7. Paulus und die Versöhnung aller nach dem Römerbrief
Der Heilsuniversalismus im Römerbrief: „Damit Gott sich aller erbarme“ (11,32)

(1) Zur paulinischen (pln) Christo-Logik
(2) Paulinische Gerichts- und Verwerfungsaussagen
(3) Die Bedingung des Heils - das paulinische Verständnis von Glaube und glauben
(4) Röm 1,16f: Das Evangelium als Kraft Gottes
(5) Röm 3,21-26: Die Rechtfertigung allein durch Glauben
(6) Röm 4,1-25: Verheißungsvoller Glaube
Abraham der Vater des Glaubens Adam und Christus
(7) Röm 5,12 -21: Adam und Christus
(8) Röm 8,28-30: Der göttliche Ratschluss
(9) Röm 11,25-32: „Damit Gott sich aller erbarme
Israels endliche Errettung
(10) Zusammenfassung und Ergebnis

J.Adam

(1) Zur paulinischen (pln) Christo-Logik
Hinsichtlich der Frage nach dem Heilsuniversalismus erlaubt Paulus keine Trennung zwischen christologischen und soteriologischen Aussagen zu machen, genauso wenig wie sich eine sachliche Trennung (wenn auch Unterscheidung) des Handelns von Gott (Vater) (Theologie) und Jesus Christus (Christologie) in soteriologischer Hinsicht begründen ließe. Die Kardinalaussage 2Kor 5,19 lautet: „Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung“. So formuliert Paulus das Ineinander der Aspekte von Theologie, Christologie, Soteriologie, Anthropologie und Eschatologie. Das bereits innerweltlich im Modus des Glaubens wirkmächtig, darüber hinaus aber auch eschatologisch versöhnende Heilshandeln Gottes gegenüber der gottfeindlichen Welt zeigt sich nirgends anders als in Person und Werk Jesu Christi: Die Versöhnung des gottfeindlichen Menschen mit Gott vollzog sich in dem stellvertretenden Sühnetod des sündlosen Christus (130).

(A 138f: Das Offenbar-Werden aller vor dem Richterstuhl Gottes schließt beides ein: Die durch Gott erwirkte Selbst-Erkenntnis des sündigen Menschen und das angesichts des Gnadenhandelns Gottes bewirkte Gottes-Bekenntnis eben des von Sünde gezeichneten, aber nicht mit der Sünde identischen Menschen. Wenn der Christushymnus des Philipperbriefs für die Stunde der Endverherrlichung Jesu die universale Huldigung aller Geschöpfe erwartet und also offensichtlich in der Nachfolge Deuterojesajas auch die durch den königlichen Machterweis Gottes überwundenen und gewonnenen Feinde in den Kreis der Huldigenden miteinbezogen sieht, dürfte das seinen letzten Grund darin haben, dass hier der in der Erhöhung des Gekreuzigten errungene Sieg über die Welt in ganzer Konsequenz als ein Sieg des heilschaffenden Gottes begriffen ist. Das pln Denken ist durchgehend soteriologisch geprägt, insofern es Gottes rettendes Handeln in Jesus Christus zum Gegenstand hat).

Der Begriff der pln Christo-Logik trägt der Beobachtung Rechnung, dass Theologie bei Paulus stets entfaltete Christologie ist, die wiederum eo ipso Soteriologie ist. Eine von soteriologischen Implikationen losgelöste Christologie findet sich in den pln Texten nicht, weil und insofern Christus als 'unser Herr' stets der Herr 'für uns' ist (132f).

(2) Paulinische Gerichts- und Verwerfungsaussagen
Paulus weiß um die Ernsthaftigkeit des den Menschen zu Recht verurteilenden Gerichts. Er lässt keinen Zweifel daran, dass jeder Mensch angesichts des heiligen Zorns Gottes erkennen wird, wes Geistes Kind er ist. Als ein von der Sünde unentrinnbar beherrschter ist ein jeder Mensch ein Verlorener. Diese Erkenntnis bleibt dem in Gottesfeindschaft begriffenen Geschöpf extram Christum verschlossen (235).

Das eschatologische Versöhsnungshandeln Gottes steht dem geschöpflichen Todesverhängnis fundamental gegenüber. Gott der Ankläger fällt sich als Verteidiger selbst ins vernichtende Gerichtswort und spricht den Schuldigen frei. Der pln Heilsuniversalismus hat seinen unhintergehbaren Fixpunkt in Gottes nie endender Liebe und Gnade. Wie er sich in Jesus Christus der Welt gezeigt hat, so wird er sich am Gerichtstag als ebenderselbe offenbaren, der den Unglauben des Geschöpfs zum Glauben wendet, die Sünde verdammt, aber den Sünder errettet, dem Verblendeten die Augen öffnet, das Nichtige vernichtet und das Nichtseiende ins Dasein ruft. Gottes heiliger und gerechter Zorn über das Unversöhntsein der Welt hat die Versöhnung zur Folge. Die menschliche Logik wird durch die göttliche Christo-Logik zu ihrem eschatologischen Besten widerlegt. Die durch Gott geschenkte Befreiung aus der Verstrickung der Sünde führt in eine der Liebe Gottes gegenüber antwortende christliche Freiheit (236).

Dieser Perspektive ist Paulus in allen seinen Schreiben verpflichtet, weil sie auf seiner Christo-Logik basiert. Das die Schuld des Menschen sühnende Heilshandeln Gottes in Jesu Tod und Auferstehung hat Paulus „durch eine Offenbarung Jesu Christi“ empfangen (Gal 1,11f). Es ist Fix- und Ausgangspunkt aller weiteren pln Aussagen, so auch derer über das Gericht und die Verwerfung. Der Apostel gewinnt diese Erkenntnis nicht erst im Römerbrief, aber er entfaltet sie dort am umfassendsten, veranlasst durch die besondere Situation, in der er sich befindet. Wie das Gerichtshandeln Gottes nur im Licht Jesu Christi recht verstanden werden kann, so bleibt auch das universale Versöhungshandeln an Jesus Christus gebunden (236f).

(3) Die Bedingung des Heils – das paulinische Verständnis von Glaube und glauben
a) Das Widerfahrnis des Glaubens

Der stets christologisch bestimmte Glaube und die Befähigung zum Glauben sind ausschließlich dem Handeln Gottes zu verdanken. Eine 'Wahlmöglichkeit', das 'Glaubensangebot' Gottes zu ergreifen, ist aus der Sicht des von der Sünde zutiefst verdorbenen Menschen nicht gegeben und pln nicht denkbar. Das auf die Predigt des Evangeliums respondierende 'Annehmen' beruht – wie auch das gegenwärtige Wirken in der Gemeinde – auf dem erwählenden und geistgewirkten Handeln Gottes: Als Gemeinde können sich die Thessalonicher (1Thess 1,4f) als von Gott erwählt begreifen, weil die Verkündigung des Apostels nicht als Menschenwort, sondern als wahrhaftiges Gotteswort in wirkmächtiger, wie geisterfüllender Kraft auf den Plan trat und eben als solches den Glauben an es selbst schafft. Dieser Gedanke von der glaubenschaffenden Verkündigung des Evangeliums als Handeln Gottes am von sich aus dem Glauben verschlossenen Menschen, begegnet bei Paulus als stets wiederkehrendes Motiv im Kontext seiner Rede des Zum-Glauben-Kommens (247f).

Der Geist des Glaubens (2Kor 4,13), der den Glaubenden nicht ruhen lässt, davon zu reden, wovon er ergriffen ist (Apg 4,20), ist nichts anderes als das Schöpferwort, das die Erkenntnis Jesu Christi als des Kyrios (2Kor 4,13) bewirkt. Entsprechend kann Paulus den nach wie vor bestehenden Unglauben gegenüber der Verkündigung ebenfalls allein darauf zurückführen, dass es Gottes Ratschluss anheim gestellt ist, Glauben zu eröffnen oder Verblendung zu belassen. Hält man sich das Licht der Erkenntnis, das im dunklen Herzen des Menschen aufscheint, weil der Schöpfer sein „es werde Licht“ (2Kor 4,6) spricht und sich darin als der erweist, der die Toten zum Leben erweckt und das, was nicht ist, ins Dasein ruft (Röm 4,17), dann rückt auch der schöpferische Imperativ: „Laßt euch versöhnen mit Gott“ (2Kor 5,20b) in sein rechtes Licht: Dem Aufleuchten des Lichts im Kosmos auf Gottes wirksamen Befehl hin entspricht der Vorgang des Gläubigwerdens (249f).

Der Glaube kommt aus dem Hören (10,17), setzt das Hören zunächst voraus (10,14), doch der 'Gehorsam' (bzw. 'Ungehorsam') gegenüber dem Gehörten, mithin: das Glauben-Können beruht auf dem erwählenden Handeln Gottes. Glaube als Glaube an Jesu Christi Person und Werk verdankt sich dem schöpferischen Anruf eben des Gottes, der den adamitischen Menschen zu einer 'neuen Kreatur' (2Kor 5,17) macht und damit das Nichtseiende ins Dasein ruft (Röm 4,17). Die Glaubenden erkennen sich als aus dem Unglauben Herausgerufene zugleich als heilvoll Erwählte (252f).

b) Die Bewahrung im Glauben

Röm 5,1 konstatiert die friedvolle Beziehung der Glaubenden mit Gott durch Jesus Christus, die den Zugang zur Gnade bleibend im Hier und Jetzt wie auch zukünftig garantiert. Wie für Röm 4,16 der Gnadencharakter des Glaubens als Gottesgabe gilt, so setzt Röm 4,18f diesen Gedanken auch hinsichtlich der Bewahrung im Glauben fort: Der Glaube Abrahams erhält seine Kraft als Kraft Gottes, die gegen alle menschlichen Möglichkeiten und Zweifel im Glaubenden wirkt und ihn mit der Gewissheit erfüllt, dass Gott seine Verheißungen wahr macht. Ein (unangemessenes) Selbstvertrauen ist damit einem dem Glauben entsprechenden Gottvertrauen entgegengesetzt. Die einzige tragfähige Grundlage in Anfechtungen kann allein der auf Gott beruhende und sich von ihm stets getragene Glaube sein (Röm 11,20) (256f).

Paulus kann durchgehend die Zuversicht ausdrücken, dass der 'Verursacher' des Glaubens zugleich der Bewahrer und Erhalter des Glaubens ist: Nach 1Kor 1,6.8 wurde das Zeugnis von Jesus Christus „festgemacht“ und Gott wird die Gemeinde bis zum Ende der Tage er- und festhalten. So ist es auch Gott, der die Gemeinde nach 2Kor 1,21f in Christus „festmacht“ und ihr das „Unterpfand des Geistes“ gegeben hat. Nach 1Thess 3,12f liegt das Wachsen in der dem Glauben entsprechenden Liebe bei Gott, der auch die Bewahrung seiner Glaubenden selbst trägt. 1Thess 1,9f; Phil 1,6 formuliert die pln Zuversicht, dass der 'Anfänger' des Glaubens auch der (eschatologische) Vollender sein wird (A69: das neue Leben im Einklang mit dem Willen Gottes ist allein als Wirkung und Entfaltung des Geistes Gottes bzw. Christi im Menschen zu erklären). Röm 8,30.38: „Denn Gott ist's, der in euch wirkt, sowohl das Wollen als auch das Vollbringen, nach seinem Wohlgefallen“ (257f).

(A 98: Röm 8,1: „So ist nun nichts an Verdammung an denen, die in Christus Jesus sind“, auch wenn in ihnen Sünde ist, weil sie ihnen nicht schadet).

Röm 8,38f: „Ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus, unserem Herrn, wirkmächtig ist“. Für den Glaubenden ist die Versöhnung der Welt durch Gott in Christus als eine durch Gott in Christus vollbrachte Wirklichkeit zu begreifen und das Daran-Glauben-Können ist keine Annahme eines Heilsangebotes Gottes in Christus seitens des Menschen, sondern ein schöpferisches Handeln Gottes am Menschen, der als Glaubender in Christus eine neue Kreatur ist und das Geschehen der Versöhnung als für und an sich geschehen und verwirklicht erkennt. Die hoffnungsgefüllte Antwort des Glaubens mündet daher in das geistgewirkte Bekenntnis: ‚Herr ist Jesus Christus‘ und in das Lob Gottes: Ihm sei Ehre in Ewigkeit! Amen (Röm 11,36) (263).

Ausgangs- wie Zielpunkt aller Aussagen des Apostels zu des Menschen eschatologischem Wohl und Wehe ist in der Christo-Logik der pln Briefe zu sehen. Paulus lässt keinen Zweifel daran, dass der seit dem Fall Adams unausweichlich wie unentschuldbar von der Sünde geknechtete und also von Gottesferne und Gottesfeindschaft gezeichnete Mensch allein aufgrund des erwählenden und sich darin erbarmenden Handelns Gottes in den Stand versetzt werden kann, den Paulus mit Gerechtigkeit bezeichnet. Dieser basiert auf der Versöhnung der Welt als der den ganzen Kosmos mit sich selbst versöhnenden Heilstat Gottes in Jesus Christus. Der Zorn Gottes wird in aller Macht über alle Sünde, Ungerechtigkeit und Gottfeindlichkeit des Menschen hereinberechen und diese vermittels des den Menschen schon immer anklagenden guten, heiligen und gerechten Gesetzes verurteilen – aber nicht verdammen (268f)

Paulus markiert eine einzige, zwingend erforderliche Bedingung der präsentisch- wie futurisch-eschatologischen Heilsteilhabe des von sich aus auf immer und ewig verlorenen Menschen: Der Glaube an Jesus Christus. Außerhalb des Heilsraumes Christi existiert kein Heilsraum. So umfassend-universal das ein für allemal verwirklichte Heilswerk Gottes in Jesu Christi Person und Werk zu verstehen ist, so umfassend-universal ist nicht nur die Verurteilung, sondern auch die eschatologische Verdammung des Menschen extram Christum bei Paulus verstanden (269).

Am 'Dass' des universalen Heils aller scheint nach Jesu Leben, Sterben und Auferstehung kein Zweifel zu bestehen. Wird die (bereits gegenwärtig auf immer und ewig mit Gott versöhnte) Gemeinde Jesu Christi, die sich durch Gottes Gnadenhandeln erwählt, berufen und beim Glauben erhalten weiß, unter bestimmten Bedingungen oder an einem bestimmten Zeitpunkt universale Geltung und Ausbreitung haben, so dass dann Gott „alles in allem“ sein wird (269f)?

(4) Röm 1,16f: Das Evangelium als Kraft Gottes
Denn ich schäme mich des Evangeliums nicht, denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die daran glauben, die Juden zuerst und ebenso die Griechen. (17) Denn darin wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche kommt aus Glauben in Glauben; wie geschrieben steht: Der Gerechte wird aus Glauben leben“ (Hab 2,4). Das Evangelium Gottes ist das Evangelium von dem Sohn Gottes (1,3f): Es beinhaltet das (von Gott gegeben) Bekenntnis zu Jesus Christus als dem Kyrios und impliziert die (auf Gottes Kraft selbst zurückgehende) Verkündigung von Jesus Christus als dem auferstandenen Kyrios und Sohn Gottes. Das Evangelium ist Kraftwirkung. Gottes eigene Kraft ist am Werk zur Erlösung der Menschen, zu ihrer Befreiung von den Mächten der Verderbnis und zu ihrem Eintritt in das neue Zeitalter des Lebens. Die Kraft Gottes ist bei Paulus christologisch bestimmt, insofern Christus als Gottes Kraft und Gottes Weisheit (1Kor 1,24) Inhalt der apostolischen Predigt ist (273f).

Es ist nicht der Glaube des Menschen, der dem Evangelium seine Kraft gibt, sondern es ist die Kraft des Evangeliums, die dem Menschen das Glauben ermöglicht. Es obliegt der Macht Gottes, dass der Mensch dem Verkündigten Glauben schenkt. Gott selbst schafft nicht nur die Voraussetzung des Heils, sondern auch die dafür unerlässliche Bedingung. Die heilvolle Zuwendung Gottes zu den Menschen basiert auf der Treue Gottes zu seiner Schöpfung und die heilvolle Zuwendung Gottes zu Israel beruht auf der Treue Gottes, der der Erwählung Israels treu bleibt, auch wenn Israel selbst seiner Berufung untreu werden sollte (276f).

Die Gerechtigkeit Gottes ist als Aussage über die Rechtfertigung des Menschen zugleich eine Aussage über die Gerechtigkeit Gottes, die er selbst schafft und insofern 'verursacht': Gott als wirkendes Subjekt der Rechtfertigung erweist sicht als gerecht, indem er den Menschen seine Gerechtigkeit zukommen lässt und ihn so gerecht macht. Nach Röm 3,21f ist die Gerechtigkeit Gottes durch den Glauben an Jesus Christus gekennzeichnet, somit als ein Rechtfertigungsgeschehen (3,24) zu begreifen, das allein aufgrund der gnädigen Zuwendung Gottes den sündigen Menschen 'umsonst' in den Status der vor Gott anrechenbaren Gerechtigkeit versetzt. Der Gabe des Glaubens entspricht das 'Angeld des Geistes', mithin der unerschütterlichen Selsbtverpflichtung Gottes zum eschatologischen Wohl des Menschen (278f).

Das umfassend-universal zu verstehende Erlösungshandeln Gottes ist an die Bedingung des Glaubens geknüpft. Die Erfüllung dieser Bedingung liegt in der Hand Gottes, insofern es des Menschen Möglichkeit entnommen ist, dem Evangelium Glauben zu schenken (281f).

(5) Röm 3,21-26: Die Rechtfertigung allein durch Glauben
Nun ist ohne Zutun des Gesetzes die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, offenbart durch das Gesetz und die Propheten. (22) Ich rede aber von der Gerechtigkeit vor Gott, die da kommt durch den Glauben an Jesus Christus zu allen, die glauben. Denn es ist hier kein Unterschied: (23) sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhms, den sie bei Gott haben sollten, (24) und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist. (25) Den hat Gott für den Glauben hingestellt als Sühne in seinem Blut zum Erweis seiner Gerechtigkeit, indem er die Sünden vergibt, die früher (26) begangen wurden in der Zeit seiner Geduld, um nun in dieser Zeit seine Gerechtigkeit zu erweisen, dass er selbst gerecht ist und gerecht macht den, der da ist aus dem Glauben an Jesus“.

Paulus formuliert in dieser Perikope, auf welche Weise das Evangelium Gottes trotz der universalen Sündenverfallenheit des Menschen als Kraft Gottes zum eschatologischen Heil des Menschen unter der Bedingung des Glaubens, die vom Menschen seinerseits nicht erbracht werden kann, zu bestimmen ist (283).

Die Wirkmacht Gottes, die sich im Glauben an Jesus Christus zeigt, rechtfertigt bereits gegenwärtig den Gottlosen, macht den zu Recht vom Gesetz Verfluchten bleibend zu einem Gerechten und erweckt den Todverfallenen zu neuem, unvergänglichem Leben (296).

(A 83: Jeder Mensch, der die Gabe des Glaubens geschenkweise empfangen hat, hat darin bereits die Rechtfertigung vollgültig erfahren und ist dadurch bereits zu einer „neuen Kreatur“ geworden, so dass gilt: Der so durch Gott aus Glauben Gerechtfertigte wird leben).

Trotz und gerade wegen der universalen Sündenverfallenheit aller Menschen wird diesen die heilvolle Rechtfertigung Gottes geschenkweise und allein aus Gnaden zuteil. Diese in der Gabe des Glaubens bereits präsentisch verwirklichte Erlösung und alle Sünden vergebende Tat hat Gott selbst im stellvertretenden Sühnetod Jesu Christi am Kreuz ein für allemal vollzogen und sich darin als der zutiefst seiner eigenen Gerechtigkeit entsprechende und darum den Gottlosen selbst rechtfertigende Gott erwiesen. Gott setzt der Universalität der Sündenverfallenheit seine ebenfalls universal zu verstehende Sühne aller Sünden entgegen. Der Sühnetod Christi ist als ein universal zu verstehendes stellvertretendes Sterben zu begreifen (297).

(6) Röm 4,1-25: Verheißungsvoller Glaube
Abraham der Vater des Glaubens

a) 4,1-12: An der für Juden wie Judenchristen und für Heidenchristen höchst relevanten Person Abraham lässt sich nicht nur die Rechtfertigung des Gottlosen allein aufgrund der gnädigen Zuwendung Gottes im Geschenk des Glaubens, sondern auch die Einbeziehung der Heidenvölker in das Rechtfertigungsgeschehen von den Vätergeschichten an illustrieren. Das hat Abraham (haben auch wir 4,24) erfahren und erlangt: Die durch den Glauben nicht nur mögliche, sondern Wirklichkeit gewordene Rechtfertigung des Gottlosen entsprechend des göttlichen Heilswillens („Abraham aber glaubte Gott, das wurde ihm zur Gerechtigkeit angerechnet“ Gen 15,6). Dabei wird in 4,1-8 zunächst auf den Gnadencharakter des Rechtfertigungsgeschehens hingewiesen. Zur Bestätigung dieser Interpretation versichert sich der Apostel eines zweiten Schriftzeugen, indem er mit Ps 32,1f die Stimme Davids zitiert (304).

4,9-12: Der nach dem Verständnis des Apostels tiefere Sinn jener zeitlichen Vorordnung des Rechtfertigungsgeschehens vor der zeichenhaften 'Äußerung' des Bundesschlusses (Beschneidung) besteht in dem sich darin ausdrückenden universalen Heilswillen Gottes. Zum Glauben muss keineswegs die Beschneidung kommen, aber zur Beschneidung muss unabdingbar der Glaube hinzukommen, soll es wirklich um die Gerechtigkeit Gottes gehen (305f).

b) 4,13-25: Als Kernaussage lässt sich für 4,13-16a festhalten: Die Verheißung an Abraham und seine Nachkommenschaft, eine gewisse Zukunft bei und mit Gott zu haben, wurde ihm durch den Glauben zuteil, der sich der gnädigen Zuwendung Gottes selbst verdankt. Die Verheißung hat ihre Zuverlässigkeit darin, dass sie in ihrer Herkunft und Erfüllung wesenhaft durch ihren Ursprung bei und von Gott her qualifiziert ist (307).

4,16b-22: Unter der 'Überschrift' „Dieser ist unser aller Vater“ wird Abraham in Aufnahme von Gen 15 und 17 als Typos des sola gratia et per fidem gerechtfertigten Gottlosen nachgezeichnet, in dessen Geschichte und Geschick die Geschichte und das Geschick aller Glaubenden enthalten ist, wie die Wendung in 4,24: „auch unseretwegen“ verdeutlicht. Indem der Apostel der für seine Theologie grundlegenden Formulierung (der den Gottlosen rechtfertigt) die beiden Bestimmungen: der „Tote wieder lebendig macht“ und der „das Nichtseiende ins Dasein ruft“ parallelisiert, macht er deutlich, dass die Rechtfertigung des Gottlosen nur als das Wunder göttlicher Neuschöpfung und Lebensgewährung verstanden werden kann. Subjekt und Geber der vertrauenden Gewissheit ist Gott, der den Glauben an die Erfüllung des Verheißenen selbst wirkt. Die Nacherzählung von der Verheißung eines Nachkommens für Abraham durch Gott (Gen 17) dient als Illustration dieses Wunders der Neuschöpfung, das selbst die Zuversicht an die Ermöglichung wie Verwirklichung der Verheißung weckt, stärkt und erhält (308f).

Der schöpferische Anruf im und durch den Glauben ist „Hoffnung wider alle Hoffnung“ (4,18), der den Zweifel überwindet (4,20) und aus dem Gottlosen einen Gerechten macht, aus dem An-Sich-Toten einen in Zeit und Ewigkeit Für-Gott-Lebenden. Im glaubenden Abraham ist der wieder ins Recht gesetzte und zu Recht gebrachte Mensch, sei er Jude oder Heide (vgl. 3,29f), (vor-)abgebildet (309).

In 4,23-25 nimmt Paulus das Verheißungswort an Abraham auf und benennt die Glaubenden als verheißene Nachkommen Abrahams, denen als Glaubende die gleiche Verheißung wie Erfüllung der Rechtfertigung sola gratia zuteil wird (4,24). Der Glaube Abrahams erweist sich aufgrund seines göttlichen Ursprungs als verheißungsvoll. Er ist einerseits als von Gott selbst erfüllte 'Bedingung' der Rechtfertigung verstanden; er hat andererseits weitreichende Bedeutung für das Verständnis von Abraham als dem „Stammvater aller Glaubenden“, verbürgt sich Gott selbst doch für die Erfüllung der mit der Person Abrahams verknüpften umfassenden Verheißung seiner Rechtfertigungstat gegenüber dem Sünder (310).

Subjekt und Wirkursache des Glaubens wie auch Garant dessen, dass der Verheißung die gewisse Erfüllung folgt, ist Gott, der die Rechtfertigung des Gottlosen aus Gnade (4,16) verwirklicht, so dass für Abraham gilt, was allen seinen Nachkommen verheißen ist: der Glaube „wurde ihm zur Gerechtigkeit angerechnet“ (312).

c) Ergebnis: Im Weg Gottes mit Abraham bildete sich das Grenzen überwindende Rechtfertigungsgeschehen Gottes gegenüber dem Gottlosen ab und wird durch Paulus als schriftgemäß erwiesen. Abraham wird durch den Glauben als Gerechter von Gott anerkannt und also gerechtfertigt. Der Glaube selbst wird dabei von Gott geschenkweise empfangen und ist insofern die gottgewirkte Erfüllung der Bedingung, somit die Art und Weise der Rechtfertigung. Im Glauben wird die Rechtfertigung des Gottlosen nicht nur ermöglicht, sondern bleibend verwirklicht. Im Zum-Glauben-Kommen des Abraham erweist sich Gott als der Schöpfer, der das Nichtseiende ins Dasein ruft. An der besonders prominenten Person Abrahams kann der Apostel darüber hinaus die universale Weite dieses Rechtfertigungsgeschehens erweisen: Die Verheißung der heilvollen Zuwendung Gottes zu Abraham als dem „Erben der Welt“ impliziert die Verheißung von Gottes heilvoller Zuwendung zur Welt (312f).