6. Die Ekklesia als der Leib Christi in den Paulusbriefen

J.J. Meuzelaar

6.1 Einleitung
6.2 Juden und Griechen
6.3 Der Leibgedanke und der jüdische Proselytismus
6.4 Das Haupt und die Glieder
6.5 Zusammenfassung

6.1 Einleitung

Das Bild vom Leib und seinen Gliedern: Der Leib wird durch Christus konstituiert und die Unterschiede der Glieder, weil und sofern sie zu Christus gehören, kommen nicht in Betracht. Nicht die Gemeinschaft der Gläubigen untereinander ist primär, sondern die Gemeinschaft der Gläubigen mit Christus. Im hellenistischen Bild ist die Einheit des Leibes durch die Natur gegeben in der natürlich-menschlichen Sympathie, während Paulus die ‚übernatürlichen‘ Kräfte und Gaben betont, auf denen die Ekklesia und ihre Einheit beruht. Das hellenistische Bild gewinnt in der pln Sprache eine reale Bedeutung, dadurch, dass er die Kirche in ihrem Wesensgefüge als die sichtbar in Erscheinung tretende, pneumatische Lebenseinheit der Christen in und mit Christus besagt. Es handelt sich um diese Realität, die metaphorisch zum Ausdruck gebracht wird (4f).

Gnostischer Einfluss?: Paulus geht es nicht um eine Befreiung von der Materie, sondern um eine Befreiung von der Sünde. Auch schließt bei ihm die Gemeinschaft der Gläubigen mit Christus und seinem Leib eine persönliche Entscheidung in sich ein, wie die Gnosis sie nicht kennt (9).

Man kann auf Grund der Voraussetzung, dass die gnostischen Vorstellungen älter sind als die uns bekannten gnostischen Schriften, annehmen, dass diese Vorstellungen für Paulus das Material seiner Begriffe und seiner Sprache bilden, dass er das geschichtliche Heilsereignis des christlichen Glaubens mit der Begrifflichkeit jenes Mythos und mit der gnostischen Sprache der damaligen Zeit dargelegt hat, vielleicht, weil er im Eph und besonders im Kol gerade gegen eine gnostische Häresie zu kämpfen hatte. Von einer rein gnostischen Interpretation kann ebenso wenig die Rede sein, wenn die gnostische Terminologie bei Paulus nicht unmittelbar von der Gnosis her zu ihm gekommen ist, sondern über den Umweg eines hellenistisch-orientalischen und daher gnostisch-beeinflussten Judentums, oder wenn der hellenistische Organismusgedanke bei Paulus einen so breiten Raum eingenommen hat, dass schon dadurch eine nur gnostische Ausprägung seiner Gedanken unmöglich war (10) .

6.2 Juden und Griechen

a. Der 1Korintherbrief: Die Tischgemeinschaft mit den Heiden war den Juden unmöglich, wenn sie die Vorschriften des Proselytengesetzes Lev 17,7-15 einhalten wollten, das den Genuss des Geopferten nicht nur, wie sonstige Speisegesetze, den Juden verbot, sondern auch den Fremdlingen. Aus dem Mischnatraktat Aboda Zara (4,8-5,10) ist bekannt, dass es ebenso verboten war, Wein von Heiden anzunehmen und zu kosten, weil man nicht wusste, ob davon Libation für die Götter gemacht worden war. Wurden die ‚gottesfürchtigen‘ Heiden schon deshalb zur Befolgung der sog. ‚noachidischen Gesetze‘ verpflichtet, damit sie in beschränkter Weise als Juden behandelt werden konnten, so war bei deren Teilnahme am Passahmahl für die Tischgemeinschaft die Beschneidung unbedingt notwendig (20f).

Dass gerade die Frage der Tischgemeinschaft zwischen Juden und Heiden in der Urgemeinde eine wichtige Rolle spielte, offenbart sich in dem Streit, der dem Apostelkonzil (Apg 15) vorausging und der entschieden wurde in dem Sinn, dass auch in der messianischen Urgemeinde den Heidenchristen einige ‚noachidische Gesetze‘ auferlegt wurden, allerdings ohne dazu die Beschneidung von ihnen zu verlangen. Die gleiche Frage wird ebenso deutlich in dem Vorgehen des Petrus bei seinem Besuch in Antiochia (Apg 11,3;  Gal 2,12).

Man wird diese Problematik besonders beim Herrenmahl empfunden haben und das um so mehr, weil in den urchristlichen Gemeinden das Herrenmahl, wie das jüdische Passahmahl, eine richtige Mahlzeit war, die man begann und beendete mit dem Brot und dem „Kelch des neuen Bundes“ (11,25) (21).

Es handelt sich um Juden und Griechen in der einen Ekklesia und um die Gemeinschaft mit der Muttergemeinde in Jerusalem. Der Berufung auf die Freiheit und die Erkenntnis seiner Leser hat Paulus zugestimmt. Er hat aber zugleich darauf verwiesen, dass er selber seine Freiheit angewandt hat, um allen zu dienen und alle zu gewinnen (9,19-23). Er wollte auch der Gemeinde dieselbe Bereitschaft zumuten. Die Einheit zwischen Juden und Griechen musste unbedingt beibehalten werden (26f).

Der Apostel führt aus, dass die wahren Geistesgaben und die Geistesmenschen bei aller Verschiedenheit ihrer Gaben immer der Einheit der Ekklesia dienen, weil das jüdische Bekenntnis zur Einheit Gottes, „der alles in allen wirkt“ (12,6), die Einheit des Geistes und die Einheit in demselben Herrn in sich einschließt (12,4ff). Der Verwirrung und den Streitigkeiten in der Ekklesia begegnet Paulus mit einer Belehrung und Darlegung, wie die Einordnung der Geistesgaben in das Leben der Ekklesia vorgenommen werden kann (14,26-40). Für Geistesmenschen ist die Liebe der Weg, der zum Ziel einer nicht mehr unmündigen, sondern erwachsenen Ekklesia führt (Kp 13). So bleibt die Einheit gewahrt. In diesem Zusammenhang steht die Auswirkung der Metapher von dem einen Leib mit den vielen Gliedern, der Juden und Griechen, Sklaven und Freie umfasst (12,12). Wie der Leib eins ist und die vielen Glieder einen Leib bilden, so bewirkt dies auch der Messias (12,12). Durch die Spaltungen innerhalb der Ekklesia wurde „Christus zerstückt“, der Leib in Stücke zerrissen (1,13). „Ihr aber seid ein Leib, der Christus gehört“  (12,27) (39f).

b. Der Römerbrief: Im Röm wird noch deutlicher als im 1Kor, wie das Thema ‚Juden und Griechen‘ die Aussage des Apostels kennzeichnet, nicht nur in den Kp 9-11, sondern auch im einheitlichen Aufbau des Briefes. Im Schlussabschnitt (15,7-13) geht Paulus von dem Gegensatz zwischen ‚Starken‘ und ‚Schwachen‘ (14,1-15,6) über zu dem von Heiden und Juden. Die ‚Schwachen‘ enthielten sich des Fleisches (14,2.21) und des Weines (14,21), weil sie möglicherweise ‚unrein‘ waren. Die ‚Starken‘ glaubten, dass sie alles essen durften (14,21), konnten aber damit leicht bei den Brüdern Anstoß erregen (14,12.20f) und dem musste vorgebeugt werden um der Einheit und des Aufbaus der Ekklesia willen (14,19f;  15,2). Das ist dasselbe wie im 1Kor 8-10 (41).

Es handelte sich auch in Rom um die Erhaltung der Tischgemeinschaft zwischen den Juden mit ihrer Treue zu den Reinheitsgesetzen und den Heidenchristen, die zum größten Teil zu den ‚Gottesfürchtigen‘ der Synagoge gehörten. Den ‚Schwachen‘ ging es auch um den Vorzug des einen Tages vor dem anderen (14,5), was sich auf den Eifer der Juden bei der Sabbatfeier bezog. Da viele ‚Gottesfürchtige‘ den Sabbat feierten, lag es für die Juden auf der Hand, von allen in der Ekklesia die Feier des Sabbats zu fordern (41f).

In Röm 12,3-8 finden wie eine Mahnung hinsichtlich der Geistesgaben mit dem Gebot, sich nicht den Anderen überlegen zu glauben. Der nicht-jüdische Teil der Gemeinde durfte sich nicht den Juden überlegen fühlen und sich geistlich überheben (11,20.25), weil die Eintracht und die Gemeinschaft sonst gefährdet (15,5ff), das Geheimnis verletzt (11,25ff) und das Werk Gottes gebrochen würde (14,20). In diesem Zusammenhang kommt auch hier die Metapher von dem einen Leib zur Sprache (12,4f): „Wie wir (Menschen) an einem Leib viele Glieder haben, aber nicht alle Glieder dieselbe Aufgabe haben, so sind wir, die Vielen, ein Leib in Christus, aber untereinander ist einer des anderen Glied“. Wie im 1Kor 13 ist auch im Röm 12,9-21;  13,8-10 die Liebe das Stichwort (wie in Lev 19,18) (42f).

c. Das Mysterium: Im Kol und Eph ist oft die Rede von einem Mysterium, von dem „Geheimnis des Messias, das in früheren Generationen nicht bekannt gemacht ist den Menschenkindern, wie es nun enthüllt ist seinen Heiligen, Aposteln und Propheten durch den Geist“ (Eph 3,4f). Hier wird besonders deutlich, was mit dem Mysterium gemeint ist, nämlich „dass die Gojim Miterben und mit zum Leib gehörig Mitanteilhaber sind an der Verheißung in dem Messias Jesus durch das Evangelium“ (Eph 3,6). Der Apostel stellt im Eph 3,1-6 nachdrücklich fest, dass die Leser an den Ausführungen über die Berufung der Heiden seine Auffassung von diesem Geheimnis erkennen konnten. Dieses Geheimnis der mannigfaltigen Weisheit Gottes soll durch die Ekklesia kund gemacht werden. Dasselbe Mysterium finden wir im Kol 1,26f: „das verborgen war, nun aber ist es offenbart seinen Heiligen, denen Gott bekannt machen wollte, was der herrliche Reichtum dieses Geheimnisses unter den Gojim ist, nämlich Christus in euch, die Hoffnung der Herrlichkeit“. Die Übereinstimmung dieser Anschauung mit der Terminologie des Röm ist auffallend. Auch im Röm 11,25;  16,25f wird ein Geheimnis bekannt gemacht und ebenfalls ist der Inhalt des Geheimnisses die Anteilhabe der Gojim am Heil, zusammen mit Israel. Der Hymnus 1Tim 3,16 über das Geheimnis der Gottesfurcht läuft ebenfalls hinaus auf die Verkündigung unter den Gojim und den „Glauben in der Welt“ (43f).

Hinter dem Mysterium liegt die verborgene Weisheit Gottes (1Kor 2,6ff vgl Eph 1,8;  3,10). Diese Weisheit haben „die Herrscher dieses Äons“ nicht gekannt. Sie ist identisch mit dem Inhalt des Geheimnisses, der kein anderer ist als die Botschaft des gekreuzigten Messias für Juden und Griechen (1Kor 1,22-25), die Zusammenfassung des Alls im Messias (Eph 1,10), die identisch ist mit der Schöpfung des neuen Menschen aus Juden und Heiden (Eph 3,6;  2,15). Mit dem Mysterium eng verbunden ist der Heilsplan Gottes (Eph 1,10;  3,2.9;  Kol 1,25), der durch die Verwaltung des Apostelamtes des Paulus zur Durchführung und zur Offenbarung kommt (Eph 3,2;  Kol 1,25;  vgl 1Kor 4,1;  9,17). Es handelt sich hier um seinen Auftrag und Dienst als Apostel der Gojim (Kol 1,25ff;  Eph 3,2). Um dieses Geheimnisses willen war Paulus ein Gefangener, hat gelitten und war „ein Gesandter in Ketten“ (Kol 4,3;  Eph 6,19f vgl Kol 1,24ff;  Eph 3,13) (45).

Das „Mysterium des Messias“ (Eph 3,4;  Kol 4,3): Der Genitiv ‚des Messias‘ ist entweder ein genitivus objektivus, wie im Kol 4,3 mit der Bedeutung: ‚Das Mysterium wie es in dem Messias enthüllt ist‘, oder ein Genitiv abhängig von ‚Gott‘, mit der Bedeutung: ‚das Mysterium von dem Gott des Messias‘, wie einige Varianten des Textes vermuten lassen. Bemerkenswert ist dabei, dass die Erkenntnis des Geheimnisses (Kol 2,12) zugleich ‚Einheit in Liebe‘ bedeutet. Dies ist das große pln Thema, das wir im 1Kor, im Röm und auch im Eph Kp. 2 und 4 vorfinden. Mit Mysterium bezeichnet Paulus eine Weisheit, die zur Prophetie gehört. Es handelt sich dabei an allen erörterten Stellen im Kol und Eph um die gemeinsame Anteilnahme von Juden und Gojim am messianischen Heil (45f).

In der ‚Haustafel‘ Eph 5,22-6,9 nimmt der Apostel bei allen Mahnungen immer wieder Bezug auf die Zugehörigkeit seiner Leser zur Ekklesia (5,30). Gen 2,24 wurde von den Rabbinern angeführt in Beziehung auf die zum Judentum übergetretenen ‚Noachiden‘ und im Einklang mit dem jüdischen Recht hinsichtlich der Familienverhältnisse für die Proselyten. Eph 5,31 (Gen 2,24): „Darum wird ein Mann Vater und Mutter verlassen und an seiner Frau hängen und die zwei werden ein Fleisch sein“. Eph 5,32: „Dies Geheimnis ist groß; ich deute es auf Christus und die Gemeinde“. Eph 2,15: Durch das Opfer seines Leibes „hat er abgetan das Gesetz mit seinen Geboten und Satzungen, damit er in sich selber aus den zweien einen neuen Menschen schaffe und Frieden mache (16) und die beiden versöhne mit Gott in einem Leib durch das Kreuz, indem er die Feindschaft tötete durch sich selbst“. Dem Sprachgebrauch an dieser Stelle liegt die Übertragung des jüdischen Poselytenrechts zugrunde „auf den Messias und auf die Ekklesia“ (Eph 5,32), wie durch die Anführung von Gen 2,24 ausgedrückt wird. Die zur Ekklesia übergetretenen Heiden haben mit ihren alten verwandtschaftlichen Beziehungen und dem dazugehörigen Verhalten gebrochen, um sich, auch in der Ehe, den neuen Verhältnissen zu fügen, die durch die Zugehörigkeit zum Messias und zur Ekklesia bestimmt sind (47f).

d. Der Kolosserbrief: In dem Wechsel zwischen ‚ihr‘ und ‚wir‘ zeigt sich, dass Paulus hier an zwei Gruppen gedacht hat, eine, der er nicht zugehört und eine, mit der er sich selbst identifiziert hat. Das ‚ihr‘ gilt den Heiden (Kol 1,21.27): „Auch euch, die ihr einstmals entfremdet wart und feindlicher Gesinnung... hat er nun versöhnt“ und „die Herrlichkeit des Geheimnisses unter den Heiden“ ist „der Messias unter euch“ (den Heiden). Kol 2,13f: „Auch euch, die ihr tot wart in den Übertretungen und der Unbeschnittenheit eures Fleisches hat er mitlebendig gemacht mit ihm, indem er uns alle Sünden vergab, indem er beseitigte die gegen uns zeugende Handschrift, die durch Satzungen uns entgegen war. Die hat er aus dem Weg (aus der Mitte) geschafft, indem er sie an das Kreuz heftete“. Sie ist zum Schuldschein gegen Israel geworden, weil Israel es auf sich genommen hat, wie geschrieben steht (Ex 24,3f;  Dtn 27,14-26), das Gesetz zu erfüllen, so dass es durch seine Übertretungen schuldig geworden ist. Die Gojim waren durch ihre Übertretungen nicht in demselben Sinn schuldig, sondern tot, weil sie das Gesetz damals nicht gekannt hatten. Nun aber ist diese Handschrift ans Kreuz geschlagen und Gott hat Israel seine Übertretungen vergeben. Das ist das Leben auch für die Gojim, denn es heißt, dass jetzt kein Unterschied mehr ist (Kol 3,11 vgl. Röm 3,21-30). Die Handschrift ist „aus dem Weg geschafft“ (vgl Eph 2,14 Zwischenwand)  (48f).

Der Nachdruck auf dem „auch ihr“ (Kol 3,4) ergibt als die beste Lesung: „Wenn der Messias erscheinen wird, unser Leben, dann werdet auch ihr mit ihm erscheinen in Herrlichkeit“ (derselbe Gegensatz, der im Kol 2,13f vorliegt). Dabei ist es möglich, dass die ‚wir‘ in Kol 1,5f.9ff Paulus selbst und seine Mitarbeiter sind, wie es auch Kol 4,3 wahrscheinlich macht. Es ist ein Beweis des jüdischen Selbstbewusstseins beim Apostel, dass er das ‚wir‘ in diesem Sinn anwenden konnte. Es zeigt, dass die jüdischen Grundlagen des pln Denkens in seinem Urteil über Juden- und Heidentum ungemindert nachwirken (50).

Im Kol 1,24 handelt es sich für den Apostel um ein bestimmtes Leiden, das ihm widerfahren ist wegen seiner Mission unter den Gojim, damit das große Geheimnis unter ihnen offenbar werde (Kol 1,25-29 vgl Eph 3,1.13, wo er seine Gefangenschaft ein solches Bedrängnis genannt hat). Darum sah er seine Leiden an als „euch (Heiden) zugute“ (Kol 1,24; Eph 3,13), was für ihn dasselbe bedeutete wie „zu Gunsten des Leibes des Messias, nämlich der Ekklesia“. Der Gedanke des Geheimnisses und der Leibgedanke waren für Paulus miteinander verbunden und seine Arbeit kam den Heiden darin zugute, dass sie eingegliedert wurden in den einen Leib des Messias (Kol 3,15) (50f).

Der Sprachgebrauch bezüglich des Leibes der Ekklesia ist derselbe, den wir im 1Kor und im Röm finden. Die Gojim (ihr) sind „in einem Leib berufen“ (Kol 3,15) und in deutlich metaphorischer Rede wird über „den ganzen Leib“ gesprochen (Kol 2,19), beide Male im Blick auf denselben Realismus-der-Praxis im Zusammenhang mit der Einheit, der Ablehnung des Unterschieds zwischen Juden und Griechen, Beschnittenen und Unbeschnittenen, Sklaven und Freien (Kol 3,11 vgl 1Kor 12,13) also mit den neuen Lebensverhältnissen in der Ekklesia. Der Hymnus über den Geliebten des Vaters als Erstgeborenen aller Kreatur und als Haupt „des Leibes der Ekklesia“ (Kol 1,15-20) läuft hinaus auf die Versöhnung aller Geschöpfe. Das nachfolgende „auch euch“ (Kol 1,21) zeigt, dass dabei namentlich die Gojim, „die einstmals entfremdet und feindlicher Gesinnung“ waren, gemeint sind. Sie sind versöhnt „im Leib seines Fleisches“ (Kol 1,22) (51).

Kol 2,11: „In ihm seid auch ihr beschnitten worden mit einer Beschneidung, nicht mit Händen gemacht, als ihr euer fleischliches Wesen ablegtet in der Beschneidung durch Christus“. Es geht um das Ablegen „des alten Menschen“. Der Nachdruck dieses Abschnitts liegt auf der Versöhnung aller Geschöpfe (Kol 1,20), auch „von euch Gojim“ (Kol 1,21). Paulus war Diener des Evangeliums „allen Geschöpfen unter dem Himmel“ (Kol 1,22ff) (52).

Kol 2,11 ist polemisch gemeint. Für die kolossischen Irrlehrer war die Beschneidung „mit Händen gemacht“, sehr wichtig und wurde von ihnen praktiziert. Die jüdische Art der Irrlehre tritt deutlich zu Tage (Kol 2,16): „Also darf keiner über euch richten in Speise und Trank und in der Frage des Festfeierns, sei es Neumond oder Sabbat“. Dass diese Irrlehrer zur Ekklesia gehörten, zeigt Kol 2,18f. Es handelt sich um denselben Gegensatz zwischen Juden und Griechen, den wir in den anderen Briefen gefunden haben (1Kor 10,29-31;  Röm 14,4-7.13.17). Die Absicht der Irrlehrer mit ihrer Forderung der Beschneidung, der Reinheitsgesetze (Kol 2,21f vgl Mt 15,17;  1Kor 6,12f;  8,8;  Röm 14,17) und Sabbatgebote sah Paulus an als einen „Leib des Fleisches“, eine Zusammengehörigkeit aus fleischlichen Gründen. Die Versöhnung mit Gott und der Friede zwischen Juden und Gojim sind gegeben „im Leib des Fleisches“ des Messias und „durch sein Blut am Kreuz“ (53).

Diese ‚Wirklichkeit‘ ist die Leib-Wirklichkeit der messianischen Ekklesia (2,19). Wenn wir diesen Leib verstehen als die Ekklesia aus Juden und Griechen, wird der Zusammenhang mit den Gedanken des Paulus über das Gesetz deutlich (vgl Röm 3,16f;  Gal 3,15-29). Dabei zeigt sich die Verwandtschaft des Gedankens vom Leib, der durch Bänder und Sehnen zusammengehalten wird (Kol 2,19), mit dem Leibgedanken im 1Kor und im Röm (53f).

e. Der Epheserbrief: Die Enthüllung des Mysteriums von der Einigung von Juden und Heiden in dem einen Leib der messianischen Ekklesia ist der Hauptinhalt und Grundgedanke des Eph. In dieser Hinsicht steht der Eph auf gleicher Linie mit den anderen Briefen. Der Wechsel zwischen ‚wir‘ und ‚ihr‘ weist darauf hin, dass es um die zwei Gruppen geht: Juden und Nichtjuden. Aus dem Zusammenhang kann man ableiten, dass der Apostel aus seiner jüdischen Überzeugung spricht von „Gott unserem Vater“ (1,2), dem „Gott unseres Herrn“ (1,17) und dem Geist, „der ein Angelt ist für unser Erbe“ (1,14), während es die Heiden sind, die auch Anteil haben dürfen an den Gaben dieses Vaters und Herrn (1,2.14.17ff). Die Juden waren „tot in ihren Übertretungen“ wie die Heiden, „Kinder des Zorns wie auch die Anderen“ (die Gojim 2,1-3). Der Apostel hat das ‚uns‘ und das ‚wir‘ auch gebraucht im Sinn des ‚wir beide‘ (2,18;  4,7.13ff) (54f).

Das Thema wird besonders in 2,11-22 hervorgehoben. Die beiden Gruppen, die Juden und die unbeschnittenen „Heiden im Fleisch“ (2,11) sind in einem Leib versöhnt mit Gott und zu einem neuen Menschen geschaffen (2,15f). Die Feindschaft zwischen ihnen ist aufgehoben denn der Messias hat Frieden gemacht, weil er „die durch den Zaun gebildete Zwischenwand“ beseitigt hat (2,14). Mit diesem Zaun ist der ‚Zaun für die Tora‘ gemeint, der Israel scheidet und unterscheidet von allen übrigen Völkern (55f).

Der Aufruf an die Leser, sich um die Wahrung der Einheit zu bemühen und einander in Liebe zu ertragen (4,2f.13-16 vgl 3,18), war notwendig, weil die Einheit der Ekklesia gefährdet war. Auch hier liegt der Realismus-der-Praxis vor. Die Gefahr, die die Einheit der Gemeinde bedrohte, kann nur eine Spaltung zwischen Juden und Nichtjuden sein. Der „Bund des Friedens“ steht mit dem Frieden zwischen den in 2,14-18 genannten Gruppen im Zusammenhang (57).

f. Exkurs zu Röm 7,4: „Also seid auch ihr, meine Brüder, dem Gesetz getötet durch den Leib des Messias, so dass ihr einem anderen angehört, nämlich dem, der von den Toten auferweckt ist, damit wir Gott Frucht bringen“. Mit dem Leib des Messias muss auch hier die Ekklesia und die Zugehörigkeit zu der in ihr gegebenen neuen Gemeinschaft zwischen Juden und Gojim gemeint sein. Auch an dieser Stelle geht es darum, dass der Messias „das Gesetz der Gebote in Satzungen“ außer Kraft gesetzt hat. Das hat er „in seinem Fleisch“ gemacht, damit er die Zwei, Juden und Gojim „in einem Leib“ mit Gott versöhne. Mit diesem einen Leib (Eph 2,16) kann nur die Gemeinschaft zwischen Juden und Griechen in der Ekklesia gemeint sein. Auch im Kol 1,22; 2,11-21 geht es um ein Begraben-sein mit dem Messias und ein Auferweckt-sein mit ihm, wie im Röm 6 (Kol 2,12). Die Aussage im Röm 7,4: „ihr seid dem Gesetz getötet“, ist eng verwandt mit dem Gedanken, dass die Gläubigen „mit dem Messias den Elementen der Welt gestorben sind“ (Kol 2,20). Im Eph 2,14ff;  Kol 1,22 und 2,17 bezieht sich der Leib des Messias auf die Ekklesia, wahrscheinlich ebenso im Röm 7,4 (57f).

6.3 Der Leibgedanke und der jüdische Proselytismus

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