2. Die jenseitige Welt des Himmels - der gedachte Ort des postmortalen Lebens

Die Erde - der gedachte Ort des postmortalen Lebens

Apokalyptische Eschatologie: Leibhafte Auferstehung der Toten am Jüngsten Tag auf einer neuen Erde

Die Person ist leiblich begründet (kein Lebewesen ohne Haut, Knochen und Sehnen), Endgeschichte, Weltuntergang eine neue Erde, ein Zwischenzustand für bereits Verstorbene, die leibhafte Auferstehung Jesu, die Himmelfahrt Jesu, die Parusie Jesu, die universale Eschatologie, die Auferstehung der Toten.

Das Ende der Erdgeschichte (E. Hirsch, 1963): Dem Glauben an Gott ist es gewiss, dass wir durch den Tod dem Geheimnis Gottes entgegengehen. Dies aber ist ein Glaube, der sich für uns in jeder Hinsicht von den Vorstellungen über die Erdgeschichte und die Geschichte des Kosmos gelöst hat (392).

Das Menschengeschlecht wird ebenso vergehen, wie ehedem die Saurier vergangen sind. Aller Wahrscheinlichkeit nach ist es mit dem Menschen und der Menschengeschichte schon längst zu Ende gegangen, ehe die Erde aufgehört hat möglicher Träger organischen Lebens zu sein. Der Kosmos würde deshalb, weil die Menschheit ausstürbe, nicht ins Wanken und Wackeln geraten. Die Sache wäre etwa ebenso wichtig für ihn, wie die Zerstörung eines Ameisenhaufens für die Geschichte der Erde (394).

Unangefochten und ewig wahr bleibt dem Glauben die eine Aussage, dass der Tod für einen jeden von uns Gottesbegegnung ist. Alle Bilder und Gedanken der ntl Eschatologie sonst sind für uns Märchen und Mythos geworden. Das Ende unserer Welt ist für uns nicht mehr ein den ganzen Kosmos Betreffendes, sondern das unbestimmte 'Irgendwanneinmal' eines zwerghaften kosmischen Teilereignisses (395).

Hellenistische Eschatologie: Postmortales Sein der Glaubenden in der jenseitigen Herrlichkeit unmittelbar nach dem Tod

Die Person ist geist-seelisch begründet, die biblische Lehre von der Unsterblichkeit der Seele, die individuelle Eschatologie.

Die jüdische Vorstellung vom himmlischen Paradies, dem Aufenthaltsort der verstorbenen Gerechten und Väter

In diesem Vorstellungsmodell gibt es keine Parusie, weil die Christen im Tode zur Christusgemeinschaft in den Himmel gerettet werden. Auch gibt es kein Endereignis, denn die neue Welt ist im himmlischen Bereich bereits gegenwärtig.

Der Heilsort im Himmel:
“der Kleinste im Himmelreich” “ihr werdet nicht in das Himmelreich kommen” (Mt 5,19f). “Es werden nicht alle .... in das Himmelreich kommen” (Mt 7,21). “viele werden mit Abraham .... im Himmelreich zu Tisch sitzen” (Mt 8,11). “Der Kleinste im Himmelreich ist größer als er” (Mt 11,11). “Wer ist der Größte im Himmelreich” (Mt 18,1.4)? “es wird euch im Himmel reichlich belohnt werden” (Mt 5,12., Lk 6,23) “in meines Vaters Hause sind viele Wohnungen... Ich gehe hin euch die Stätte zu bereiten” (Joh 14,2). “Ich kenne einen Menschen, der wurde entrückt bis in den dritten Himmel... Der wurde entrückt bis in das Paradies” (2Kor 12,2). “Der Herr wird mich erlösen von allem Übel und mich retten in sein himmlisches Reich” (2Tim 4,18). “...ein Erbe aufbewahrt im Himmel für euch” (1Ptr 1,4).

Die obere Stadt, das himmlische Vaterland:
“Das himmlische Jerusalem” (Gal 4,26).
„Abraham wartete auf die Stadt, deren Baumeister und Schöpfer Gott ist“ (Hebr. 11,10.16). Sie sind „Gäste und Fremdlinge auf Erden“, denn „sie suchen ein Vaterland“ (Hebr 11,13f). „Sie sehnen sich nach einem besseren Vaterland, nämlich dem himmlischen. Gott hat ihnen eine Stadt gebaut“ (Hebr 11,16). „Ihr seid gekommen zu... der Stadt des lebendigen Gottes, dem himmlischen Jerusalem“ (Hebr 12,22). „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir“ (Hebr 13,14).

Im Paradies sind jetzt schon: alle Patriarchen, alle Propheten, alle Apostel, alle Märtyrer (unter ihnen Stephanus), alle Heiligen (1Thess 3,13), der arme Lazarus, der reumütige Schächer. “Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein” (Lk 23,24). Der arme Lazarus wurde von den Engeln in Abrahams Schoss getragen (Lk 16,22). “...wenn ihr sehen werdet Abraham, Isaak und Jakob und alle Propheten im Reich Gottes, euch aber hinausgestoßen” (Lk 13,28). “Sie (die Märtyrer) schrien mit lauter Stimme: 'Herr, du Heiliger und Wahrhaftiger, wie lange richtest Du nicht und rächst nicht unser Blut an denen, die auf der Erde wohnen?' Und ihnen wurde gegeben einem jeden ein weißes Gewand...” (Offb 6,10f).

Der Hebräerbrief: Der Tod ist Durchgang zur himmlischen Welt. Die Glaubenden sind Gäste und Fremdlinge auf Erden. Die sichtbare Welt ist nur ein schwaches Abbild der unsichtbaren Welt.

Urbild

Abbild

himmlisches Heiligtum

irdisches Heiligtum

künftige Stadt

hiesige Stadt

unsichtbare Welt

sichtbare Welt

das himmlische Vaterland

das irdische Vaterland

1,6: Anlässlich seiner Erhöhung wurde Christus als Erster von den Toten in die himmlische Welt eingeführt und hat so den Weg dorthin für alle Toten gebahnt.

10,36: Das verheißene Gut der Rettung besteht nicht in der Parusie Christi auf Erden, sondern im Einzug in das himmlische Allerheiligste.

12,25-29: Die Wirklichkeit zerfällt in den Bereich des Erschütterlichen und den Bereich des Unerschütterlichen. Das Erschütterliche ist von Gott geschaffen, von unentwegtem Werden und Vergehen geprägt und kann jederzeit wieder vollständig vergehen. Dagegen ist das Unerschütterliche ungeschaffen und bleibt ohne Veränderung in seinem Sein bestehen. Inbegriff des Erschütterlichen ist die Erde und alles Irdische, des Unerschütterlichen hingegen der Himmel und alles Himmlische. Der Unerschütterliche ist Gott selbst, dem Christus als Sohn Gottes zugehört.

9,26-28: Zum ersten Mal war Christus den Menschen auf Erden in seiner Inkarnation erschienen. Zum zweiten Mal wird er ihnen beim Gericht erscheinen.

2.1 Die Zukunftserwartung des vierten Evangeliums (Jh 14,2f;17,24)

Die Geisterfahrung bringt die Wiederkunftserwartung zum Verschwinden

S. Schulz

Jh 17,24 ist der Zentralsatz jhn Hoffnung: „Vater, ich will, dass da, wo ich bin, auch die bei mir sind, die du mir gegeben hast, damit sie meine Herrlichkeit schauen, die du mir gegeben hast, weil du mich liebtest vor Grundlegung der Welt“. Jesu letzter Wille ist, dass alle seine Freunde und Brüder mit ihm den himmlischen Ort der Herrlichkeit erreichen, den der Vater nach 14,2f längst bereitet hat, und dann seine immerwährende Herrlichkeit schauen! Das ist nicht die Sprache der apokalyptischen Messiaserwartung auf dem Zion. Es geht nicht um den apokalyptischen Triumph der zwölf Stämme Israels beim Kommen des Menschensohns auf den Wolken des Himmels. Hier wird die zukünftige Schau der Herrlichkeit des Offenbarers jenseits der zeitlich-irdischen Existenz der Glaubenden erhofft. Es geht um die Schau des in die himmlische Lichtwelt zurückgekehrten Sohnes. Die Seinen werden sein göttliches Wesen schauen. Es ist eine Herrlichkeit, die Jesus vor Grundlegung der Schöpfung besaß. Den Glaubenden wird ein Leben mit dem Offenbarer über den Tod hinaus verheißen. Alle die Seinen kommen mit dem Sohn zum himmlischen Ort und schauen dort seine unvergängliche Herrlichkeit. Mit der Anrede 'gerechter Vater' (Vers 25) bezeichnet Jesus seine Forderung als gerecht, der Vater möge den Seinen den Eingang in seine Herrlichkeit und Wiedervereinigung mit dem Offenbarer jenseits des Todes gewähren (218f).

Das vierte Evangelium kennt die apokalyptische Zukunft im Sinn der Naherwartung und eines kosmischen Enddramas mit einem neuen Himmel und einer neuen Erde nicht und es ist auch nicht wie die Synoptiker vom Problem der Verzögerung des Jüngsten Tages bestimmt (220).

Es hat im Urchristentum nicht nur einen eschatologischen Entwurf im Sinn der apokalyptisch vorgestellten Enderwartung des Jüngsten Tages gegeben, sondern mit der radikalen Ablehnung der spätjüdisch-urchristlichen Apokalyptik wurde zugleich eine gnostisierende Eschatologie ausgearbeitet. An keiner Stelle malt der vierte Evangelist die Zukunft in apokalyptischen Farben. Die typisch apokalyptischen Endereignisse der Totenauferstehung und des Gerichts werden polemisch umgedeutet (3,18f;  5,24f;  11,25f) und sind Gegenwart in der Begegnung mit dem himmlischen Gesandten. Heil und Unheil vollziehen sich im Glauben und Unglauben. Die Entscheidung des Unglaubens angesichts der Offenbarung ist das endgültige Gericht. Johannes kennt keine Apokalypse wie Mk 13 oder Lk 17 par. Johannes spricht auch von dem Gericht, aber das vollzieht sich fortwährend in der Gegenwart angesichts des in der Gemeindeverkündigung anwesenden Geist-Christus. Alles, was die traditionelle Gerichts- und Heilserwartung von der Endzeit erhoffte, wird von ihm in polemischem Sinn auf die Gegenwart Jesu bezogen: Sein Kommen in die Welt und sein Abschied sind das eschatologische Ereignis, und das Gericht ist kein kosmisches Ereignis mehr, bei dem die Sonne sich verfinstert, der Mond seinen Schein verliert und die Sterne vom Himmel fallen (Mk 13,24ff), sondern das Gericht ereignet sich im Verhalten der Menschen angesichts der Offenbarerworte Jesu. An diesem Gesandten scheiden sich Glaube und Unglaube, Licht und Finsternis, Wahrheit und Lüge. Indem die Menschen den Glauben verweigern, richten sie sich selbst (3,19). Die Glaubenden sind schon jetzt ewig Lebende. Die Wiederkunft des Menschensohns Jesus ereignet sich nach Johannes im Hören der Botschaft Jesu. Im Fleischgewordenen ist das Heil auf Erden erschienen (220f).

Die gegenwärtige Geisterfahrung bringt die Nähe des Gottessohns (14,16). Die Geisterfahrung bringt als ewige die Wiederkunftserwartung zum Verschwinden. Was bleibt sind Aussagen wie 14,2f und 17,24: „Damit, wo ich bin, auch ihr seid“. Das 17. Kp. Als konzentrierte Zusammenfassung der jhn Botschaft zeigt wie in einem Vermächtnis, was die Gläubigen von der Zukunft zu erwarten haben: Wie der Vater und der Sohn eins sind, so ist in Zukunft die Vereinigung aller Gläubigen untereinander und mit Gott zu erwarten. Es ist der erklärte Wille des Abschiednehmenden, dass alle seine Freunde und Brüder mit ihm den himmlischen Ort der Herrlichkeit erreichen, den der Vater nach 14,2f längst für sie bereitet hat, und dann seine immerwährende Herrlichkeit schauen. Die Endereignisse haben nach Johannes ihre ausschließliche Bedeutung darin, dass sie außerhalb der Welt in der Herrlichkeit geschehen. Alle die Seinen kommen mit dem Erlöser zum himmlischen Ort und schauen dort seine unvergängliche Herrlichkeit. Mit dieser himmlischen Einigung und Einheit wird das Werk des Erlösers abgeschlossen sein. Dann erst sind die Gläubigen nicht mehr zerstreut „in der Welt“, wo List und Finsternis, Wahrheit und Lüge, Leben und Tod miteinander im Streit liegen. Die Stunde der Passion als der Verherrlichung des Menschensohns ist das Gericht über den Kosmos und seinen eigentlichen Herrscher, den Fürsten der Welt. Bis zu jener himmlischen Einigung ist Jesus im Geist-Parakleten weiter bei seiner Gemeinde (14,16) und lehrt sie als „Geist der Wahrheit“ (15,26) alles das, was der fleisch-gewordene Gesandte in seinem Wort der Welt offenbart hat. Mit dem Tod der Jünger setzt sich die ewige Gemeinschaft mit dem Erhöhten jenseits von Raum und Zeit fort, wenn Jesus sie in die ewigen Wohnungen des Vaters holen wird (221f).

Traditionell apokalyptische Zukunftsaussagen: 6,39: „Das aber ist der Wille dessen, der mich gesandt hat, dass ich nichts verliere von allem, was er mit gegeben hat, sondern, dass ich's auferwecke am Jüngsten Tage“.

6,40: „Denn das ist der Wille meines Vaters, dass wer den Sohn sieht und glaubt an ihn, das ewige Leben habe; und ich werde ihn auferwecken am Jüngsten Tage“.

6,44: „Es kann niemand zu mir kommen, es sei denn, ihn ziehe der Vater, der mich gesandt hat; und ich werde ihn auferwecken am Jüngsten Tage“.

6,54: „Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der hat das ewige Leben; und ich werde ihn auferwecken am Jüngsten Tage“.

Durch den Nachtrag in Kp 21 und durch die Einfügung der traditionellen Sakramentslehre in Kp 6 ist die Vermutung nicht von der Hand zu weisen, dass die 'kirchliche Redaktion' auch die traditionell apokalyptische Zukunftserwartung in das vierte Evangelium nachgetragen hat (223).