1. Paulus Kreuzesbotschaft

1. „Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark
Die Interpretation des Leidens als eine Vergegenwärtigung Christi im Apostolat
1.1 Der Peristasenkatalog 2Kor 12,9b-10
1.2. Der schwache Apostel und die Kraft der Rede (2Kor 10-13)
Nicht das christologische Geschehen sondern die Verkündigung dieses Ereignisses

2. Anhang: Paulus - neu gesehen

3. Anhang: Zur Geschichte des Apostels

Literatur

 

1. Zwei Briefe an die Gemeinde der Thessalonicher (1Thess)
Die Entdeckung des ältesten Paulus-Briefes
1.1 Die Gründung der Gemeinde in Saloniki und der erste Thessalonicherbrief
1.2 Der erste Thessalonicherbrief - eine Briefkomposition
1.3 Anhang: Der zweite kanonische Thessalonicherbrief stammt nicht von Paulus

2. Drei Briefe an die Heiligen von Philippi (Phil)
Paulus und seine Lieblingsgemeinde
2.1 Die Gründung der Gemeinde in Philippi und der Philipperbrief
2.2 Der Philipperbrief - eine Briefkomposition

3. Vier Briefe an die Gemeinde Gottes in Korinth (1Kor) 
Paulus ringt um die Lebensform der Kirche
3.1 Die Gründung der Gemeinde in Korinth und der erste Korintherbrief
3.2 Der erste Korintherbrief - eine Briefkomposition

4. Drei weitere Briefe an die Gemeinde Gottes in Korinth (2Kor)
Paulus kämpft um sein Apostolat
4.1 Die Gegner des Paulus in Korinth und der zweite Korintherbrief
4.2 Der zweite Korintherbrief - eine Briefkomposition
4.3 Anhang: Der 'Tränenbrief' (2Kor 10-13)

 

 

Crux sola nostra theologia

Das Kreuz - Grund und Maß für die Christologie

Die Frucht des Todes Jesu ist für Paulus die Rechtfertigung des Gottlosen – das meint Regnum Dei auf Erden

Die Herrschaft des Auferstandenen geht gegenwärtig so weit, wie dem Gekreuzigten gedient wird

E.Käsemann

Die Kreuzesbotschaft – das alleinige Thema paulinischer Theologie

Für Paulus ist Kreuzesfeindschaft das kennzeichnende Merkmal der Welt. Nach Gal 2,20 haben wir uns nicht mehr selber in Händen, sondern Christus ist unser Leben und nach 2Kor 4,10 offenbaren wir Jesu Leben nur, wenn wir seinen Tod mit uns herumtragen. Jeder Christ steht in der Nachfolge Jesu nur, solange er im Schatten des Kreuzes steht. Paulus hat nicht nur in Gal 6,17 die bis ins Leibliche reichende Stigmatisierung durch den Gekreuzigten als Merkmal seiner Zugehörigkeit zu Christus und als Zeichen des wahren Apostels und Nachfolgers Jesu betrachtet (17).

Ärgernis und Torheit ist das Kreuz Jesu bleibend, sofern es die Illusion des Menschen aufdeckt, sich selbst transzendieren und sein Heil wirken, aus eigenem Vermögen Stärke, Weisheit und Selbstruhm auch Gott gegenüber behaupten zu können. Vom Kreuz her erweist Gott das alles und zugleich damit uns selbst als töricht, eitel, gottlos. Denn töricht, eitel, gottlos ist der, der ohne und gegen Gott schaffen will, was nur Gott zu schaffen vermag. Ob man es fromm oder verbrecherisch versucht, spielt keine Rolle. Heil für das Geschöpf ist allein der Schöpfer, nicht das eigene Werk (19).

Paulus hat die vor ihm umlaufende Tradition über Jesu Kreuz im Sinn seiner Rechtfertigungslehre gedeutet. Er hat diese Rechtfertigungslehre vom Kreuz aus gewonnen und sie ist umgekehrt seine Interpretation des Todes Jesu. Denn sie spricht davon, dass Gott nur dann 'für uns' ist, wenn er unsere Illusionen zerschlägt und der neue Gehorsam den Menschen charakterisiert, der sich seiner Eigenmächtigkeit begibt, um sein Heil allein von Gott zu erwarten (20).

Längst vor Paulus haben theologische Reflexion und liturgische Bekenntnisse Jesu Tod als Heilsereignis herausgestellt. Der Apostel nimmt die verschiedenen Variationen dieser Verkündigung auf, ohne eine von ihnen zu bevorzugen. Die Aufnahme der Überlieferung durch Paulus geschieht so, dass er sie vertieft, teilweise korrigiert und jedenfalls neu ausrichtet. Paulus sieht die Heilsbedeutung des Kreuzes darin, dass Gottes Liebe sich dem Sünder, dem Gottlosen, dem Feind schenkt und damit unverrückbar den Platz des Menschen fixiert, der ihm außerhalb der Gnade gebührt. Vor dem sich selbst erniedrigenden Gott endet der sich selbst transzendierende Mensch. Der sterbende Gottessohn ruft uns aus eingebildeter Mündigkeit in die Kindschaft als einzige Möglichkeit echten Lebens. Die Rechtfertigung des Gottlosen ist für Paulus die Frucht des Todes Jesu. Das meint Regnum Dei auf Erden. Der Apostel will nach 1Kor 1,23;  2,2 nur den Gekreuzigten predigen und nur von ihm wissen (23).

Crux sola nostra theologia kann man einzig sagen, wenn damit das zentrale und in gewisser Hinsicht alleinige Thema christlicher Theologie bezeichnet wird (25).

Nachfolge bleibt unverwechselbar nur als Jüngerschaft des Gekreuzigten. Das Kreuz ist Grund und Maß der Christologie.

Der Auferweckte ist für den Apostel als gegenwärtiger Herr der Gemeinde der designierte Kosmokrator. Dieses Verständnis wurde dadurch erleichtert, dass eine vorpaulinische, in den urchristlichen Hymnen festgehaltene Christologie die himmlische Erhöhung Jesu bereits vom Kreuz aus erfolgen ließ. Das besagte, dass die Erweckung Jesu vom Tod von vornherein als Inthronisation galt und die Ostererscheinungen als Manifestation des schon Erhöhten erscheinen konnte, als vom Erhöhten begriffen wurden. Mit dieser ältesten Anschauung war die Gefahr verbunden, dass sich das Kreuz als Durchgangsstation auf dem Weg der Erhöhung hinter sich gelassene Station.

Auch für Paulus ist der Auferstandene derjenige, der die Herrschaft antritt. Doch bleibt das Kreuz die Signatur des Auferstandenen. Unverwechselbar und mit dem Jesus von Nazareth identifizierbar ist er nur als der Mann vom Kreuz (30f).

Wenn vor Paulus das Kreuz Jesu die Frage bildete, die durch die Auferstehungsbotschaft beantwortet wurde, so hat der Apostel diese Betrachtungsweise umgekehrt. In seiner Auseinandersetzung mit den Enthusiasten wurde die Interpretation der Auferstehung zum Problem, das nur vom Kreuz her beantwortet werden konnte. In ihr zeigte es sich, dass eine dem Kreuz vorgeordnete und ihm gegenüber isolierte Auferstehungstheologie zu einer christlichen Variation religiöser Weltanschauung führt, in der die Nachfolge Jesu und die Herrschaft Christi ihre konkrete Bedeutung verlieren. Nur der Gekreuzigte ist auferstanden und die Herrschaft des Auferstandenen geht gegenwärtig so weit, wie dem Gekreuzigten gedient wird.

Die Christenheit trägt den Siegt Jesu in die Welt, sofern sie Jesus das Kreuz nachträgt. Im Mitgekreuzigtwerden liegt ihre Herrlichkeit verborgen. Dasselbe macht Paulus an seinem eigenen Beispiel klar, wie seine Leidenskataloge und die Ausführungen in 2Kor 10-13 zeigen. Paulus hat als Voraussetzung des Apostolats das Sehen des auferstandenen Herrn und die Sendung durch ihn bezeichnet, jedoch bereits um Apostel gewusst, die er Feinde des Kreuzes Jesu nennt. In harter Kontroverse mit den Schwärmern und seinen rebellierenden Gemeinden stellt er als einziges untrügliches Merkmal das Mitgekreuzigtwerden mit Jesus und den sich darin vollziehenden Dienst heraus. Judas war auch Apostel. Das Apostolische ist nicht eindeutig, solange es nicht vom Kreuz geprägt ist. Ausschlaggebendes Kriterium wahrer Apostolizität ist die Jüngerschaft des Gekreuzigten (32f).

Jesu Kreuz ist für Paulus der Grund der Kirche und das uns vorausgegebene Heil. Es bleibt für ihn eschatologisches Ereignis, weil Jesus der Gekreuzigte bleibt uns nur als solcher Jesus bleibt. Für Paulus besteht Jesu Herrlichkeit darin, dass er seine Jünger auf Erden willig und fähig macht, ihm das Kreuz nachzutragen und die Herrlichkeit der Kirche und des Christenlebens darin, dass sie gewürdigt werden, den Gekreuzigten als Gottes Weisheit und Kraft zu preisen, nur in ihm das Heil zu suchen und ihr Dasein zu einem Gottesdienst im Zeichen von Golgatha werden zu lassen (33f).