2.2 Unser Sieg über den Tod: Auferstehung?

M.-E. Boismard

a. Paulus: Der zweite Korintherbrief (Kp. 3 und 5) realisierte Eschatologie

Eine präsentische Eschatologie

„Der Herr ist der Geist... (der Geist macht lebendig 3,6) ...wir alle werden verklärt in sein Bild von einer Herrlichkeit zur anderen von dem Herrn, der der Geist ist“ (2Kor 3,17f). Jetzt (nicht erst bei Jesu Wiederkunft 1Kor 15) werden wir verwandelt: „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden" (5,17). Seit Christus, das Leben-gebende Pneuma in uns ist, sind wir bereits auferstanden (86).

In 1Kor 15 hatte Paulus das Schema der frühen semitischen Anthropologie, das zwischen Seele und Leib nicht unterscheidet, übernommen. Diese Anthropologie kann Paulus nicht fortsetzen. Denn wenn wir bereits jetzt Christus, das Leben-gebende Pneuma, in uns haben, das Prinzip unserer Auferstehung, dann kann die Auferstehung nur unsere Seele betreffen, weil unser Leib in der Erde zerfällt. Wenn unser Leib eines Tages zerfällt, ist es für uns wichtig, eine Seele zu haben, die nicht stirbt, weil sie Christus 'angezogen' hat (87).

Eine platonische Anthropologie

„So sind wir denn allezeit getrost und wissen: solange wir im Leibe wohnen, weilen wir fern vom Herrn; denn wir wandeln im Glauben, nicht im Schauen. Wir sind aber getrost und haben vielmehr Lust, den Leib zu verlassen und daheim zu sein bei dem Herrn“ (2Kor 5,6-8). Paulus übernimmt hier eine Unterscheidung zwischen Seele und Leib: Wir leben in unserem Leib gleichsam im Exil, fern vom Herrn. Wir bevorzugen, den Leib zu verlassen, um zu Christus zu gehen und bei ihm zu sein. Unser Leib ist für eine begrenzte Zeit unser 'Zuhause', das wir nach dem Tod verlassen, ohne unsere Individualität zu verlieren, weil wir bei Christus sind. Paulus postuliert ein Prinzip des psychischen Lebens in uns, das nicht der Leib ist und das vom Leib getrennt wird. Menschen gehen zu Christus, um mit ihm zu leben (88f).

„Christus ist mein Leben und Sterben ist mein Gewinn. Wenn ich aber weiterleben soll im Fleisch (im Leib), so dient mir das dazu, mehr Frucht zu schaffen; und so weiß ich nicht, was ich wählen soll. Denn es setzt mir beides hart zu: ich habe Lust, aus der Welt zu scheiden und bei Christus zu sein, was auch viel besser wäre, aber im Fleisch zu bleiben ist nötiger um euretwillen" (Phil 1,21-24).

Das Problem des Leibes

Paulus hat ein Thema platonischer Philosophie übernommen: Die Seele stirbt nicht, sondern geht zu Christus und lebt mit ihm. Was geschieht mit dem Leib? Paulus modifiziert platonische Spiritualität mit semitischem Realismus. Die Seele findet einen Leib, der auf sie im Himmel wartet: „Denn wir wissen, wenn unser irdisches Haus, diese Hütte, abgebrochen wird, so haben wir einen Bau, von Gott erbaut, ein Haus, nicht mit Händen gemacht, das ewig ist im Himmel“ (2Kor 5,1). Ein neuer Leib erwartet uns im Himmel, ein Haus, in dem wir leben werden, sobald wir unseren irdischen Leib verlassen. Die Pharisäer sagen, dass alle Seelen unsterblich sind. Aber nur die Seelen der Gerechten gehen in einen neuen Leib ein. Die schlechten Menschen erwartet ewige Strafe. Nach Ansicht der Pharisäer finden die Seelen der Gerechten einen neuen Leib auf der Erde, nach Paulus einen neuen Leib im Himmel. Nach ihm wie nach Ansicht der Pharisäer, wechselt die Seele von einem Leib in einen anderen (91f).

Angst vor dem Tod

„Denn darum seufzen wir auch und sehnen uns danach, dass wir mit unserer Behausung, die vom Himmel ist, überkleidet werden, weil wir dann bekleidet und nicht nackt befunden werden. Denn solange wir in dieser Hütte sind, seufzen wir und sind beschwert, weil wir lieber nicht entkleidet, sondern überkleidet werden wollen, damit das Sterbliche verschlungen werde vom Leben" (2Kor 5,2-4). Paulus hofft, dass Jesus zu seinen Lebzeiten wiederkommt, weil er dann nicht sterben muss, weil er dann bekleidet und nicht nackt ist. D.h. Paulus fürchtet den Tod, obwohl der Tod ihm erlaubt, zu Christus zu gehen und mit Christus zu leben, denn es ist schmerzhaft, wenn die Seele vom Leib getrennt wird. Wenn Paulus zu jener Zeit noch am Leben ist, dann will er seinen unsterblichen Leib über seinen sterblichen Leib ziehen. Dann würde sein sterblicher Leib umgehend in einen unsterblichen (Leib verwandelt werden (94f). Wie in 1Kor15 werden diejenigen, die bei Jesu Wiederkunft noch am Leben sind, verwandelt werden. In Bezug auf die bereits Verstorbenen dagegen hat sich Paulus Position gegenüber 1Kor 15 radikal gewandelt (95).

b. Jesus: Die synoptische Tradition

Jesus vertrat wie die Pharisäer die griechische Auffassung vom Menschen als aus Leib und Seele zusammengesetzt. Er nahm an, dass im Tod nur der Leib in der Erde sich auflöst, während die Seele weiterlebt und allein ihre eschatologische Bestimmung empfängt (100).

Der Leib und die Seele Mt 10,28: „Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können; fürchtet euch aber viel mehr vor dem, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle.“

Das Leben verlieren, um es zu erhalten LK 17,33: „Wer sein Leben zu erhalten sucht, der wird es verlieren; und wer es verlieren wird, der wird es gewinnen“. Aufgrund der paradoxen Formulierung kann dieses Wort nur im Rahmen griechischer Anthropologie verstanden werden, die im Menschen zwei Komponenten unterscheidet: den Leib und die Seele. Diejenigen, die den Tod um Jesu willen akzeptieren, erhalten ihr Leben; sie sterben in ihrem Leib, aber ihre Seel bleibt am Leben. Aber jene, die sich retten wollen, indem sie Christus verleugnen, werden ihr Leben verlieren in dem Sinn, dass Gott sie (mit Leib und Seele) in die Hölle schicken wird. Was die Gerechten angeht, ihr Schicksal wird mit dem Begriff 'Unsterblichkeit' definiert (104f).

Zum Leben eingehen Mk 9,43: „Wenn dich deine Hand zum Abfall verführt, so haue sie ab! Es ist besser für dich, dass du verkrüppelt zum Leben eingehst, als dass du zwei Hände hast und fährst in die Hölle, in das Feuer, das nie verlöscht“. Dieses Wort muss in der Perspektive von Unsterblichkeit verstanden werden, denn man geht in den Himmel bzw. in die Hölle, sobald man gestorben ist. Der Leib stirbt, aber die Seele geht in das ewige Leben ein (105f).

Lukanische Tradition 23,42f: Jesus verspricht dem reumütigen Sünder keine Auferstehung, sondern dass seine Seele dem Kreuz entkommt und im Paradies leben wird. “Heute“ zwischen dem Tod am Kreuz und dem Eintritt ins Paradies ist kein Zwischenraum. Dass der reumütige Sünder nach dem Tod seines Leibes weiterleben kann, ist in seiner Seele begründet, der Teil von ihm, der sich der Unsterblichkeit erfreuen kann (106).

In der Parabel von Lazarus und dem reichen Mann 16,19ff, sehen wir, dass, sobald Lazarus stirbt, er von Engeln in Abrahams Schoß getragen wird. Auch er lebt nach seinem leiblichen Tod weiter (der Hades ist nur für Sünder reserviert) (106).

Die Patriarchen Lk 13, 26: „Dann werdet ihr anfangen zu sagen: Wir haben vor dir gegessen und getrunken, und auf unsern Straßen hast du gelehrt. 27) Und er wird zu euch sagen: Ich kenne euch nicht; wo seid ihr her? Weicht alle von mir, ihr Übeltäter! 28) Da wird Heulen und Zähneklappern sein, wenn ihr sehen werdet Abraham, Isaak und Jakob und alle Propheten im Reich Gottes, euch aber hinausgestoßen. 29) Dann werden Menschen kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes". Sobald sie gestorben waren, traten die Patriarchen und alle Propheten in das Königreich ein und genießen seitdem Gottes Gegenwart (107).

Die Wiederkunft Jesu: „Dann werden sie sehen den Menschensohn kommen in den Wolken mit großer Kraft und Herrlichkeit. Dann wird er die Engel senden und wird seine Auserwählten sammeln von den vier Winden, vom Ende der Erde bis zum Ende des Himmels“ (Mk 13,26f). Jesus setzt keine Auferstehung der Toten voraus, noch eine Auferstehung des Leibes zur Zeit seiner Wiederkunft. Jesus berücksichtigt nur das Schicksal derjenigen, die bei seiner Wiederkunft leben (107f). In all diesen Worten sieht Jesus unseren Sieg über den Tod im Sinn von Unsterblichkeit (109).

Die Diskussion mit den Sadduzäern Mk 12

24) „Da sprach Jesus zu ihnen: Ist’s nicht so, ihr irrt, weil ihr die Schrift nicht kennt?“

Spätere Einfügung (weder... noch die Kraft Gottes

25) Wenn sie von den Toten auferstehen werden, so werden sie weder heiraten noch sich... wie die Engel im Himmel.

26a) Aber von den Toten, dass sie auferstehen)

26b) „Habt ihr nicht gelesen im Buch des Mose, beim Dornbusch, wie Gott zu ihm sagte: Ich bin der Gott Abrahams und der Gott Isaaks und der Gott Jakobs?

27) Gott ist nicht ein Gott der Toten, sondern der Lebenden, ihr irrt sehr.“

Wie die Pharisäer glaubte Jesus an die Unsterblichkeit der Seele. Nach ihm sind Abraham, Isaak und Jakob nicht in der Scheol als Schatten ohne Leben, sondern ihre Seelen genießen die Seligkeit bei Gott. 4 Makk: die Patriarchen Abraham, Isaak und Jakob empfangen die Seelen der Märtyrer bei Gott (111).

Jesus spricht von unserem Sieg über den Tod in Worten der Unsterblichkeit: Abraham, Isaak und Jakob leben jetzt bei Gott, deshalb sind sie nicht tot. Dank Gott erfreuen sie sich einer gesegneten Unsterblichkeit (112).

c. Die johanneische Tradition (präsentische Eschatologie)

Jesus blies seine Jünger an und sagte: „empfangt den Heiligen Geist" (20,22)! (Gen 2,7: Gott blies ihm (Adam) den Atem des Lebens in seine Nase. So ward der Mensch ein lebendiges Wesen). Der Atem (Geist), der von Jesus kommt, ist „Leben-gebender Atem" (to pneuma zoopoiei 6,63). Nach seiner Auferstehung gab Jesus seinen Jüngern diesen Atem, der sie mit einem neuen Leben ausstattet, das Unsterblichkeit beinhaltet. Seine Jünger empfangen dieses neue Leben, während sie noch auf der Erde leben, nicht in einer hypothetischen Zukunft (113f).

Diejenigen, die Jesu Worte hören und dem glauben, der ihn gesandt hat, „haben das ewige Leben und kommen nicht in das Gericht, sondern sie sind (bereits) vom Tod zum Leben hindurchgedrungen" (5,24). („Wir wissen, dass wir aus dem Tod in das Leben gekommen sind, denn wir lieben die Brüder" Joh 3,14). Diejenigen, die Jesu Wort halten, „werden den Tod nicht sehen“, „werden den Tod nicht schmecken“ (8,51.52). Jesus sagt Maria: „Jeder, der lebt und an mich glaubt, wird nicht sterben“ (11,26). Das Prinzip, das vom Tod nicht betroffen ist, kann nur die Seele sein, wie griechische Philosophie sie versteht (114).

Das Judentum unterscheidet zwischen dieser Welt, in der wir leben und der zukünftigen Welt. In Joh 8,23 sagt Jesus den Juden: „Ihr seid von unten her, ich bin von oben her; ihr seid von dieser Welt, ich bin nicht von dieser Welt“. Dieser Welt ist die Welt von oben jetzt gegenübergesetzt. Die zukünftige Welt besteht bereits jetzt „oben“, d.h. im Himmel. Der zukünftige Äon ist bereits in Gott vorhanden. Alle diese Worte könne nur im Sinn von Unsterblichkeit verstanden werden (116f).

Spätere Ergänzungen im Sinne von Auferstehung: Der Refrain: „Ich werde sie auferwecken am Jüngsten Tag" (6, 39.40.44.54). In 3, 8-21 ist das Gericht bereits gekommen, in 12, 48b dagegen wird es am Jüngsten Tag stattfinden. In 5,24f sagt Jesus, dass diejenigen, die sein Wort hören, nicht in das Gericht kommen, sondern bereits vom Tod zum Leben hindurchgedrungen sind und deshalb bereits auferstanden sind. Dagegen sagt Jesus in 5,28f: „...alle, die in den Gräbern sind, werden seine Stimme hören und werden hervorgehen, die Gutes getan haben, zur Auferstehung des Lebens, die Böses getan haben zur Auferstehung des Gerichts“ (vgl. Daniel 12,2) (117).

Unsterblichkeit im frühen Johannesevangelium: Das Thema Auferstehung ist sekundär: Der Dialog zwischen Jesus und Martha Joh 11,21-25a: Jesus bestätigt, dass Lazarus auferstehen wird. Martha sagt: „Ich weiß, dass er auferstehen wird bei der Auferstehung am Jüngsten Tag“. Jesus korrigiert diesen Irrtum, indem er sagt, dass er selbst die Auferstehung und das Leben ist, d.h. wer an ihn glaubt, der ist bereits auferstanden (5,24) und wird nicht sterben (8, 51). Wir haben hier eine Korrektur der Auferstehung am Jüngsten Tag (118).

Zusammenfassung: Sowohl in der synoptischen Tradition als auch im Johannesevangelium führen die Worte Jesu zu demselben Ergebnis: Nach Jesus muss unser Sieg über den Tod im Sinn von Unsterblichkeit gedacht werden (nicht von Auferstehung). Dies setzt voraus, dass Jesus wie die Pharisäer sich der griechischen Unterscheidung zwischen Leib und Seele anschloss. Am Lebensende zerfällt der Leib in der Erde, während die Seele in das Leben, in das Reich Gottes eintritt. Die Unsterblichkeit der Seele ist ein Geschenk Gottes. Wenn Jesus seine Wiederkunft ankündigt, hat er nicht die Vorstellung, dass dieses Ereignis von einer Auferstehung begleitet wird (119f).

Anhang: Was versteht Paulus unter einem pneumatischen Leib (1Kor 15,35-55)?
W. Marxsen (1968)

In Korinth gibt es Leute, die die Auferstehung der Toten leugnen. Der Leib zerfällt in der Erde. In welchem Leibe soll der Mensch auferstehen? Paulus antwortet: in einem pneumatischen Leibe (73).

Hier stoßen zwei grundverschiedene Anthropologien aufeinander. Wenn wir Leib sagen, verstehen wir darunter den Körper. Der Körper zerfällt in der Erde. Paulus versteht unter soma jedoch nicht den Körper, sondern er drückt mit diesem Begriff die Identität der Person vor und nach dem Tode aus. Die Auferstandenen sind dieselben wie die, die gelebt haben. Es handelt sich um dasselbe Ich.

Wenn Paulus vom irdischen Leib (irdischem Ich) spricht, dann gilt von diesem irdischen Ich, dass es anschaubar, betastbar ist, dass es essen und trinken kann. Es ist Fleisch und Blut. Das Auferstehungs-Ich (der pneumatische Leib) existiert in einer davon vollständig unterschiedenen Existenzweise. Wie dieser Leib (dieses Ich) aussieht, kann Paulus nicht angeben. Er behauptet (mit Hilfe des Begriffes Leib) nur die Identität des Ich – in totaler Andersartigkeit.

Den irdischen Leib (das Ich in Fleisch und Blut) vergleicht Paulus mit einem Samenkorn, das ausgesät wird, stirbt und zerfällt. Der pneumatische Leib (das Ich in völlig anderer Existenzweise) setzt aber nicht voraus, dass Fleisch und Blut, dass der Körper, der in die Erde gelegt war, mit neuem Leben erfüllt wird. An dieser Stelle gibt Paulus dem korinthischen Einwand recht: Der Körper verwest und darum setzt ein pneumatischer Leib auch kein leeres Grab voraus (73).

Mit der Bezeichnung pneumatischer Leib wird die Identität mit dem irdischen Ich behauptet. Der pneumatische Leib entzieht sich jeder Vorstellung. Nur mit Bildern kann Paulus ausdrücken, was er meint. Selbstverständlich kann ein (pln verstandener) pneumatischer Leib nicht essen und betastet werden.