1.3 Die Befreiung vom Weltbild der Apokalyptik

a. Der Jüngste Tag ist der individuelle Todestag.


Die Zukunft der Erde ist ein rein naturwissenschaftliches Thema.
G. Lohfink

Unaufgebbare Elemente an der Reich-Gottes-Predigt Jesu: Das Kommen der Gottesherrschaft steht jenseits menschlicher Verfügbarkeit und Machbarkeit. Es ist ein Geschehen von Gott her in der Gott eigenen Dimension. Es greift zugleich hinein in die menschliche Geschichte und bringt alle Geschichte an ihr Ende. Dieses Ende ist so nahe, dass jeder Mensch in einer letzten Entscheidung steht (59).

Das Kommen Gottes war nicht anders vorstellbar, als dass er im Raum und in der Zeit erscheint. Und das Ende der Geschichte war nicht anders vorstellbar, als dass die Geschichte auf der irdischen Zeitlinie zu Ende geht. Und das Ende der Welt war nicht anders vorstellbar, als dass der Weltbestand mit einem Schlag zerstört bzw. verwandelt wird. Man nahm an, dass es am Ende ein göttliches Spektakulum, nämlich Weltuntergang mit Parusie geben werde.

Dieses nur grob skizzierte Weltbild der Apokalyptik floss in die christliche Eschtalogie ein und bildete jahrhundertelang den undiskutierten Hintergrund der Lehre von den letzten Dingen. Erst im letzten Jahrhundert begann die Scheidung zwischen apokalyptischem Weltbild und christlicher Eschatologie. Seitdem gleicht die Eschatologie einer Großbaustelle. Die so dringend notwendige Neuinterpretation der Eschatologie kann nur dann gelingen, wenn dabei nicht mehr von dem Zeit- und Geschichtsschema der Apokalyptik ausgegangen wird. Das heißt: Es geht nicht an, das Kommen Gottes lediglich an einem postulierten Endpunkt unseres Geschichtsverlaufs anzusetzen. Gott ist jedem Punkt irdischer Geschichte gleich nah. Und wenn Gott kommt, dann kommt er gleichzeitig an jeden Punkt menschlicher Geschichte. Genauso ereignet sich die Vollendung der Geschichte, nicht an einem hypothetischen Endpunkt der irdischen Zeitlinie, sondern an jedem Punkt menschlicher Geschichte (60f).

Wenn Gott selbst kommt und seine Herrschaft aufrichtet, dann erscheint er nicht in unserem Raum und in unserer Zeit. Eine solche Aussage ist Mythologie. Unverhüllte Begegnung mit Gott setzt immer den Tod voraus. Parusie kann es nicht in dem Sinne geben, dass Gott bzw. Christus einer am Ende noch lebenden letzten Generation erscheinen wird, wie dies in 1Thess 4,15 vorausgesetzt ist. Parusie gibt es nur in dem Sinne, dass derjenige, der durch den Tod hindurchgegangen ist, vor Gott erscheint, bzw. dass Gott vor ihm erscheint. Das Kommen Gottes ist beim Tod aller Menschen anzusetzen, gleichgültig, an welchem Punkt der Geschichte sie gelebt haben oder noch leben werden (61f).

Das Todesdatum ist für jeden ein verschiedenes; denn der Todestag gehört zu dieser Welt. Die Todesdaten der einzelnen Menschen können Jahrtausende weit auseinander liegen. Ihre Auferstehung von den Toten geschieht dennoch ‘gleichzeitig’, denn in der Ewigkeit gibt es keine zeitlichen Intervalle mehr. Mit Hilfe der Polarität von Zeit und Ewigkeit gelingt es, das Ende der Geschichte im Tod des je einzelnen anzusetzen und so den Tod an die Stelle des Jüngsten Tages treten zu lassen (62f).

Die universale Geschichte und ihre Vollendung

Der Mensch, der im Tode vor Gott erscheint, ist kein welt- und geschichtsloses Abstraktum, sondern konkrete, individuell geprägte Person. In jedem Menschen ist ein Stück der Geschichte der Welt Fleisch geworden. Der Mensch, der sein Leben vor Gott hinträgt, ist von der Welt und der Geschichte geprägt, und er hat selbst die Welt und die Geschichte geprägt. Jeder Mensch trägt ein Stück Welt und ein Stück Geschichte vor Gott hin, und mit jedem Menschen, der stirbt, versammelt sich immer mehr Welt und immer mehr Geschichte vor Gott (70f).

Das ständige Hineingezeitigtwerden des unendlichen Geflechts der Gesamtgeschichte in die Vollendung geschieht nicht mehr in unserem Früher und Später, nicht mehr verteilt über Jahrtausende, sondern in einem analogen, für uns nicht mehr vorstellbaren ‘Gleichzeitig’. Für den einzelnen Mensch bedeutet das, dass er im Tod nicht nur sein eigenes Ende erfährt, sondern zugleich das Ende der Welt und der gesamten Geschichte. Indem ein Mensch stirbt und dadurch die Zeit hinter sich läßt, gelangt er an einen ‘Punkt’, an dem die gesamte übrige Geschichte ‘gleichzeitig’ mit ihm an ihr Ende kommt, mag sie auch ‘inzwischen’ in der Dimension irdischer Zeit noch unendlich weite Wegstrecken zurückgelegt haben (72).

Das Handeln Gottes ist nur dann universal, wenn es die gesamte Geschichte der Welt erfasst, wenn es alle Menschen und Völker, die leben und gelebt haben, erreicht. Und das Handeln Gottes ist nur dann endgültig, wenn alle Geschichte der Welt vor dem dabei offenbar werdenden Gott an ihr Ende kommt. Die offene Begegnung mit Gott schließt ein Weiterlaufen der Geschichte radikal aus. Das Kommen der Herrschaft Gottes ist ein absolut universales Geschehen, das alle Geschichte erfasst, und es ist ein absolut endgültiges Geschehen, das alle Geschichte an ihr Ende bringt. In dem ‘Augenblick’, in dem alle Geschichte vor Gott erscheint und Gott vor ihr erscheint, macht Gott seine ewige Herrschaft der ganzen Welt offenbar und richtet in diesem ‘Augenblick’ seine Herrschaft endgültig auf (76).

Wie die Universalität und die Endgültigkeit, so gehört auch die Nähe der Gottesherrschaft integral zur eschatologischen Botschaft Jesu: Gott handelt jetzt.

Wenn wir die Eschata (‘die letzten Dinge’) im Tode selbst ansetzen, dann sind uns die Eschata unendlich nahe gekommen. Jeder Mensch lebt dann in der ‘letzten Zeit’, denn er wird schon in seinem Tode am Ende aller Zeit und damit am Ende aller Geschichte ankommen. Jeder wird in seinem Tod nicht nur sein eigenes Gericht und seine Auferstehung, sondern das Gericht über die Welt und die Auferstehung aller Toten und damit das endgültige Kommen der Herrschaft Gottes erfahren. Gott kommt ‘ständig’ im Sterben der unzählig vielen Menschen richtend und verwandelnd auf die Geschichte als ganze zu und holt sie dabei zu sich ein. Die gelebte Gegenwart enthält erst im Tod ihre letzte Endgültigkeit, aber der Tod wird dann auch enthüllen, wie sehr jeder Augenblick unserer Gegenwart schon immer in das Ende hineinstand (77f).

Auferweckung Jesu hieß: Gott hat bereits gehandelt. Er hat seine Herrschaft bereits aufgerichtet. Er hat in dem Menschen Jesus die allgemeine Totenauferweckung bereits begonnen. In dem auferweckten Jesus hat die neue Schöpfung bereits ihren Anfang genommen. Das endzeitliche Handeln Gottes ist schon geschehen; es ist jetzt absolute Realität und bleibende Gegenwart. Die Zukunft kann nur noch enthüllen, was Gott schon getan hat und was er schon ständig tut. In dem Realmodell christlicher Eschatologie, das Jesus selber ist, folgt auf den Tod unmittelbar die Auferweckung von den Toten. Im Tode Jesu wird die neue Schöpfung und das eschatologische Handeln Gottes angesetzt. Das, was an Jesus geschah, wird an uns allen geschehen: Gott wird uns aus dem Tode unmittelbar in die Vollendung aller Geschichte befreien. Wir dürfen das unmittelbar bevorstehende Eingreifen Gottes erwarten (Lo 79-81).

b. Christlicher Glaube und apokalyptische Welterfahrung
U. Körtner

Die Aufhebung der Apokalyptik

Ist der Tod Jesu als Einbruch des Heils zu verstehen, dann ist die Geschichte nicht länger ein in sich geschlossenes Unheilskontinuum, sondern neben aller Erfahrung von Heillosigkeit der Ort einer Heilserfahrung. Indem der christliche Glaube in erinnernder Weise von der Wirklichkeit des Heils sprechen kann, anstatt das Heil ausschließlich als Möglichkeit antizipieren zu können, ist das apokalyptische Denken an entscheidender Stelle durchbrochen. Christlicher Glaube bestreitet nicht die Unheilserfahrung der Apokalyptik, sondern besteht gerade darin, die Spannung zwischen dem Bekenntnis zum Geschick Jesu als Heilsgeschehen und der apokalyptischen Welterfahrung auszuhalten. Der Glaube erinnert das Geschick Jesu als heilschaffenden Eingriff Gottes. Inmitten der äußersten Ohnmacht und Gottesferne bricht sich die lebenschaffende Macht Gottes Bahn und durchbricht die Ausweglosigkeit einer Welt, die sich selbst überlassen dem Untergang preisgegeben ist. Inmitten der Katastrophalität der Wirklichkeit gibt es die Erfahrung einer Gegenwelt der Liebe, der Gerechtigkeit und des Lebens. Jesu eigentliches Geheimnis ist dies, dass er offen ist, wo alles um ihn Offenheit verbaut. Die Offenheit, die das Leben Jesu bestimmt, resultiert aus dem Einbruch von Zukunft in eine Welt der Ausweglosigkeit und Geschlossenheit. Es ist der von Jesus bezeugte nahe Gott, der solche Zukunft gewährt (368f).

In der Erinnerung des Geschicks Jesu als Heilsgeschehen macht der Glaube seinerseits die Erfahrung der Nähe Gottes. Auf diese Weise erfährt er je neu inmitten der Katastrophalität der Wirklichkeit, dass ihm Zukunft gewährt wird. Die eigene Erfahrung der Nähe Gottes ist ihm Grund zur Hoffnung auf eine Gegenwelt der Liebe, der Gerechtigkeit und des Lebens (370).

Das Kreuz ist Gottes Gericht über eine Welt der Gottesferne, die auf ihren Untergang zusteuert. Es ist damit Inbegriff einer gänzlichen Weltverneinung. Indem das Geschick Jesu aber der Einbruch Gottes in diese Welt ist, ist das Kreuz zugleich Ausdruck dessen, dass Gott die Welt bejaht. Durch das Leiden und die Liebe Gottes, die Jesus verkörpert, wird die apokalyptische Fixierung der Welt durchbrochen. Der Glaube kann die Welt trotz ihrer Verlorenheit und Katastrophalität bejahen, weil eben diese Welt des Unheils in Gestalt des Kreuzes zum Ort des Heils geworden ist. So konnte das Christentum im Laufe seiner historischen Entwicklung zur Weltbejahung finden, weil diese in der Botschaft vom Kreuz selbst bereits angelegt war (376f).

Glaube als Mut zum fraglichen Sein

Der Glaube hofft nicht auf das Weltende als Vernichtung der vorfindlichen Welt, sondern hofft auf den je neuen Einbruch des in Jesus von Nazareth erschienenen Gottes (383).

Der Glaube ist Mut zum fraglichen Sein. Fraglich ist unser Sein weil es vom Nichtsein bedroht und wie dasjenige der Welt durch das denkbare Ende in Frage gestellt ist. Zu den Erfahrungen des Absurden gehört, dass der Menschheit der Untergang droht, der jeglichen Sinn zerstören würde. Auch das Geschick Jesu als Heilsereignis bedeutet keine Überlebensgarantie für Mensch und Natur. Deshalb sieht sich der Glaubende ebenso wie der nicht Glaubende vor das drohende Ende gestellt. Die Struktur des Universums weist daraufhin, dass die Lebensbedingungen auf der Erde zeitlich begrenzt sind und die menschlichen Lebensbedingungen erst recht (384f).

Der Glaube starrt nicht auf das Weltende, noch gibt er sich der apokalyptischen Lust am Untergang hin, sondern bejaht das von Gott bejahte Leben und die von Gott bejahte Welt durch seinen tätigen Einsatz für beide. Es ist das Leiden an den Unheilszusammenhängen der Welt, deren Geschlossenheit im Geschick Jesu prinzipiell durchbrochen zu sein scheint und dennoch immer wieder übermächtig erfahren wird und den Glauben anficht (Kö 391f).