8. Zur Geschichte des Apostels
8.1 Paulus zwischen Damaskus und Antiochien
8.2 Paulus und die römische Christengemeinde
8.3 Die dritte Missionsreise des Paulus (Apg 18,23ff)
8.4 Zeittafel

8.1 Paulus zwischen Damaskus und Antiochien

M. Hengel (2002)

Man muss davon ausgehen, dass von den ersten Anfängen der apostolischen Verkündigung an zwei Gemeindegruppen existierten, die aus sprachlichen Gründen verschiedene Gottesdienste abhielten: die große Mehrheit der aramäisch sprechenden Hebräer und die Minderheit der Hellenisten (162).

Durch die Agitation judenchristlicher Hellenisten in den griechisch sprechenden Synagogen Jerusalems kam es dort zu erheblichen Unruhen und zu einer energischen Gegenreaktion. Die Verkündigung der griechisch sprechenden Anhänger des vor kurzer Zeit gekreuzigten Messias Jesus von Nazareth, die dem Ritualgesetz und dem Kult kritisch gegenübertrat, provozierte die gesetzestreue Majorität. Der aktivste Sprecher der neuen Gruppe, Stephanus, wurde nach einer tumultuarischen Versammlung durch Steinigung getötet. Als aber die Vertreter dieser gesetzeskritischen Gruppe nicht klein beigaben, sondern weiter agierten, ergriff Sha’ul-Paulus die Initiative und veranstaltete im begrenzten Rahmen der 'hellenistischen' Synagogen Jerusalems einen ’Pogrom’ gegen diese Sektierer, wobei er nach dem Vorbild des Pinchas im „Eifer für das Gesetz“ handelte und auch vor der Anwendung von harter Gewalt nicht zurückschreckte. Die relativ kleine Gemeinde der Hellenisten wurde auf diese Weise weitgehend zerschlagen und flüchtete aus Jerusalem in benachbarte Territorien und Städte. Sha’ul ließ sich von eben diesen Synagogen in Jerusalem nach Damaskus senden, um gegen dorthin geflüchtete Agitatoren und ihre Anhänger vor Ort vorzugehen. Unmittelbar vor dem Ziel hatte er jene Vision des Auferstandenen, durch die sein altes Leben zerbrach und sich ihm eine völlig neue und unerwartete Zukunft eröffnete (180f).

Die pln Theologie beruht zu einem guten Teil auf der radikalen Umkehrung früherer Werte und Ziele aufgrund der Begegnung mit dem gekreuzigten und auferstandenen Jesus von Nazareth: Der jüdische Lehrer wird zum Heidenmissionar, an die Stelle des „Eifers für das Gesetz“ tritt die Verkündigung des gesetzesfreien Evangeliums, an die Stelle der Rechtfertigung des Gerechten aufgrund seiner Werke der Tora und seines Eifers für Gottes Gebote die Rechtfertigung des Gottlosen allein durch den Glauben, an die Stelle des freien Willens mit seinen Werken der allein aus Gnade geschenkte Glaube, und aus dem Hass gegen den gekreuzigten und verfluchten Pseudomessias entsteht eine theologia crucis, die das Heil aller Menschen durch den stellvertretenden Fluchtod des Messias am Kreuz begründet. Das eigentliche Wesen der pln Theologie, das sola gratia geschenkte Heil, hat niemand besser als Augustinus und Martin Luther verstanden. Trotz dieser rigorosen Umwertung aller bisherigen Werte und Ideale (Phil 3,7-11) bleibt die pln Theologie aufs engste mit der jüdischen verbunden. Paulus hat sein theologisches Denken zunächst nirgendwo anders als im jüdischen Lehrhaus gelernt. Die Formel „Christus ist das Ende des Gesetzes zur Gerechtigkeit für jeden Glaubenden“ (Röm 10,4) umschreibt die umstürzende Wende seines Lebens. Paulus hat ihre Wahrheit tiefer als andere an sich selbst erfahren (181f).

Paulus in Arabien (3 Jahre)

In Damaskus wurde Paulus durch Ananias getauft. Er schloss sich der dortigen noch kleinen Gemeinde an und verkündigte seine neugewonnene Glaubensüberzeugung zum Erstaunen und Entsetzen der Judenschaft in den Synagogen der Stadt. Sein Evangelium, das er nach Gal 2,2 den Völkern verkündigte und beim Apostelkonzil den Säulen in Jerusalem vorlegte, war nicht von der Legitimation Dritter abhängig, nicht von der kleinen Christengemeinde in Damaskus, und erst recht nicht von den „Aposteln vor ihm in Jerusalem“ (Gal 1,15): „Als es aber Gott gefiel... (16) seinen Sohn mir zu offenbaren, damit ich ihn unter den Völkern verkündigte, da wandte ich mich nicht sofort an Fleisch und Blut um Rat, (17) auch ging ich nicht nach Jerusalem hinauf zu denen, die vor mir Apostel waren, sondern ging weg nach Arabien und kehrte wieder nach Damaskus zurück. Darauf nach drei Jahren reiste ich nach Jerusalem hinauf, um Petrus kennenzulernen". Paulus konnte Jerusalem als einstiger Verfolger und jetziger ’Apostat’ in den Augen seiner ehemaligen Freunde zunächst nicht mehr aufsuchen, sein Leben wäre dort bedroht gewesen (203).

Auch in Damaskus wurde Paulus nach kurzer Zeit der Boden zu heiß, denn das Auftreten des ‚umgedrehten’ Pharisäers erregte in den Damaszener Synagogen Ärgernis. Mit seinem offenen Bekenntnis zu dem Messias und Gottessohn Jesus (Apg 9,20.22) tat er dort gerade das Gegenteil dessen, was man von ihm erwartet hatte (204).

Deshalb erfolgte die Reise in das Nabatäerreich als erste Unternehmung nach der Bekehrung. Nach einem längeren Aufenthalt im nabatäischen Arabien – zwei Jahre oder noch etwas länger (225) – kehrte Paulus zurück nach Damaskus (Gal 1,17c), weil sich die Gemüter dort beruhigt hatten und weil er in Damaskus Freunde im Glauben gewonnen hatte. Nach Apg 9,25 halfen ihm „seine“ Jünger bei der Flucht durch die Mauer (204). „In Damaskus bewachte der Ethnarch des Königs Aretas die Stadt der Damaszener, um mich [Paulus] zu verhaften. Aber durch ein Fenster wurde ich in einem Korb durch die Mauer hinabgelassen und entfloh seinen Händen“ (2Kor 11,32). Diese Flucht des Paulus aus Damaskus schließt den ersten Abschnitt der christlichen Geschichte des Apostels ab (198).

Möglicherweise waren die mit der Arabienreise des Apostels verbundenen Ärgernisse der Anlass zur Flucht gewesen, die ihn am Ende zu dem fünfzehntägigen (geheimen) Besuch bei Kephas in Jerusalem führte. Beide werden sich über ihre jeweils eigene Verkündigung, ihre missionarischen Erfahrungen und vor allem über den einen gemeinsamen Herrn, sein Wirken, seine Passion, seine Auferstehung und seine Zukunft unterhalten und gewiss auch miteinander gebetet haben. Dabei war auch je und je Jakobus gegenwärtig. Wahrscheinlich geschah von Seiten des Paulus, was er nach 14 Jahren in offizieller Weise tat: „Ich erklärte ihnen das Evangelium, das ich unter den Heiden verkündige“ (Gal 2,2) (228).

Wahrscheinlich hatte der pharisäisch geschulte Schriftgelehrte Paulus durch seine geistige Überlegenheit seinerseits die Entwicklung des urchristlichen Denkens wesentlich beeinflusst. Gewiss hat er auch auf Petrus gewirkt. Nach Gal 2,15 hält Paulus in Antiochien Petrus entgegen: „Wir sind von Natur Juden und nicht Sünder aus den Heiden, wissen aber, dass kein Mensch aus Werken des Gesetzes gerechtfertigt wird, sondern durch den Glauben an Jesus Christus...“. Paulus schließt hier Petrus in dieses Wissen mit ein und setzt damit selbstverständlich voraus, dass er es anerkennt. Dafür spricht, dass er selbstverständlich mit den Heidenchristen in Antiochien aß. Weil er dies wusste, konnte er zuvor zusammen mit den beiden anderen 'Säulen' in Jerusalem das pln Evangelium anerkennen (229).  

Paulus in Syrien und Kilikien (14 Jahre)

a. Nachdem Paulus, vermutlich wegen Lebensgefahr, seinen Besuch bei Petrus abbrechen musste, geht er in seine Heimatstadt Tarsus (um 36 n.Chr.), der Metropole des kilikischen Teils der damaligen Doppelprovinz Syrien-Kilikien. Paulus betont, dass er nie dort habe wirken wollen, wo schon andere Missionare vor ihm tätig waren. Dies hängt gewiss auch mit seinem besonderen Evangelium und seiner Sendung zur Heidenmission sowie seiner anstößig konsequenten Haltung in der Gesetzesfrage zusammen. Nach wie vor wirkt er als Einzelkämpfer (230f).

Größere Zahlen von Gottesfürchtigen, die man am ehesten mit dem Evangelium ansprechen konnte, gab es nur in den wichtigen Städten. Hier bot Antiochien ein lohnendes Missionsfeld. Die Nachricht des Lukas, dass die nach Antiochien gelangten judenchristlichen Hellenisten aus Kyrene und Zypern „den Griechen den Herrn Jesus verkündigten“ (Apg 11,20) und dabei Erfolg hatten, ist so zu deuten, dass diese kleine Gruppe aus den aus Jerusalem vertriebenen Hellenisten, nachdem sie in den Synagogen selbst auf scharfen Widerstand stießen, sich in dieser Großstadt ausschließlich jenen 'Griechen', d.h. den heidnischen Sympathisanten, zuwandten und dass bei ihrer Verkündigung das Ritualgesetz völlig bedeutungslos geworden war (231).

b. Dass die Jerusalemer Gemeinde auf diese neue Entwicklung hin Barnabas nach Antiochien sandte, zeigt, dass die Gemeinden (Gal 1,22) in positiver Verbindung miteinander standen. Barnabas ist abhängig von Petrus (Gal 2,13). Er hatte enge Verbindung mit dem Jerusalemer Johannes Markus, seinem Neffen, der selbst wieder mit Petrus in Verbindung stand. Vermutlich war Barnabas ein Vermittler zwischen der überwiegend aramäisch sprechenden Muttergemeinde in Jerusalem und den Gemeindegründungen der Hellenisten in Syrien. Es muss eine ständige Verbindung bestanden haben trotz aller Unterschiede bedingt durch das Selbstverständnis der neuen Bewegung als „ekklesia Gottes“, als das eschatologische „wahre Israel“ und als „Leib Christi“. Man hörte auf das eine Evangelium (1Kor 15,11), trotz aller Besonderheiten der pln Botschaft, und auf den einen Herrn (1Kor 8,6), hatte den einen Geist empfangen und übte die eine Taufe (Eph 4,5). Hätte die Jerusalemer Urgemeinde die pln gesetzeskritische Heidenmission nicht anerkannt, wäre Paulus „vergeblich gelaufen“, d.h. er hätte diese nicht weiterführen können (Gal 2,2). Dass Barnabas dann in Antiochien blieb, zeigt, dass er dort gebraucht wurde und dass er mit der neuen Entwicklung einverstanden war. Die Verbindung mit Jerusalem ist dabei nie abgebrochen (232f).

c. Während dieser Zeit wirkte Paulus in Tarsus und in Kilikien. Da Paulus vor seinem Zusammengehen mit Barnabas als Außenseiter und Einzelgänger wirkte, verfügt Lukas u.U. über keine Information aus Tarsus. Nach Apg 15,41 besuchen Paulus und Silas zu Beginn der zweiten Reise u.a. die Gemeinden „in Kilikien“ und „festigen“ sie. Dort hatte sich nach Lukas bisher nur Paulus aufgehalten, d.h. er muss diese Gemeinden gegründet haben. Auch die Nennung Kilikiens Gal 1,21 setzt dort seine missionarische Tätigkeit voraus. Der Aufenthalt in Tarsus und im kilikischen Gebiet wird vermutlich zwei bis vier Jahre gedauert haben (233).

Dass Barnabas Paulus in Tarsus aufsuchte und für die missionarische Mitarbeit in Antiochien gewinnen konnte, zeigt einerseits, dass die beiden schon von früher her miteinander in Verbindung gestanden hatten und einigermaßen übereinander informiert waren, zum anderen, dass Barnabas von den theologischen Anschauungen des Paulus beeindruckt war. Dass die Initiative von Barnabas ausging, ist plausibel: Der Einzelkämpfer sucht nicht die Gemeinschaft von sich aus, ein anderer hatte ihn vielmehr dazu gedrängt (233).

Paulus mag um das Jahr 40 nach Antiochien gekommen sein und von jetzt an dort mit den anderen Missionaren der Hellenisten eng zusammen gearbeitet haben. Das „mit Barnabas“ (Gal 2,1) und das „allein ich und Barnabas“ (1Kor 9,6) weisen auf eine besondere persönliche missionarische Verbindung mit dem Leviten aus Zypern hin, die durch Apg 13 – 15 bestätigt wird. Dass beide in Antiochien maßgebliche Autoritäten waren, ergibt sich aus der Schilderung der Auseinandersetzung mit Petrus in Antiochien, wo Paulus nur noch ihn erwähnt, tief enttäuscht über dessen Verhalten. Der Nachsatz: „so dass selbst Barnabas sich durch ihre Heuchelei mitreißen ließ“ (2,13), zeigt zum einen die enge Verbindung des Paulus mit Barnabas bis zu diesem verhängnisvollen Augenblick und zum anderen seine tiefe Enttäuschung. Außerdem erwähnt er ihn wohl auch noch, weil er den südgalatischen Gemeinden als Mitbegründer gut bekannt war und das Verhalten des Barnabas ihm von den Judaisten vorgehalten wurde: Selbst dieser hat damals eingesehen, dass er Unrecht hatte und hat mit allen anderen die richtigen Konsequenzen gezogen. Der in Gal 2,11ff berichtete Vorgang führte zu einem wirklichen Bruch. Die Abgesandten des Jakobus sind vielleicht später nach Südgalatien weitergereist und haben dort die Gemeinden verwirrt, so dass Paulus von Ephesus aus seinen Brief schreiben musste. Paulus hätte nicht so scharf reagieren können, wenn er nicht bei der Gemeindegründung, gegenüber den südgalatischen Gemeinden auf der ersten Reise, seine theologia crucis und Christus als das Ende des Gesetzes auf eindeutige Weise verkündigt hätte (Gal 3,1; 5,7). Ohne eine derartige, vorausgehende Verkündigung wäre der Gal für die Empfänger nicht verständlich gewesen (234f).

d. In der Zeit zwischen dem Besuch bei Petrus und bis zu dem Auftreten der „eingeschlichenen falschen Brüder“ (Gal 2,4) in Antiochien war die Haltung der jungen enthusiastisch-eschatologischen Gemeinschaft (s. Petrus, Barnabas und die Hellenisten) zumindestens außerhalb des jüdischen Palästinas gegenüber der Gesetzesfrage großzügiger als später in den fünfziger Jahren, wo am Ende Jakobus wahrscheinlich die Annahme der Kollekte verweigerte und Paulus im Jerusalemer Tempel vom Mob beinahe gelyncht und anschließend verhaftet wurde. Dies hängt mit den Vorgängen in Judäa seit der Verfolgung durch Agrippa I. und dem nach seinem Tode wachsenden „Eifer für das Gesetz“ zusammen (235).

Nach der Apg wird Paulus in Syrien und Phönizien offenbar in einer ganzen Reihe von Gemeinden wie ein alter Bekannter begrüßt und aufgenommen. Dies könnte damit zusammenhängen, dass er während seiner langen syrischen Wirkungszeit u.a. auch diese Gemeinden aufgesucht hatte. So beschreibt Lukas als Augenzeuge bei der Kollektenreise die Aufnahme des Apostels in Tyros, wo er sieben Tage bei den „Jüngern“ bleibt und vor dem Besuch in Jerusalem gewarnt wird (21,3-6). In Ptolemais bleiben sie einen Tag bei „den Brüdern“ und in Cäsarea suchen sie das Haus des Phillipus auf, wo sie sich wieder einige Tage aufhalten. Hier wiederholt sich die Warnung, verstärkt durch die Weissagung des Propheten Agabus (236).

Bei der letzten Reisestrecke nach Jerusalem werden sie von den Brüdern aus Cäsarea begleitet und in der Heiligen Stadt bei einem „alten Jünger“, dem Zyprier Mnason, untergebracht. Bei der Romreise wird Paulus in ähnlicher Weise in Sidon von „den Freunden“ für die große Reise versorgt (27,3). D.h. Paulus muss in den Gemeinden der phönizisch-syrischen Küste wohlbekannt und angesehen gewesen sein, aufgrund seiner syrischen Missionsarbeit. Der freundliche Empfang durch die Brüder („die Brüder nahmen uns gerne auf“ 21,17) bezieht sich auf die Aufnahme durch eine kleine Gruppe von Hellenisten vor dem Treffen mit Jakobus. Dass damals Gerüchte umliefen, die Paulus als Antinomisten diffamierten, der den Libertinismus fördere, zeigt auch der Röm. Nach Apg 15,3 besuchten Paulus und Barnabas auf der Reise nach Jerusalem die Gemeinden in Phönizien und Samarien und berichteten zur Freude der Brüder von ihren Missionserfolgen bei den Heiden. D.h. in den Jahren 40-49 hat sich unter entscheidender theologisch argumentierender Mitwirkung des Paulus das gesetzeskritische Evangelium in Syrien ausgebreitet (236f).

e. Die einzige Ausnahme blieb Jerusalem (und wohl auch das jüdische Palästina überhaupt). Hier musste die gesetzeskritische Form der Botschaft auf wachsenden Widerstand stoßen. Die Verfolgung der Jerusalemer Judenchristen unter Agrippa I. mit der Hinrichtung des Zebedaiden Jakobus und anderer Gemeindeglieder zwang Petrus, dessen Herrschaftsgebiet zu verlassen. Die Anklage wird, ähnlich wie 20 Jahre später, 62 n.Chr. beim Herrenbruder Jakobus, 'Gesetzesübertretung' gelautet haben, zumal Petrus und die anderen ehemaligen Jesusjünger noch nicht so gesetzesstreng waren wie der von jetzt an die Leitung der Gemeinde übernehmende Herrenbruder Jakobus an der Spitze eines Ältestenkreises. Dass Jakobus Gal 2,8 als erster der drei 'Säulen' genannt wird, deutet auf diese Veränderung hin, die auch zur Verschärfung der Gesetzesfrage führte. Gleichwohl erkannte Jakobus die gesetzeskritische Verkündigung eines Paulus und Barnabas ebenso an wie die beiden anderen „Säulen“ Petrus und Johannes. Vielleicht lag in der Krise unter Agrippa I. der Ursprung der später vielfach bezeugten Nachricht, dass zwölf Jahre nach dem Urgeschehen die Apostel Jerusalem verlassen hätten. Dies würde bedeuten, dass damals nicht nur Petrus Judäa verließ, sondern auch der Zwölferkreis seinen Einfluss verlor. Jakobus konnte sich nur halten, weil er selbst im persönlichen Ansehen strenger Gesetzesfrömmigkeit stand, der offenbar auch seine Parteigänger nacheiferten. Der wachsende Eifer für das Gesetz führte dann zur Forderung der Beschneidung der Heidenchristen in Antiochien durch aus Jerusalem kommende Sendboten (237f).

Jerusalem muss wegen der dortigen Bedrohung für Paulus längere Zeit tabu gewesen sein. Selbst nach den 14 Jahren (49 n.Chr.) reiste er nur aufgrund einer speziellen Offenbarung in die Heilige Stadt, weil jetzt plötzlich die Gültigkeit seiner gesetzeskritischen Evangeliumsverkündigung unter den „Völkern“ auf dem Spiele stand. Um so mehr fällt auf, dass er auch nach den schmerzlichen Erfahrungen in Antiochien mit Jerusalem in Verbindung blieb und von der Verfolgung der Gemeinden in Judäa erzählt (1Thess 2,14), es nach Röm 15,19 zum Ausgangspunkt seiner Völkermission macht und mit Nachdruck die Kollekte für die dortige bedrängte Gemeinde der „Heiligen“ einsammelt (238f).

Fazit

Die pln Gesetzes- und Rechtfertigungslehre liegt in der Lebenswende des pharisäischen Schriftgelehrten und der in diesem Zusammenhang empfangenen „Offenbarung Jesu Christi“ begründet, d.h. in dem vom Auferstandenen empfangenen Evangelium, das ihn zum Heidenmissionar macht und das er in Konfliktsituationen konsequent verteidigt. Nicht Paulus hat seine gesetzeskritische Position verschärft, sondern der durch die äußere Entwicklung in Judäa der Gemeinde aufgezwungene strenge Gesetzesgehorsam begann auch in Gemeinden außerhalb Palästinas auszustrahlen und führte dort zu den im Gal, Phil und Röm angedeuteten Konflikten (239).