1.2 Weltuntergang - Kosmische Endereignisse

A. Vögtle (1998)

2 Ptr 3,7.10.13

(7) “Die jetzigen Himmel und die (jetzige) Erde sind durch dasselbe Wort (Gottes) aufgespart für das Feuer, bewahrt für den Tag des Gerichtes und Verderbens der gottlosen Menschen”. (10) Am Tag des Herrn "werden die Himmel mit großem Krachen zergehen und die Elemente werden vor Hitze zerschmelzen". (13) “Neue Himmel aber und eine neue Erde erwarten wir gemäß seiner (Gottes) Verheißung, in denen die Gerechtigkeit wohnt”.

Die Parusieleugner (2 Ptr) übersehen, dass die geordnete Welt schon einmal kraft des Machtwortes Gottes zur Bestrafung der sündigen Menschheit in das Chaos zurückversank, eben bei der Sintflut. Es geht hier nicht um ein allgemeines Endgericht, denn dann müsste der Vf. auch von den Toten, von den längst verstorbenen Frommen der Vorzeit oder wenigstens von den zwischenzeitlich verstorbenen Christen sprechen. Das Universum hat nicht gesündigt. Ebenso wenig liegt der Gedanke vor, dieses werde seiner Unzulänglichkeit wegen im Totalbrand untergehen, um einer neuen vollkommenen Schöpfung Platz zu machen. Der einzige Sinn und Zweck des Weltenbrandes ist offensichtlich, dass die libertinistischen Parusiespötter durch das Erleiden des Feuertodes drastisch widerlegt werden (Vö 62f).

Bezeichnenderweise verrät der Verfasser nicht im geringsten, wie die sich bewährenden Gemeindeglieder die Verbrennung des Universums überstehen oder dass und wie jene unter Zurücklassung der Gottlosen von der zu verbrennenden Erde rechtzeitig evakuiert und umgesiedelt werden. Wohin übrigens? Vor dem Weltbrand könnten sie schwerlich auf die neue Erde hinübergerettet werden, weil neue Himmel und eine neue Erde bei realistischem Verständnis sinnvollerweise erst nach der Totalvernichtung des bestehenden Universums an dessen Stelle treten könnten. Der Verfasser sagt in 3,13 nicht: die Gerechten, die Heilserben, würden in die neue Welt eingehen, auf der neuen Erde wohnen, sondern formuliert bewusst abstrakt: in denen - nämlich: im neuen Himmel und auf der neuen Erde - (die) Gerechtigkeit wohnt, Gottes Wille somit in jeder Hinsicht geschieht. Starke Gründe sprechen dafür, dass “neue Himmel und eine neue Erde” lediglich als Sinnbild für die Heilsvollendung verstanden sind, dessen Verwendung durch die voraufgehende Gerichtsmetapher von dem im Feuerbrand untergehenden ‘jetzigen Himmel und der (jetzigen) Erde” bedingt ist (Vö 63f).

Mk 13,24 - 26par

“Aber in jenen Tagen, nach der großen Drangsal, wird sich die Sonne verfinstern, und der Mond wird nicht mehr scheinen; die Sterne werden vom Himmel fallen und die Kräfte des Himmels erschüttert werden. Und dann werden sie (wird man) den Menschensohn mit großer Macht und Herrlichkeit auf den Wolken sehen. Und dann wird er die Engel senden und wird seine Auserwählten versammeln von den vier Winden, vom Ende der Erde bis zum Ende des Himmels”.

Dem Wortlaut nach geht es um eine Vernichtungskatastrophe sondergleichen. Die Erwählten dagegen, die der Menschensohn anschließend durch seine Engel von der ganzen Erde zusammenführen lässt, sind als ungeschädigte Lebende vorgestellt. Einem Gemeinplatz der jüdischen Apolyptik zufolge, wird die Zunahme moralischer (Sündigkeit aller Art, Kriege usw.) und physischer Übel die Äonenwende, das bevorstehende Gericht, anzeigen. Zu diesen “(Geburts) wehen” zählen auch Unregelmäßigkeiten in der Natur und kosmische Erschütterungen. So werden dem Hervortreten des “höchsten Gottes” als kosmische Katastrophen unter anderem zugeordnet: “Die Sonne wird kein Licht mehr geben und sich in Finsternis verwandeln, die Hörner des Mondes werden zerbrechen, und er wird sich ganz in Blut verwandeln, und der Kreis der Sterne wird verwirrt” (Himmelfahrt des Mose 10,5).
“Alle Leuchten werden von großer Furcht erschüttert, und die ganze Erde wird erschrecken, zittern und zagen” (äthHen 102,2).

Mk 13,24f verwendet atl Gerichtstheophanien. Grundstelle für die Verfinsterung von Sonne und Mond ist Jes 13,10 (Gericht Jahwes übel Babel). Das Herabfallen aller Sterne kündigte Jes 34,4 LXX (Gericht über Edom) an. Die Erschütterung der Himmelskräfte (vgl. Joel 2,10; Hag 2,6.21) ist wahrscheinlich ein zusammenfassender Ausdruck für die vorher genannten Veränderungen der Gestirne. Die Zitierung kosmischer Geschehnisse, mit denen die Schrift das Kommen Jahwes zum Gericht ausmalte, spricht für ein rein metaphorisches Verständnis, dass nämlich der zum Gericht kommende Menschensohn die Funktion des Gericht haltenden Gottes ausüben und über seine überwältigende Macht verfügen wird.

Die Erfahrung des jüdisch-römischen Krieges mit seiner Tempelzerstörung veranlasste den Verkünder, vom “Anfang der Wehen” zu sprechen (Mk 13,8). Die gottgleiche Machtvollkommenheit des zum Gericht kommenden Menschensohnes ist die Realität, die durch Mk 13,24f sinnbildlich zum Ausdruck gebracht werden soll, nicht aber ein Zusammenbruch der kosmischen Ordnung (58f).

Offb 20,11 - 21,1f.24 - 26

(11) “Und ich sah einen großen weißen Thron und den, der darauf saß; vor seinem Angesicht flohen Erde und Himmel, und es gab keinen Platz mehr für sie, (12) und ich sah die Toten, groß und klein stehen vor dem Thron... (15) Wer nicht in dem Buch des Lebens geschrieben stand, der wurde in den feurigen Pfuhl geworfen” (21,1). “Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde, denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen... (2) Ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott her aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine Braut, die für ihren Mann geschmückt ist”.

Das Gericht ergeht über alle vor dem Richterthron stehenden Toten. Wo der Richterthron stehen wird, nachdem Erde und Himmel geflohen sind, interessiert den Seher so wenig wie die Frage, wohin diese entfliehen können, wo es doch “keinen Platz für sie gab”. Das ‘Fliehen’ der personifizierten Erde und des Himmels vor dem Anblick des Richters ist ein unüberbietbares Bild für die überwältigende Majestät und Macht des göttlichen Richters - nichts mehr.

Die von Gott her kommende ‘heilige Stadt’, die als geschmückte ‘Braut’ bezeichnet wird, ist das Kontrastbild zur widergöttlichen Weltstadt Rom, die als die große ‘Hure’ apostrophiert wurde. Die Stadt, die weder eines Tempels noch der Sonne und des Mondes bedarf, weil “die Herrlichkeit Gottes sie erleuchtet und ihre Leuchte das Lamm ist” (21,22f), ist als Sinnbild der vollendeten Heilsgemeinde verstanden.

Zum Erweis der Universalität der vollendeten Heilsgemeinde lässt Johannes ‘die Könige der Erde’ und ‘die Völker’ ihre Pracht in die Stadt hineinbringen (21,24-16), was bei wörtlichem Verständnis wieder die ‘erste’, nach 21,1 doch vergangene Erde voraussetzen würde. Weil er die Stadt wie den neuen Himmel und die neue Erde als Sinnbilder für die gleiche unanschaubare Realität versteht, konnte er die Prophetie von der endzeitlichen Völkerwallfahrt (Jes 60,3ff; Ps 72,10) aufnehmen, ohne aus dem sinnbildlichen Verständnis der Stadt auszubrechen (60f).

H. Küng: Wie die biblische Protologie keine Reportage von Anfangs-Ereignissen sein kann, so die biblische Eschatologie keine Prognose von End-Ereignissen. Und wie die biblischen Erzählungen vom Schöpfungswerk Gottes der damaligen Umwelt entnommen wurden, so die von Gottes Endwerk der zeitgenössischen Apokalyptik. Die Bibel spricht auch hier keine naturwissenschaftliche Faktensprache, sondern eine Bildersprache. Sie offenbart keine bestimmten weltgeschichtlichen Ereignisse. Die apokalyptischen Bilder und Visionen vom Weltende würden missverstanden, wenn sie als Information über die ‚letzten Dinge’ am Ende der Weltgeschichte aufgefasst würden. Für die ‚Ur-Zeit’ wie für die ‚End-Zeit’ gibt es keine menschlichen Zeugen (K. 217f).

L.M.: Aus dem jüdisch-apokalyptischen Vorstellungsmodell: Auferstehung der Toten am Jüngsten Tag (am 'St. Nimmerleinstag') folgt, dass Gott nicht mehr ein Gott der Lebenden, sondern ein Gott der Toten ist.