(7) Röm 5,12-21: Adam und Christus
Röm 5,12-14: Die Sündenverfallenheit des gesamten Kosmos

Der erste Gedanke (Röm 5,12.14ab) formuliert die Übertretung des Gebots (Gen 2,17), nicht vom Baum der Erkenntnis zu essen. Mit der Übertretung jenes ersten Gebots Gottes tritt die angekündigte Strafe ein: Der Verweis aus dem Paradies und damit die Verhängung der Sterblichkeit über Adam und alle seine Nachkommen (322).

In der tödlichen Konsequenz unterscheiden sich die eine Tat Adams und die vielen Taten seiner Nachkommen (die Übertretungen des von Gott gegebenen Gebots, der Tora vom Sinai) keineswegs, sondern lediglich in der einmaligen Prämisse des Geschehens Adams, der im Status des posse non peccare den tödlichen Ausgang hätte vermeiden können. Alle Adam Nachfolgenden befinden sich im Gegensatz zu Adam ausschließlich im Zustand des non posse non peccare. Ist so die eine Verfehlung Adams Grund und Voraussetzung des Todesgeschicks aller ihm Nachfolgenden, so gilt gleichwohl die Unentschuldbarkeit auch aller folgenden Sündentaten. Alle Menschen stehen unentrinnbar unter der Macht der Sünde, weil ihnen seit Adam das posse non peccare nicht mehr offen steht (323f).

In Röm 5,13 spricht Paulus die Zeitspanne zwischen der Gabe des ersten Gebots gegenüber Adam und der Gabe des zweiten Gebots (der Tora vom Sinai) an. Die Sünde wird in der Zeit zwischen Adam und Mose nicht auf die Rechnung gesetzt. Vor der Gesetzgebung war die Sünde wohl präsent und wirkmächtig, danach aber war sie als Sünde erkennbar, weil sie nun dem erklärten Willen Gottes widersprach. Erst seit der Tora vom Sinai wird dem Menschen gesagt, wie es vor dem heiligen und gerechten Gott um ihn bestellt ist (3,19). Trotzdem ist das schuldhafte Verhalten der Menschen auch vor Mose offensichtlich. Wenn schon die Menschen vor der genauen Kenntnis um ihre sündhafte Verstrickung mit dem Tod zu Recht des göttlichen Urteils teilhaftig wurden, um wie viel mehr gilt dies, da sie nun (mit der Gabe der Tora) die Kenntnis darum besitzen und ihnen die Sünde namentlich in Rechnung gestellt werden kann (325f).

Röm 5,14c: Eine Entsprechung besteht zwischen Adam und Christus, insofern mit beiden eine schicksalhafte und die gesamte Menschheit qualifizierende Wirkung verknüpft wird. Unvergleichbar ist hingegen die quantitative wie qualitative Dimension ihrer Wirkung. Die Gnadengabe Christi überbietet bei weitem das 'Vergehen' Adams. Paulus vermag mit dem Typos-Begriff, Entsprechung wie Unterscheidung des damit Bezeichneten anzudeuten (327f).

Röm 5,15-17: Die adamitische Sündenverfallenheit und das Heilswerk Jesu Christi

a) Adam und Christus: Hinsichtlich der Vergleichbarkeit von Adam und Christus formuliert Röm 5,15-17 einen einzigen Vergleichspunkt, der in der Universalität des Geschicks liegt, die jeweils mit Person und Werk Adams sowie Jesu Christi einhergeht. Nach Paulus liegt im Geschick Adams das Geschick aller Menschen begründet. Der Gnadenerweis Gottes in Person und Werk Jesu Christi gilt in gleichem Maße wie das adamitische Geschick für alle Menschen. (A 68: Andernfalls wäre der Heilstod Jesu Christi nicht als ein Sühneakt der inkludierenden Stellvertretung verstanden). Die Vergleichbarkeit des Unvergleichlichen liegt nach der Überzeugung des Apostels in der schicksalhaften Bedeutung beider (Einzel-) Personen für die gesamte Menschheit (328f).

Das richterliche Urteil führt aufgrund der Übertretung Adams in die Verdammung aller, die Gnadengabe Gottes in Jesus Christus bewirkt angesichts der Übertretung aller, dass aus der Verurteilung eine Gerechtsprechung wird. Das Heilshandeln Gottes am hoffnungslos verlorenen Menschen geschieht nicht nur geschenkweise und 'allein aus Gnaden', sondern es hat umfassend universale Ausmaße. Dem universalen Todesverhängnis aller Menschen setzt Gott selbst sein universales Heilsgeschehen entgegen. Die Rechtfertigung des Sünders und dadurch heilvolles eschatologisches Leben ist ausschließlich als Gabe Gottes zu verstehen, die nur empfangen nie verdient werden kann. Zugleich weist Röm 5,17 darauf hin, dass es sich bei der Rechtfertigung des Sünders nicht um einen göttlichen Automatismus handelt, sondern dass das universale Heilshandeln Gottes mit der göttlichen Souveränität einhergeht, die je und je individuelles Leben aus dem Tod schafft und die Gnadengabe verleiht – wo und wann Gott will. Vergleichbar ist, dass von beiden Personen eine Herrschaftsfunktion ausgesagt werden kann; der Mensch in der Nachfolge Adams steht im Machtbereich des Todes („der Tod ist zur Herrschaft gelangt durch den einen“), wohingegen der Mensch in der Nachfolge Christi im heilvollen eschatologischen Lebensbereich begriffen ist („im Leben werden herrschen“). Unvergleichlich ist, dass die von Adam herrührende Todesherrschaft ein für allemal durch die Gnadengabe Gottes beendet ist, wohingegen die Herrschaft des Lebens in der Nachfolge Christi als bleibend und vollendet zukünftige beschrieben ist (330f).

b. Christus contra Adam: Die rahmenden Verse (5,15.17) verdeutlichen den Überfluß der Gnade, die aufgrund des sühnenden Heilstodes Jesu Christi in ausdrücklicher Entgegensetzung zum Unheilstod Adams allen Menschen zuteil (werden) wird (pollon mallon). Das den Gottlosen geschenkweise rechtfertigende Gnadenhandeln Gottes in Jesus Christus ist dem adamitischen Todesverhängnis diametral entgegengesetzt und übertrifft dieses qualitativ in unvergleichlicher Weise (332f).

Röm 5,18-21: Die Universalität des Heilswerks Jesu Christi

Der sühnende Heilstod Christi, der der adamitischen Sündenverfallenheit und also dem universalen menschlichen Todesgeschick diametral und wirkmächtig entgegengesetzt ist, hat ein einziges Ziel: Die universale Todesherrschaft der Sünde zu beenden und die universale Gnadenherrschaft, die sich als Rechtfertigung hin zum ewigen Leben manifestiert, aufzurichten (334f).

Die 'Rechtstat des Einen', Jesu stellvertretendes Sterben für die Gottlosen, ist ein bereits abgeschlossenes, insofern verwirklichtes Geschehen der Vergangenheit. Die Zeitigung der universalen Wirkung, nämlich 'alle zu Gerechtfertigten zu machen' steht noch aus. Ihre partikulare Verwirklichung ist dort zu greifen, wo (durch Gottes heilschaffendes Wirken in der Verkündigung des Evangeliums) aus dem Ungläubigen ein Glaubender, aus dem Gottlosen ein mit Gott Versöhnter wird. Röm 5,21 kündigt somit als futurisch-eschatologisches Ziel die Gnadenherrschaft Gottes über alle Menschen zum ewigen Leben an (335f).

                   

(8) Röm 8,28-30: Der göttliche Ratschluss
Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach seinem Ratschluss berufen sind. (29) Denn die er ausersehen hat, die hat er auch vorherbestimmt, dass sie gleich sein sollten dem Bild seines Sohnes, damit dieser der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern. (30) Die er aber vorherbestimmt hat, die hat er auch berufen; die er aber berufen hat, die hat er auch gerecht gemacht; die er aber gerecht gemacht hat, die hat er auch verherrlicht“.

'Überschrift' 8,1: „So gibt es nun keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind

1) 8,2-11: Das Leben durch Gott in Christus: Fleisch und Geist

a) 8,2-4: Die Inkarnation Gottes als Ermöglichung und Verwirklichung des Gott gemäßen (= geistlichen) Lebens durch Jesus Christus

b) 8,5-8: Fleischliche und geistliche Gesinnung und ihr Bezug zu Leben und Tod

c) 8,9-11: Das gegenwärtige und zukünftige (!) Leben der Glaubenden in dem und durch den Geist Christi

2) 8,12-17: Kindschaft durch Gott in Christus

3) 8,18-30: Hoffnung durch Gott in Christus: für die Kinder Gottes und die Schöpfung

a) 8,18-22: Das Seufzen und die Hoffnung der ganzen Schöpfung

b) 8,23-25: Das Seufzen und die Hoffnung der Kinder Gottes

c) 8,26-30: Gottes Geist als Stellvertreter für die Kinder Gottes vor Gott, als Angeld der Vorherbestimmung, Erwählung, Berufung und Vollendung – (Röm 8,28-30)

4) 8,31-37: Heilsgewißheit durch Gott in Christus

a) 8,31-36: Alle wider die Christen streitende Macht ist ohnmächtig

b) 8,37: Das Übermaß der Liebe Jesu Christi überwältigt alles gegen die Kinder Gottes Streitende

'Unterschrift' 8,38f: „Denn ich bin gewiß, dass … (nichts) uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn(340).

Der göttliche Ratschluss als Garant der göttlichen Perseveranz

Paulus liegt alles daran, in Röm 8,28-30 den göttlichen Ratschluss als Garant der göttlichen Perseveranz in den Anfechtungen der Gegenwart wie auch der Zukunft bis hin zur eschatologischen Verherrlichung herauszustellen: Denen, die Gott selbst nach seinem Ratschluss berufen hat, verhilft alles zum Guten, trotz und angesichts der Leiden, die die christliche Existenz in gleichem Maße wie die der gesamten Schöpfung prägen, obgleich die Kinder Gottes bereits präsentisch „befreit sind von dem Gesetz der Sünde und des Todes“ (8,2). Wenn nach Ansicht des Apostels selbst die Leiden den Berufenen „zum Guten“ dienen, so drückt sich darin die feste Zuversicht darauf aus, dass Gott selbst das Negative zum Guten wenden wird (343f).

Aus der Parallelität der Aussagen von 8,28 geht hervor, dass die 'Gott Liebenden' gleichzusetzen sind mit den „nach dem Vorsatz Berufenen“. Dem göttlichen (Be-)Rufen eignet die göttliche Kraft, die vollmächtig eine neue Wirklichkeit setzt und diese wirkmächtig bewahrt (345).

Die vorgängige Gnadenwahl Gottes zielt auf die Gleichgestaltung der Glaubenden entsprechend „dem Bild seines Sohnes“. Die Aussage zielt darauf, das eschatologische Geschick der Glaubenden die als 'in Christus' zu bestimmen sind, als unlöslich mit dem Geschick Jesu Christi herauszustellen. Die bereits vollständig realisierte Verherrlichung des Sohnes Gottes ist das Angeld der zukünftigen Verherrlichung der zu ihm Gehörenden. Es entspricht der göttlichen Absicht von Anbeginn an, dass die Inkarnation des präexistenten Gottessohnes auf die Verherrlichung „vieler Brüder“ zielt (346f).

Wiewohl die endgültige Verherrlichung der Glaubenden noch aussteht, ist diese so gewiss, wie wenn sie schon erfolgt wäre. Dies liegt zum einen im Charakter des göttlichen Ratschlusses, zum anderen aber im Ziel der Verherrlichung selbst begründet. Letzteres ist explizit christologisch bestimmt und blickt auf ein realisiertes Ereignis zurück: auf Jesus Christus, „dem Erstgeborenen unter vielen Brüdern“. Insofern erweist sich der göttliche Ratschluss als Garant der göttlichen Beharrlichkeit (348).

Der göttliche Ratschluss als Garant der universalen Heilsverwirklichung

Die Rettung der von sich aus hoffnungslos dem Verdammungsurteil unterworfenen Menschen ist allein unter der Bedingung des Glaubens an Jesus Christus zu denken. Insofern die Gabe des Glaubens vollmächtiges Handeln des Schöpfers am Geschöpf ist, formuliert Paulus in Röm 8,28-30, was die Bedingung der Heilsteilhabe angeht nichts Neues, wenn er dabei auf den Ratschluss Gottes rekurriert (348f).

Röm 8,28-30 ist christozentrisch formuliert (8,29). Der göttliche Ratschluss zielt auf die endgültige wie vollständige Verherrlichung der Glaubenden „in gleicher Gestalt wie das Bild seines Sohnes“. Dieser wird als „der Erstgeborene unter vielen Brüdern“ bezeichnet. Im Licht von Röm 5,12-21 kann die Umfassendheit des göttlichen Ratschlusses nur dahingehend bestimmt werden, dass „aufgrund der Rechtstat des Einen (Christus) alle Menschen in die Rechtfertigung des (ewigen) Lebens geführt werden“ (Röm 5,18b). Die Gleichgestaltung mit dem Sohn Gottes impliziert in eschatologischer Hinsicht Teilhabe an seiner Auferstehung. Diese Gleichgestaltung als Verherrlichung bedeutet nach Röm 8,18-30 das Ende aller Leiden wie insbesondere das Ende der Vergänglichkeit (Sterblichkeit). Eine über die Bedingung des Glaubens an Jesus Christus hinausgehende Einschränkung ist nicht zu erkennen (350f).

(A 63: Die Teilhabe der Glaubenden an Christus gewinnt nur Sinn von dem Bekenntnis her, dass sich in Christus der Heilswille Gottes offenbare. Auf der Basis dieses Bekenntnisses ist Christus Urbild für das Heilshandeln Gottes an dieser Welt).

Die Gabe des Geistes Gottes stellt eine unübersehbare Differenz zwischen der Schöpfung und den „Kindern Gottes“ dar. Mit der Gabe des Geistes Gottes, die in eins fällt mit der Gabe des Glaubens an Jesus Christus ist die Befreiung aus der Knechtschaft von Sünde, Tod und Teufel verwirklicht. Außerdem unterstreicht sie angesichts der in der Gegenwart trotz der prinzipiellen Erlösung noch faktisch erlittenen Leiden die Stellvertreterfunktion des Gottesgeistes bei Gott selbst, der den Glaubenden in ihrer Schwachheit und Anfechtung beisteht und somit Auswirkung auf deren Gewissheit hat (352).

In Röm 8,28-30 bringt Paulus den göttlichen Ratschluss als göttlichen Heilsratschluss zu Gehör. Der Apostel thematisiert bereits hier die Gewissheit der Beharrlichkeit Gottes, der in der Gabe des Glaubens zugleich die Gabe der Bewahrung des Glaubens und also des Glaubenden selbst gewährt. Zum anderen klingt die Universalität des Geschehens an: Der göttliche Ratschluss enthüllt sich nach der Überzeugung des Apostels in der göttlichen Offenbarung seines Wesens und Wollens, wie es Person und Werk Jesu Christi zu entnehmen ist. Mithin kann auch der göttliche Ratschluss allein und ausschließlich vermittels der pln Christo-Logik erschlossen werden. Wenn das Gnadenhandeln Gottes umfassend-universal zu verstehen ist, dann blickt Röm 8,28-30 mit Zuversicht darauf, dass das futurisch-eschatologische Ziel der Durchsetzung des Heilswerks Jesu Christi mit göttlicher Sicherheit erreicht werden wird (353).

(A 67: Der in den Glaubenden anwesende Geist Gottes 8,9b ist nichts anderes als zugleich die Anwesenheit Christi 8,10a als der die Auferweckung bzw. das Leben aus dem Tod wirkende Geist Gottes wie auch Christi 8,11).