1.2 Notwendige Neuinterpretation der Eschatologie

M.Kehl

Unter 'Reich Gottes' bzw. 'Königsherrschaft Gottes' verstehen wir jenes in Christus endgültig erfüllte und ihm zugleich noch verheißene Geschehen, in dem Gottes Gerechtigkeits- und Friedenswille sich in unserer Geschichte (von Israel bzw. dem erneuerten Volk Gottes, der Kirche, ausgehend) auf heilende und befreiende Weise Raum schafft (221).

Das Reich Gottes findet in der Person Jesu, in seiner Verkündigung, in seinen Zeichenhandlungen und in seinem Geschick (in Tod und Auferstehung) die grundlegende innergeschichtliche Gestalt, die die erhoffte Vollendung des Reichs Gottes vorwegnimmt. Jesus Christus ist das Realsymbol der Liebe Gottes, ihres Gerechtigkeits- und Friedenswillens. Er begründet die Vergegenwärtigung des Reichs Gottes auch im Leben und Tun all derer, die ihm in der Kraft seines Geistes nachfolgen (221f).

Universalität des Heils: Die ganze Wirklichkeit individueller und sozialer menschlicher Geschichte wird in dem Maß, wie sie sich vom Geist der Liebe Gottes durchformen lässt, zum Herrschaftsraum des Friedens- und Gerechtigkeitswillens Gottes (230).

Im Durchgang durch den Tod: Erst durch den Tod hindurch, kann eine Vollendung individueller und sozialer Lebensgeschichte erhofft werden. Wenn wir dies bejahen, nehmen wir Abschied von der apokalyptischen Vorstellung, dass Gott einmal unmittelbar zu einem bestimmten geschichtlichen Zeitpunkt in diese Geschichte 'eingreifen', sie in einem großen Weltuntergang beenden und dann eine ganz neue Welt schaffen wird, auf der auch eine neue 'Geschichte' der Menschen beginnt. Die Schwierigkeiten mit solchen Vorstellungen rühren daher, dass wir das apokalyptische Weltbild nicht mehr teilen können (232f).

G.Lohfink: Die Theologie hatte im 19.Jh. Begriffen, dass sich die Welt Gottes nicht in dreidimensionalen Räumen über unserer Welt aufschichtet, sie nahm aber gleichzeitig noch immer an, dass das Ende der Welt und der Geschichte auf der irdischen Zeitlinie stattfände, dass es am Ende in unserer Welt ein göttliches spectaculum, nämlich Weltuntergang mit Parusie geben werde. Man kann nicht die Raumvorstellungen der Apokalyptik verabschieden und gleichzeitig an ihrer Zeitvorstellung und an ihrem Geschichtsbild festhalten. Die so dringend notwendige Neuinterpretation der Eschatologie kann nur dann gelingen, wenn nicht mehr von dem Zeit- und Geschichtsbild der Apokalyptik ausgegangen wird (233).

M.Kehl: Gott als der verborgen anwesende Grund aller Wirklichkeit kann niemals ein direktes und unmittelbares Objekt unserer sinnlich-geistigen Erkenntnis werden. Der Gott, der sich gerade in Tod und Auferstehung Jesu als endgültig befreiende Liebe offenbart hat, wird auch in aller Zukunft den Tod nicht einfach aus der Welt herausnehmen und so geschichtliches Leben 'unsterblich' machen, sei es am Ende 'dieser' oder innerhalb einer (von der Apokalyptik erwarteten) 'neu geschaffenen' Geschichte. Indem durch Jesus auch unser Tod und all seine Vorformen, wie Krankheit, Schmerz, Leid und Einsamkeit usw., zum möglichen Erscheinungsort der heilenden Liebe Gottes geworden sind, kann eine wirkliche 'Vollendung' der Geschichte im Reich Gottes nur durch den persönlichen Tod der einzelnen Menschen hindurch geschehen. Einzig die Bewegung auf eine absolut geschichtstranszendente Vollendung der Geschichte hin bewahrt jeder Geschichte ihren relativen und damit humanen sie nicht vergötzenden Charakter (234f).

Im Gegensatz zur Apokalyptik ist für uns die Schöpfung durch Jesus Christus eine grundsätzlich geheilte Schöpfung. Sie ist nicht mehr Ort einer reinen Sündengeschichte, die nur durch eine totale Vernichtung und Neuschöpfung hindurch gerettet werden könnte. Im auferstandenen Christus und in den an seiner Auferstehung Teilhabenden ist diese Schöpfung bereits in das vollendete Leben Gottes eingegangen. Eine universale Vollendung wird von uns deswegen gerade für diese Schöpfung erhofft, in die der Geist des Auferstandenen als Angeld und Keim der neuen Schöpfung hineingelegt ist. Sie soll im ganzen an der Vollendung Christi teilhaben, und nicht eine völlig neue Schöpfung sein, die mit der alten nichts mehr gemein hat (235).

Das 'Aufgehobensein' der Geschichte in der Auferstehung der Toten: Die Vollendung des Reichs Gottes erhoffen wir (im Unterschied zur Apokalyptik) als das endgültige Aufgehobensein dieser menschlichen Geschichte (in ihrer individuellen, sozialen und universalen Dimension) im Leben Gottes. (1) Alles, was in unserer Geschichte für das Reich Gottes bedeutsam ist, alles, was von uns in vertrauender Hoffnung und in tätiger Liebe ertragen und getan wird, bleibt 'erhalten' (aufheben = bewahren). Es behält (als Teilhabe am auferstandenen Leben des Gekreuzigten!) Geltung über den Tod hinaus, sowohl für die vollendete Gestalt des Reichs Gottes selbst, als auch für den betreffenden Menschen selbst (als dem 'substantiellen' Träger solchen Tuns): Es macht seine bleibende Identität bei Gott aus. Außerdem geht es ein in die unzerstörbare Basis, auf der weiter an der Gestaltwerdung des Reichs Gottes unter uns gebaut werden kann (235f).

(2) Alles, was nicht integrierbar ist, also das Sündige, Sich-Gott-Verschließende in unserer Geschichte, wird 'hinweggenommen' in die richtend-vergebende Liebe Gottes hinein (aufheben = außerkraftsetzen). Im Leben der Auferstehung bestimmt es nur noch als 'vergebene' Schuld unsere Identität. Sie ist so in die den Sünder bejahende Liebe Gottes hineingeborgen, dass wir in der Kraft dieses Angenommenseins unsere Schuld ganz 'aufarbeiten', sie als Moment unserer glückenden, aus der Vergebung lebenden Identität annehmen können.

(3) Die von Gott aufgenommene menschliche Geschichte bekommt eine endgültig gelungene Gestalt, die dem Wechsel von Raum und Zeit enthoben und von aller damit gegebenen schmerzlichen Gebrochenheit befreit ist (aufheben = emporheben). Die geschaffene Wirklichkeit findet erst da ganz zu sich selbst, wo sie endgültig zu Gott, dem Schöpfer und Vollender hingefunden hat. Dies bedeutet die erfüllende Teilhabe unseres gelebten Lebens und seiner Welt an der Weite und Schönheit der unendlich lebendigen Liebe Gottes (236f).

Gemeinschaft der Heiligen: Das 'Reich Gottes' wird immer nur getragen von einem entsprechenden 'Volk'Gottes, dessen gemeinschaftliches Zusammenleben immer stärker von der Liebe Gottes geprägt werden soll. In der 'neuen Schöpfung' erhoffen wir die Vollendung dieses Reichs Gottes und seines Trägers, des Volkes Gottes. Als 'Erster der Entschlafenen' legte Jesus den Grundstein für dieses vollendete Reich Gottes. Das Verhältnis von realsymbolischer Vergegenwärtigung und communio-Gestalt des Reichs Gottes gilt auch für seine Vollendung: Die Vollendung der Einzelnen und ihrer Lebensgeschichte geschieht immer nur als Vollendung einer 'kommunikativen Einheit' aller Realsymbole des Reichs Gottes. Der Einzelne wird nur vollendet in der Teilhabe an der vorgegebenen Vollendung der 'communio sanctorum', am Auferstehungsleben der vollendeten Gemeinschaft derer, die das Leben und Sterben Jesu um des Reichs Gottes willen geteilt haben. Diese vollendete Gemeinschaft entsteht immer nur durch den Tod und durch die Vollendung der Einzelnen hindurch, grundlegend in Jesus Christus und den wahrhaft 'Heiligen'. In diese vollendete Gestalt des 'Leibes Christi' werden wir hineingenommen und bauen sie zugleich durch unsere 'Lebensfrucht' mit auf. Vermittelt durch die soziale Gestalt der communio sanctorum wächst die ganze Schöpfung in ihre Vollendung hinein (237f).

Wiederkunft des Herrn: 'Jesus kehrt wieder, insofern alle bei ihm ankommen'

Menschliches Leben ist ein ständiges Wandern auf die unverborgene Begegnung mit Jesus Christus hin. Immer dann, wenn ein Mensch stirbt, hoffen wir, dass er bei Christus angekommen ist, dass er endgültig in einer befreienden und beglückenden Gemeinschaft mit ihm und dem Vater aufgehoben ist. Zu diesem Menschen ist Christus dann bereits unverborgen 'wiedergekommen'. Wenn einmal alle Menschen ihren Tod gestorben und bei Christus angekommen sind, ist er zu allen wiedergekommen; dann ist der 'Jüngste Tag' erreicht. 'Wiederkunft Jesu' bedeutet nicht ein großes Welttheater mit planetarischem Szenario irgendwann in weiter Ferne. Es ist ein Geschehen, das sich 'mitten unter uns' ereignet (Lk 17,21) und im menschlichen Sterben vollendet. Jesus hat für dieses An-Kommen einen klaren Maßstab gesetzt: „Kommt zu mir, die ihr von meinem Vater gesegnet seid und nehmt das Reich Gottes in Besitz..., denn was ihr einem meiner geringsten Brüder und Schwestern getan habt, das habt ihr mir getan“ (Mt 25,34.40). Nur der, bei dem Jesus in diesem Leben bereits ankommen kann, in der verborgenen Gestalt eines Hungernden und Durstigen, eines Kranken und Heimatlosen, eines Armen und Verspotteten, nur der wird einmal bei Jesus in seiner unverborgenen Gestalt ankommen können. Tun wir alles, um den verborgenen Christus 'mitten unter uns' zu entdecken! Dann erfüllen wir die dringliche Mahnung Jesu, in Wachsamkeit und Aufmerksamkeit das Kommen des Menschensohnes zu erwarten (Lk 21,36;  Mt 24,44; 25,13) (245f).

Empirisches 'Ende' und theologische 'Vollendung' der Welt: Empirisch gesehen lässt sich ein Ende der menschlich-irdischen Lebenswelt mit großer Sicherheit voraussehen (uns interessiert nur das Ende unserer Erde und ihrer Lebensbedingungen). Nach dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik nimmt die 'Unordnung' im Kosmos zu. Über das Wann und Wie eines empirischen Endes unserer Erde kann die Theologie keine Aussage machen; das fällt nicht in ihre Kompetenz. Für den theologischen Begriff der Vollendung ist es nicht gleichgültig, wie das empirische Ende der Erde aussieht, denn der Mensch trägt vom Schöpfungsauftrag Gottes her Verantwortung für diese Erde. Es ist uns Menschen aufgetragen, unsere Freiheit so einzusetzen, dass diese Erde die humanisierte, in ihre Vollendung bewahrend aufzuhebende 'Materie' des Reichs Gottes sein kann (247f).

Jeder Mensch bringt seine eigene, unverwechselbare Geschichte mit. Das jeweilige Anders- und Einzigartigsein dieser beim Menschen 'angekommenen' Liebe Gottes ist für die Vollendungsgestalt des Reichs Gottes von entscheidender Bedeutung, zeigt sich doch darin einerseits der unausschöpfliche Reichtum der sich mitteilenden Liebe Gottes und andererseits auch der unbedingte Wert jeder menschlichen Person innerhalb der Geschichte dieser Liebe Gottes. Erst wo diese qualitativ bedeutsame Vielfalt auch universal vollendet ist, kann man von einer endgültigen Vollendung des Reichs Gottes sprechen. Das dürfte der theologische Sinn der Rede vom 'Jüngsten Tag' sein: Er braucht dann nicht als ein kosmischer Weltuntergang oder eine universal-geschichtliche Katastrophe vorgestellt zu werden, sondern als das Zu-Ende-Kommens des universalen Vollendungsprozesses, in dem alle (dazu bereiten) Menschen in das Leben der Auferstehung hineinsterben. Dieser Prozess ereignet sich fortwährend innerhalb unserer Geschichte im Tod jedes Menschen. Er findet sein innergeschichtliches Ende, wenn alle Menschen gestorben sind (249).

Vollendung meint zugleich den Prozess des ständigen, im irdischen Leben beginnenden und sich im Tod vollendenden Hineingenommenwerdens in das unausschöpflich bewegte Leben Gottes wie auch das Ergebnis dieses Prozesses, das unangefochtene Angelangtsein bei Gott (251).