Anhang: Der Römerbrief und die Aporien des paulinischen Denkens

U. Schnelle (2009)

Warum wollte Paulus nach Spanien? Der Hauptgrund für Spanien dürfte darin gelegen haben, dass der Widerstand gegen den ‚Apostel der Völker‘ (Röm 11,13) im Osten des Reiches immer stärker wurde und er dort keine Zukunft mehr für seine Mission sah. Innerhalb kurzer Zeit drangen judenchristliche Charismatiker (2Kor) und Beschneidungsforderer (Gal) erfolgreich in seine Gemeinden ein, die kaum ohne Rückendeckung der Urgemeinde agierten. Wahrscheinlich konnte er sich noch einmal gegen sie erwehren, aber er spürte, dass seine Position im Osten immer schwächer wurde (Röm 15,23: „Nun aber habe ich keinen Raum mehr in diesen Gegenden“). Selbst in Rom agierten seine Gegner (Röm 16,17-20), wurde seine Theologie angegriffen und ad absurdum geführt (Röm 3,1-8;  6,1f;  7,7;  9,1). Eine militante Gegenmission war im Gang, die vor allem die offene Israelfrage mit der Integration der Glaubenden aus den Völkern in das eine erwählte Volk qua Beschneidung lösen wollte (Gal 4,29;  5,11;  6,12). Der Römerbrief ist der Versuch einer denkerischen Bewältigung der Krisensituation, in der sich Paulus, aber auch das gesamte frühe Christentum befanden (5f).

Paulus als theologischer Denker: Der große Erfolg seiner beschneidungsfreien Mission stellte Paulus vor enorme Probleme, denn er musste als erster jene unausweichlichen Aporien zur Kenntnis nehmen, mit denen sich das formierende Christentum immer stärker konfrontiert sah. Er musste zusammendenken, was nicht zu harmonisieren war: Gottes erster Bund bleibt gültig, aber nur der neue Bund rettet. Welchen Wert hat die Tora, wenn Menschen aus den Völkern auch ohne Beschneidung den Willen Gottes umfassend erfüllen können? Das erwählte Gottesvolk muss sich zu Christus bekehren, um mit den glaubenden Menschen aus den Völkern das eine wahre Gottesvolk zu werden (6f).

Paulus muss sich wie in keinem anderen Brief argumentativ in einem komplexen theologischen und historischen Kontext bewegen und behaupten, um die römische Gemeinde für sich zu gewinnen. Die Themen ergeben sich aus der Missionsgeschichte, so vor allem die Gesetzes- und Israelproblematik (8f).

Das Gesetz: Die Gesetzesproblematik war die erste Aporie, der sich Paulus umfassend im Röm stellt. Paulus befand sich z.Zt. der Abfassung des Röm in einer schwierigen Situation: Er musste die Beschneidungsfreiheit für Christen aus den Völkern wahren, die rituelle sowie soteriologische Insuffizienz der Tora für Judenchristen und Christen aus den Völkern behaupten und zugleich die Erfüllung des Gesetzes/der Tora auch durch die Christen postulieren. Nur so war es möglich, die bleibende Gültigkeit des ersten Bundes und den alleinigen Heilscharakter des neuen Bundes zu sichern. Zudem galt es, den aufgrund der Argumentation des Gals erhobenen Vorwurf der ‚Gesetzlosigkeit‘ zu widerlegen (10).

Die galatische Krise veränderte die Situation des Apostels schlagartig und nachhaltig, denn nun wurde den pln Gemeinden die Toraproblematik in Gestalt der Beschneidungsforderung für Christen aus griechisch-römischer Tradition massiv von außen aufgedrängt. Die Tora rückte auch in den vorwiegend beschneidungsfreien christlichen Gemeinden Kleinasiens und Griechenlands von der Peripherie in das Zentrum und Paulus sah sich genötigt, das Konzept unterschiedlicher Wege in der Gesetzes-/Torafrage (Gal 2,7) aufzukündigen und die Bedeutung der Tora für Christen aus dem Judentum und aus den Völkern grundsätzlich zu klären. Mit der Beschneidung verbindet sich die Frage nach der Lebensgewinnung durch die Tora, d.h. die soteriologische Qualität des Christusgeschehens wäre beeinträchtigt worden. Paulus demontiert die Tora, indem er sie zeitlich (Gal 3,17) und sachlich (Gal 3,19f) als sekundär einstuft. Ihr kam innerhalb der Geschichte lediglich die Aufgabe zu, die Menschen zu beaufsichtigen (Gal 3,24). Die Glaubenden aus Judentum und griechisch-römischer Welt sind jenseits der Beschneidung und der Tora die legitimierten Erben der Verheißungen an Abraham (Gal 3,29). Paulus hebt im Gal die hamartiologische Sonderstellung der Juden und Judenchristen auf (Gal 2,16) und ordnet sie in die von der Sünde bestimmte Menschheitsgeschichte ein (Gal 3,22). Beschneidung und Tora gehören nicht zur soteriologischen Selbstdefinition des Christentums, weil sich Gott unmittelbar in Jesus Christus offenbarte und die Getauften und Glaubenden in der Geistgabe an diesem Heilsereignis partizipieren (Gal 3,26-28) (10-12). Im Röm nimmt Paulus Veränderungen gegenüber dem Gal auf drei Ebenen vor:

(1) Zunächst bestreitet Paulus mit Hilfe eines philosophischen Topos die Sonderstellung Israels durch die Toragabe. Weil es ein allen Menschen gemeinsames Gesetz gibt, das als vernünftiger Maßstab des Gerechten und Ungerechten überhaupt erst ein Leben in der Gemeinschaft der Polis oder des Staates ermöglicht, haben die Menschen aus den Völkern auch in diesem grundlegenden Bereich keinen Nachteil gegenüber den Juden (Röm 2,14f). Diese negative Gleichstellung verbindet Paulus (2) mit der Einführung der „Gerechtigkeit Gottes“ als theologischem Leitbegriff (2Kor 5,21;  Röm 1,17;  3,5.22;  10,3;  Phil 3,9), der bewusst als „Gerechtigkeit Gottes ohne Gesetz bestimmt wird (Röm 3,21;  6,14; 10,1-4). (3) Der Sündenbegriff rückt im Röm in den Mittelpunkt (Röm 48mal), indem nun die Sünde zur eigentlichen Unheilsmacht und Gegenspielerin der Tora wird (Röm 7,7ff), ein Gedanke, der zuvor in Gal 3,22 nur anklingt (12f).

Diese Argumentationsgänge ermöglichen es Paulus, einerseits den theologischen Ertrag des Gals zu sichern, andererseits aber auch die notwendigen Freiräume für eine partielle Neubewertung des Gesetzes/der Tora zu bekommen (Röm 3,31;  7,7.12;  13,8-10): das Gesetz/die Tora wird nicht mehr als solches kritisiert, es ist nun zuerst Opfer der Sündenmacht. Die pln Lösung besteht darin, neu zu definieren, was das Gesetz seinem Wesen nach ist. Einen ersten Schritt in diese Richtung bildet Gal 5,14; „Das ganze Gesetz ist in einem Wort erfüllt, nämlich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“. Die These, die Liebe sei die Erfüllung des Gesetzes/der Tora (Röm 13,10) sichert die pln Argumentation in vierfacher Hinsicht ab: (1) Sie erlaubt die Behauptung, das Gesetz/die Tora in seinem innersten Wesen voll zur Geltung zu bringen und zu erfüllen, ohne ihm eine soteriologische Funktion zuzubilligen. (2) Zugleich ermöglicht diese Vorstellung im Hinblick auf die beschneidungsfreie Mission die notwendige Reduktion des Gesetzes/der Tora. (3) Sowohl mit seiner Konzentration des Gesetzes/der Tora auf ein Gebot bzw. wenige ethische Grundnormen als auch mit seiner Wesensbestimmung des Gesetzes/der Tora als Liebe steht Paulus in der Tradition des hellenistischen Judentums. (4) Auch im griechisch-römischen Kulturbereich galt die Überzeugung, dass Güte und Liebe die eigentliche Form der Gerechtigkeit und der Erfüllung der Gesetze sind (13).

Paulus rang mit der Gesetzesproblematik und gelangte zu einer sich verdichtenden Lösung, die er im Röm vorlegt. Die Konzentration auf den Liebesgedanken ermöglicht es ihm, die theologische Position des Gals in ihrem Kern weiterhin zu vertreten, ohne jedoch als ‚gesetzlos‘ gebrandmarkt zu werden. Paulus nimmt eine Neudefinition vor, indem er seine Auffassung von der Tora (die Liebe als Zentrum und Ziel bei gleichzeitiger Verneinung jeglicher soteriologischer Funktion und der Abrogation der Ritualvorschriften) als ‘das Gesetz‘ formuliert und damit zugleich die Tora in einen übergeordneten Gesetzesbegriff integriert, der gleichermaßen für alle Christen auf ihrem jeweiligen kulturellen Hintergrund zugänglich war. Der Apostel synthetisiert über den Liebesbegriff das jüdische und das griechisch-römische Gesetzesverständnis und gelangt so zu einer stimmigen Integration der Gesetzesthematik in seine Sinnbildung. Über die Neuschreibung gelingt es Paulus, das Unvereinbare zu vereinbaren, um so die notwendige kulturelle Anschlussfähigkeit herzustellen. Paulus geht es in all seinen Äußerungen zum Gesetz/zur Tora nie um ‚Gesetzesfreiheit‘, sondern um die Frage, wie die soteriologische Exklusivität des Christusgeschehens, die Erfüllung des Gesetzes in der Liebe und die Beschneidungsfreiheit der Glaubenden aus griechisch-römischer Tradition zusammengedacht werden können (14).

Israel: Wenn das Heil von den Juden zu den Christusgläubigen überging und sich zugleich die Mehrheit Israels diesem ‚neuen Weg‘ (Apg 19,23) verweigerte, stellt sich mit aller Schärfe die Frage nach dem Verhalten Gottes gegenüber dem erwählten Volk Israel und der Gültigkeit seiner Verheißungen. Damit verband sich für die Urgemeinde die Frage nach ihrem theologisch-politischen Standort. Im Vorfeld des jüdischen Krieges wächst unter zelotischem Einfluss der jüdische Nationalismus und damit die Abgrenzung gegenüber den Heiden. Die schnell wachsende Zahl der Christusgläubigen aus den Völkern und ihr Anspruch, auch ohne Beschneidung Glieder des auserwählten Gottesvolkes zu sein, musste von der Synagoge als Provokation und Gefährdung verstanden werden. Deshalb entschied sich die Urgemeinde unter Führung des Herrenbruders Jakobus wahrscheinlich für eine Änderung ihrer Haltung gegenüber den Beschlüssen des Apostelkonvents bzw. für eine Aktivierung der schon immer vorhandenen Vorbehalte gegenüber der pln Position (Apg 15,28f). Um weiterhin eine Gruppe innerhalb des Judentums bleiben zu können, wurde eine der pln Mission nachfolgende Gegenmission zugelassen, deren Ziel es war, Heidenchristen zur Beschneidung und zur Beachtung des jüdischen Festkalenders zu zwingen (15).

In dieser Situation stellt sich Paulus der Israelfrage, die er in Röm 9-11 ausführlich behandelt. Zunächst unterscheidet er zwischen dem Israel nach dem Fleisch und dem Israel der Verheißung, das allein das wahre Israel ist (Röm 9,6-8). Er nimmt damit wie bei der Gesetzesfrage eine Neudefinition vor. Sodann behauptet er, nur ein Rest Israels sei erwählt, die Übrigen hingegen verstockt (Röm 11,5ff). Schließlich gelangt er über den Gedanken, die Erwählung der Heiden werde Israel zum Heil gereichen, zu der Spitzenthese in Röm 11,26: „Ganz Israel wird gerettet werden“. In 11,20 wird als Grund für den Auschluss Israels vom Heil der Unglaube genannt, dessen Überwindung in V.23 als Bedingung für das Eingehen Israels ins Heil erscheint. Insbesondere  V.23 macht somit eine Interpretation von V.26 jenseits des Christusglaubens wenig wahrscheinlich. Neben V.23 legen auch die Unterscheidung zwischen dem Israel der Verheißung und dem Israel nach dem Fleisch in 9,6 die Bemerkung des Apostels in Röm 11,14, er hoffe einige seiner Landsleute zu retten, diese Interpretation nahe (15f).

Paulus erwartet nach Röm 11,25-27 ein Handeln Gottes im Endgeschehen, das mit dem Erscheinen des Parusie-Christus zu einer Bekehrung und damit zur Rettung Israels führt. Paulus sieht so die Treue und die Identität Gottes gewahrt, der Israel nicht für immer verstieß, sondern Juden und Heiden gleichermaßen dem Ungehorsam unterwarf, um sich ihrer in Jesus Christus zu erbarmen (11,32). Eine Spannung bleibt: Als Apostel der Völker (Röm 11,13) war er der entscheidende Protagonist der beschneidungsfreien Mission (17).

Gerechtigkeit: Paulus weitet vor allem im Röm die Grundanschauungen der mit der Taufe verbundenen Rechtfertigungslehre zu einer durch Universalismus und Antinomismus gekennzeichneten exklusiven Rechtfertigungslehre aus. Auf soziologischer Ebene zielt sie auf die Gleichberechtigung der Christen aus den Völkern. Sie sichert ihnen als Glaubende und Getaufte angesichts der judaistischen Infragestellung die uneingeschränkte Zugehörigkeit zum auserwählten Gottesvolk. Darüber hinaus wird die für die römische Gesellschaft grundlegende Kultur der Gegenseitigkeit grundlegend verändert, indem Paulus in radikaler Weise einen Anspruch auf Gottes Wohltaten verneint. Niemand ist vor Gott gerecht (Röm 3,23) und nur Gott allein ist gut (Röm 5,7). Zudem wird die unverdiente Gabe der göttlichen Gerechtigkeit durch einen Gekreuzigten übergeben. Weil niemand auf Grund seiner Rasse, seines Geschlechts oder seines sozialen Standes einen Anspruch auf göttliche Wohltaten hat, führt Paulus eine Demokratisierung des Gnaden-Verständnisses durch. Theologisch negiert die exklusive Rechtfertigungslehre nicht nur jede soteriologische Funktion der Tora und reduziert ihre ethische Relevanz auf das Liebesgebot; sie entschränkt jegliches partikulare bzw. nationale Erwählungsbewusstsein und formuliert ein universales Gottesbild: Jenseits von Rasse, Geschlecht und Nationalität schenkt Gott jedem Menschen im Glauben an Jesus Christus seine die Sündenmacht überwindende Gerechtigkeit (19).

Gerechtigkeit Gottes benennt prägnant das Offenbarwerden sowie das Einbezogenwerden in und die Teilhabe der Glaubenden an Gottes rechtfertigendem Handeln in Jesus Christus. Im Röm fungiert ‚Gerechtigkeit Gottes‘ als theologischer Leitbegriff, weil Paulus im Gefolge der galatischen Krise und im Blick auf die Kollektenübergabe in Jerusalem seine Christologie theozentrisch profiliert und die Gesetzesproblematik einer Lösung zuführen muss: Im Christusgeschehen erschien die von Gott ausgehende und im Glauben anzunehmende Gerechtigkeit Gottes, die allein den Menschen vor Gott rechtfertigt und somit dem Gesetz/der Tora jegliche soteriologische Bedeutung nimmt (Röm 6,14) (20).

Alle Menschen sind ausweglos der Macht der Sünde untertan (Gal 3,22;  Röm 3,9.20), d.h. der Status des Sünders kennzeichnet alle Menschen, auch wenn sie einer privilegierten Gruppe angehören und gerecht handeln. Gerechtigkeit kann nur durch den Transfer aus dem Herrschaftsbereich der Sünde in den Christus-Bereich hinein erlangt werden. Paulus negiert jegliche religiöse Sonderstellung, denn seine Christushermeneutik lässt innerhalb des Sünden- und damit auch des Gerechtigkeitsbegriffs keinerlei Differenzierungen zu. Paulus vertritt einen Universalismus, der sich von der Nation, dem Land, dem Tempel und dem Gesetz als Regulativen des Gottesverhältnisses trennt. Damit verlässt er jüdisches Denken, das als national und partikular bezeichnet werden kann. Gottes Handeln ist jeglicher menschlicher Aktivität vorgängig, das neue Sein hat nicht Tat-, sondern Geschenkcharakter. Nicht das Tun definiert das Menschsein, sondern allein das Verhältnis zu Gott. Das Subjekt weiß sich unmittelbar auf Gottes vorgängiges Tun gegründet, es konstituiert sich aus seiner Beziehung zu Gott und versteht sich als von Gott anerkannt, gehalten und erhalten. Damit ist die Rechtfertigungslehre auch die christliche Symbolisierung einer unantastbaren Menschenwürde jedes Individuums (20f).

In großer Nähe zum griechisch-römischen Denken integriert Paulus das Gesetz/die Tora in das höchste Prinzip menschlichen Lebens: Die Liebe. Die Überführung in die Liebe nimmt dem Gesetz/der Tora die zerstörerische Kraft des religiösen Eifers und stärkt so seine dienende Funktion. Der antike griechische Mensch geht (wie der moderne Mensch) von der Überzeugung aus, dass er aus eigener Kraft durch sein Denken und Handeln seine Lebensbestimmung erreichen kann. Paulus entwirft ein anderes, neues Bild: alle Attribute, die Menschen in der Regel ihrer Subjektivität zuschreiben, werden von Paulus Gott zugeschrieben: Gerechtigkeit, Liebe und Freiheit. Allein Gott als Grund der Externität menschlicher Existenz vermag die Freiheit und Würde des menschlichen Subjekts zu begründen und zu bewahren (22).