1. Jenseitseschatologie – Individuelle Eschatologie

(1) Die Zukunftserwartung des vierten Evangeliums (Jh 14,2f;17,24)

Die Geisterfahrung bringt die Wiederkunftserwartung zum Verschwinden

S. Schulz

Jh 17,24 ist der Zentralsatz jhn Hoffnung: „Vater, ich will, dass da, wo ich bin, auch die bei mir sind, die du mir gegeben hast, damit sie meine Herrlichkeit schauen, die du mir gegeben hast, weil du mich liebtest vor Grundlegung der Welt“. Jesu letzter Wille ist, dass alle seine Freunde und Brüder mit ihm den himmlischen Ort der Herrlichkeit erreichen, den der Vater nach 14,2f längst bereitet hat, und dann seine immerwährende Herrlichkeit schauen! Das ist nicht die Sprache der apokalyptischen Messiaserwartung auf dem Zion. Es geht nicht um den apokalyptischen Triumph der zwölf Stämme Israels beim Kommen des Menschensohns auf den Wolken des Himmels. Hier wird die zukünftige Schau der Herrlichkeit des Offenbarers jenseits der zeitlich-irdischen Existenz der Glaubenden erhofft. Es geht um die Schau des in die himmlische Lichtwelt zurückgekehrten Sohnes. Die Seinen werden sein göttliches Wesen schauen. Es ist eine Herrlichkeit, die Jesus vor Grundlegung der Schöpfung besaß. Den Glaubenden wird ein Leben mit dem Offenbarer über den Tod hinaus verheißen. Alle die Seinen kommen mit dem Sohn zum himmlischen Ort und schauen dort seine unvergängliche Herrlichkeit. Mit der Anrede 'gerechter Vater' (Vers 25) bezeichnet Jesus seine Forderung als gerecht, der Vater möge den Seinen den Eingang in seine Herrlichkeit und Wiedervereinigung mit dem Offenbarer jenseits des Todes gewähren (218f).

Das vierte Evangelium kennt die apokalyptische Zukunft im Sinn der Naherwartung und eines kosmischen Enddramas mit einem neuen Himmel und einer neuen Erde nicht und es ist auch nicht wie die Synoptiker vom Problem der Verzögerung des Jüngsten Tages bestimmt (220).

Radikale Ablehnung der spätjüdisch-urchristlichen Apokalyptik

An keiner Stelle malt der vierte Evangelist die Zukunft in apokalyptischen Farben. Die typisch apokalyptischen Endereignisse der Totenauferstehung und des Gerichts werden polemisch umgedeutet (3,18f;  5,24f;  11,25f) und sind Gegenwart in der Begegnung mit dem himmlischen Gesandten. Heil und Unheil vollziehen sich im Glauben und Unglauben. Die Entscheidung des Unglaubens angesichts der Offenbarung ist das endgültige Gericht. Johannes kennt keine Apokalypse wie Mk 13 oder Lk 17 par. Johannes spricht auch von dem Gericht, aber das vollzieht sich fortwährend in der Gegenwart angesichts des in der Gemeindeverkündigung anwesenden Geist-Christus. Alles, was die traditionelle Gerichts- und Heilserwartung von der Endzeit erhoffte, wird von ihm in polemischem Sinn auf die Gegenwart Jesu bezogen: Sein Kommen in die Welt und sein Abschied sind das eschatologische Ereignis, und das Gericht ist kein kosmisches Ereignis mehr, bei dem die Sonne sich verfinstert, der Mond seinen Schein verliert und die Sterne vom Himmel fallen (Mk 13,24ff), sondern das Gericht ereignet sich im Verhalten der Menschen angesichts der Offenbarerworte Jesu. An diesem Gesandten scheiden sich Glaube und Unglaube, Licht und Finsternis, Wahrheit und Lüge. Indem die Menschen den Glauben verweigern, richten sie sich selbst (3,19). Die Glaubenden sind schon jetzt ewig Lebende. Die Wiederkunft des Menschensohns Jesus ereignet sich nach Johannes im Hören der Botschaft Jesu. Im Fleischgewordenen ist das Heil auf Erden erschienen (220f).

Die gegenwärtige Geisterfahrung bringt die Nähe des Gottessohns (14,16). Die Geisterfahrung bringt als ewige die Wiederkunftserwartung zum Verschwinden. Was bleibt sind Aussagen wie 14,2f und 17,24: „Damit, wo ich bin, auch ihr seid“. Das 17. Kp. als konzentrierte Zusammenfassung der jhn Botschaft zeigt wie in einem Vermächtnis, was die Gläubigen von der Zukunft zu erwarten haben: Wie der Vater und der Sohn eins sind, so ist in Zukunft die Vereinigung aller Gläubigen untereinander und mit Gott zu erwarten. Es ist der erklärte Wille des Abschiednehmenden, dass alle seine Freunde und Brüder mit ihm den himmlischen Ort der Herrlichkeit erreichen, den der Vater nach 14,2f längst für sie bereitet hat, und dann seine immerwährende Herrlichkeit schauen. Die Endereignisse haben nach Johannes ihre ausschließliche Bedeutung darin, dass sie außerhalb der Welt in der Herrlichkeit geschehen. Alle die Seinen kommen mit dem Erlöser zum himmlischen Ort und schauen dort seine unvergängliche Herrlichkeit. Mit dieser himmlischen Einigung und Einheit wird das Werk des Erlösers abgeschlossen sein. Dann erst sind die Gläubigen nicht mehr zerstreut „in der Welt“, wo Licht und Finsternis, Wahrheit und Lüge, Leben und Tod miteinander im Streit liegen. Die Stunde der Passion als der Verherrlichung des Menschensohns ist das Gericht über den Kosmos und seinen eigentlichen Herrscher, den Fürsten der Welt. Bis zu jener himmlischen Einigung ist Jesus im Geist-Parakleten weiter bei seiner Gemeinde (14,16) und lehrt sie als „Geist der Wahrheit“ (15,26) alles das, was der fleisch-gewordene Gesandte in seinem Wort der Welt offenbart hat. Mit dem Tod der Jünger setzt sich die ewige Gemeinschaft mit dem Erhöhten jenseits von Raum und Zeit fort, wenn Jesus sie in die ewigen Wohnungen des Vaters holen wird (221f).

Traditionell apokalyptische Zukunftsaussagen: 6,39: „Das aber ist der Wille dessen, der mich gesandt hat, dass ich nichts verliere von allem, was er mir gegeben hat, sondern, dass ich's auferwecke am Jüngsten Tage“.

6,40: „Denn das ist der Wille meines Vaters, dass wer den Sohn sieht und glaubt an ihn, das ewige Leben habe; und ich werde ihn auferwecken am Jüngsten Tage“.

6,44: „Es kann niemand zu mir kommen, es sei denn, ihn ziehe der Vater, der mich gesandt hat; und ich werde ihn auferwecken am Jüngsten Tage“.

6,54: „Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der hat das ewige Leben; und ich werde ihn auferwecken am Jüngsten Tage“.

Durch den Nachtrag in Kp 21 und durch die Einfügung der traditionellen Sakramentslehre in Kp 6 ist die Vermutung nicht von der Hand zu weisen, dass die 'kirchliche Redaktion' auch die traditionell apokalyptische Zukunftserwartung in das vierte Evangelium nachgetragen hat (223).

                   

Anhang: Entapokalyptisierte individuelle Eschatologie – das johanneische Zeugnis

G. Haufe

Charakteristisch für das vierte Evangelium ist der Ausfall der apokalyptischen Eschatologie,  nicht der Eschatologie überhaupt (von der Redaktion nachgetragen: 5,28;  6,39f.44.54c). Entscheidende eschatologische Begriffe werden betont auf die Gegenwart bezogen, ohne jedoch ihren futurischen Aspekt im Sinne postmortaler Heilszukunft zu verlieren. Sachlicher Kontext der meisten Aussagen ist dabei die zentrale Rede vom Glauben bzw. Unglauben, deren Heilsbedeutsamkeit offenbar nur individual-eschatologisch angemessen zum Ausdruck gebracht werden kann. Wie sehr dabei der einzelne im Blick ist, sieht man daran, dass die Mehrzahl der hier interessierenden Heilsaussagen im Singular formuliert ist (454).

Das Gerichtsmotiv wird gewollt präsentisch uminterpretiert : Wer an ihn (den Sohn) glaubt, wird nicht gerichtet; wer nicht glaubt, ist schon gerichtet“ (3,18). D.h. einen noch ausstehenden Gerichtstag gibt es nicht. Demzufolge gilt: Wer nicht in das Gericht kommt, „ist aus dem Tod in das Leben hinübergeschritten“ (5,24). „Tod“ und „Leben“ bezeichnen Unheil und Heil als schon gegenwärtige Wirklichkeiten: Wer Jesu Wort bewahrt, „wird den Tod in Ewigkeit nicht sehen“ (8,51) und umgekehrt: „Wer dem Sohn nicht gehorcht, wird das Leben nicht sehen, sondern der Zorn Gottes bleibt auf ihm“ (3,36). Was einer endgültig zu „sehen“  bekommt, das macht sein eschatologisches Geschick aus. Darüber wird jetzt in der Begegnung mit dem Offenbarer bzw. seinem Wort entschieden. Der physische Tod spielt innerhalb einer so akzentuierten Heilstheologie um so weniger eine relevante Rolle, als die entscheidende Totenerweckung jetzt im Hören auf die Stimme des Sohnes Gottes erfolgt (5,25). Gericht und Auferweckung sind gegenwärtiges Geschehen, aber mit unbegrenztem Futurbezug (454f).

Derselbe Doppelaspekt von gegenwärtiger und zukünftiger Heilswirklichkeit findet sich in der john Rede vom ewigen Leben: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer an den Sohn glaubt, hat ewiges Leben“ (6,40-47;  3,36). Dieses betonte 'Haben' ist Zusage eines realen Besitzes. „Dies ist das ewige Leben, das sie dich, den wirklichen Gott, erkennen und Jesus Christus, den du gesandt hast“ (17,3). D.h. ante mortem fallen ewiges Leben und Glaubenserkenntnis zusammen. Keinesfalls ist ewiges Leben substanzhaft gedacht. Trotzdem ist auch hier der futurische Aspekt nicht zu übersehen. Er kündigt sich an, wenn das gegenwärtige 'Haben' negativ als Bewahrung vor dem eschatologischen „Verderben“ (3,16), vor dem eschatologischen „Tod“ (5,24) interpretiert wird. Positiv bezieht sich auf ihn die Rede vom dem „ins ewige Leben“ sprudelnden Wasser (4,14b), von der „Frucht für das ewige Leben“ (4,36), von der „zum ewigen Leben“ bleibenden Speise (6,27), vom Bewahren des Lebens „für das ewige Leben“ (12,25) (nach dem Gesamtbefund). Alle diese Stellen deuten auf eine noch ausstehende Vollendung. Ewiges Leben bedeutet für die Zukunft des Glaubenden, dort zu sein, wo der Erhöhte schon ist, nämlich im Haus des Vaters und seine Herrlichkeit zu schauen (12,26.32;  14,3;  17,24). Ewige Christusgemeinschaft, verbunden mit der Schau seiner nicht mehr von der Sarx verhüllten Doxa, ist die Heilsvollendung, auf die der einzelne zugeht in einem Jenseits, für das es keine apokalyptischen Hoffnungsbilder gibt. Der Gläubige hat von der Zukunft noch entscheidend Neues zu erwarten. Ewiges Leben ante mortem und post mortem meint nicht dasselbe (455f):

Auch diese Aussagenreihe kommt ohne verbale Bezugnahme auf das irdische Sterben aus. Irdisches Sterben ist durch die Vorgabe des ewigen Lebens überholt. Dies macht die Richtung der john Aussagen aus und bezeugt, dass im Vergleich zur herkömmlichen Eschatologie ein tiefgreifendes Umdenken erfolgt ist. Wo der eschatologische, der eigentliche Tod nicht mehr droht, da ist der leibliche Tod als nichtige Größe erkannt: „Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt und jeder, der lebt und glaubt an mich, wird in Ewigkeit nicht sterben“ (11,25f). Der physische Tod ist der Übergang aus dem irdischen Dasein in das himmlische, aus dem Glauben in das Schauen, nicht dank einer natürlichen Unsterblichkeit, sondern dank der schon empfangenen Heilsgabe des ewigen Lebens. Im Tod wird offenbar, wohin der Mensch aufgrund seines Glaubens oder Unglaubens schon jetzt auf ewig gehört (456f).

Die theologische Begründung für solche entapokalyptisierte individuelle Eschatologie ist eine christologische. Die alte hellenistisch-judenchristliche Sendungschristologie (Gal 4,5f; Röm 8,3f) wird derart radikalisiert, dass sie ohne apokalyptischen Horizont auskommt. Das Kommen des Sohnes bzw. des Lichtes in die Welt ist die entscheidende „Krisis“, auf die keine weitere mehr folgt (3,19). Der Sohn hat vom Vater die Vollmacht, jetzt Gericht zu halten (5,22.27) und lebendig zumachen (5,21), da er selbst Leben in sich hat (5,26). Er selbst gibt den Seinen das ewige Leben (10,28; 17,2); seine Worte sind „Geist“ und „Leben“ (6,63). Anders als das Manna in der Wüste ist er das vom Himmel herabgestiegene „Lebensbrot“, dessen Genuss vor dem eschatologischen Sterben bewahrt (6,48.50f). Angesicht konkreten Sterbens proklamiert er sich in Person als „die Auferstehung und das Leben“ (11,25). Insgesamt erscheint der Sohn als der eine entscheidende Lebensträger und –spender, der allein die Heilsgabe des ewigen Lebens vermittelt. Sein siegreiches „Hingehen“ zum Vater (ähnlich 7,33;  13,3;  14,12.28;  16,5.10.17.28) dient dazu, für die Seinen in den vielen Wohnungen des Vaterhauses Platz zu schaffen (14,2), um dann wiederzukommen und sie zu sich zu holen (14,4) bzw. sie auf ewig zu sich zu ziehen (12,32) – beginnend in ihrer irdischen Existenz, vollendend in der Todesstunde. Erlöser und Erlöste werden für immer beisammen sein. Nirgends im NT erfährt christliche Zukunftsgewissheit eine so breite und zugleich thematisch so konzentrierte christologische Begründung wie im vierten Evangelium (457f). (A 74: Der 1Joh redet zwar von einem kommenden Gerichtstag (4,17), nicht aber von einer Auferweckung am Jüngsten Tag. Diese fehlt auch im Kol, Eph und in den Pastoralbriefen). Die vom späteren Redaktor eingefügten Stellen 5,28f;  6,39f.44.54c mit dem Hinweis auf die Auferweckung am Jüngsten Tag passen in dieses Gesamtbild nicht hinein.