1. Paulus' christologische Eschatologie (Röm 8,18-39)

(1) Die Einzelaussagen von Röm 8,18-39
a. Die Sehnsucht der Schöpfung (Röm 8,19-22)
b. Das geduldige Hoffen der Glaubenden (Röm 8,23-25)
c. Das Wirken des Geistes (Röm 8,26-27)
d. Die Rahmenaussagen: Das Heil ist die eigentliche Realität (Röm 8,18.28-30)
e Der Sieg der Liebe Gottes (Röm 8,31-39)

(2) Ergebnis - Röm 8,18-39 und die theologische Eschatologie
a. Die theologische Aussage von Röm 8,18-
b. Die pln Eschatologie im Horizont von Röm 8,18-39
c. Die Konsequenzen für eine theologische Eschatologie

Anhang a: Wandlungen im paulinischen Denken in bezug auf die Eschatologie
Anhang b: Eine neue Form der Hoffnung (Phil 1,23ff)

Röm 8 – Höhepunkt paulinischer Eschatologie

H.R.Balz

In Röm 8,12ff geht es Paulus um die Realität des neuen Lebens der Glaubenden, das der Macht der Sünde entrissen und vom Pneuma her geprägt ist, wenn es auch den Bedingungen der Sarx noch nicht entnommen ist. Der Gott, der die Glaubenden durch den Geist zu seinen Kindern macht (Abba-Ruf 8,15), der kann für sie nur die Zukunft der Vollendung und Herrlichkeit bereithalten, die er in der Auferweckung Jesu bereits offenbar gemacht hat (Röm 1,3f; 8,17). Die ersten Vv von Röm 8 werden durch den Gegensatz Sarx-Pneuma bestimmt. Wer in der Gemeinde mit den Worten Jesu ‚Abba‘ rufen kann und sich so – wie Jesus – Gott ganz in die Hand geben kann, der steht in der Wirklichkeit des neuen Lebens, weil er in die Wirklichkeit Christi hineingenommen ist (8,16f). Er wird wie Christus an der Sarx leiden und wie er auch an der Herrlichkeit teilhaben. Das Wissen um das Heil in der Erfahrung des Geistes hat Paulus dem verlorenen Ich entgegenzusetzen und damit die Gewissheit um die unverlierbare Zukunft Gottes für die Glaubenden. Der Geist der Glaubenden ist inneres Gut und außerpersönliches Gegenüber (31f).

V 17: Leiden ‚mit‘ Christus hat auch das Verherrlichtwerden ‚mit‘ ihm zur Folge. Röm 8,18ff will auf die Frage antworten: Welchen Sinn hat es, von der künftigen Herrlichkeit der Glaubenden zu reden, wo sie doch in ihrer jetzigen Existenz unter den Bedingungen dieser heillosen Welt zu leiden haben? Die Leiden stellen die künftige Herrlichkeit nicht in Frage, sondern weisen für die Glaubenden auf die noch ausstehende Erfüllung ihres Heils erst hin (33).

Paulus geht von der eschatologischen Heilsgewißheit aus. Zugleich vermag er diese Heilsgewißheit zu stützen durch seine spezifischen Aussagen über die Schöpfung, über die Glaubenden und über den Geist (35).

(1) Die Einzelaussagen von Röm 8,18-39

a. Die Sehnsucht der Schöpfung (Röm 8,19-22)

Denn das ängstliche Harren der Kreatur wartet darauf, dass die Kinder Gottes offenbar werden. (20) Denn die Schöpfung ist der Vergänglichkeit unterworfen – ohne eigenes Zutun, sondern um dessen willen, der sie unterjocht hat -, doch auf Hoffnung, (21) denn auch die Schöpfung wird frei werden von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes. (22) Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick mit uns seufzt und in Wehen liegt“.

Röm 8,19 erwartet nicht die Epiphanie des Christus, sondern die der Christen (37).

Apokalypsis ist bei Paulus nicht auf spezifisch ‚apokalyptische‘ Aussagen eingegrenzt. Es meint grundsätzlich das Offenbarwerden bisher verborgener, göttlicher Herrlichkeit. Die Schöpfung wartet darauf, am künftigen Heil der Gottessöhne zu partizipieren. Die Gottessöhne, die im Geist Gott als Vater anrufen, haben zwar jetzt schon das Heil in der Form des Geistes (V 23), aber die vollgültige Verifizierung ihrer jetzigen pneumatischen Heilswirklichkeit steht noch aus (Vv 21.23.29) (39).


b. Das geduldige Hoffen der Glaubenden (Röm 8,23-25)

Nicht allein aber sie, sondern auch wir selbst, die wir den Geist als Erstlingsgabe haben, seufzen in uns selbst und sehnen uns nach der Kindschaft, der Erlösung unseres Leibes. (24) Denn wir sind zwar gerettet, doch auf Hoffnung. Ein Hoffnungsgut, das man sehen kann, ist nicht Gegenstand der Hoffnung, denn wie kann man auf das hoffen, was man sieht? (25) Wenn wir aber auf das hoffen, was wir nicht sehen, so warten wir darauf in Geduld“.

Durch den Geist sind die Glaubenden von der geistlosen Schöpfung abgehoben. Gerade aufgrund des Geistbesitzes stöhnen sie wie die Schöpfung nach der Erfüllung ihres Heils, denn sie wissen sich als Gotteskinder (Vv 16f). Dieses Mehr an Hoffnung fordert Paulus seinen Lesern ab, indem er sie auf ihre eschatologische Existenz hin anspricht. Der Geist bewirkt die Sehnsucht nach Heil in den Glaubenden. Der Geist schafft in den Christen das Verlangen nach Überwindung des gegenwärtigen Zustands. Er zieht die Glaubenden hinein in das Herrwerden Christi über Nichtigkeit und Vergänglichkeit. Im Geist, der das Werk Jesu gegenwärtig macht, wissen die Glaubenden um das künftige Heil in sich selbst, wissen sie um die jetzt noch unter der Vorläufigkeit verborgene praesentia dei (56f).

Paulus geht es im Gegensatz von Hoffen und Sehen um den Gegensatz von Gottes Heilswirklichkeit und vorhandener Wirklichkeit. Als Glaubende und von Gott Ergriffene sind die Christen Hoffende. Das Heil erkennen heißt für Paulus, die unsichtbare, zukünftige Herrlichkeit erwarten (64).

In Röm 8,24 bestimmt Paulus ‚Hoffnung‘ in atl Weise als unbedingtes Vertrauen auf Gott. Die Hoffnung als Ziel der Rettung der Glaubenden richtet sich auf Nicht-Sichtbares, genauer Noch-nicht-Sichtbares, denn wie könnte das, was schon gesehen werden kann, noch Gegenstand der Hoffnung sein? Die Erfahrung der Vergänglichkeit christlicher Existenz unter den Bedingungen der Schöpfung lässt die Christen nach Freiheit rufen und der Geist, der jetzt schon das zukünftige Sein mit Christus verbürgt, wirkt mit dem Glauben zugleich die Hoffnung, die nur der jenseitig/zukünftigen Wirklichkeit Gottes gelten kann, wenn sie wirklich Hoffnung sein will (66f).

Die Christen warten in Geduld (V 25). Das Wesen der christlichen Existenz liegt in der Hoffnung auf die jetzt noch unverfügbare und aller Zuständlichkeit entzogene Zukunft Gottes. Wenn Glaube Hoffnung ist, dann ist er nicht ohne die Komponente des Wartens denkbar. Hoffen auf den unverfügbaren Gott heißt geduldig warten in der Zeit. Paulus hebt den Kontrast (Pneuma/Hoffnung/Geduld) auf in der eschatologischen Existenz der Glaubenden, die Gottes Heil erfahren, aber ausschließlich als Heil von Gott, das alles Vertrauen auf Vorhandenes ausschließt und Heilsgegenwart nur in Hoffnung und geduldigem Ausharren erschließt (68f).


c. Das Wirken des Geistes (Röm 8,26-27)

Endlich hilft auch der Geist unserer Schwachheit auf, denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich‘s gebührt, sondern der Geist selbst vertritt uns mit unaussprechlichem Seufzen. (27) Der aber die Herzen erforscht, der weiß, worauf der Sinn des Geistes gerichtet ist, denn er vertritt die Heiligen, wie es Gott gefällt“.

Die Glaubenden vermögen innerhalb der Gottesferne dieser Welt und dieser Zeit von sich aus keinen Immediatverkehr mit Gott aufzunehmen. Von einem grundsätzlichen Unvermögen zum rechten Gebet (so wie es nötig ist) spricht Paulus nur hier (73).

Der Geist schlägt die Brücke zu Gott (V 27): Die Funktion des Eintretens des Geistes für die Glaubenden bei Gott findet sich im NT vom Geist nur Röm 8,26f, sonst stets von Christus ausgesagt: Röm 8,34; 1Joh 2,1; Hebr 7,25; 9,34. Der Wechsel der himmlischen Mittler innerhalb Röm 8 hat seine Analogien in der Auswechselbarkeit der Mittlerbezeichnungen in jüdischen Texten. 8,26f ist primär durch das Geistmotiv bestimmt, das die Aussage vom Fürsprecher wie die über das Gebet der Glaubenden tiefgreifend beeinflusst hat. Nur durch die Kombination der Pneuma- und der Fürsprechervorstellungen konnte Paulus diesen theologischen Ansatz gewinnen. Verlangen und Erfüllung, Schwachheit und Heil fallen zusammen im pneumatischen Erlebnis. Paulus setzt einer enthusiastischen theologia gloriae seine eschatologische Theologie entgegen, die das Leben der Glaubenden in ihrer Welt nur vom Kreuz Jesu her verstehen kann. Er hält diese Theologie so konsequent durch, dass selbst die Gegenposition des Enthusiasmus ihre ureigensten Argumente an Paulus verliert. Gerade weil der Gottesgeist im Herzen der Glaubenden die Brücke zum Heil Gottes zu schlagen vermag, ist er ein Indiz für die eschatologische Existenz der Geisterfüllten in dieser Zeit der unerlösten Zuständlichkeit. Im verzückten Lallen der christlichen Ekstatiker bekundet sich der Schrei der noch an diese Existenz gebundenen Christen nach Heil. Aber nicht sie selbst stöhnen nun, sondern der Schrei nach Heil kommt wie eine fremde Macht über sie und macht sie der Unmittelbarkeit der göttlichen Welt wie der endgültigen und totalen Verwirklichung des Heils durch Gott gewiss. Allein die totale Aufhebung der gegenwärtigen Heillosigkeit und Gottesferne kann für Paulus eine Antwort auf das im Werk und Geschick Christi angebrochene Geschehen sein (91f).


d. Die Rahmenaussagen: Das Heil ist die eigentliche Realität (Röm 8,18.28-30)

(18): „Denn ich bin gewiss, dass dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll“.

(28): „Wir wissen, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach seinem Ratschluß berufen sind. (29) Denn die er ausersehen hat, die hat er auch vorherbestimmt, dass sie gleich sein sollten dem Bild seines Sohnes, damit dieser der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern. (30) Die er aber vorherbestimmt hat, die hat er auch berufen, die er aber berufen hat, die hat er auch gerecht gemacht, die er aber gerecht gemacht hat, die hat er auch verherrlicht“.

V18: Die Leiden der Christen in dieser Zeit sind die Leiden Christi in dieser Welt. Sie vergewissern die Glaubenden deshalb auch der Teilhabe an der Herrlichkeit Christi. Ziehen die Leiden in V 17 die Verherrlichung notwendig nach sich, so wird das Verhältnis der Leiden zur künftigen Herrlichkeit in V 18 zum eigentlichen Thema erhoben. V 18 bildet eine Zusammenfassung, die zugleich Ausgangspunkt neuer Erörterungen ist (93).

Die an Röm 8,18 angeschlossenen Gedankengänge legen am Beispiel der Schöpfung, der Christen und des Geistes dar, dass sich im Verlangen und Stöhnen aller gegenwärtig erfahrbaren Wirklichkeit nach Erlösung und Befreiung die künftige Vollendung des Heils Gottes bereits mit Gewissheit ankündigt. Paulus behauptet, dass die Leiden dieser Zeit den Glauben an das Heil Gottes nicht zunichte machen, sondern stützen und bestärken. Inhalt und Erscheinungsform der göttlichen Herrlichkeit werden durch den erhöhten Christus repräsentiert, der den Glaubenden im Geist gegenwärtig ist (101).

Wenn Gott seine Herrlichkeit (Röm 8,18) den Glaubenden zuwenden wird, wird er sie aus ihrem eschatologischen Kampf zum Sieg befreien. Der Ort dieses Handelns Gottes werden die Glaubenden sein. Die Leiden in dieser Welt markieren den Zusammenprall der Heillosigkeit dieser Welt und ihrer Menschen mit dem Heil Gottes, das im Leben der Christusgemeinde Platz gewinnt. Diese These setz das Bekenntnis zu Jesus als dem Christus voraus. Als Funktion des eschatologischen Glaubens trägt diese These den Charakter unerschütterlicher Gewissheit, sodass sie in den Vv 28ff mit präsentischen Aussagen über das Heil aufgenommen wird. Blicken die Glaubenden auf sich selbst, so werden sie auf Gott gewiesen (V 18). Blicken sie auf Gott, so blicken sie auf das, was Gott schon an ihnen getan hat (Vv 28-30). Aus der Hoffnung auf das Heil wird die Gewissheit der tatsächlichen Verwirklichung des Heils für die, die sich von Gott geliebt wissen (Vv 35.37.39) und auf diese Liebe mit ihrer eigenen Liebe antworten (V 28) (101f).

Die ‚Liebenden‘ sind die, die Gott zugehören, sich von ihm in Anspruch nehmen lassen und damit auch seiner Treue versichert sind. Gott erspart ihnen die Leiden nicht, aber er richtet über ihnen seine Gnade auf. Wie in der atl Tradition ist auch bei Paulus die Liebe zu Gott in der Zuwendung Gottes zu den Menschen begründet (Vv 35.37.39). Welchen aber Gott zugewendet ist, denen muss alles zum Guten ausschlagen (V 18) zum Besten. Schon in dieser Welt hält sich Gott ganz zu den Seinen, sodass sie keine Bedrohung mehr zu fürchten brauchen. Die Römer sollen erkennen, dass das Heil Gottes d i e Realität schlechthin ist, die sich ihm Stöhnen und Verlangen der sichtbaren, erfahrbaren Wirklichkeit schon jetzt ankündigt. Das kann nur der verstehen, der schon hier keine Angst mehr kennt, weil er Gott auf seiner Seite weiß (105f).

In den Vv 28b-30 geht es um die Begründung des Heilsbewußtseins. Der Vorsatz Gottes gipfelt in der Gleichgestaltung der Glaubenden mit Christus (V 29), sie besteht als konkrete Heilszuwendung Gottes zum einzelnen (V 30). Paulus will sagen, dass der gegenwärtigen Zuwendung der Glaubenden zu Gott ein von jeher gültiges Prae Gottes entspricht. Paulus kennt die Urabsicht und den vorangehenden Beschluss Gottes nur als Heilsplan. Gott hat längst da Heil gesetzt, wo die vom Vorläufigen geblendeten Augen nur die Leiden und Unvollkommenheiten dieser Zeit sehen (107f).

29: „Denn die Gott ausersehen hat, die hat er auch vorherbestimmt, dass sie gleich sein sollten dem Bild seines Sohnes, damit dieser der Erstgeborene unter vielen Brüdern sei“.

Paulus will zeigen, dass Gottes Heilsplan in der eschatologischen Christusförmigkeit der Glaubenden sein Ziel findet. In Röm 8,29 wird die Christusförmigkeit der Glaubenden in ganz grundsätzlicher Weise auf den Heilsplan Gottes zurückgeführt. Paulus ruft die Glaubenden zur eschatologischen Existenz auf, um ihnen die Teilhabe an Christus zu vermitteln. Diese Teilhabe gewinnt nur Sinn von dem Bekenntnis her, dass sich in Christus der Heilswille Gottes offenbare. Auf der Basis dieses Bekenntnisses ist Christus aber nicht mehr nur eschatologisches Vorbild der Glaubenden, sondern Urbild für das Heilshandeln Gottes an dieser Welt. Der Ruf in die eschatologische Existenz entspricht dem göttlichen Ziel der Christusförmigkeit, das das Sein der Glaubenden in dieser Welt und über diese Welt hinaus bestimmt. Ausgangspunkt ist die von den Glaubenden realisierte eschatologische Existenz. Das kann sie aber nur sein, weil sie gleichzeitig als Christusförmigkeit interpretiert wird und so als Ziel des Heilsplans Gottes mit dieser Welt erscheint. Paulus will sagen, dass für die jetzige Existenzform der Glaubenden ein Vorbild längst bestimmt war und durch das Geschick Jesu nur noch manifest zu werden brauchte (109f).

Der Rahmen für Paulus‘ Anschauung vom himmlischen Gottessohn, der Gott selbst repräsentiert und damit das Heilsgeschick derer bestimmt, die Gott lieben, weil sie ihm zugehören, dürfte durch die jüdisch-hellenistische Vorstellung von der Weisheit und dem Logos als ‚Bild‘ Gottes geprägt sein. Aber nun wird Gott durch den geschichtlichen Christus repräsentiert. Das Heil besteht also in der Hineingestaltung der Glaubenden in die Wirklichkeit Christi, die in der Geschichte Jesu als des Christus das Heilshandeln Gottes unmittelbar erschlossen hat. In dieser eschatologischen Existenz werden die Glaubenden zu Brüdern Christi, der zugleich als der erste in allen Nachfolgern gegenwärtig ist (112f).

Christus ist der erste, der den im Heilsplan Gottes beschlossenen Kampf gegen die Heillosigkeit der Welt exemplarisch durchgeführt hat und damit das Heil Gottes unter den Bedingungen dieser Welt verwirklicht hat, sodass die Glaubenden sich nur ihrer Hineinnahme in dieses Heil gewiss zu sein brauchen, um jetzt schon die Doxa-Struktur der Heilswirklichkeit Gottes zu repräsentieren. Das Heil ist für die Glaubenden schon da, aber die Geschichte Gottes mit Christus und seinen Brüdern kommt erst mit der totalen Heilsverwirklichung zum Ende. Gott hat den Seinen das Heil zugewendet. Was noch aussteht, ist die endgültige Aufhebung der Dialektik von Leiden und Herrlichkeit (113f).

Gottes Gerechtigkeit schafft Heil, indem sie den Glaubenden den Weg in ein Sein eröffnet, das von Christus her bestimmt ist und damit letztlich Gottes Doxa-Wirklichkeit unter den Bedingungen dieser Existenz repräsentiert. Rechtfertigung und Verherrlichung sind zwei Aspekte des Heils der Glaubenden, denn das neue Urteil Gottes und die damit gesetzte Neuwerdung bedeuten nichts anderes als die Verwirklichung des neuen Seins der Gotteskinder in dieser Welt. Was sonst als Gegenstand der Hoffnung erscheinen kann (Röm 5,2; 1Kor 15,43), ist hier zum Geschenk des gegenwärtigen Heils geworden, das als Gottes Heil der Wirklichkeit der Welt in unendlicher Weise überlegen ist. Weil es die Christen in Wahrheit mit Gott zu tun haben, bedeutet ihre Berufung schon das ganze Heil, ihr eschatologisches Leiden schon die volle Christuszugehörigkeit und ihr eschatologischer Glaube schon die Rettung der Welt (114f).


e. Der Sieg der Liebe Gottes (Röm 8,31-39)

Die Doxologie von Röm 8,31ff geht organisch aus den bekenntnishaften Aussagen der Vv 28-30 hervor.

31a: „Was wollen wir nun hierzu sagen?

Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein“?

1. Teil: Vollgütige Rechtfertigung (31b-34)

Thema: Wenn Gott für uns ist… (31b)

a) Das Für-Uns Gottes:

Seine alles schenkende Liebestat (32)

b) Wer kann gegen uns sein?

Wer soll anklagen? Gott hat das Recht gesprochen (33)

Wer soll verurteilen? Christus ist Fürsprecher (34)

2. Teil: Vollgültige Verherrlichung (35-39)

Thema: Wer wird uns von der Liebe Gottes trennen (35a)?

a) Nicht Gefahren und Nöte der eschatologischen Existenz in der Welt (35b-36)

b) Die Liebe Christi hilft uns zum überlegenen Sieg (37)

c) Auch die Mächte vermögen nichts gegen die Liebe Gottes (38f)


Es lassen sich gegen die auserwählte Heilsgemeinde Gottes keinerlei Ankläger oder Strafrichter finden, denn Gott selbst hat Recht gesprochen und Christus sitzt als Heilsmittler und Verteidiger der Seinen zur Rechten Gottes (118f).

Sprach Paulus in V 32 von der Dahingabe des Gottessohnes, so wird nun der traditionell geprägte soteriologische Kontext der Todes- und Erhöhungsaussagen herangezogen, um das gegenwärtige himmlische Eintreten des Christus für die Seinen zur Sprache zu bringen. V34: Von der Erhöhung Christi zur Rechten Gottes wie von seinem Eintreten für uns spricht Paulus nur hier. Der jetzige Zusammenhang der Bekenntnisstücke (Tod, Auferweckung, Sitzen zur Rechten Gottes, himmlisches Eintreten) ist von Paulus geformt, um auszusagen, dass neben Gott auch Christus in dem vorausgesetzten Prozessforum eine entscheidende Funktion zukommt. In der Wendung vom himmlischen Eintreten Christi liegt die Spitze der gesamten Aussage (119f).

Die Bedrängungen sind für die Glaubenden unausweichlich vorhanden, aber sie führen nicht zum Untergang, sondern zum Sieg: „Aber in all diesen (Dingen) tragen wir den Siegt davon durch den,der uns liebt“ (37). Der bei Gott mit seiner Liebe für die Glaubenden eintritt, hilft ihnen hier beim irdischen Leidenskampf zum Sieg, selbst wenn ihre irdische Existenz geschädigt oder zerstört wird, denn damit rücken sie ihrer Befreiung aus der somatisch-sarkischen Existenz und der Entbergung ihrer Herrlichkeit einen Schritt näher. Im Psalmwort V 36: „Deinetwegen werden wir getötet den ganzen Tag; wir sind geachtet wie Schlachtschafe“ (Psalm 44,23) klingen die Aussagen des Kontextes noch einmal an. Die Liebe Gottes befähigt die Seinen, im eschatologischen Kampf durchzuhalten. Der Sieg Gottes beseitigt (noch) nicht die Gefahren im Raum der Welt, aber er hat sie im Urteil des himmlischen Forums entmächtigt. Deshalb haben sie keinen Stellenwert mehr außer dem einen, die Glaubenden durch Leiden ihrer eschatologischen Existenz zu vergewissern und sie so der Liebe Gottes und der Fürsprache Christi ganz anheimzustellen (121f).

Das Heil Gottes hat kosmische Bedeutung, denn es ist das Heil des Gottes, durch den alles ist, was ist („noch irgendein anderes Geschöpf“ V 39). So bleibt schließlich keine andere Wirklichkeit als die der ‚Liebe Gottes‘, die die Christen in die eschatologische Existenz rief und sie darin das Heil Gottes als wirklich erfahren lässt. Das Heil des Glaubenden in einer heillosen Welt wird konstituiert durch die gültige Heilsbeziehung zu Gott (durch Christus) und das gleichzeitige Ausgesetztsein gegenüber den Angriffen der Mächte, die jetzt noch eine kurze Frist wirksam sind. Die Gerechtfertigten sind in den Bereich der Liebeswirklichkeit Gottes hineingestellt. In dem Sieg der Liebe Gottes über alle Gegner liegt ihre Verherrlichung. Ihr Heil ist eine Beziehung, keine ontische Qualität (122).