2.2 Entapokalyptisierte individuelle Eschatologie – das johanneische Zeugnis

Anhang: Entapokalyptisierung im Johannesevangelium

G. Kegel

a. Die Auferweckung des Lazarus: In dem Gespräch Jesu mit Martha und Maria (Joh 11,21-27) wird die zukünftige apokalyptische Auferstehungserwartung korrigiert. Ohne diese Korrektur ist die Auferweckung des Lazarus einem Missverständnis ausgesetzt, das Martha zum Ausdruck bringt, indem sie die Behauptung Jesu: „dein Bruder wird auferstehen“ (V.23), auf die geläufige apokalyptische Auferstehungserwartung bezieht (V.24). Dem setzt Jesus sein „ich bin die Auferstehung und das Leben“ (V.25f) entgegen. Jesus nimmt für seine Person in Anspruch, Auferstehung und Leben zu sein. Die Kombination mit der Auferweckung des Lazarus will besagen, dass die Auferstehung und das Leben, das Jesus in seiner Person darstellt, sich schon gegenwärtig an Menschen realisiert. Der Evangelist deutet mit seinen eigenwilligen Ausdrücken die traditionelle Vorstellung, indem er Jesus durch die Auferweckung des Lazarus zeigen lässt, dass er sogar jetzt schon Tote erwecken kann. Er lässt Jesus behaupten, dass diejenigen, die glauben, jetzt schon durch ihn das haben, was die apokalyptische Vorstellung erst durch die Totenauferstehung zu erreichen glaubt. Dies wird illustriert an der Auferweckung des Lazarus, die gegenwärtig geschieht. Es ist von da an deutlich, dass die Auferweckung des Lazarus für den Evangelisten ein Symbol für die Anastasis-Wirklichkeit Jesu ist. Die Wirklichkeit der Anastasis wird in V.25f geradezu mit dem Glauben identifiziert. Johannes setzt sich in der Lazarusgeschichte und besonders in dem Gespräch zwischen Jesus und Martha mit der traditionellen apokalyptischen Eschatologie auseinander. Er nimmt dieser Eschatologie die theologische Verbindlichkeit, indem er sie durch eine christologische Aussage ersetzt. Das als ‚Glaube‘ bezeichnete Christusverhältnis tritt an die Stelle der apokalyptischen Auferstehungserwartung (111f).

b. Die Gerichtsrede (5,19-47): Der Abschnitt 5,19-30 soll zeigen, dass das Handeln des Sohnes dem Handeln des Vaters gleicht (V.19c). Dies wird in V.21 auf die Erweckung der Toten bezogen. Der Evangelist setzt neben den Ausdruck ‚auferwecken‘ einen zweiten: ‚lebendigmachen‘. In der parallelen Beschreibung des Sohneshandelns verwendet er nur den Ausdruck ‚lebendigmachen‘. Johannes will das lebenschaffende Handeln Gottes und des Sohnes gleichsetzen. Er knüpft dabei an die traditionelle Formulierung an, kommentiert sie durch den nicht apokalyptisch bestimmten Ausdruck ‚lebendigmachen‘ und bestimmt das Handeln des Sohnes nur noch als ‚lebendigmachen‘. Schon hier deutet sich eine Entapokalyptisierung an, die in V.24 noch deutlicher erkennbar wird. In Bezug auf das Richten besagt V.22, dass Gott das Richten an den Sohn ganz abgetreten hat. Mit V.24 wird das Lebenschaffen und Richten des Sohnes kommentiert. Das sonst futurisch verstandene ‚ewige Leben‘ wird hier eindeutig als gegenwärtige Größe zugesprochen. Ein Gericht liegt nicht mehr vor dem Hörenden und Glaubenden. Das ist radikale Entapokalyptisierung. Auch in V.25 ist erkennbar, dass der Verfasser des Evangeliums es auf ein gegenwärtiges Geschehen bezieht (112f).

In V.28f tauchen Aussagen mit rein apokalyptischem Vorstellungsgehalt auf. An dieser Stelle wird ungebrochene apokalyptische Vorstellungsweise nachträglich in das Joh-Ev eingeschoben. Durch diese Vv wird die john Interpretation der apokalyptischen Vorstellungen rückgängig gemacht. Der ganze Abschnitt stellt eine radikale Uminterpretation der apokalyptischen Eschatologie dar. Jede Auslegung, die V.28f auf den gleichen Verfasser wie V.21-25 zurückführt, schwächt die Aussagen in ihrer Pointiertheit ab. Alle dem Verfasser eigentümlichen Aussagen sind ernst zu nehmen und müssen den Ausgangspunkt für die Interpretation bilden. Der Evangelist interpretiert die traditionelle Eschatologie um, indem er die eschatologische Erwartung der Totenauferstehung vergegenwärtigt. Im Hören auf den Sohn erlangt der Glaubende schon jetzt das ewige Leben, das nach apokalyptischer Erwartung erst die zukünftige Totenauferstehung bringen wird (113f).

c. Weitere Zusätze der kirchlichen Redaktion: In 6,54 trägt die kirchliche Redaktion das von ihr im Evangelium vermisste sakramentale Herrenmahl ein. Sie kommentiert damit den Satz des Evangelisten, dass Jesus das lebendige, vom Himmel herabgekommene Brot ist und denen, die von diesem Brot essen, ewiges Leben vermittle (6,51a). Der Genuss von Fleisch und Blut vermittelt das ewige Leben und zwar in der Weise, dass der Menschensohn die Betreffenden am Jüngsten Tag auferwecken wird (6,54). Die Auferstehungsaussage innerhalb des Sakramentsabschnitts ist der Ausgangspunkt für die Interpolationen in 6,39.40.44. Die kirchliche Redaktion versuchte auf diese Weise, die im Joh-Ev vermisste apokalyptisch-futurische Eschatologie nachträglich einzufügen (115f).

d. Die Auferstehung Jesu 2,22: Als er von den Toten auferweckt worden war, dachten seine Jünger daran, dass er dies gesagt hatte und glaubten der Schrift und dem Wort, das Jesus gesagt hatte“. 20,9:Denn sie verstanden die Schrift noch nicht, dass er von den Toten auferstehen müsste“. Die Auferstehung Jesu wird im Joh-Ev nirgendwo erstmalig festgestellt, sondern überall vorausgesetzt. Nach der Tempelreinigung (2,13ff) fragen die Juden Jesus nach einem Zeichen seiner Vollmacht (2,18). Jesus antwortet mit der Aufforderung, diesen Tempel abzubrechen, er werde ihn in drei Tagen neu aufrichten (V.19). Dieser Satz besagt ursprünglich die Verneinung des jüdischen Opferdienstes durch das Opfer Jesu. Er wird dann sekundär auf das Schicksal des Leibes Jesu bezogen und als Hinweis auf Tod und Auferstehung Jesu verstanden. Die Jünger erinnern sich (2,22) nach der Auferstehung Jesu an sein Wort. Die Folge ist ihr Glaube an die Schrift und das Wort, das Jesus sagte. Merkwürdig ist, dass durch die Erfüllung der Vorhersage Jesu ein Glaube an die Schrift entstehen soll. Der Hinweis auf die Schrift kennzeichnet auch die Auferstehungsaussage 20,9. Beide Aussagen stehen in einem redaktionellen Zusammenhang, indem sie die Auferstehung Jesu auf die Schrift beziehen. Hier (20,9) wird ein in der synoptischen Tradition (Mk 8,31: Die erste Ankündigung von Jesu Leiden und Auferstehung) vorkommender Gedanke in das Joh-Ev eingetragen. 20,9 ist eine spätere Glosse. Sie besagt, dass die Jünger durch die Entdeckung des leeren Grabes zum Glauben kamen (20,2-8) und nicht aufgrund der Schrift, weil sie diese noch nicht verstanden. Nimmt man 2,22 hinzu, dann soll gesagt werden, dass die Jünger, nachdem sie sich durch das leere Grab von der Auferstehung überzeugt hatten, nun auch der Schrift und Jesu eigenem Wort glaubten. 2,22 wäre durch die Glosse 20,9 veranlasst. Die in 20,9 ausgesprochene Auferstehungsweissagung soll auch im Evangelium selbst verankert werden. Das schon auf die Auferstehung Jesu bezogene Tempelwort (2,19-21) ist der gegebene Ansatzpunkt. 21,14 gehört in das Nachtragskapitel, das nicht vom Evangelisten gestaltet ist (116f).

Das ursprüngliche Joh-Ev kennt zwar Ostergeschichten, aber an keiner Stelle bezeichnet es das Ostergeschehen um Jesus mit dem Terminus Auferstehung. Es könnte sein, dass der Evangelist für das Ostergeschehen den Ausdruck ‚Auferstehung‘ deshalb vermied, weil ihm die apokalyptischen Anklänge unangemessen erschienen. Eine Korrektur der apokalyptischen Vorstellungsweise war bei der Auferstehung Jesu wesentlich schwieriger als bei allgemeinen Auferstehungsaussagen, weil die Auferstehung Jesu im christlichen Bekenntnis eine terminologisch feste Form erhalten hatte. Möglicherweise hat der Evangelist dieses Problem dadurch umgangen, dass er in der Darstellung der Ostergeschichten den Begriff ‚Auferstehung‘ vermied (117).

Das Joh-Ev stellt in seiner ursprünglichen Gestalt einen Versuch dar, die traditionellen Aussagen von einer endzeitlichen Totenauferstehung aus dem apokalyptischen Vorstellungsbereich herauszunehmen und von gnostischen Vorstellungen her zu interpretieren. Aber das apokalyptische Denken hatte sich in der Kirche so weitgehend durchgesetzt, dass das Joh-Ev kirchlich nur dann tragbar war, wenn die kirchliche Auffassung wenigstens nachträglich hereingebracht wurde und die ‚irrigen‘ Anschauungen ergänzte und so unschädlich machte (118).