1.5 Sekundäre Umdeutung der ursprünglich eschatologischen Bilder der Drei-Tage-Worte-Jesu

J. Jeremias

Tempelneubau Mk 14,58:Wir haben ihn sagen gehört: Ich werde diesen mit Händen gemachten Tempel niederreißen und in drei Tagen einen anderen, nicht mit Händen gemachten erbauen“. Jh 2,19:Brecht diesen Tempel ab und in drei Tagen werde ich ihn wieder errichten“. Die Zerstörung des alten Heiligtums bezeichnet die eschatologische Katastrophe (Mk 13,2); mit dem neuen Tempel ist das Heiligtum der Endzeit als Symbol der Heilsgemeinde gemeint; sein wunderbares In-Erscheinung-Treten bedeutet den Anbruch der Heilszeit. Der antithetische Parallelismus, der zwei Ereignisse gegenüberstellt, und der apokalyptische Stil, demzufolge die Errichtung des neuen Tempels das Wunder der Weltenwende beschreibt, fordert die Bedeutung: nach Ablauf von drei Tagen. Das Jesuswort gibt einen knappen Aufriß der Endereignisse: das Hereinbrechen der Katastrophe – die Notzeit von drei Tagen – der Neubau des Heiligtums. Auf die 'drei Tage' folgt die Äonenwende (221f).

Vollendung Lk 13,32:Siehe ich treibe Dämonen aus und vollbringe Heilungen heute und norgen und am dritten Tag werde ich vollendet“. Hier umfassen die zwei ersten Tage die das Ende durch Exorzismen und Heilungen vorbereitende Wirksamkeit Jesu. Auch hier folgt am dritten Tag die Wende, denn 'ich bin am Ziel' hat, wie Hebr 7,28;  10,14;  Jh 19,30 eschatologischen Klang. Lk 13,33:Doch muss ich heute und morgen und am folgenden Tag wandern, denn es geht nicht an, dass ein Prophet umkomme außerhalb von Jerusalem“. Der dritte Tag bezeichnet hier nicht die Wende, sondern gehört noch zum Auftakt vor der Wende. Anders als in den ersten zwei Beispielen ist es in V.33 der Tod, der nach den drei Tagen des Wanderns die Peripetie darstellt. Der Vergleich mit den anderen Drei-Tage-Worten zeigt, dass der Tod die auf ihn folgende Verherrlichung einschließen wird. Es ist nicht vom Tod schlechthin die Rede, sondern vom prophetischen Martyrium. Dass Lk 13,33 nur den Tod erwähnt, wird sich daraus erklären, dass das Logion von Ironie getragen ist: hierzulande ist es ja Brauch, dass Gottesmänner in der Gottesstadt umgebracht werden (222f).

Wiedersehen Jh 16,16Nur noch kurze Zeit – dann werdet ihr mich nicht (mehr) sehen und nochmals kurze Zeit – dann werdet ihr mich sehen“. Es werden zwei Zeitspannen unterschieden, auf die die Wende folgt. Die erste bezeichnet die von Ungewissheit und dem Ahnen schrecklicher Dinge erfüllte nächte Zukunft, die die Katastrophe einleitet, die zweite eine Zeit des Unheils, in der die Jünger ihren Herrn nicht sehen werden – aber diese beiden Zeitspannen sind nur der Auftakt zu einem 'dritten Tag', der mit dem 'Sehen' die Wende bringt. Johannes verwendet im Kontext eine Fülle von Parusietermini: die Wehen (16,21) und die Trübsal der Verfolgung (16,20-22), auf die 'jener Tag' (16,23) folgt, das Aufhören der Fragen (16,23) und der Rätselrede (16,25), die 'vollkommene Freude (16,24 = die Heilszeit). Zu diesen Parusietermini gehört auch das 'sehen werden' unseres Logions, das durch Mk 14,62 par; Mk 16,7 par als altes Kennwort für die Parusie bekannt ist. Wenn Jh 16,16 vorjohanneische Überlieferung ist (s. die Diskussion 16,17ff), dann bezog sich 'sehen werden' ursprünglich auf die Parusie. Wieder haben wir die eschatologische Anwendung des Drei-Tage-Schemas vor uns: eine kurze Zeit, nochmals eine kurze Spanne, dann die Parusie (124f).

Alle besprochenen Worte haben gemeinsam, dass sie frei von jeder Spur von Gemeindetheologie sind: Jesus wird in die Reihe der Propheten gestellt, seine Wirksamkeit wird mit dem farblosen „wandeln“ bezeichnet, ebenso farblos sind die Zeitangaben 'nur noch kurze Zeit'. Mit 'vollendet werden' und 'ihr werdet mich sehen' wird die Wende des dritten Tages vage umschrieben. Von der Auferstehung ist in den besprochenen Logien nicht die Rede. Keines von ihnen lässt sich zudem aus der Passionsgeschichte ableiten. Sie mussten im Gegenteil, wenn man die drei Tage buchstäblich nahm, als mit dem Verlauf der Passion in Spannung stehend empfunden werden. Am leichtesten ließ sich Jh 16,16 mit den Ereignissen der Passion in Einklang bringen, indem man das 'sehen werden' nicht auf die Parusie, sondern auf Ostern bezog. Beim Wort vom Tempel bestand die Schwierigkeit darin, dass Ostern nicht den Tempelneubau, sondern die Auferstehung gebracht hatte. Die sekundäre Umdeutung auf den 'Tempel' des Leibes Jesu, die das Wort im Johannesevangelium (2,21f) erfuhr, zeigt, wie man versuchte, dieser Schwierigkeit Herr zu werden. Bei den Logien Lk 13,32 (zwei Tage Heilungen, am dritten Tag Vollendung) und 13,33 (drei Tage Wandern, dann der Tod) schloss die inhaltliche Füllung der drei Tage jede Möglichkeit, sie buchstäblich zu fassen und analog zu Jh 2,21f auf die Zwischenzeit zwischen Karfreitag und Ostern zu beziehen, von vornherein aus. In den Drei-Tage-Worten vorösterliche Überlieferung vor uns haben werden. Die Konsequenz aus diesem Tatbestand lautet: Jesus hatte in verschiedenen, von der Kirche später im Licht ihrer Erfahrung umgedeuteten Wendungen den endgültigen Triumpf der Sache Gottes angekündigt. Zu diesen sekundär umgedeuteten Wendungen gehören auch die Bilder der Drei-Tage-Worte: Tempelneubau, Vollendung, Wiedersehen. Sie waren ursprünglich eschatologisch gemeint (225f).

Die Bedeutung der Zeitbestimmung 'drei Tage': Für unser 'mehrere', 'einige', 'ein paar' fehlt im Hebräischen und Aramäischen ein Äquivalent. Die Zeitangabe „am dritten Tag“ hat überwiegend die vage Bedeutung „nach ein paar Tagen“, “in Kürze“, in Bälde“. Der Kontext muss jeweils zeigen, ob eine kurze oder eine längere Zeitspanne gemeint ist. In den Worten Jesu, die die Wende Gottes „nach drei Tagen“ ankündigen, liegt die Bedeutung: „in Bälde“ vor. In Lk 13,32f ist die Kürze nicht betont; hier bezeichnen die drei Tage eine geraume, befristete Zeit. Die Wendung „nach drei Tagen“ ist im AT gebräuchliche Alltagssprache. In der Symbolsprache bezeichnet sie den Anbruch der Segenszeit (Ex 19,11; Hos 6,2). In diesem Sinn hat Jesus sie verwendet (die nachösterliche Zeit musste diese Wendung ex eventu verstehen). Dabei macht es keinen Unterschied, ob die dem dritten Tag vorangehenden Tage als Notzeit oder als Gnadenzeit gemeint sind. Als Notzeit ist die Zeit des Auftaktes in den Evangelien Mk 14,58 und Jh 16,16 gekennzeichnet. Unentrinnbar kommt (Jh 16,16) die eschatologische Bedrängnis, aber in Bälde wird Gottes Sieg sie beenden. Umgekehrt bezeichnen die zwei Tage des Heute und Morgen Lk 13,32 die Gnadenzeit des Heilsangebotes. Die Drei-Tage-Worte müssen weder notwendig die Kürze der Frist betonen, noch muss die Frist selbst unbedingt als Notzeit gedacht sein, immer aber ruht der Akzent darauf, dass Gott den Zeitpunkt der Wende bestimmt. Das Logion Lk 13,33 bezeichnet den Prophetenmord als das 'Privileg' Jerusalems: Niemand kann mir etwas anhaben, denn nicht in Galiläa, sondern in Jerusalem wird sich mein Geschick erfüllen, bis dahin bin ich unantastbar. So ist es Gottes Wille. Jh 16,20: Gott ist der, der die kurze Frist des Kummers in Freude verwandeln wird (226,f).

Mk 9,31b: „… nach drei Tagen wird er auferstehen“:  Die Problematik der Leidesweissagungen: Markus hat die älteste Fassung der Leidensweissagungen (8,31par; 9,31par;10,33fpar). Wenn Matthäus und Lukas das markinische „nach drei Tagen“ in „am dritten Tag“ verwandeln, so ist das eine Präzisierung ex eventu. Das aktivische „auferstehen“ des Markus ist älter als das passivische „auferweckt werden“ der beiden Seitenreferenten, da sowohl das Hebräische wie das Aramäische von der Totenauferweckung stets aktivisch redet. - Die sog. drei Leidensweissagungen sind in Wahrheit Variationen. Die dreifache Wiederholung könnte sich daraus erklären, dass unter den Überlieferungszusammenhängen, drei waren, die die Leidensankündigung enthielten (ebenso wie zwei von ihnen die Speisungsgeschichte boten).

- Von den Varianten der Leidesankündigung hat Mk 9,31 als die ursprünglichste zu gelten: sie ist nicht nur am unbestimmtesten formuliert, sondern bietet auch bei der Rückübersetzung ins Aramäische ein Wortspiel: Gott wird den Menschen (Jesus) den Menschen preisgeben.

- Der auffällige Tempuswechsel in Mk 9,31 vom Präsens zum Futur, der schon

Matthäus und Lukas zur Korrektur veranlasste, macht es wahrscheinlich, dass hier zwei ursprünglich isolierte Jesusworte verschmolzen sind „Gott gibt den Menschen (Jesus) den Menschen preis“ und „Gott wird ihn in Bälde auferwecken“. Das Mk 9,31b zugrunde liegende Kurzlogion „nach drei Tagen wird er auferstehen“ ist ein freies Zitat von Hos 6,2: „Er macht uns lebendig nach zwei Tagen, er wird uns am dritten Tag auferwecken, dass wir vor ihm leben werden“ = Am Tag der Totenbelebung wird er uns auferwecken. Anhand der rabbinischen Exegese von Hos 6,2 hat bereits C.H. Dodd eine Beobachtung gewonnen, dass die Ansage der Auferstehung nach drei Tagen in den Leidensweissagungen ursprünglich eschatologisch gemeint war. Diese These erhält weitere Stütze, wenn man Mk 9,31b mit den Drei-Tage-Worten zusammenstellt, die durchweg von der definitiven Wende handeln. War die Ansage der Auferstehung „nach drei Tagen“ ursprünglich eschatologisch gemeint, dann kann sie keinesfalls, im Rückblick auf Ostern formuliert sein, sondern  muss wie die übrigen Drei-Tage-Worte (mit Ausnahme des sekundären Schriftbeweises Mt 12,40) vorösterlich sein. Dafür spricht ihr Maschal-Charakter. Jesus hat in einem viel breiteren Umfang in Wendungen gesprochen, die seinen Hörern rätselhaft klingen mussten, als uns im Allgemeinen bewusst ist, weil seine Worte uns geläufig sind. Dieses Reden in Rätselworten ist ein so auffälliges Phänomen, dass man es zusammen mit den Gleichnissen den Kennzeichen der Redeweise Jesu zuzusprechen hat. Die Drei-Tage-Worte der Evangelien (außer Mt 12,40) gehören zu dieser Kategorie der Logien Jesu. Sie reden ursprünglich nicht von drei Kalendertagen, sondern von der begrenzten, von Gott bestimmten Frist bis zur Weltvollendung. Das gilt auch für die Ankündigung der Auferstehung „nach drei Tagen“.