheten, hat Parallelen in Mt 23,34-36/Lk 11,49-51; Mk 12,1-9; Apg 7,52. Durch den Anschluss ‚und uns verfolgten‘ stellt Paulus seine eigenen Leiden auf eine Stufe mit dem Verhalten der Juden gegenüber Jesus und den Propheten. ‚Sie sind allen Menschen feind‘ ist ein Topos antijüdischer Polemik der Antike: Die dem Evangelium feindlich gesonnenen Juden behindern die Mission unter den Heiden und damit deren Rettung, sodass ihr Sündenmaß voll ist und nun gilt: „Auf sie ist bereits der Zorn vollständig gekommen“. Die Behinderung der Heidenmission hat das Gericht über die Juden gebracht, d.h. die Erwählung ist ihnen genommen. Paulus wirft den Juden vor, was er als Pharisäer selbst tat (77f).

Die Korintherbriefe

In 1Kor 10,1ff erscheint die Wüstengeneration als warnendes Paradigma für die korinthischen Enthusiasten. 2Kor 3 bietet einen Einblick in das pln Selbstverständnis als Apostel und seine christologische Interpretation des ATs. Durch die Antithese ‚Buchstabe – Geist‘ (2Kor 3,6) markiert Paulus den grundlegenden Unterschied zwischen dem alten und neuen Bund. Die Herrlichkeit des Verkündigungsamtes überragt bei weitem die Herrlichkeit auf dem Angesicht des Mose, die jener mit einer Decke vor dem Volk verhüllen musste (Ex 34,39-35). In V 14 begründet Paulus die Blindheit Israels gegenüber der Herrlichkeit der Christusoffenbarung: aber ihre Gedanken wurden verstockt. Damit rückt die gegenwärtige Schuld der Israeliten in den Blick. Nicht Mose, sondern sie selbst sind verantwortlich für ihren Unglauben. Indem sie sich der Christusoffenbarung verweigern, bleibt für sie auch das AT verschlossen, denn die bis zum heutigen Tag auf ihm liegende Decke kann nur in Christus abgetan werden (Vv 14bf). Für Paulus zielen die atl Verheißungen auf Christus, nur von ihm her ist ein sachgemäßes Verständnis des ATs möglich. Veränderung gegenüber 1Thess 2,14-16: (1) das endgültige Gerichtsurteil über Israel ist noch nicht gesprochen, Israel kann sich bekehren; (2) das AT findet in Christus seine Erfüllung, Gott steht in der Kontinuität seiner Verheißungen (79).

Der Galaterbrief

Paulus kommt in 6,12-14 noch einmal auf die Gegner zu sprechen, um dann in V 15 sein grundlegendes Credo anzuschließen, wonach weder Beschneidung noch Unbeschnittenheit etwas gilt, sondern allein die neue Existenz in Jesus Christus (vgl. Gal 3,26-28; 1Kor 7,19; 2Kor 5,17). Die Gesamtgemeinde aus Juden und Heiden, sofern sie sich der in V 15 beschriebenen neuen Existenz des Christen verpflichtet weiß, ist das Israel Gottes, nicht das empirische Israel („Israel nach dem Fleisch“ 1Kor 10,18). Die Auseinandersetzung mit den Judaisten beinhaltet auch eine scharfe Trennung vom nichtgläubigen Judentum. In Gal 4,25 repräsentiert das irdische Jerusalem das Volk Israel, das nicht nur zum Bereich der Knechtschaft gehört, sondern vom Apostel auf Hagar und Ismael zurückgeführt wird, sodass Abraham und Sara mit dem empirischen Israel in keinem Zusammenhang stehen. In 4,30f formuliert Paulus als Ertrag der Sara-Hagar-Allegorese seine Sicht des Heilshandelns Gottes: Die Juden wurden von Gott verworfen, allein die Christen sind Erben der Verheißung (80).

Der Römerbrief

Die Frage nach der Gültigkeit der an Israel ergangenen Verheißungen angesichts der Offenbarung der ‚Gerechtigkeit Gottes ohne Gesetz‘ kommt in Röm 1,16; 2,9f (der Jude zuerst) in den Blick. Hatte der Apostel zuvor die Prärogative Israels scheinbar entwertet, so stellt sich in Röm 3,1-8 erstmals die Frage nach den Vorzügen Israels. Nachdrücklich (viel in jeder Weise) bejaht er die herausgehobene Stellung Israels und nennt als erste besondere Gabe die Verheißungen und Weisungen der Schrift. Die Treue Gottes wird durch die Untreue einiger aus dem Volk Israel nicht aufgehoben. Gottes Wahrhaftigkeit bleibt auch angesichts menschlicher Ungerechtigkeit bestehen. Paulus behandelt hier (3,1-8) ein Thema in geraffter Form das nicht so recht in den Gedankengang passen will. Den sachgemäßen Ort für die Behandlung der Thematik sieht Paulus in Röm 8,18-39, denn das Schicksal Israels ist ein Bestandteil des endzeitlichen Handelns Gottes. Das übergreifende Thema von Röm 9 - 11 ist die Frage nach der in Jesus Christus erschienen Gerechtigkeit Gottes und damit der Treue Gottes angesichts der an Israel ergangenen Verheißungen (9,14ff; 10,3ff). Gottes Gerechtigkeit steht auf dem Spiel, wenn die Erwählung Israels, die Verheißungen an die Väter und die Bundesschlüsse nicht mehr gelten sollten (9,5). Die Erwählung gilt, die Verheißungen bestehen, aber Israel ist angesichts der Offenbarung Gottes in Jesus Christus in die Krisis geraten. Es geht Paulus darum, angesichts der Treue Gottes die Untreue Israels zu zeigen (81f).

Nicht das leibliche Sohnsein, sondern allein die Verheißung garantiert die wahre Nachkommenschaft Abrahams. Die Berufugn Jakobs (Vv 10-13) illustriert Gottes freies Erwählungshandeln. So wie Gott damals ohne Anrechnung der Werke Jakob berief und Esau zurücksetzte, so tut er es heute mit den Judenchristen und Juden. „So erbarmt er sich, wessen er will, und verhärtet, wen er will“ (V 18). Nicht nur die Berufung der Judenchristen, sondern auch die der Heidenchristen ist ein Werk des in Freiheit berufenden Gottes und somit Gottes in der Schrift kungetaner Wille (Vv 25-29) (82f).

In Röm 9,30 - 10,21 wendet Paulus sich dem Verhalten Israels gegenüber der Glaubensgerechtigkeit zu. Israel hat sich der Glaubensgerechtigkeit verschlossen und den Versuch unternommen, die Gerechtigkeit aus Werken zu erlangen (30-33). Paulus konstatiert Israels Eifer für Gott, dem aber die Erkenntnis fehlt, weil es auf die Errichtung der eigenen Gerechtigkeit zielt (V 2f). Retten kann allein der Glaube an Jesus Christus, der im Bekenntnis Gestalt gewinnt (V 10). Gott hat sich aus Gnade einen Rest, die Judenchristen erwählt, das übrige Israel hingegen ist verstockt (5-7). Doch ist die Situation für das ungläubige Israel nicht aussichtslos, denn durch den Übergang des Heils zu den Heiden soll Israel gereizt werden, auch das Evangelium anzunehmen (V 11). Die Verstockung eines Teils Israels währt nur so lange, bis die Fülle der Heiden bekehrt ist und so gilt: „Ganz Israel wird gerettet werden“ (V 26a). Rettung jenseits des Glaubens an Jesus Christus gibt es für Paulus nicht (83f).

Paulus erwartet (11,25-27) ein Handeln Gottes im Endgeschehen, das zu einer Bekehrung und damit zur Rettung Israels führt. Gott hat Israel nicht für immer verstoßen, sondern Juden und Heiden gleichermaßen dem Ungehorsam unterworfen, um sich ihrer in Jesus Christus zu erbarmen (11,32) (85).

Folgerungen

Die Behinderung seiner Heidenmission führt Paulus in 1Thess 2,14-16 zu dem definitiven Urteil, der Zorn Gottes sei bereits über die Juden gekommen. Demgegenüber rechnet der Apostel in 2Kor 3,16 mit der Möglichkeit einer Bekehrung Israels und interpretiert das AT christologisch. In der Auseinandersetzung mit den galatischen Judaisten gebraucht Paulus das einzige Mal die Wendung ‚Israel Gottes‘ (6,16), um mit ihr die Gesamtkirche aus Juden- und Heidenchristen zu bezeichnen und zugleich deutlich zu machen, dass allein die Christen Erben der Verheißung sind. In Röm 9 - 11 verwendet Paulus ‚Israel‘ als Ehrentitel auch zur Bezeichnung der ungläubigen Juden (Röm 9,6.31; 10,19.21; 11,2.7). Paulus erwartet ein Handeln Gottes im Endgeschehen, das zur Bekehrung Israels führen wird (11,25f) (85).

1Thess 2,14-16 ist mit Röm 11,25f unvereinbar, sodass von einer Revision der pln Haltung gesprochen werden muss. Während Gott dort sein Volk bereits verstoßen hat, wird er es hier noch retten. Die Polemik in 1Thess 2,14-16 ist durch die jüdische Behinderung der Heidenmission bedingt. Schon 2Kor 3 zeigt, dass eine neue Situation für Paulus wieder andere Aussagen zuließ. Hinzu kommt die persönliche Lage des Apostels: Er sieht seine Mission im Osten als beendet an (Röm 15,23) und will die Kollekte nach Jerusalem bringen, um dann seine Arbeit im Westen fortzusetzen (15,24ff). Sowohl die Kollekte als sichtbares Einheitsband zwischen Juden- und Heidenchristen als auch das faktische Übergewicht der Heidenchristen in den bisherigen Missionsgebieten nötigten Paulus zu einem neuen Nachdenken über das Schicksal Israels (22).