1. Himmlische Gemeinschaft unmittelbar im Tod

1.1 Eine neue Form der Hoffnung (Phil 1,23ff) – Wandel im Denken des Paulus
Auferstehung der Toten 'in Christus' bereits im Tod

C.-H. Hunzinger

a. Die Hoffnung für die Toten

1Thess 4,13ff: In Anlehnung an apokalyptische Traditionen des Urchristentums erwartet Paulus, dass die Toten am Tag der Parusie die Auferweckung und zusammen mit den Lebenden die Vereinigung „mit Christus“ zuteil werden wird. Entsprechend wird in 1Kor 15,23 von der Auferstehung der Toten bei der Parusie gesprochen und in V.50ff das Geschehen „bei der letzten Posaune“ näher geschildert. Hier steht im Vordergrund der Gedanke der Verwandlung in die neue Leiblichkeit, wie er in 1Thess 4,13ff so nicht ausgesprochen wird: „Wie wir das Bild des Irdischen (Adam) getragen haben, so werden wir auch das Bild des Himmlischen (Christus) tragen“ (V49). Die Verwandlung in dieses neue Wesen vollzieht sich an Toten und Lebenden zugleich, „in einem Augenblick“ (V.50): „die Toten werden auferweckt werden als Unverwesliche und wir (Lebenden) werden verwandelt werden“ (V.52). Gemeinsam erreichen sie (Tote und Lebende) am Tag der Parusie die Vollendung (72f).

In Phil 1,21ff geht es um das eigene Geschick des Apostels, der als Häftling damit rechnen muss, dass der gegen ihn geführte Prozess unter Umständen mit dem Todesurteil endet. In dieser Lage bekennt Paulus, nicht zu wissen, was er sich wünschen soll. Die Alternative Leben oder Sterben (V.20) ist für ihn dadurch vertauscht, dass für ihn das eigentliche Leben Christus heißt und Sterben darum Gewinn bedeutet. Seine 'Begierde' zielt auf das Sterben, denn das wäre das weitaus beste. Aber „um euretwillen ist es nötiger, dass ich noch am Leben bleibe“ (V.24). Das „mit Christus sein“, das hier (V.23) wie in 1Thess 4,17 das Ziel der Hoffnung bezeichnet, wird bereits unmittelbar im Tod erwartet und nicht erst bei der Parusie. Das Bleiben bei der Gemeinde und das Sein bei Christus stehen als Möglichkeiten konkurrierend nebeneinander. Es wäre für den Apostel ein Vorzug, schon jetzt zu sterben und in die volle Gemeinschaft mit Christus zu gelangen. Die Aussagen von 1Thess 4,13ff und Phil 1,21ff widersprechen sich (73).

Hätte Paulus die Vorstellung von Phil 1,21ff schon früher gekannt, so hätte er sie in 1Thess 4,13ff der über ihre Toten besorgten Gemeinde nicht vorenthalten können. Beruhigt Paulus in 1Thess 4 die Gemeinde damit, dass die Lebenden den Toten nicht voraus sein werden, sondern dass beide gleichzeitig ans Ziel kommen werden, so hätte er im Sinn von Phil 1 herausstellen können, dass die Toten den Lebenden voraus sind, denn sie sind schon jetzt in der vollen Christusgemeinschaft, die die Lebenden erst bei der Parusie erlangen werden. Sie sind nicht nur gleichgestellt und damit nicht benachteiligt, sondern sie sind entschieden bevorzugt („denn das wäre das weitaus beste“ V.24)! Aber davon weiß Paulus in 1Thess 4 nichts (74f).

In 2Kor 5,1ff werden die verschiedenen Formen der Zukunftserwartung in einem Konflikt ausgetragen. In den ersten Versen, die von Seufzen bestimmt sind, wird das Ziel der Hoffnung unter den Bildern der neuen Behausung und der neuen Bekleidung beschrieben. V.1 stellt dem irdischen, zum Abbruch bestimmten 'Haus', das als 'Zelt' in seiner Vorläufigkeit gekennzeichnet wird, den neuen „Bau von Gott“ gegenüber, der, von ewiger Dauer, im Himmel bereitsteht. In V.2ff verbindet sich damit das Bild vom neuen Gewand; wir sehen uns danach, unsere himmlische Behausung anzuziehen. Es geht für Paulus um eine totale Verwandlung des Seins. Das Kontinuum ist in der Identität der Person gegeben. Leiblosigkeit bedeutet für Paulus Tod, Nichtsein (76f).

V.1 spricht die Zuversicht aus, dass beim Abbruch der alten Behausung eine neue im Himmel bereitsteht. Das Interesse haftet hier zunächst allein an dem Vorhandensein des himmlischen Hauses. Wenn trotz dieser tröstlichen Gewissheit in V.2 vom Seufzen gesprochen wird, so erfährt diese Aussage in V.4 ihre Begründung: „weil wir uns nicht auskleiden, sondern überkleiden wollen, auf dass das Sterbliche verschlungen werde von dem Leben“. Das Verlangen richtet sich darauf, der Entkleidung im Sterben zu entgehen und stattdessen ohne vorherigen Tod bei der Parusei der Überkleidung teilhaftig zu werden. Paulus sehnt sich danach, die Parusie zu erleben und so unmittelbar in das vollendete Sein zu gelangen. Die Alternative, die er fürchtet, ist das Entkleidetwerden beim Sterben. Das Seufzen blickt auf das Unbekleidetsein, des Zustand, der sich zwischen dem Auskleiden beim Sterben und dem Neubekleiden bei der Parusie ergibt, die Zwischenzeit, in der der Tote jeder Behausung entbehrt. Vor diesem 'nackten' Zustand zwischen Tod und Parusie scheut sich der Apostel. In der Nacktheit ist der Tote dem Verlorenen gleichgestellt. Darum der Wunsch, durch das Erleben der Parusie vor diesem Zustand bewahrt zu werden (78f).

Von V.6 an ist das Seufzen der Zuversicht gewichen (mutig seiend V.6; wir sind mutig V.8). In Vers 8 findet diese Zuversicht ihren konkreten Ausdruck in dem Wunsch zu sterben. Dieser Wunsch wird damit begründet, dass „auswandern aus dem Leibe“ „daheimsein beim Herrn“ bedeutet (V.8): das Sterben führt zum Kryios! Dieser Satz wird vorbereitet in V.6: „wir wissen, dass wir, solange wir im Leibe zu Hause sind, fern sind vom Herrn“: der Glaubende weiß sich in dieser Welt in der Fremdlingschaft, seine eigentliche Heimat ist beim Herrn oder im Himmel (Phil 3,20). Die gegenwärtige irdische Existenz steht unter dem 'Noch nicht' und steht damit weit zurück hinter dem zukünftigen Zustand der Vollendung, der erst die volle Gemeinschaft mit dem Kyrios bringen wird. Wir wandeln noch im Glauben, nicht im Schauen. Das Schauen „von Angesicht zu Angesicht“ ist Ziel unserer Hoffnung (1Kor 13,12). Wenn unser irdisches Dasein Fernsein vom Herrn bedeutet, so wird unser Aufbruch aus demselben Hemkehr zum Herrn sein. Darum sind wir voller Zuversicht und möchten gern aufbrechen. Statt Furcht vor dem Sterben, weil es Entkleidung heißt, hier nun Lust zum Sterben, weil es Heimkehr heißt. Das sind zwei grundverschiedene Formen der Zukunftserwartung (80).

Begründung für die neue Gemeinschaft: Gott hat dem Glaubenden schon das Pneuma geschenkt, das Angeld, das die Vollendung verbürgt (V.5 vgl. Röm 8,11). In der Gabe des Pneumas hat der Glaubende schon jetzt Anteil an der eschatologischen Vollendung, die mit der Auferweckung Jesu Christi angebrochen ist. In Christus ist er bereits eine neue Kreatur (2Kor 5,17). Dieses schon empfangene neue Sein kann durch den Tod nicht suspendiert, sondern nur zur Vollendung geführt werden. Von der bereits inaugurierten Eschatologie her wird das alte apokalyptische Vorstellungsschema durchbrochen und eine neue Hoffnung eröffnet (81).

b. Selbstkorrekturen des Paulus

1Kor 1,14-16:ich habe niemanden von euch getauft“ (14a). Diese Ausschließlichkeit wird in drei Etappen eingeschränkt: V.14b nennt Krispus und Gaius als einzige Ausnahmen, V.16a fügt das Haus der Stephanus hinzu, V.16b räumt schließlich ein: „ob ich sonst noch jemanden getauft habe, weiß ich nicht“ - womit die ursprüngliche Aussage als Argument unbrauchbar geworden ist (82).

1Kor 11,2-16: zunächst greift Paulus auf in atl-jüdischen Traditionen verwurzelte Vorstellungen von der prinzipielle Unterordnung der Frau unter den Mann zurück. In V.11ff streicht Paulus diese ganze Argumentationskette durch: „im Herrn“ gilt als das alles nicht mehr („weder Sklave noch Freier, weder Mann noch Frau“ (Gal 3,28; vgl. 1Kor 12,13; Kol 3,11). In V.12 entdeckt Paulus nun auch im Bereich der alten Schöpfungsordnung die wechselseitige Zuordnung der Geschlechter. Mit dem „allerdings“ (V.11) nimmt Paulus seine bisherige Beweisführung bewusst zurück. Ab V.13 sucht er nach neuen Argumenten und beruft sich erst auf das „geziemend“ (V.13), dann auf die „Natur“ (V.14), um schließlich auf die bestehende Sitte der Gemeinden zu pochen (V.16) (85).

Das Israel-Problem: Die Lösung, die Röm 11,25ff bringt in der Aufrichtung der Hoffnung auf eschatologische Rettung „ganz Israels“, steht nicht nur im Widerspruch zu Äußerungen des Paulus in früheren Briefen, wo Paulus in heftiger Polemik angesichts der aktiven Feindschaft Israels gegen Jesus und seine Gemeinde (1Thess 2,16 „der Zorn Gottes in vollem Maß“), von seiner Ausstoßung (Gal 4,30 „teibe hinaus“) und Auschließung vom Erbe (ebd. „denn keinesfalls wird erben“) spricht, sondern jene Lösung ist auch innerhalb des großen Komplexes von Röm 9-11 nicht von Anfang an im Blick. Dic Frage nach der Gültigkeit der Verheißungen Gottes an Israel wird vielmehr zunächst durch eine Neudefinition des Begriffes Israel bewältigt („denn nicht alle von Israel (Stammenden) sind Israel“ 9,6) in der an die Stelle der leiblichen Abstammung („Kinder des Fleisches“ 9,8) das Prinzip der freien Erwählung („der frei nach Auswahl verfahrene Ratschluss Gottes“ 9,11) tritt: Die Verheißungen gelten nicht dem Volke Israel.

In Gal 4,21-30 konnte das empirische Israel sogar – gegen alle Genealogie – dem Hagar-Sohn Ismael zugeordnet werden, währen Isaak als Typos der christlichen Gemeinde in Anspruch genommen wird.

Die Verheißungen erfüllen sich an den „Kindern der Verheißung“ (9,8), bei deren Auswahl aus Juden und Heiden (9,24;  10,12) Gottes Gnade in souveräner Freiheit waltet (9,18;  11,5f), freilich in dialektischer Spannung mit dem schuldhaften Ungehorsam gegenüber dem allen geltenden Angebot des Evangeliums (9,12.16.21). In dem erwählten Rest manifestiert sich Gottes Treue zu seinen Verheißungen (11,1.5) – das übrige Israel aber ist verstockt. In 11,10 heißt es noch „für immer“. Erst von 11,11 an arbeitet Paulus sich schrittweise auf einer neuen Fährte vor, auf der er, in Aufnahme des 10,19 gegebenen Stichwortes „eifersüchtig machen“, der Verstockung Israels eine positive Funktion im Heilsplan Gottes zuweist, sie als vorläufiges Geschehen begreift und über die Möglichkeit der Wiederaufnahme schließlich durchstößt zur Gewissheit: „und so wird Israel gerettet werden“ (11,26a). Dabei wird Israel gegen 9,6 wieder in seiner leiblichen Abrahamkindschaft gesehen („die natürlichen Zweige“ 9,24) – freilich so, dass die Rettung Israels allein in Gottes Treue und Erbarmen gründet (11,32; vgl. 10,3). Wenn dieses Erbarmen sich an „ganz Israel“ bewähren soll, so ist das eine Hoffnung, die völlig neu aufbricht („Geheimnis“ 11,25a). Beim Schreiben der Kapitel 9-11 des Römerbriefes vollzieht sich im Ringen um die Wahrheit der Durchbruch neuer Hoffnung (84f).

c. Auferstehung und Parusie

Was die Auferstehung anlangt, so kann man sie in der neuen Form der paulinischen Zukunftsvorstellung nicht von der Erwartung der „Heimkehr zum Herrn“ im Tode trennen, als ginge es um zwei verschiedene Akte, sondern beides fällt ineinander. Die Hoffnung auf die Christusgemeinschaft setzt die Erwartung der neuen Leiblichkeit im Tod voraus. So wie Jesus Christus in seiner Auferweckung sein 'Soma' der Herrlichkeit empfangen hat, so wird Jesus Christus „unseren nichtigen Leib verwandeln, dass er gleich werde seinem verherrlichten Leib nach der Kraft, mit der er sich alle Dinge untertan machen kann“ (Phil 3,21). Ist an dieser Stelle zwar (V.20) an die Verwandlung der Lebenden bei der Parusie gedacht, so zeigt sie doch, in welcher Form das „mit Christus sein“ bei Paulus allein gedacht werden kann. Der Gedanke einer gemeinsamen, gleichzeitigen Auferstehung der Toten am Jüngsten Tag ist damit aufgegeben. Für den, der zu Christus gehört, vollzieht sich die Auferstehung jeweils bei seinem Tod. Mit Ostern hat das Auferstehungsgeschehen bereits begonnen – das alte apokalyptische Zeitschema ist damit durchbrochen. Es liegt in der Konsequenz der Auferstehungspredigt, dass nun auch die, die zur Gemeinde des Auferstandenen gehören, nicht erst bei einer zukünftigen Parusie, sondern schon bei ihrem Sterben in die Vollendung aufgenommen werden. Darin vollzieht sich dann auch das letzte Gericht: mit der Aufnahme in die Christusgemeinschaft wird das Urteil bereits vollstreckt. So ist für den Glaubenden im Tod nicht ein Zwischenzustand, sondern der Endzustand erreicht (86f).

Die Parusie-Erwartung: Für die, die die Parusie erleben, gilt die alte Vorstellung von der Verwandlung unverändert weiter. Nur die Toten sind ihnen voraus, sie leben schon mit Christus. Vom Glaubenden wird im Tod bereits das Ziel der Christusgemeinschaft erreicht. Die Erwartung der Parusie wird ür den einzelnen, der im Tod die Vollendung ergreit, entbehrlich. Die Parusie bleibt für Paulus jedoch wichtig, sofern sein Denken nicht nur am Geschick des einzelnen orientiert ist, sondern die Welt im Blick hat, in ihrer Preigegebenheit an die Macht des Todes (Röm 8,19-23). Im Glauben an den Auferstandenen hat Paulus slebst schon jetzt Anteil an der 'Zoe', gegen die der Tod keine Macht hat. So wird ihm gerade der Tod zum Aufbruch in das Leben, das für ihn Christus heißt (87f).

L.M.: Wenn Gottes Erbarmen sich an ganz Israel bewähren soll (Röm 11,26), ist dann das Gericht nach den Werken überholt?