1. Zum Apostel Paulus

Gottes erster Bund bleibt gültig, aber nur der neue Bund rettet

Veränderte geschichtliche Situationen erfordern neue Argumentationen

1. Der Römerbrief - ein Reformprogramm für das antike Judentum
(1) Rechenschaft eines scheiternden Reformators
(2) Pluralität der Heilskonzepte
(3) Der Zwiespalt des Menschen
(4) Zusammenfassung

2. Paulus – neu gesehen
(1) Zwei Briefe an die Gemeinde der Thessalonicher (1Thess)
(2) Drei Briefe an die Heiligen von Philippi (Phil)
(3) Vier Briefe an die Gemeinde Gottes in Korinth (1Kor)
(4) Drei weitere Briefe an die Gemeinde Gottes in Korinth (2Kor)

3. Die paulinischen Peristasenkataloge
(1) 1Kor 4,6-13: Die aufgeblasenen Korinther und die Wirklichkeit der Apostel
(2) 2Kor 4,7-15: Leidensgemeinschaft mit Christus
(3) 2Kor 6,3-10: Der Apostel als Diener Gottes
(4) 2Kor 11,21b-30: Der Apostel als Diener Christi
(5) 2Kor (12,9b-10): „Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark
(6) Anhang (2Kor 10-13): Der schwache Apostel und die Kraft der Rede

4. Paulus beschneidungsfreie Völkermission
5. Der Römerbrief und die Aporien des paulinischen Denkens
Anhang: Wandlungen im paulinischen Denken in bezug auf das Gesetz und auf Israel
6. Die Ekklesia als der Leib Christi in den Paulusbriefen
7. Paulus und die Versöhnung aller nach dem Römerbrief

8. Zur Geschichte des Apostels
(1) Paulus zwischen Damaskus und Antiochien
(2) Paulus und die römische Christengemeinde
(3) Die dritte Missionsreise des Paulus (Apg 18,23ff)
(4) Zeittafel


Literatur

1. Der Römerbrief – ein Reformprogramm für das antike Judentum

(1) Rechenschaft eines scheiternden Reformators
(2) Pluralität der Heilskonzepte
(3) Der Zwiespalt des Menschen
(4) Zusammenfassung

G. Theißen/P.v.Gemünden (2016)

(1) Rechenschaft eines scheiternden Reformators (folgt)

(2) Pluralität der Heilskonzepte
a. Röm 1,18 - 3,20: Heil durch Tun des Gesetzes (folgt)
b. Röm 3,21 - 5,21: Heil durch Rechtfertigung (folgt)
c. Röm Kp 6 - 8: Heil durch Verwandlung
d. Röm Kp 9 - 11: Heil durch Erwählung
e. Die Entwicklung des Paulus

a. Röm 1,18 - 3,20: Heil durch Tun des Gesetzes (folgt)
b. Röm 3,21 - 5,21: Heil durch Rechtfertigung (folgt)

c. Röm Kp 6 - 8: Heil durch Verwandlung

Paulus weist in Röm Kp 6 - 8 den gegen ihn erhobenen libertinistischen Vorwurf zurück, er lehre das Böse, damit das Gute herauskomme (3,8). Dreimal führt er diesen Vorwurf an (6,1.15; 7,7). Seine Antwort ist: Die Christen sind durch die Taufe verwandelt. Sie sind mit Christus gestorben und zu einem neuen Leben gelangt. Dadurch haben sie sich definitiv von der Sünde getrennt. Die Taufe deutet er als symbolisches Sterben. Röm 6,1-11 ist der älteste Beleg für diese Deutung: „Wisst ihr nicht, dass alle, die wir auf Christus Jesus getauft sind, die sind in seinen Tod getauft“ (Röm 6,3). Die Mysterienkulte kannten die Vorstellung einer sterbenden Gottheit: Die Isisweihe wurde nach dem Bild eines freiwilligen Todes und einer Erlösung aus Gnade gefeiert. Mit solchen Bildern konnte Paulus klar machen, dass eine irreversible Verwandlung mit den Christen geschehen ist (396).

Die Deutung der Taufe als ein symbolischer Durchgang durch den Tod zum Leben zeigt theologisch und historisch einen Wandel ihrer Funktion an. Die Taufe des Johannes geschah zur Umkehr. Durch Umkehr sollten Juden auf einen Weg zurückkehren, von dem sie abgeirrt waren. Die Taufe von Heiden war dagegen ein Bruch mit deren alten Göttern. Hier musste der Gegenstand der Anbetung ausgetauscht werden. Dazu passt, dass schon im Judentum die Bekehrung von Heiden zum jüdischen Glauben als Neuschöpfung aus dem Tod dargestellt wurde. (Die heidnische Priestertochter Aseneth deutet ihre Bekehrung zum Judentum so, als sei sie aus dem Tod neu geschaffen worden). Es ist kein Zufalle, dass die Todesdeutung der Taufe zum ersten Mal beim Heidenmissionar Paulus begegnet, denn seine Predigt verlangte von Heiden mehr als eine Umkehr, sie verlangte einen radikalen Bruch mit der Vergangenheit. Sie zielte darauf, dass der alte Mensch mit Christus stirbt, um danach mit ihm ein neues Leben zu beginnen. Die Weiterentwicklung der Rechtfertigungslehre durch die Verwandlungslehre könnte eine Verarbeitung von Erfahrungen mit der Heidenmission sein (396f).

Spätestens beim antiochenischen Konflikt könnte die Todesdeutung der Taufe (die Vertiefung des Heilsverständnisses) für Paulus wichtig geworden sein. Beim Zusammenleben mit den Heiden war unter Judenchristen die Sorge aufgekommen, die Heiden könnten mit ihrem ‚unreinen‘ Wesen die Gemeinde ‚kontaminieren‘, wenn sie die rituellen Vorschriften des Judentums nicht einhielten. Bereits in Antiochien hatte Paulus seine Rechtfertigungslehre durch Verwandlungsbilder von Tod und Leben vertieft. In Gal 2,15-21 stellt er seine Heilsbotschaft in zwei Stufen dar, zunächst als Rechtfertigung durch Glauben (Gal 2,16-18), dann als Verwandlung mit Christus (Gal 2,19f) (397).

Weil wir wissen, dass der Mensch durch Werke des Gesetzes nicht gerecht wird, es sei denn durch den Glauben an Jesus Christus, sind auch wir zum Glauben an Christus Jesus gekommen, damit wir gerecht werden durch den Glauben an Christus und nicht durch Werke des Gesetzes, denn durch Werke des Gesetzes wird kein Mensch gerecht“ (Gal 2,16).

Dieser Gedanke entspricht der Rechtfertigungslehre in Röm 3,21 – 5,21. Der folgende Gedanke in Gal 2,19f entspricht dagegen der Verwandlungslehre in Röm 6,1-11. Paulus beruft sich im Gal darauf, dass er mit Christus gestorben ist und nun ein neues Leben lebt. Anders als in Röm 6,1-11 spricht er nicht von der Taufe als Begräbnis mit Christus. Die Taufe kommt erst in Gal 3,27 ins Spiel in Form einer Kleidermetaphorik: Die Getauften haben Christus angezogen. In Gal 2,19f und Röm 6,1-11 spricht Paulus von Kreuzigung (6,6), Sterben und Leben mit Christi (6,3.8) bzw. für ihn (Gal 2,20):

Ich bin durchs Gesetz dem Gesetz gestorben, damit ich Gott lebe. Ich bin mit Christus gekreuzigt. (20) Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir. Denn was ich jetzt lebe im Fleisch, das lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt hat und sich selbst für mich dahingegeben hat. (21) Ich werfe nicht weg die Gnade Gottes, denn wenn die Gerechtigkeit durch das Gesetz kommt, so ist Christus vergeblich gestorben“ (Gal 2,19-21).

Paulus schildert seine Erfahrungen mit dem Gesetz als Judenchrist und lehnt es ab, nachträglich Gesetzesforderungen aufzustellen, denen er sich durch sein ‚Sterben‘ mit Christus schon entzogen hat. Damit stellt er sich zunächst als Modell für andere Judenchristen wie Petrus dar. Gleichzeitig ist er mit dieser Freiheit vom Gesetz auch ein Modell für die Heidenchristen in Galatien. Die Lebenswende des Paulus war beides zugleich: ein Modell der Umkehr für Juden und der Konversion für Heiden. Da Paulus vor seiner Wende die Christusanhänger bekämpft hatte, dann aber ihr Missionar wurde, ist seine Wende auch eine Konversion, bei der er seine bisherige Zielsetzung gegen die genau entgegengesetzte Zielrichtung ausgetauscht hat. Aus diesem Grund kann er als Judenchrist seine Wende auch Heidenchristen als Vorbild hinstellen. Phil 3,2-10; Gal 1,13-16 betonen seinen Eifer im Judentum, von dem er sich radikal abgewandt hatte (397f).

In seiner Verwandlungslehre verarbeitet Paulus Erfahrungen in der Heidenmission. Apostelkonvent und antiochenischer Konflikt könnten der Anstoß dazu gewesen sein, denn die Verwandlungslehre sollte die Heidenmission theologisch rechtfertigen: Man darf mit Heiden Gemeinschaft haben, weil sie durch die Taufe grundlegend verwandelt worden sind (398f).

Paulus greift im Abschnitt über die Verwandlung des Christen in Röm 7,7-24 auf die Zeit vor der Wende im Unheil zum Heil zurück. Diesem Rückgriff auf die Zeit vor der Erlösung entspricht in seinem Leben eine erneute Auseinandersetzung mit seiner eigenen Vergangenheit in der Zeit seiner zweiten Europamission. Auf seiner ersten Europareise hatte Paulus es noch vermieden, sich zu dieser Vorzeit zu bekennen. Er klagte in 1Thess 2,15f über die Juden, die die Propheten und Jesus verfolgt hatte und die nun seine Mission der Heiden verhinderten (1Thess 2,15f), verschweigt aber, dass er einst selbst zu den Verfolgern der Anhänger Jesu gehört hatte. Hätte er die jüdischen Gegner der Christen so schroff verurteilen können wie in 1Thess 2,16, wo er den Zorn Gottes endgültig auf sie herab beschwört, wenn ihm bewusst gewesen wäre, dass er damit diesen Zorn auch auf sich selbst herab beschwor? Die Gegenmission in Galatien und Philippi hat Paulus genötigt, sich mit seiner Vorzeit öffentlich auseinanderzusetzen. Im Gal und Phil verweist er auf seine Berufung und Bekehrung, um vor den Gegnmissionaren zu warnen: So wie er sein früheres Leben verworfen hat, sollen seine heidenchristlichen Gemeinden die Gegenmissionare verwerfen. Es kann kein Zufall sein, dass er erst in den Briefen, in denen er die Rechtfertigung des Sünders lehrt, zu dieser Offenheit gelangte. Das gilt besonders für den Röm. Erst auf seiner zweiten Europareise hat eine Gegenmission Paulus bedrängt. In Röm 7 sind wahrscheinlich im Rückgriff auf seine persönliche Wende Erfahrungen verarbeitet, mit denen er sich in Gal 2,18-21 und Röm 6 auseinandersetzt (399f).

Als Paulus judaistische Gegner in Galatien bekämpfte, die versuchten, die Heidenchristen zur Beschneidung zu nötigen, mussten in ihm Erinnerungen an seine eigene Vergangenheit lebendig werden, denn auch er hatte einmal Jesusanhänger zur Anpassung an jüdische Normen genötigt. Paulus distanziert sich von seiner vorchristlichen Zeit als ‚Eiferer‘ (Gal 1,14), greift eben damit indirekt seine Gegnger an, weil sie in nicht gerechtfertigter Weise um die Gemeinde ‚eifern‘ (Gal 4,17f). Paulus bekämpft in seinen Gegnern jenen fanatischen ‚Eifer‘, den auch er in seiner Vorzeit praktiziert hatte. Paulus gehörte einst wie seine Gegner zu den Feinden des Kreuzes Christi (Phil 3,18). Der Ursprung der Rechtfertigungslehre des Paulus liegt in seinem Damaskuserlebnis, aber erst in Auseindersetzungen mit der Gegenmission gelangt Paulus dazu, sich öffentlich in seinen Briefen seiner Vergangenheit zu stellen (400).

Auf dem Apostelkonzil und in Antiochien hatte Paulus die additive Rechtfertigungslehre (Christus und das Gesetz Gal 2,16 und Apg 13,38) zu einer alternativen Rechtfertigungslehre zugespitzt, d.h. zur Alternative Christus oder das Gesetz: Nur der Glaube an Christus rechtfertigt – nicht die Werke des Gesetzes. Im Gal beginnt Paulus mit einem zweimaligen Anathema gegen seine Gegner (Gal 1,8f) und kontrastiert den Geist mit dem Gesetz (Gal 3,2f; 5,18). Ebenso setzt er im Phil die Gegner als „Feinde des Kreuzes Christi“ (Phil 3,18) in Kontrast zu den Christen, die im „Geist“ Gott dienen (Phil 3,3). Die Rückkehr zum Gesetz ist Rückfall ins Heidentum (Gal 4,8-11). In 2Kor 3,6 ist das Gesetz zugleich tötender Buchstabe und lebendig machender Geist. Paulus Gesetzeskritik wurzelt in seiner Damaskuserfahrung. Aber erst in der Auseinandersetzung mit Gegnern, die das Gesetz in seinen Gemeinden einführen wollen, arbeitet er die Gesetzeskritik im Gal und Phil aus. Sie dient der Polemik in innerchristlichen Konflikten. Im Röm sucht Paulus vor seiner Reise nach Jerusalem einen Ausgleich. Er rehabilitiert teilweise das Gesetz: das wahre Gesetz ist geistlich (7,14) und wird von denen erfüllt, die nach dem Geist leben (8,4) (401f).

Befreiung zum Gesetz des Geistes und des Lebens

Befreiung vom Gesetz der Sünde und des Todes (Röm 8,2)

In Röm 6 verarbeitet Paulus Erfahrungen seiner Heidenmission bis zum antiochenischen Konflikt. In Röm 7 greift er noch einmal auf seine vorchristliche Vergangenheit zurück. Seine selbstständige Heidenmission nach dem antiochenischen Konflikt ohne die Rückendeckung durch die antiochenische Gemeinde provozierte eine Gegenmission, die ihn dazu nötigte, sich noch einmal neu mit seiner Vorzeit auseinanderzusetzen und sie in Gal 1,13-16 und Phil 3,2-10 in öffentliche Kommunikation einzubeziehen. Er projiziert seine Auseinandersetzung mit seiner Vorzeit in Situationen hinein, in denen er durch seine Gegner mit seiner eigenen Vergangenheit konfrontiert wurde (402).

Die Krisen seiner Europamission fanden ihren Höhepunkt in der Doppelkrise in Ephesus: Dort wurde er in einen Konflikt mit der korinthischen Gemeinde verwickelt und in Ephesus aufgrund eines Konflikts mit der heidnischen Umwelt inhaftiert. In 2Kor ist diese Doppelkrise überwunden. Paulus ist aus dem Gefängnis freigekommen und versöhnt sich mit der korinthischen Gemeinde (402).

(1) In Röm 6,1-11 hatte Paulus die Vereinigung der Christen mit Christus durch die Taufe begründet, in 8,17 begründet er sie durch gemeinsames Leiden: Christen sind „Gottes Erben und Miterben Christi, wenn wir mit ihm leiden, damit wir auch mit ihm zur Herrlichkeit erhoben werden“.

(2) In 6,12-23 hatte Paulus die Erlösung mit einem Herrenwechsel des Sklaven verglichen, bei dem der Sklave dennoch Sklave bleibt. In 8,15f korrigiert er dieses Bild: Die Christen sind nicht mehr Sklaven, sondern wurden zu erbberechtigten Kindern Gottes adoptiert. Während Paulus in 6,18.20 den Freiheitsbegriff formal verwendet hatte – der Mensch kann sowohl von der Sünde (6,18) als auch von der Gerechtigkeit frei sein (6,20) -, wird Freiheit jetzt zum positiven Heilsgut: „Denn auch die Schöpfung wird frei werden von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes“ (8,21). Zeichen der Sehnsucht nach dieser Freiheit ist das Seufzen des Geistes (8,22f.26).

(3) 8,31-39 ist ein Hymnus auf die Liebe Gottes. Auffallend ist, dass er nur hier in einem Leidenskatalog die Todesstrafe als Extremform des Leidens nennt (Schwert 8,35) – die ‚privilegierte‘ Hinrichtungsart, die ihn als römischen Bürger erwartete (402f).

Obwohl in diesem Hymnus auf die Liebe alle Probleme gelöst zu sein scheinen, endet Röm 6 - 8 in einer Aporie. Wenn eine Verwandlung zum Heil notwendig ist, sind alle vom Heil ausgeschlossen, die nicht durch die Taufe verwandelt wurden. Vor allem der Unglaube Israels musste Paulus zur Anfechtung werden. Sollte ausgerechnet Israel ausgeschlossen bleiben, wenn das Evangelium a l l e n Völkern gilt? Daher ist es nur konsequent, wenn Paulus eine vierte Heilslehre entwirft, die alle bisherigen Heilslehren überbietet (403f).

d. Röm Kp 9 - 11: Heil durch Erwählung

Das Heil basiert in der Erwählung durch Gott, bevor das Leben begann. Die Israeliten sind und bleiben für Paulus Geliebte Gottes, auch wenn sie sein Evangelium ablehnen. Ihre Erlösung geschieht durch Konfrontation mit dem wiederkehrenden Christus (11,26): „Und so wird ganz Israel gerettet werden, wie geschrieben steht (Jes 59,20; Jer 31,33): Es wird kommen aus Zion der Erlöser, der abwenden wird alle Gottlosigkeit von Jakob“. Paulus stellt sich ihre Erlösung nach dem Modell seiner eigenen Bekehrung vor. Auch er war ein Feind des Evangeliums gewesen. Auch ihm war Christus in einer Erscheinung vom Himmel her begegnet, als er noch ein Feind Gottes war. Genauso wird Gott durch eine Erscheinung Christi ganz Israel erlösen. Was für ihn möglich war, wird auch für ganz Israel möglich sein (404).

Das Apostelkonzil hatte Paulus die Freiheit gegeben, seine Mission universal durchzuführen; der antiochenische Konflikt hatte ihn genötigt, sie selbstständig durchzuführen. Mit Erfolg hatte Paulus in Kleinasien und Griechenland heidenchristliche Gemeinden gegründet, die sich nicht mehr durch die jüdischen Identitätsmerkmale ‚Beschneidung‘ und ‚Speisegebote‘ von ihrer Umwelt unterschieden. In Reaktion darauf versuchte eine Gegenmission, seine Gemeinden wieder ins Judentum zu reintegrieren (404f).

(1) Im 1Thess und im Gal ist Paulus weit entfernt von der Vision, wie sie in Röm 11,26 zu finden ist, dass ganz Israel gerettet wird. Über die Juden, die ihre Propheten und die Christen verfolgen, ist nach 1Thess 2,16 endgültig/ganz der Zorn Gottes gekommen. Nach Gal 3,6-29 sind nur die Christen die wahren Nachkommen Abrahams, dessen Nachkommen gespalten sind in Kinder Hagars und Saras (Gal 4,21-31). Diese Spaltung greift Paulus in Röm 9 auf und setzt sie mit den Gegensatzpaaren Jakob nud Esau, Mose und Pharao fort. Die Verheißungen an Israel gelten nur einem Teil der Nachfahren Abrahams, die anderen scheinen verloren. Wahrscheinlich sind im Gal nur die christlichen Gemeinden das „Israel Gottes“ (Gal 6,16).

(2) 2Kor 3,12-18 bezeugt eine neue Sicht auf Israel. Eine Decke liegt auf dem Verstehen der Israeliten. Paulus liest aus Ex 34,34 die Verheißung heraus: „Wenn sich Israel aber bekehrt zu dem Herrn, wird die Decke abgetan“ (2Kor 3,16). Diese Position klingt in Röm 10 nach. Das Wort, das Glauben fordert, wird auch Israel angeboten. Wenn Paulus nach Jerusalem aufbricht, tritt er in die Fußstapfen des Freudenbotens von Jes 52,7 (=10,15), der Jerusalem das Heil verkündigt. Paulus ahnt, dass sein Erfolg als Freudenbote gering sein wird. Er zitiert eine atl Stelle, an der Gott ausruft: „Den ganzen Tag habe ich meine Hände ausgestreckt nach dem Volk, das sich nichts sagen lässt und widerspricht“ (Jes 65,2 = 10,21) (405).

(3) Das Mysterium Israels, dass „ganz Israel gerettet wird“ (11,26) geht über alles hinaus, was Paulus vorher im Gal und 2Kor gesagt hat. Es basiert auf einer Offenbarung. Diese durch Offenbarung begründete innere Gewissheit ist sein großer Trost, wenn er nach Jerusalem aufbricht. Paulus ist sich gewiss, dass Gott auch seine Feinde zum Heil bestimmt hat – so wie Paulus selbst, der einmal zu den Feinden des Evangeliums gehört hatte (406).

Paulus Gegner, die Gegenmission, wollten die christlichen Gemeinden ins Judentum reintegrieren. Paulus hatte zunächst dagegen gehalten, nur die Christen seien das wahre ‚Israel Gottes‘ (Gal 6,16), nur sie wären die wahre ‚Beschneidung‘ (Phil 3,2). Seine Gegner wollten die Einheit des Judentums durch Übernahme jüdischer Identitätsmerkmale durch alle (Heiden-)Christen sichern. Paulus aber denkt an eine Reform des Judentums, durch die auch Heidenchristen im Judentum ihren Ort finden können, ohne Beschneidung und Speisegebote übernehmen zu müssen. Paulus entwickelt seine Vision einer Öffnung des Judentums in ‚Gegenabhängigkeit‘ von seinen Gegnern: Er widerspricht ihnen, ist aber in seinem Widerspruch von ihnen inspiriert. Paulus denkt an ein reformiertes Judentum, das sich in der gegenwärtig beginnenden Endzeit für die Heiden öffnet (406f).

Paulus Verwendung des Israelbegriffs gegenüber derjenigen im Gal ist eine revocatio. Nach Gal 6,16 sind nur christliche Gemeinden das „Israel Gottes“. Diese Bemerkung richtete sich gegen Gegner, die die galatischen Christen aus Israel ‚auschließen‘ wollten, wenn sie sich nicht beschneiden ließen (Gal 4,17). Im Röm sagt Paulus dagegen „ganz Israel“ sei zur Rettung bestimmt. Zu „ganz Israel“ gehören alle Judten, einschließlich der judenchristlichen Gegenmissionare. Im galatischen Konflikt hatte er seinen Gegnern zweimal ein Anathema entgegen geschleudert (Gal 1,8f). In 9,3 beteuert er dagegen, er selbst wolle lieber verflucht sein, als seine Solidarität mit Israel zu leugnen. Er wendet das Anathema gegen sich selbst, das einmal eine Kampfansage an andere gewesen war.

Paulus widerruft im Röm auch Aussagen, die er im Phil getroffen hatte. Dort hatte er seine judenchristlichen Gegner als „Feinde des Kreuzes Christi“ bekämpft und ihnen ewiges Verderben angedroht (Phil 3,18f). In Röm 11,28 nennt er die Juden zwar erneut ‚Feinde‘ um das Evangelium willen, aber noch mehr betont er, dass sie unabhängig davon um der Väter willen Gottes Geliebte seien. In Phil 3,14-11 wertet er die Merkmale seines Judentums als „Schaden“ und „Dreck“ ab. In Röm 9,4f rühmt er sich dagegen der Privilegien Israels. Obwohl er in Phil 3 und Röm 9 jeweils verschiedene Vorzüge nennt, revidiert er seine Haltung, wenn er in Phil 3,5-8 seine Abstammung aus „Israel“ negativ bewertet, eben diese Abstammung aber in Röm 11,1 als Argument gegen die Verwerfung Israels anführt (407).

Die Gegner des Paulus im 2Kor rühmen sich, Kinder Abrahams zu sein. Paulus lässt sich auf eine Überbietungskonkurrenz mit ihnen ein: „Sie sind Hebräer – ich auch! Sie sind Israeliten – ich auch! Sie sind Abrahams Kinder – ich auch! Sie sind Diener Christi – ich rede töricht: ich bin‘s weit mehr“ (2Kor 11,22f)! Die hier erkennbare Überbietungskonkurrenz entspricht einer auch bei anderen Themen erkennbaren Tendenz im Leben des Paulus. In seiner vorchristlichen Zeit wollte er alle Altersgenossen durch seinen Eifer im Judentum (Gal 1,14) und in seiner christlichen Zeit Petrus, den ersten Apostel der Christen, im Einsatz für die „Wahrheit des Evangeliums“ überbieten (Gal 2,5). Als Apostel wollte er durch seine Arbeit alle anderen Apostel in den Schatten stellen: Mehr als alle habe er gearbeitet (1Kor 15,10)! Als homo religiosus wollte er alle Glossolalen in der Zungenrede übertreffen (1Kor 14,18). Diese Überbietungsthematik konnte Paulus in sich aktivieren, als er seine Gegner in Galatien, Philippi und Korinth bekämpfte. Was sie wollten, konnte er auch, nämlich Christen und Juden wieder zusammenführen! Sein Gegenkonzept entwickelte er im Röm. In Korinth konnte sich die Gemeinde als Teil des Judentums verstehen, ohne Beschneidung und Speisegebote zu praktizieren. Durch den Prokonsul Gallio war allen Christusanhängern in Korinth bestätigt worden, dass sie zum Judentum gehörten. Hier konnte in Paulus eine Vision entstehen: Müsste nicht ein Judentum vorstellbar sein, in dem auch die Heidenchristen ihren Platz finden konnten? Diese Vision entwickelt er im Röm (408).

Nicht nur eine Konkurenz- und Überbietungsthematik hat Paulus befähigt, Gedanken seiner Gegner aufzugreifen. Seine Bekehrung zeigt seine Begabung zu einem erstaunlichen Wandel bei gleichbleibenden Strukturen. Er übernahm mehrfach in seinem Leben Positionen, die er einmal bekämpft hatte. So hatte Paulus die ersten Christusanhänger bekämpft, weil sie sich zu weit für Nichtjuden geöffnet hatten, dann aber hatte er sich zu ihnen bekehrt und war unter ihnen der Missionar geworden, der die Öffnung für die Heiden weiter getrieben hat als alle vor ihm (408)

Im antiochenischen Konflikt geriet Paulus hart mit Petrus und Barnabas aneinander, die den Judenchristen entgegenkommen und koscher essen wollten, um wegen Speisefragen nicht die Einheit der Gemeinde aufs Spiel zu setzen. Paulus sah dagegen in ihrem Verhalten eine Gefährdung der christlichen Freiheit und der Wahrheit des Christentums. Als er später in Korinth in seiner eigenen Gemeinde einen analogen Konflikt um Speisefragen lösen musste – dabei ging es nicht nur um koscheres Essen, sondern um Götzenopferfleisch -, da zeigt sich, dass Paulus von seinen ehemaligen ‚Gegenspielern‘ gelernt hat, wie man tolerant mit solchen Konflikten umgehen kann. Um der Liebe willen plädiert er nun dafür, auf das Recht zu verzichten und alle Speise zu essen. Ebenso erging es Paulus mit seinen Gegnern in Galatien und Philippi. Er verdammte und verfluchte sie. Trotzdem ließ er sich von ihrem Programm einer Einheit von Juden und Christen inspirieren, seinen eigenen Traum von dieser Einheit durch Öffnung des Judentums zu entwickeln. Seine Gegner vertraten eine ‚Rückkehrökumene‘: Die Heidenchristen sollten in den Schoß des Judentums zurückkehren. Paulus setzte dem eine ‚Öffnungsökumene‘ entgegen: Das Judentum sollte sich für die heidenchristlichen Gemeinden öffnen (409).

Um diese Öffnung des Judentums möglich zu machen, aktivierte Paulus ferner den Erwähungsgedanken. Der Erwählungsgedanke in 1Thess 1,4 ist elitär – nur einige sind erwählt, die anderen sind verloren. Das Neue der Erwählungslehre in Röm 9 – 11 ist dagegen der Universalismus, der auch jene Juden einschließt, die er im 1Thess noch ausgeschlossen hatte. Neu ist im Röm die Vertiefung des Erwählungsgedankens durch die Rechtfertigungslehre, die im 1Thess noch fehlte, aber im Röm mit der Erwählungslehre verbunden wird. Wenn Paulus hier vom „Rest“ aufgrund von „Erwählung aus Gnade“ (11,5) spricht, fügt er betont hinzu: „Ist‘s aber aus Gnade, so ist‘s nicht aus Verdienst der Werke, sonst wäre Gnade nicht Gnade“ (11,6). Eine radikalisierte Rechtfertigungsgewißheit hat hier die Ausweitung der Erwählung möglich gemacht. Gottes Gnade gilt nicht nur dem Sünder, sondern auch den Ungehorsamen – unabhängig von deren Haltung. Denn Gott hat die Freiheit, auch die zu erwählen, die ihn verwerfen (409).

Bei diesem Heilskonzept der Erwählung, das Paulus in Röm 9 – 11 entfaltet, steht Paulus in einem Dialog mit einem prädestinatianischen Denken im Judentum, wie es in den Qumranschriften begegnet. (Anm 197: Ander als in Qumran werden die Abweichler im Röm nicht gehasst und verteufelt. Der Bund und die Erwählung werden ihnen nicht abgesprochen, sie bleiben Gottes Volk und zwar mit der damit verbundenen Perspektive zukünftiger Errettung. Nicht nur auf ganz Israel, sondern auf alle Menschen zielt der Heilswille Gottes bei Paulus s. 11,32). Bevor Menschen Gutes und Böses getan haben, wurden sie erwählt oder verworfen (9,11-13). Gott hat dabei die Freiheit, seine Entscheidung jederzeit zu revidieren. Er kann auch die, die nicht erwählt waren, erwählen und die lieben, die vorher nicht geliebt waren (Ho 2,25 = Röm 9,25). Weil Gott seine Erwählung revidieren kann, darf sich keiner über den anderen erheben. Jedes Rühmen ist ausgeschlossen (11,17f) (410).

Paulus radikalisiert seinen jüdischen Prädestinationsglauben zugunsten einer fundamentalen Gleichheit aller Menschen. Die Heiden waren früher ungehorsam, sind aber jetzt zum Glauben gekommen. Die Juden sind in der Gegenwart ungehorsam, werden aber von Gott in Zukunft gerettet. Beide Gruppen sind vor Gott gleichwertig: „Denn Gott hat alle eingeschlossen in den Ungehorsam, damit er sich aller erbarme“ (Röm 11,32).

In Röm 9,1-5 beginnt Paulus damit, die Privilegien Israels aufzuzählen: die Adoption zur Sohnschaft, die Herrlichkeit, die Bundesschlüsse, die Gesetzgebung, den Gottesdienst und die Verheißungen, dazu die Herkunft des Messias nach dem Fleisch aus Israel. Der Messias ist der Stolperstein, der in Zion gelegt ist (8,33 = Jes 28,16). „Aus Zion wird der Erlöser kommen“ (11,26 = Jes 59,20). In Röm 9 – 11 tritt Paulus in einen inneren Dialog mit diesem Judentum, das in Palästina sein Zentrum hat. In Röm 9 – 11 sind wir Zeuge eines innerjüdischen Dialogs. Israel wird dabei als ein gespaltenes Volk dargestellt. Abraham ist der gemeinsame Stammvater aller Juden, aber Isaak und Ismael, Jakob und Esau sind Gegensätze. Wenn sich Paulus auf Elia bezieht, denkt er an die Christusanhänger als kleine Minorität in Israel – vergleichbar dem 7000 Israeliten, die sich weigerten, dem Baal zu dienen (410f).

Paulus definiert den Eifer neu: Der wahre Eifer werde nicht von Juden vertreten, die christliche Gruppen zur Anpassung an ihre Sitten zwingen wollen, sondern von Heidenchristen, die Juden dazu reizen, Christen zu werden. Paulus Aufgabe als Heidenmissionar ist es, sein eigenes Volk „eifersüchtig zu machen“ (11,11.14). Wenn Juden auf diese Weise Christen werden, so ist das nicht ihr Verdienst, sondern ein Wunder wie „Leben aus den Toten“ (11,15). Nur Gott kann Tote erwecken, nur er kann in dieser Weise Menschen zu ihrem Heil „eifersüchtig“ machen. Der ethischen Gesetzesfrömmigeit hält Paulus seine These entgegen, dass alle Menschen Sünder sind, den in Palästina konkurrierenden jüdischen Gruppen die These, dass Gott durch seine Erwählung für alle Menschen Heil schafft (11,32) (411).

e. Die Entwicklung des Paulus

Der Röm ist Paulus persönliches Bekenntnis. Erkennbar sind vier Stadien einer Entwicklung: seine Gesetzesfrömmigkeit, seine Wende mit dem Durchbruch seiner Rechtfertigungslehre, seine Entdeckung der Verwandlungslehre und seine Aktivierung der Erwählungslehre vor seiner Jerusalemreise (412).

In 1,18 – 3,20 setzt Paulus sich mit der Gesetzesfrömmigkeit eines Diasporajudentums auseinander, das im Tun des Guten die entscheidende Bedingung des Heils sieht. Wenn der Mensch das Gute tut, wird er von Gott als gerecht angesehen.

In 3,21 – 4,25 steht Paulus in einem Dialog mit einem pharisäischen Judentum, das an ein Zusammenwirken göttlicher Gnade und des Menschen glaubt – nur dass Paulus als Bedingung für das Heil nicht das menschliche Handeln, sondern den Glauben des Menschen nennt. Abraham ist für ihn das Urbild dieses Glaubens. Nicht die Bereitschaft zur Tötung Isaaks, sondern die Hoffnung auf sein Leben wird bei Paulus zum Paradigma des Glaubens. Die beiden ersten Erlösungslehren des Röm, die Gesetzes- und Glaubensfrömmigkeit formulieren die Bedingungen des Heils aufgrund menschlicher ‚Aktivität‘ (412f).

In Kp 6 - 8 ergänzt Paulus diese Heilskonzeption durch die Vorstellung einer grundlegenden Verwandlung des Menschen durch das Sterben und Auferstehen mit Christus. Damit wird das Zentrum des Heils in Gott gesehen. Denn Gott allein kann den Menschen wie ein neues Geschöpf neu schaffen. Paulus beruft sich auf die Taufe, die er als ein symbolisches Sterben deutet und steht damit in einem Dialog mit den paganen Mysterienreligionen. Die grundlegende Veränderung gegenüber dem Heilsdiskurs ist die Prämisse, dass der Mensch sich grundlegend ändern muss, um erlöst zu werden. Er muss nicht nur sein Verhalten ändern und umkehren, sondern sein Wesen erneuern und ein ‚neues Geschöpf werden‘ (413).

In Röm Kp 9 - 11 tritt Paulus in einen Dialog mit einem prädestinatianischen Judentum, wie es bei den Essener begegnet. Das Heil ist ausschließlich von Gottes Erwählung abhängig. Gott ist unabhängig von jeder Reaktion des Menschen. Paulus gibt in dieser radikal theozentrischen Lösung seine Antwort auf den Unversalitätsdiskurs: Gott ist frei, alle Menschen zu erwählen. Letztlich liegt es bei Gott, auch seine Feinde in Geliebte Gottes zu verwandeln (413f).

Dieser souveräne Gott, der alle zum Heil bestimmt, ist im Menschen durch seinen Geist gegenwärtig. Deshalb kann Paulus an die Entwicklung seiner Erwählungslehre die Verpflichtung des Menschen zum guten Handeln anschließen und dabei auf seine älteste Heilskonzeption zurückgreifen – auf die Bedeutung der guten Handlungen vor Gott. Diese guten ‚Werke‘ haben jetzt keine Heilsbedeutung mehr, sie sind keine Bedingungen des Heils, sondern sind dessen Folgen. Es geht um Gehorsam gegen Gottes Geist, der nicht nur von außen befiehlt, sondern von innen heraus in den Christen wirkt (114).


(3) Der Zwiespalt des Menschen
a. Röm 1,18 - 3,20: Der Zorn über eine sündige Menschheit
b. Röm 3,21 - 5,21: Die Rechtfertigung des Gottlosen
c. Röm Kp 6 - 8: Die Verwandlung des Menschen
d. Röm Kp 9 - 11: Erwählung und Verwerfung Israels

Paulus Verhältnis zur römischen Gemeinde ist ambivalent: Er tritt ihr zugleich als Autoritätsperson und als Bittsteller entgegen (415).

Aber in all dem überwinden wir weit durch den, der uns geliebt hat. Denn ich bin gewiß, das weder Tod noch Leben...uns scheiden kann von der Liebe Gottes“ (8,38f). Nach diesem Hymnus auf die Liebe leitet Paulus bei der Entfaltung seiner Erwählungslehre (9 - 11) alle drei Kapitel betont mit Ich-Aussagen ein (9,1-5; 10,1f; 11,1).

Im folgenden paränetischen Teil (12,1 – 15,13) legt Paulus Wert darauf, dass er kraft der besonderen ‚Gnade‘, die ihm persönlich gegeben ist (12,3; 15,15) spricht (417).

Die meisten Ich-Aussagen sind in Röm 7,7-25 konzentriert.

Paulus ringt im Röm darum, als Person in Rom anerkannt zu werden. Er wirbt um Einfluss und will als Missionar unterstützt werden. Daher muss er mit seiner Person positive Aussagen verbinden. Sollte er nicht auch dort, wo er intensiver als sonst ein Ich ins Spiel bringt, seine Adressaten für sich gewinnen wollen? Paulus schaut auf einen Konflikt zurück und dankt Gott, dass er aus ihm erlöst wurde (7,25). Er stellt sich damit als positives Beispiel eines Bekehrten dar, der von einem Konflikt erlöst wurde, unter dem alle Menschen leiden. Auch zeigen seine Briefe, dass er keine Scheu hat, seinen Gemeinden in den geringsten Rollen gegenüber zu treten – als „Narr in Christus“ und „Abschaum der Welt“ (1Kor 4,9-13) oder als jemand, der in „Torheit“ spricht (2Kor 11,21; 12,11). Er traut sich zu, gerade mit dieser demonstrativen Selbsterniedrigung die Adressaten für sich zu gewinnen. Paulus wirbt auch im Röm (vor einer ihm unbekannten Gemeinde) für sich selbst – auch mit den ‚Ich-Aussagen‘ im Röm 7 (419f).

a. Röm 1,18 - 3,20: Der Zorn über eine sündige Menschheit

Röm 1,18 – 5,21 werden vom vergeblichen Streben nach Gesetzesgerechtigkeit und von der Rechfertigungslehre bestimmt. Das ‚Evangelium‘ des Paulus bedeutet in erster Linie Rettung und nicht Verurteilung. Der Leser wird daran erinnert, dass Paulus in diesem Brief seine persönliche Botschaft als Evangelium entfaltet (420f).

Röm 1,18 – 3,20 gibt Einblick in einen intensiven Dialog zwischen Paulus, den Heiden und den Juden. Er ist zugleich ein Dialog, der in allen Menschen vor sich geht: Vor dem Tribunal Gottes streiten sich anklagende und verteidigende Gedanken, in die sich die Stimme des Gewissens als Zeuge des Gesetzes mischt (2,15). Was Paulus als Anklage in 1,18 – 2,11 formuliert und als Verteidigung in 2,17-29 voraussetzt, dürfen wir uns als Stimmen in diesem inneren Dialog vorstellen. Denn Gott wird das Verborgene der Menschen richten „nach meinem Evangelium“ (2,16). Sein Evangelium ist der Freispruch für Juden und Heiden. Wie der Zorn Gottes stellvertretend den Gekreuzigten traf, so traf einstmals die fundamentalistische Aggressivität des Paulus stellvertretend die Anhänger des Gekreuzigten. Wahrscheinlich hat Paulus in seiner Vorzeit Christus als Verfluchten bekämpft, aber aufgrund der Damaskusvision diesen Fluch neu gedeutet: Er wurde zu einem ‚Fluch‘, den Christus stellvertretend für andere auf sich genommen hat (422f).

b. Röm 3,21 - 5,21: Die Rechtfertigung des Gottlosen

Paulus schildert eine allgemeine Wende vom Unheil zum Heil. Seine Gedanken zum „Erweis der Gerechtigkeit Gottes“ durch Freispruch des Sünders im Gericht (3,25) könnten einen persönlichen Hintergrund haben. Nirgendwo hat Paulus so beeindruckend das Heil als Freispruch in einem Gerichtsverfahren verkündigt wie im Röm: „Für die, die in Christus sind, gibt es keine Verurteilung“ (8,1). Durch Christus wurde das Verdammungsurteil in einen Freispruch verwandelt. In Ephesus hatte Paulus fest mit seinem Todesurteil gerechnet (2Kor 1,9). Seinen Freispruch nennt er eine Gnadengabe (2Kor 1,11). Das Todesurteil über alle Menschen (5,16.18) wird in der Adam-Christus-Typologie durch die Gnadengabe des Lebens (5,15f) überwunden. Auch hier färbt persönliches Erleben die allgemeine Aussagen des Paulus. Das gilt weit mehr noch für die Abrahamtypologie. Die zentrale Aussage: „Abraham glaubte Gott und das wurde ihm zur Gerechtigkeit angerechnet“ (Gen 15,6), ist wahrscheinlich schon dem vorchristlichen Paulus wichtig gewesen (423).

Paulus war vor seiner Bekehrung vom Ideal des Eifers ergriffen gewesen. Er wollte in Israel durch Repression gegen eine Minderheit ‚Gerechtigkeit‘ verwirklichen. Dabei hatte er das Beispiel des Pinehas und des Elia, sowie das Opfer Abrahams vor Augen: Die Bindung Isaaks signalisierte die Bereitschaft, die allernächsten Verwandten zu opfern. Paulus hatte einmal gehofft, durch Gesetzeseifer vor Gott gerecht zu werden (Phil 3,6; Gal 1,13f; vgl. Apg 22,3f). Seit seiner Bekehrung las er Gen 15,6 in einem neuen Licht. Er verstand die Stelle jetzt so, dass Abrahams Glaube an die Verheißung von Nachkommen zur Gerechtigkeit angerechnet wurde. Gegen den Strom der jüdischen (und urchristlichen) Überlieferung bezieht er jetzt den Glauben Abrahams nicht mehr auf dessen Bereitschaft, seinen Sohn zu töten, sondern auf die todüberwindende Macht Gottes, die ihm trotz seines Alters einen Sohn schenkt: Glauben ist Hoffnung auf das Leben des Sohnes, nicht die Bereitschaft, ihn zu töten (424f).

c. Röm Kp 6 - 8: Die Verwandlung des Menschen

In 7,19 könnte Paulus auf eine verzerrte Darstellung seiner Gedanken zum Zusammenhang von Sünde und Gesetz durch seine Gegner reagieren. „Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht, sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich“. Seine These in Röm 7 ist: Das Gesetz verleitet zum Bösen. Seit 6,1 verteidigt Paulus sich gegen reale Vorwürfe gegen seine Lehre. Die Vv 7,7-23 stellen den Höhepunkt seiner Verteidigungsrede dar (425f).

Überall galt das Gesetz als Weg zum wahren Leben. Paulus will aber herausarbeiten, dass das Gesetz keinen Weg zur Überwindung der Sünde darstellt, sondern die Sünde vermehrt (5,20) (428).

Paulus betont nicht, dass das Gesetz bestimmte Dinge begehrenswert macht oder dass es die Begierde intensiviert, oder bestimmte Straftaten aufgrund von Nachahmung provoziert. Es geht ihm darum, zu zeigen, dass der Mensch insgesamt dem Begehren verfällt. Die Begierde ist hier ein ‚menschliches Existenzial‘, d.h. ihr Aufkommen verändert und bestimmt das Dasein des Menschen und bringt es in einen grundsätzlichen Konflikt mit Gottes Willen.

7,8: „Die Sünde nahm das Gebot zum Anlass und bewirkte in mir jegliche Begierde“. 7,11: „Die Sünde nahm das Gebot zum Anlass, hat mich verführt und durch es getötet“. Erst die zweite Formulierung dürfte dem näher kommen, was Paulus eigentlich als Aussage vorschwebt. Die Sünde betrügt das Ich und tötet es mit Hilfe des Gebotes. Paulus spricht fortan vom „Trachten des Fleisches“ (8,5f). Die Verfehlungen, die Paulus in 7,11 im Blick hat, lassen sich nicht nur als ‚Begierde‘ verstehen. Paulus wurde durch das Gesetz nicht zur Begierde verführt, sondern zum Eifer: Er hatte im Eifer für das Gesetz gehandelt und die Gemeinde verfolgt – im Glauben, dies sei Gottes Wille Die Erkenntnis, dass das Gesetz selbst in die Irre führen kann, ist für Paulus so ungeheuerlich, dass er zwei Anläufe braucht, um diese Tatsache zu artikulieren (429f).

Das Ich übernimmt hier Merkmale der Rolle Adams. Adam wurde verführt und betrogen, als er mit dem Gebot konfrontiert wurde, er solle nicht vom Baum des Lebens essen. Gott hatte Adam und Eva angedroht, dass sie noch am gleichen Tage sterben müssen, wenn sie von der verbotenen Frucht äßen (Gen 2,17). Das Ich repräsentiert jeden Menschen, in dem sich die Sünde Adams wiederholt. Dieses typische Ich schließt als Person auch Paulus mit ein. In 1Kor 9,20 schreibt Paulus, er sei den Juden ein Jude geworden, obwohl er immer ein Jude war. Hier stilisiert er sein Leben nach der Rolle Christi, der menschliche Gestalt angenommen hat, um Menschen zu retten. Ich-Aussagen im Präteritum lassen an einen bestimmten Menschen denken (wie z.B. die Ich-Aussagen in Gal 2,18f). Wenn 7,7-13 eine Widerlegung des gegen Paulus erhobenen Vorwurfs des Libertinismus darstellt, dann ist die Apologie des Gesetzes hier gleichzeitig eine Apologie seiner Person. Paulus schildert im Ich-Stil einen Konflikt mit dem Gesetz. Da er sich hier gegen einen ihm persönlich gemachten Vorwurf verteidigt, schließt er sich selbst mit ein (430f).

Vorher ‚kommt‘ das Gesetz von außen (7,9), jetzt aber ist es ein Stück der Innenwelt des ‚Ich‘. Der ‚innere Mensch‘ identifiziert sich mit ihm (7,22). Der Konflikt zwischen Gesetz und Ich wird jetzt zu einem Konflikt in diesem Ich selbst. Das tragische Modell orientiert sich an Medea, die trotz ihrer Mutterliebe ihre Kinder tötet. Ihre Leidenschaft ist stärker als ihre moralische Überzeugung. Paulus folgt dem tragischen Modell, demzufolge die Vernunft von den Leidenschaften überwältigt wird. Das, was ihn überwältigt, nennt Paulus in 7,5 „Leidenschaften der Sünde“ (im Plural), dann in 7,17.20.23 „Sünde“ (im Singular). Da sich Paulus in 7,7-13 mit dem sprechenden Ich identifiziert, wird er das auch in 7,14-25 tun. Der vorchristliche Paulus hatte sich vorübergehend zu einem aggressiven jüdischen Fundamentalisten radikalisiert. Er war damals ein stolzer Jude gewesen, de in Phil 3,5f von sich sagt, er sei „nach dem Gesetz ein Pharisäer, nach dem Eifer ein Verfolger der Gemeinde, nach der Gerechtigkeit, die das Gesetz fordert, untadelig“ gewesen (432).

Als Paulus aufgrund seiner Bekehrung ein kritisches Verhältnis zum Gesetz gewann, konnte er dann diese Zweifel den Menschen allgemein zuschreiben. Nachdem Paulus in 7,14 vom Präteritum zum Präsens übergegangen ist, analysiert er diese Situation in immer klareren Gedanken und kann am Ende das Fazit ziehe: „Ich finde ein Gesetz (im Sinne einer Gesetzmäßigkeit), dass mir, der ich das Gute tun will, das Böse anhängt“ (7,21). In 7,7-23 wird eine Entwicklung von einer Täuschung (7,11) bis zur klaren Erkenntnis einer Gesetzmäßigkeit (7,21) sichtbar. In der autobiographischen Aussage in Phil 3,4-11 lässt sich ein vergleichbarer Prozess erkennen: Als Jude hielt sich Paulus für untadelig in der Erfüllung des Gesetzes, durch seine Bekehrung aber erkannte er retrospektiv, dass er seine Vorzeit radikal neu bewerten musste. Was früher Gewinn war, wurde jetzt für ihn ein Schaden, was Ehre war, galt ihm nun als Dreck. Analog macht in Röm 7 ein Ich im Rückblick Aussagen im Präteritum, in denen es sich als ‚betrogen‘ darstellt. Es wurde durch das Gesetz getäuscht. Danach kommt dieses Ich in Aussagen im Präsens zum Bewusstsein seiner unerlösten Situation unter dem Gesetz (433f).

Paulus lebte in seiner vorchristlichen Zeit in einem unbewussten Konflikt mit dem Gesetz. Ihn provozierte bei den Christen eine Freiheit gegenüber dem Gesetz, die er sich selbst verwehrte. Was Paulus bei sich damals nicht hatte wahrnehmen wollen – seinen Konflikt mit dem Gesetz –, das konnte er später aufgrund seiner Bekehrung und Berufung akzeptieren: Er konnte sich als gerechtfertigten Sünder verstehen, der das Gesetz missbraucht hatte. Rechtfertigung bedeutet daher für Paulus zugleich Annahme der bisher abgelehnten Christen und Annahme seiner selbst. Wer, vom Gesetz motiviert, andere verfolgt und sich dann zu den Verfolgten bekehrt, dem war das Gesetz seit seiner Bekehrung problematisch. Paulus folgte einem Gesetz, das ihn zur Aggression gegen eine abweichende Minderheit verleitet hatte und verstieß damit gleichzeitig gegen dasselbe Gesetz, in dessen Zentrum das Liebesgebot stand. Das Gesetz ist zugleich tötender Buchstabe und Leben gebender Geist. In 7,23 werden aus zwei einander entgegengesetzten Funktionen des Gesetzes (als Geist zum Leben, als Buchstabe zum Tod) zwei einander bekämpfende Gesetze (434f).

Der Eifer des Paulus hatte eine soziale Dimension, weil Paulus für die kollektive Heiligkeit des Volkes geeifert hatte. Israel sollte unter allen Völkern heilig sein. Gesetzestreue sollte es von den unheiligen Völkern unterscheiden. Dagegen verstießen die Christusanhänger mit ihrer Relativierung von Gesetzesbestimmungen und ihrer Offenheit für Heiden. Wenn Paulus sich zum Gesetzeseifer verführen ließ, so war das ein sozialer Konflikt: Es handelt sich um den Eifer für das erwählte heilige Volk im Unterschied zu allen anderen Völkern. Daher endet der Abschnitt mit einem Konflikt zwischen zwei Gesetzen: dem Gesetz seines Eifers und dem Gesetz der Liebe, dem Gesetz des Todes und dem Gesetz des Lebens. Gesetze sind kollektive Größen, sie binden eine Gemeinschaft (435f).

Der Ausruf des klagenden Ichs: „Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von diesem todverfallenen Leibe“ (7,24)? „Dank sei Gott durch Jesus Christus, unseren Herrn! So diene ich nun mit der Vernunft dem Gesetz Gottes, aber mit dem Fleisch dem Gesetz der Sünde“ (7,25f). 8,1f: „So gibt es nun keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind. Denn das Gesetz des Geistes, der lebendig macht in Christus Jesus, hat dich frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und es Todes“. Der Dialog ist ein Dialog in Paulus selbst. Paulus spricht in 2,15 vom Gewissen als Zeugen in uns und von den sich gegenseitig anklagenden und entschuldigenden Gedanken. Dort vollzieht sich der innere Dialog als Anklage und Verteidigung, hier als Klage und Zuspruch (436f).

Paulus betrachtet den Menschen als jemanden, der grundsätzlich in einem inneren Dialog begriffen ist. Wir hören in Röm 7 den inneren Dialog des Paulus mit sich selbst. Dabei formuliert er im Ich-Stil einen allgemeinen Gedanken. Dieses Ich ist repräsentativ für jeden Menschen. Es ist ein gefährdetes und klagendes Ich. Es weiß sich dem Tod ausgeliefert und schreit: „Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von diesem todverfallenen Leib“ (7,24)? Paulus ist auf dem Weg nach Jerusalem und kennt seine dort lebenden fanatischen ‚Altersgenossen‘ gut, mit denen er einst im Eifern um das Gesetz konkurrierte (437).

d. Röm Kp 9 - 11: Erwählung und Verwerfung Israels

Zu Beginn aller drei Kapitel bringt Paulus sich selbst mit seiner Person ins Spiel, zunächst als Israelit, der über Israel klagt (9,1-5), dann als Fürsprecher für Israel (10,1) und schließlich als exemplarischer Israelit (11,1). Die Juden haben ebenso wie einst Paulus in der Zeit seines Eiferns Anstoß an Christus genommen. In 11,1-32 aber wird seine Erwählung und Errettung der entscheidende Zeuge für die endzeitliche Errettung von ganz Israel. So wie Paulus durch eine unmittelbare Begegnung mit dem erhöhten Christus gerettet wurde, wird auch Israel durch eine Begegnung mit Christus gerettet werden. Aussagen über den Unglauben und Glauben Israels sind indirekt auch eine Aussage über Paulus, der vom Feind Christi zum Christusanhänger konvertiert ist. Aussagen über die Rettung Israels sind auch Aussagen über die Rettung des Paulus (438).

Die Identifikation von Paulus mit Israel nimmt im Laufe der drei Kapitel des Israelteils zu. In 9,1-5 äußert Paulus den irrealen Gebetswunsch, anstelle Israels selbst den Fluch Gottes zu tragen. Paulus spricht hier als Christ, der im Kontrast zu seinen jüdischen Landsleuten steht, die seinen Glauben ablehnen. Paulus steht hier im Konflikt mit seinem Volk. Paulus erlebt und erleidet auch in sich einen Zwiespalt: „Ich selber wünschte, verflucht und von Christus getrennt zu sein für meine Brüder, die meine Stammverwandten sind nach dem Fleisch...“ (9,3). Paulus denkt hier an Christus, der den Fluch für alle trug (Gal 3,13). Sofern Paulus an Christus denkt, äußert er eine unerfüllbare Bitte – Paulus kann nicht die Rolle des Erlösers übernehmen. Sein Wunsch zeigt, welch Schatten er über seinem Volk liegen sieht: Es steht unter einem Fluch, weil es „getrennt von Christus“ ist. Paulus selbst stand einmal auf der Seite der Gegner Christi. Als solcher unterlag auch er einem Anathema. Jetzt aber steht er auf Seiten Christi. Jetzt ist er von seinem Volk getrennt, so wie dieses Volk in seiner Mehrheit von Christus getrennt ist. In der Gegenwart ist Paulus Zwiespalt vor allem ein Leiden an Israel (438f).

In 10,1f erscheint Paulus erneut als Fürbitter für Israel. Im Hintergrund dürfte das Modell des fürbittenden Mose stehen, von dem in 10,5 die Rede ist. Israel ist nicht verloren, sonst wäre jede Fürbitte sinnlos. Paulus selbst hatte Anstoß genommen am „Stein des Anstoßes und am Fels des Ärgernisses“. Er selbst war ein „Eiferer“ für die väterlichen Überlieferungen gewesen (Gal 1,14), der die Kirche verfolgt hatte (Phil 3,6), um dann aufgrund der überwältigenden „Erkenntnis“ Jesu Christi seinen Eifer als Irrweg zu erkennen. Die Schilderung Israels in 9,30 – 10,4 ist eine Parallele zur Schilderung der Bekehrung des Paulus in Phil 3,2-11: Die Pointe ist hier wie dort, dass ein falscher (aktiver) ‚Eifer‘ im Streben nach ‚eigener Gerechtigkeit‘ durch eine (passive) von Gott empfangene Gerechtigkeit überwunden wird – hier wie dort durch die Erkenntnis Jesu Christi und den Glauben an ihn. Wegen dieser Parallelität zwischen seiner Biographie und dem kollektiven Geschick Israels kann Paulus als glaubwürdiger Entlastungszeuge auftreten. Sein Zeugnis besteht in seiner ganzen Existenz (439f).

Der Höhepunkt dieser Identifizierung mit Israel findet sich in 11,1f, wenn Paulus betont, dass er ein Israelit ist und sich selbst als entscheidendes Argument dafür einbringt, dass Gott sein Volk nicht verstoßen hat. Weil Paulus nicht verworfen wurde, kann auch Israel nicht verstoßen sein! Paulus bringt durch seine Biographie ein überzeugendes inhaltliches Argument ein. Er war einst ein Gegner der Christen und wurde erwählt. Daher haben die ungläubigen Juden genauso wie Paulus eine Chance, zum Heil zu gelangen – trotz ihrer Feindschaft gegen die Christen. Paulus identifiziert sich hier direkt mit Israel, steht seinem Volk nicht mehr gegenüber, sondern stellt sich in seine Mitte. Elia war wie Paulus in Todesgefahr, war alleine durch seine Treue zu Gott übriggeblieben und empfing als Antwort auf sein Gebet eine Offenbarung über 7000 treue Gläubige. Wie Elia hat auch Paulus zu Gott gefleht und geklagt (10,1f). Wie Elia wurde auch er durch eine Offenbarung getröstet, nämlich durch die Offenbarung des ‚Geheimnisses‘ über die Rettung ganz Israels (11,25-27) (440).

Die durchgehende Identifikation des Paulus mit Israel und Israels mit Paulus ist auch für das Verständnis des Ölbaumgleichnisses wichtig: Gott kann Glauben bei denen schaffen, die ihn ablehnen. Er kann auch abgebrochene Zweige wieder einsetzen. Das gilt auch für Paulus: Das, was in ihm ‚abgeschnitten‘ und ‚verdrängt‘ war – sein Judentum mit seinem Eifer und seiner Feindschaft gegen die Christen –, das kann er sich im Glauben wieder aneignen. Wie abwegig und verformt dieses eifernde Judentum in ihm auch gewesen sein mag, es gehört zum ‚Teig‘ der durch und durch heilig ist (11,16). Das ‚Mysterium‘ sagt darüber hinaus: Wenn alle Völker zum Heil ‚eingehen‘ werden, dann wird Christus aus dem Zion kommen, um denen Vergebung zu schaffen, die sich gegen die Öffnung des Heils für die Heiden gesträubt haben. Auch Paulus wurde seine Feindschaft gegen die Christen vergeben.

Am Ende seiner Gedanken hat Paulus die Zuversicht gewonnen, dass sich die Widersprüche seines Lebens lösen werden. Er ist im Einklang mit sich und seiner jüdischen Herkunft. Wenn die Verwerfung des Judentums durch Paulus Versöhnung für alle Menschen brachte, was wird dessen Wiederannahme durch Paulus anders sein als neues Leben aus dem Tode! Daher kann Paulus am Ende Gott loben und preisen – für seine unerforschlichen Wege mit Israel, mit der Menschheit und auch mit ihm (11,33-36) (440f).

Paulus wurde durch das Gesetz in seiner vorchristlichen Zeit zu aggressivem Vorgehen gegen die Christen verleitet. Er erlebt jetzt am eigenen Leib, wie er selbst durch den fundamentalistischen Gesetzeseifer anderer bedroht ist. Seine eigene Todesgefahrt steht ihm vor Augen, wenn er von der tötenden Macht des Gesetzes spricht. Sein Wissen um sein eigenes Judentum sagt ihm, dass die vom Gesetz motivierten Menschen in guter Absicht für das Gesetz eifern. Sie suchen das Leben, aber bewirken den Tod. Aus eigener Erfahrung weiß er, dass solche Menschen fähig sind, gegen andere Menschen mit Gewalt vorzugehen. Er kennt die aggressiven Leidenschaften, die das Gesetz stimuliert. Das Ich in Röm 7 steht repräsentativ für alle Menschen, so wie das persönliche Ich des Israeliten Paulus in Röm 9 - 11 transparent für ganz Israel wird. Alles, was Paulus im Röm sagt hat Resonanz in seinem Leben. Daher ist dieser sachlichste aller Paulusbriefe zugleich auch der persönlichste (441).

(4) Zusammenfassung

Im Römerbrief hat Paulus sein Reformprogramm zusammenfassend dargestellt. Der Brief ist der Rechenschaftsbericht eines Reformators vor seinem Scheitern. Er verkörpert eine ecclesia semper reformada. Er praktiziert eine Offenheit gegenüber den Fremden und vertritt den Glauben an Gott als Grund einer unbedingten Bejahung des Menschen. Paulus wollte keine neue Religion etablieren, sondern das Judentum erneuern. Er scheiterte mit dieser Reform. Dadurch wurde er zum Architekten des Christentums. Im Römerbrief legt er sich und seinen Gemeinden Rechenschaft über sein reform-jüdisches Programm ab (488f).

- Die Universalität der Gnade ist bei Paulus in der Erkenntnis begründet, dass vor Gott jeder Mensch ein Sünder ist. Alle Menschen sind vor Gott Sünder. Allen gilt daher in gleicher Weise Gottes Gnade. Die Rechtfertigungslehre des Paulus öffnet für das Volk Gottes (in jüdischen wie christlichen Gemeinden) das Tor für fremde Völker und Kulturen. Sie öffnet dem einzelnen Gläubigen gleichzeitig aber auch das ‚Tor‘ zu einem neuen Leben. Der einzelne Mensch wird nicht nur gerecht gesprochen, sondern mit Gott versöhnt und effektiv zur Veränderung seines Lebens motiviert (489).

Paulus wendet sich mit seiner Botschaft an Juden und Heiden. Er verlangt eine Reform des Judentums. Es soll sich in einer Weise verändert, dass Heidenchristen darin Platz finden können, ohne umstrittene jüdische Normen zu übernehmen. Bei dieser Öffnung für andere Völker soll das Judentum seinen Zielen treu bleiben. Denn Paulus ist überzeugt, dass die Juden einen Auftrag für die ganze Welt haben – und dass er als Jude durch seine Mission unter allen Völkern diesen Auftrag Israels durchführt. Er versteht sich als Reformer und Reformator, nicht als Religionsgründer. Paulus vertritt eine Botschaft, die das Anliegen des jüdischen Monotheismus verwirklichen will, dass Gott über alle Lebensbereiche herrscht. Der gekreuzigte Messias steht mit seinen Anhängern aus allen Völkern in Konkurrenz zum Kaiser und den mit ihm verbundenen Oberschichten. Das zeigt sich nicht nur in seiner theologia crucis, wenn er einen den Römern hingerichteten Erlöser ins Zentrum stellt, sondern auch in einem prinzipiellen Widerspruch zur konservativen Religionspolitik unter Kaiser Claudius. Dieser hatte den Juden nachdrücklich befohlen, bei ihren Traditionen zu bleiben. Das Programm des Paulus und seiner Anhänger zielte jedoch auf eine Änderung jüdischer Traditionen (490).

- Der jüdische Monotheismus fordert, dass alle Menschen in ihrer ganzen Existenz Gott verehren sollen. Der Mensch soll Gott lieben mit ganzen Herzen, ganzer Seele und all seinen Kräften (Dtn 6,41f). Alle Völker sollen den einen und einzigen Gott anerkennen. Nachdem die Vv 1,18 - 3,21 die grundlegende Wende vom Unheil zum Heil (3,21 - 5,21) dargestellt haben, thematisiert der Röm in 6,1 - 8,39 zunächst die Verwandlung des ganzen Menschen zu einem neuen Menschen, der Gottes Willen entspricht, danach in 9,1 - 11,36 die universale Verehrung Gottes durch Israel und alle Völker. Die darauf folgende Paränese (12,1 - 15,13) kombiniert beide Anliegen: Sie beginnt mit der Erneuerung des ganzen Menschen „in einem vernünftigen Gottesdienst“ (12,1f) und endet mit der Mahnung, zusammen mit a l l e n Menschen Gott zu verehren (15,7-13). Dazwischen zeigen die Mahnungen zum Zusammenleben von Starken und Schwachen in der Gemeinde, wie sich das Anliegen des Röm konkret in der römischen Gemeinde verwirklichen soll (490f).

- Überwundene Konflikte in Kleinasien und Korinth: Paulus hat während seines Aufenthalts in Ephesus eine Doppelkrise überwunden, bei der er knapp einer Verurteilung zum Tode entgangen ist. Etwa gleichzeitig hat eine schwere Krise sein Verhältnis zur Gemeinde in Korinth erschüttert. Nach vollzogener Versöhnung mit der korinthischen Gemeinde schreibt er nun in ihrer Mitte einen Brief an die römische Gemeinde. Weil ein Teil der römischen Gemeinde nach der Vertreibung von Christen durch das Claudiusedikt in Ephesus Zuflucht gefunden hat und weil Paulus auf dem Weg nach Jerusalem mit der Gemeinde in Ephesus Kontakt aufnehmen möchte, schreibt er zunächst den Röm (Kp 1-16) und schickt ihn an die (teilweise römische) Gemeinde nach Ephesus, deren Mitglieder er in Kp 16 mit Grüßen an andere Gemeindeglieder beauftragt. Nach Fertigstellung dieses wegen seiner Reisepläne vorrangigen Briefes nach Ephesus (Röm 1 - 16) lässt Paulus eine Abschrift des Briefes für die Gemeinde in Rom anfertigen, die er erst nach seiner Jerusalemreise besuchen will. Die verkürzte Abschrift (Röm 1 - 15) schickt er nach Rom. Ihm ist bewusst, dass sein im Brief angekündigter Besuch in Rom nicht nur Begeisterung auslösen wird. Die von ihm repräsentierte ‚gesetzeskritische‘ Strömung im Urchristentum war zu einem früheren Zeitpunkt eine der Ursachen dafür gewesen, dass viele Judenchristen 49 n.Chr. aufgrund eines Edikts des Kaisers Claudius aus Rom ausgewiesen worden waren (491).

- Entpolitisierung des jüdischen Messianismus im Urchristentum und bei Paulus: Aus der Hoffnung auf eine politische Befreiung von den Feinden Israels wird die Hoffnung auf Befreiung von Sünde, Tod und Gesetz im individuellen Leben der Gläubigen. Die Berufsbilder von Gott als Töpfer und Gärtner überbieten alle vorherigen Bilder: Als Töpfer verwarf Gott die unbrauchbaren Gefäße, als Gärtner kann er die verworfenen (d.h. die ausgebrochenen) Zweige wieder einsetzen. Am Ende steht das ‚Bild‘ des Leibes Christi (12,4f), das die Nähe Christi zu allen Christen betont. Alle Mitglieder der Gemeinde sind wie Glieder an einem Leib durch Liebe verbunden. Der Röm endet mit einer Aussicht auf den wahren Kult, in dem Juden und Heiden vereint sind (15,7-13) (492).

- Pluralität der Heilskonzepte und die Einheit der Heilsgewissheit: Vier Heilslehren: Heil durch Werke (1,16 - 3,20), Heil durch Glauben (3,21 - 5,21), Heil durch Verwandlung (Kp 6 - 8) und Heil durch Erwählung (Kp 9 - 11). Die Aporien jeder Heilslehre führen jeweils zur nächsten Heilslehre. Weil keiner die von Gott geforderten Werke tun kann und dadurch zum Sünder wird, sind alle Menschen auf ihren Freispruch durch Rechtfertigung angewiesen. Weil aber der bedingungslose Freispruch den Sünder dazu verführen kann, weiter zu sündigen, muss sich der Gläubige mit der Hilfe Christi tiefgreifend verwandeln.

Weil aber diese Verwandlung nur für Getaufte möglich ist, muss eine radikalisierte Erwählungslehre am Ende sichern, dass sich Gott aller Menschen erbarmt – auch derer, die sein Evangelium ablehnen und nicht getauft sind. Nur so kann Israel gerettet werden, das in der Gegenwart mehrheitlich das Evangelium ablehnt. Alle Heilslehren scheitern letztlich. Denn das Erbarmen Gottes über alle Menschen bleibt unbegründbar und durchkreuzt alle vorhergehenden Vorstellungen von einem Heil durch Tun des Guten. Gottes Gnade ist radikal. Diese Gnade hat in jeder Heilslehre einen eigenen Akzent. Innerhalb der Gesetzesfrömmigkeit ist es eine ‚aufschiebende Gnade‘, die Umkehr angesichts des drohenden Gerichts ermöglicht (2,4). Innerhalb der Rechtfertigungslehre ist es eine ‚inkongruente Gnade‘, die dem gilt, der unwürdig ist, sie zu empfangen, dem Sünder und Gottlosen (4,5). In der Verwandlungslehre ist es eine ‚effektive Gnade‘, die den Christen verwandelt, sodass er das Gute tut, weil Gottes Geist in ihm wohnt und er mit Christus mystisch verbunden ist (6,1-11; 8,1-39). In der Erwählungslehre ist es die ‚prädestinierende Gnade‘, die sich unabhängig vom Verhalten der Erwählten macht und selbst an denen festhält, die ihre Erwählung ablehnen (11,28) (492f).

Ebenso hat das Gesetz im Rahmen jeder Heilslehre eine unterschiedliche Funktion, denn es verführt in unterschiedlicher Weise zu Fehlhaltungen: Die Wekrgerechtigkeit verführt zum Gesetzesstolz des Juden, der auf die Heiden herabsieht (2,17-24); der Rechtfertugungsglaube ist mit Gesetzesangst verbunden, solange Gott dem Menschen als Richter und nicht als Liebender entgegentritt (4,15). Die Verwandlung zu einem neuen Menschen, der nicht mehr unter dem Gesetz steht, macht den Gesetzesmissbrauch des alten Menschen bewusst (7,7-25). Die Erwählung des Menschen vor seiner Geburt macht jedes Vertrauen auf menschliches Tun illusorisch (9,11f.30-32). Die Gesetzeskritik ist nicht weniger widersprüchlich als jede dieser Heilskonzeptionen (493).

- Universalisierung des Heils für alle Menschen: Die Entstehung einer trans-ethnischen Identität: Der Röm wird sizialgeschichtlich als Dokument einer aus dem Judentum stammenden Bewegung gedeutet, die ihre Wurzeln in den unteren Gesellschaftsschichten hat und sich im Laufe der Zeit universalisiert hat. Die Neudefinition der Abstammung: Nicht die leibliche Herkunft von Abraham begründet die Zugehörigkeit zum Gottesvolk, sondern die Verwandtschaft aufgrund des gemeinsamen Glaubens. Dazu kommt die Universalisierung des Kultes: Alle Völker sollen Zugang zum zentralen Kult in Jerusalem haben, auch wenn sie wie die Christen mit paganem Hintergrund nicht das ganze Gesetz halten. Die Universalisierung des Gesetzes schreibt allen Völkern eine lex naturalis zu und definiert Gesetzeserfüllung als Erfüllung des Liebesgebotes. Paulus deutet die atl Geschichte neu als Weissagung und Typologie, die auf die Einbeziehung aller Völker ins Heil zielt. Die Öffnung des Kultes stellt sich Paulus sehr konkret vor: Christus wird ‚aus Zion‘ erscheinen und alle Juden dafür gewinnen, auch Heiden zum Tempelkult zuzulassen, sodass ‚die Fülle der Heiden hineingehen‘ kann (11,25) – konkret: Sie dürfen auch den inneren Tempelbezirk betreten, von dem sie bisher ausgeschlossen waren.

Dieser Öffnung auf globaler Ebene entspricht das Zusammenleben von Starken und Schwachen in Rom auf lokaler Ebene: Ihr Konflikt ist ein Konflikt zwischen Christen mit heidnischem und Christen mit jüdischem Hintergrund. Die Generalisierung des Fleischtabus unter den judenchristlichen ‚Schwachen‘ ist nicht allein aus jüdischen Traditionen erklärbar, sonder auch politisch bedingt (493f).

- Der Römerbrief – ein persönliches Bekenntnis des Paulus: Paulus enthüllt seine Befürchtung, dass sein Leben in Jerusalem durch Fanatiker bedroht sei (15,30-32). Die Furcht des Paulus war berechtigt, denn er machte sich dafür stark, dass die Heiden Einlass in den ihnen verbotenen inneren Tempelbezirk erhalten sollten. Eine solche Tat konnte den Tod durch Lynchjustiz zur Folge haben (494f).

Die Abfolge der vier Heilslehren entspricht der Biographie des Paulus. Die Glaubensentwicklung des Paulus begann mit der jüdischen Gesetzesfrömmigkeit seiner Judend. Die Rechtfertigungslehre hatte ihren Ursprung in seiner Wende vor Damaskus. In der Verwandlungslehre schlagen sich seine Erfahrungen mit der Heidenmission nieder und die Erwählungslehre wird für ihn angesichts seiner unmittelbar bevorstehenden Jerusalemreise wichtig. Mit ihr kann er Gottes bleibende Zuwendung zu Israel begründen, obwohl Israel sein Evangelium ablehnt und sich von ihm abwendet. Paulus formuliert diese Erwählungslehre aufgrund eigener Erfahrungen: Auch ihn hat Gott vor Damaskus erwählt und berufen, als er noch ein Feind der Christen war und das Evangelium ablehnte (495).

In Röm 7 schildert Paulus einen typisch menschlichen Konflikt. Er kann ihn nur aufgrund seines persönlichen Erlebens so lebendig schildern, um eine neue Erkenntnis zu vermitteln: Dass das Gesetz nicht von gesetzeswidrigen Antrieben befreit, sondern sie weckt und in sie hineinführt – es sei denn, der Mensch wird durch den ‚Geist‘ verwandelt, sodass er dem ‚geistlichen Gesetz‘ entsprechen kann.

Die Entwicklung des Paulus wurde dadurch vorangetrieben, dass er sich immer wieder mit den Argumenten und Positionen seiner Gegner auseinandersetzte, von ihnen lernte und ihre Anliegen in einer Weise aufgriff, die diese Anliegen oft noch konsequenter zuspitzte: Er verfolgte einst die Christusanhänger, weil sie sich für Nicht-Juden öffneten, vertrat aber nach seiner Bekehrung diese Öffnung in noch konsequenterer Form als Heidenmissionar. Er widersetzte sich in Antiochia Petrus und Barnabas, als sie in Speisefragen judenschrislichen Bedenken nachgaben. In Korinth und Rom übernahm er jedoch im Konflikt zwischen Starken und Schwachen mehr oder weniger deren versöhnliche Position. Er polemisierte hart gegen judenchristliche Gegenmissionare in Galatien und Philippi, dann aber vertrat er im Röm ihr Grundanliegen: die Bewahrung der Einheit von Juden und Christusanhängern unter Juden und Heiden, nur dass er von seinen Gemeinden keine Anpassung an das Judentum verlangte, sondern vom Judentum eine Reform, sodass auch seine Gemeinden in ihm ihren Ort finden können. Paulus hat immer wieder von denen gelernt, die er einmal bekämpft hat (495f).

- Die Vision des Paulus: Reform und Öffnung des Judentums: Paulus ist ein Reformator, weil er zwar an den drei entscheidenden Ausdrucksformen der jüdischen Religion, ihrem Kult, ihrem Gesetz und ihrer Geschichtserzählung, festhält, diese aber reformieren will. Sein Scheitern ist in seinem Reformprogramm angelegt. Die Reduktion des Gesetzes auf das Liebesgebot, die utopische Hoffnung auf eine Öffnung des Tempels, die Öffnung der Geschichte des Gottesvolkes für alle Völker hat nur wenig gemeinschaftsgründende Kraft. Solche Liberalisierungen verwischen das Profil einer Gemeinschaft. Paulus gleicht diese Offenheit dadurch aus, dass er die erneuerte jüdische Gemeinschaft durch deren Beziehung zum Messias Jesus Christus definiert. Der Glaube an Christus unterscheidet sie von allen anderen Gemeinschaften und kann auch nach innen hin die Offenheit vieler Normen ausgleichen. Durch die christozentrische Begründung seines Reformprgramms entsteht dabei eine Spannung zum Judentum, die zur Trennung der Christusanhänger vorm Judentum führen musste. Eine kultische Verehrung einer zweiten Gestalt neben Gott musste aufgrund des jüdischen Monotheismus vom Judentum abgelehnt werden. Paulus wird nicht wegen seines Christusglaubens von Juden abgelehnt, sondern wegen seiner Liberalisierung der rituellen Praxis – seiner Relativierung von Beschneidung und Speisegeboten sowie seinem Traum von einer Öffnung des Tempels für alle. Sein messianisches Reformjudentum (mit einem neuen Verständnis des Messias) zielte auf eine Öffnung des Judentums für seine heidenchristlichen Gemeinden. Paulus weiß, dass sein Reformversuch gefährdet ist. Was ihm in seiner gefährdeten und scheiternden Mission Kraft gibt, ist sein Glaube: eine innere Kraft im Menschen, die ihm geschenkt wurde. Dieser Glaube ist Glaube an das Handeln Gottes durch Christus in der gegenwärtigen Endzeit (496f).

Wie sich Gott im Laufe des Röm durch seine Offenbarung in Christus von einem zornigen Gott zu einem liebenden Gott verwandelt, so verwandelt sich auch der Mensch durch seine Verbindung mit Christus von einem aggressiven zu einem kooperativen Wesen. Die ganze ‚Heilsgeschichte‘ wird durch den persönlichen Glauben zu einer inneren verändernden Kraft im Leben. Das Anliegen des Paulus ist, dass alle Menschen den einen und einzigen Gott verehren. Er will die Ziele Gottes mit seinem Volk für die ganze Welt zum Ziel führen. Der eine und einzige Gott will von allen Menschen und von ihnen mit ihrem ganzen Leben verehrt werden. Er weiß, dass sich die Menschen verändern müssen, um ihre Feindseligkeit und Abneigung gegeneinander zu überwinden. Dazu dient der Messiasglaube, wie Paulus ihn umformuliert hat. Alle müssen ihre Traditionen wie Paulus neu interpretieren, um sie für andere Menschen zu öffnen. Alle Menschen müssen wie Paulus separatistischen Fanatismus überwinden. Das Ziel: Am Ende soll Gott alles in allem sein (1Kor 15,28) (497).