2.4 Jenseits des Todes - Unsterblichkeit der Seele

U. Swarat

Es gibt klare Schriftzeugnisse dafür, dass die Seele oder der Geist des Menschen nicht zusammen mit dem Leib stirbt. Am deutlichsten ist das bei Paulus in 2Kor 5,1-10. Der Apostel spricht dort vom Leib als dem „äußeren Menschen“, der eine Art Zelthaus oder eine Bekleidung für den „inneren Menschen“ darstellt. Im Tod wird dieses Haus abgebrochen und der Gläubige bekommt ein neues Haus, das Gott für ihn gemacht hat. Der Tod zieht uns Menschen den Leib, das jetzige Kleid, aus und Gott zieht uns dann ein neues himmlisches Kleid an. Sterben bedeutet für Paulus, „unseren Leib zu verlassen und beim Herrn zuhause zu sein“ (5,8). Er unterscheidet beim Sterben das Ich des Menschen von seinem Leib (vgl. Mt 10,28). In Kohelet 12,7 wird davon geredet, dass im Tod der Leib des Menschen wieder zur Erde wird, sein Geist aber zu Gott zurückkehrt (25).

Wenn ein Theologe meint, er könne aus wissenschaftlichen Gründen nicht mehr von einer gegenüber dem Leib selbstständigen seelisch-geistigen Wirklichkeit reden, dann muss er wissen, dass damit auch der Begriff des menschlichen Handelns hinfällig wird und nur noch vom Verhalten gesprochen werden kann. Die drei großen Themen Gott, Freiheit und Unsterblichkeit hängen so eng zusammen, dass man nicht die Unsterblichkeit der Seele leugnen, aber die Willensfreiheit des Menschen und die Existenz Gottes behaupten kann (28).

Joseph Ratzinger bejaht die in der christlichen Tradition behauptete Unsterblichkeit der Seele, weil sie für ihn keine Übernahme heidnisch-griechischen Denkens darstellt, sondern eine genuin christliche Aussage über das Wesen des Menschen in seiner Beziehung zu Gott. Der Mensch, sagt er, ist als Geschöpf Gottes in einer Relation erschaffen, die Unzerstörbarkeit einschließt. Er ist als ein Wesen geschaffen, das zur Gotteserkenntnis und Gottesliebe fähig und gerufen ist. Nicht ein beziehungsloses Selbsersein macht den Menschen unsterblich, sondern die Offenheit seiner Existenz zu Gott als dem Grund seines Seins. Diese grundsätzliche Hinordnung zu Gott bleibt bestehen, auch wenn der Mensch sie vergisst oder negiert. Unsterblichkeit ist nicht nur erlösende Gnade, sondern Schöpfungsgabe, nämlich unzerstörbare Relation zu Gott im Sinne eines Dialogs zwischen Schöpfer und Geschöpf (31).

Mit diesem dialogischen Konzept ist ein Verständnis von Unsterblichkeit entworfen, das für evangelische Anthropologie und Eschatologie anschlussfähig ist und auch vor der Vernunft verantwortet werden kann. Hier wird der Mensch als Beziehungswesen verstanden, das den Grund seiner Existenz in seinem Verhältnis zu Gott hat, der den Menschen zur Gemeinschaft mit sich berufen und damit zur Unvergänglichkeit bestimmt hat (32).

Es geht im Verhältnis zwischen Gott und Mensch um personhafte Gemeinschaft, die durch das Wort vermittelt ist. Indem Gott den Menschen als ein Du anredet, macht er ihn zu einem Ich, zu einem Subjekt, das antworten kann und antworten soll. Nur in diesem Sinne kann von einer Gottebenbildlichkeit des Menschen gesprochen werden. Der Mensch ist darin Ebenbild Gottes, dass er eine Person ist, ein Subjekt, wie Gott Subjekt ist. Das Ich des Menschen entsteht am Du Gottes, das den Menschen sich zum Gegenüber macht und ihn aus dieser Beziehung nicht wieder entlässt, wie auch immer der Mensch sich verhält. Das ist die besondere Würde des Menschen unter allen Geschöpfen, dass er dieses Gegenüber bleibt – im Guten wie im Bösen (33).

Der Zusammenhang der Seelenunsterblichkeit mit der Gottebenbildlichkeit des Menschen nach Luther: (Es stimmt, dass) die Seele des Menschen der unsterbliche, den Untergang des Körpers überlebende Geist ist... Unsterblich ist sie nicht aus sich selbst heraus (per se), sondern durch Zueignung (per accidens), will sagen: weil Gott denjenigen Teil der menschlichen Natur, in den er sein Ebenbild eingegossen hat, nicht sterblich sein, sondern nach dem Tod des Körpers bestehen bleiben lässt (34).

Es geht um eine Lehre von der Unsterblichkeit der menschlichen Seele, die nicht der griechischen Philosophie entliehen sondern biblisch-theologisch, nämlich in der Gottebenbildlichkeit des Menschen begründet ist. Weil Gott den Menschen in diese dialogische Relation zu sich hineingeschaffen hat, fällt das Ich des Menschen niemals ins Nichts zurück, sondern wird von Gott auch über den leiblichen Tod hinaus erhalten. Wenn Gott den Menschen als Partner einer bestimmten Beziehung geschaffen hat, so schuf er ihn für eine ewige, ununterbrochene Beziehung (34f).