2.5 Die wahre Welt des vollen Heils ist bei Gott, im Himmel vorhanden

N. Walter

Für hellenistisch-eschatologisches Denken ist das ‘obere’, ‘himmlische’ Jerusalem die eigentliche, wahre, wesentliche und ewige Wirklichkeit, das untere, irdische Jerusalem bestenfalls sein Abbild und ‘Schatten’ (Hebr 8,5), ein vorläufiger, vergänglicher Gegentyp von minderer Realität. Die Sehnsucht der Frommen richtet sich darauf, in das ewige, himmlische Jerusalem - d.h. in den Himmel Gottes selbst - eingehen zu dürfen (Hebr 12,22) und so die irdische Pilgerschaft endlich hinter sich lassen zu können. Die hellenistische Eschatologie ist eine ‘Oben/Unten-Eschatologie’, eine ‘vertikale’ Eschatologie. Die zeitliche Bestimmtheit menschlicher Existenz endet für den Einzelnen mit seinem Tod (341).

Für apokalyptische Theologie ist das himmlische Jerusalem ein Provisorium, das erst dann zur heilvollen Realität gelangt, wenn es nach der Katastrophe der jetzigen Welt auf die Erde hierniedersteigt (Apk 21). Für die Apokalyptik ist der Gedanke an eine kosmische und geschichtliche Katastrophe, der dann erst Gottes Neuschöpfung folgt, konstitutiv. Es geht um eine ‘temporalfuturische’ Eschatologie. Das ‘Jetzt/Dann’ ist im Sinne einer irdisch-geschichtlichen Aufeinanderfolge zweier Äonen gemeint (340f).

Das ‘vertikale’ eschatologische Denken ist Paulus nicht fremd: “Wir wissen, wenn unser irdisches Haus, diese Hütte abgebrochen wird, so haben wir einen Bau, von Gott erbaut, ein Haus, nicht mit Händen gemacht, das ewig ist im Himmel... Solange wir im Leibe wohnen, weilen wir fern von dem Herrn... Wir haben Lust, den Leib zu verlassen und daheim zu sein bei dem Herrn” (2 Kor 5,1ff).

In 1 Kor 15,35ff denkt Paulus wesentlich in den Kategorien von ‘vergänglich/unvergänglich’. Er versucht seine Vorstellung von einer ewigen, unvergänglichen und in Wahrheit unirdischen Quasi-Leiblichkeit zu beschreiben: “es gibt himmlische Körper und irdische Körper... Der erste Mensch ist von der Erde und irdisch; der zweite Mensch ist vom Himmel und wie der irdische ist, so sind auch die irdischen; und wie der himmlische ist, so sind auch die himmlischen. Und wie wir getragen haben das Bild des irdischen, so werden wir auch tragen das Bild des himmlischen”. “Wir sehen nicht auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare. Denn was sichtbar ist, das ist zeitlich; was aber unsichtbar ist, das ist ewig” (2Kor 4,18). “Paulus war “entrückt bis in den dritten Himmel” (2Kor 12,3). “Unsere Heimat ist in den Himmeln” (Phil 3,20). “Ich habe Lust, aus der Welt zu scheiden und bei Christus zu sein, was auch viel besser wäre” (Phil 1,23) (342f).

1Thes 4,13-18: Paulus entwickelt hier die Vorstellung von einem Entrücktwerden der Glaubenden von der Erde weg in die ‘Luft’ und von einem himmlischen Vereinigtwerden mit Christus. Da Paulus auch sonst nirgends eine Aussage über die irdisch-kosmische Endkatastrophe und eine Neuschöpfung, in die die Weltgeschichte einmünden würde, macht, ist auch für 1Thes 4,13ff eine Vorstellung denkbar, nach welcher die Glaubenden im Zusammenhang mit der Parusie des Herrn (V15) in die himmlische Heimat eingehen. Parusieerwartung im Sinne des Paulus lässt sich als Erwartung eines ‘End’-Geschehens denken, das die Glaubenden nach ‘oben’, in das himmlische Reich Gottes bringt (343f).

Die eschatologische Heilsverkündigung des Kol ist an der hellenistischen Entgegensetzung von Oben und Unten, von Himmel und Erde orientiert (344): Kol 3,1-3 Ihr seid schon in den Himmel versetzt; ihr seid mit Christus auferstanden; und so ist euer Leben schon jetzt, wenn auch in verborgener Weise ein himmlisches Leben, ein Leben bei Gott. Darum könnt und sollt ihr schon jetzt himmlisch gesinnt sein, auch wenn die öffentliche Darstellung dessen, dass es sich so verhält, dass ihr schon in die Welt Gottes eingebürgert seid, noch aussteht und erst zusammen mit dem Erscheinen Christi offenbar werden wird. Die irdische Wanderung hat ein Ziel außerhalb der irdischen Welt - bei Gott, in seiner himmlischen Welt. Dieses Ziel ist das ‘Hoffnungsgut’, “das für euch in den Himmeln bereitliegt” (Kol 1,5). Obwohl die entscheidende Weltwende schon geschehen ist, wird von der Zukunft noch die öffentliche Kundmachung dieses jetzigen Geheimnisses erwartet. Der Kol versteht unter dem erhofften Sichtbarwerden dies, dass der Himmel als der Ort ’unseres Lebens’ (3,3) offenbar werden wird, und damit das, was wir jetzt verborgenerweise schon als ‘unser Leben’ haben: Christus (3,4). Das Reich Gottes befindet sich nach Kol 3,1f nicht auf der Erde, sondern im Himmel (345f).

Die Zeitvorstellung von einem Handeln Gottes in einer irdisch, weltlich-geschichtlichen Zukunft wird abgelöst durch eine Raumvorstellung (347): “In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen... Ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten. Und wenn ich hingehe, euch die Stätte zu bereiten, will ich wiederkommen und euch zu mir nehmen, damit ihr seid, wo ich bin” (Joh 14,2f). “Heute (ohne Bezug auf ein kommendes Weltende, vielmehr unmittelbar aus dem jetzt vor Augen stehenden Tod heraus) wirst du mit mir im Paradiese sein” (Lk 23,43). Damit ist die Vorstellung einer himmlisch bereitstehenden ‘Wohnung’ gemeint wie in Joh 14,2f.

“Wir haben ihn sagen gehört: ich werde diesen ‘mit Händen gemachten’ Tempel niederreißen und in drei Tagen einen anderen, nicht ‘mit Händen gemachten’, erbauen” (Mk 14,58). Die Formulierung ‘mit Händen gemacht’ bzw. ‘nicht mit Händen gemacht’ zeigt deutlich die hellenistische Hochschätzung des himmlischen als des eigentlichen Tempels zu Ungunsten seines irdischen, vergänglichen und daher entbehrlichen Abbildes. Jesus selbst wird in dieser Weise nicht gesprochen haben, zumal Lk diesen Text gestrichen hat und bei Mt 26,61 diese herausgehobenen Worte fehlen. ‘Nicht mit Händen gemacht’ ist hellenistische Polemik gegen die Vorstellung, Gott ‘wohne’ in einem ‘mit Händen gemachten’ Tempel (Apg 7,48; 17,24) (350).

Der wichtigste Zeuge einer ausgesprochen hellenistischen Eschatologie im NT ist der Hebr. Der Glaubende hat die Vollendung seines Heils noch vor sich, verbunden mit der Gewissheit, dass dieses Heil im Grundsätzlichen bereits verwirklicht ist und dass dieses schon verwirklichte Heil im Himmel - als dem Ziel des ‘Laufes’ der Glaubenden (12,1) - seit der Erhöhung Christi bereitsteht (351).

Der Hebr ist eine fundamental hellenistische Schrift. In christologischer Hinsicht spricht er ausschliesslich von der Erhöhung Jesu zur Rechten Gottes (Ps 110,1) und von seinem Eingehen in den Himmel bzw. in das Allerheiligste des himmlischen Tempels. Gerade dieses Geschehen - der Überschritt Jesu aus seiner irdischen Existenz durch das Leiden und Sterben in den Himmel - ist das ein-für-allemal gültige, vollgenugsame Heilsgeschehen, bei dem nichts mehr fehlt, nichts ergänzungsbedürftig ist (es ist ja himmlisches Geschehen) und an dem die Glaubenden jetzt schon Anteil haben. Dabei ist nach der Vorstellung des Hebr der himmlische Tempel vor aller irdischen Schöpfung geschaffen, als Urtyp aller irdischen, in ihrer Wirkung nur sehr begrenzten Heilsmöglichkeiten im Kult am irdischen Tempel in Jerusalem. Die himmlische Ruhe steht seit Ewigkeit bereit, die Frommen aufzunehmen. Die himmlische Welt ist die eigentliche, beständige von Gott als Ort des Heils zubereitete ‘Welt’, dergegenüber das Irdische nur der Ort vorläufiger Existenz und abgeschwächter Heilsmöglichkeiten ist, der nur ein ‘Schatten’ der himmlischen Güter aufweisen kann (10,1; 8,5). Christi ewiger himmlischer ‘Kultdienst’ am himmlischen Heiligtum (7,24f; 8,2) besteht, nach der grundlegenden Opferdarbringung bei seinem Eintritt in den Himmel, in dem beständigen Eintreten für die Seinen. Eine auf die weiterlaufende irdische Geschichte bezogene Funktion hat er nicht. Das “Sitzen zur Rechten des Herrlichkeits-Thrones” (8, 1) meint im Sinne des Hebr keine aktive Teilhabe an Gottes Weltregiment. Von der Welt und innerhalb der irdischen, menschlichen Geschichte wird kein Heil erwartet. Die Welt wird betrachtet als Durchgangsland, als Ort der Wanderung auf das ewige Ziel der himmlischen Ruhe zu (352f).

Die geschichtliche Sicht im Hebr bezieht sich nur auf das Irdisch-Vorläufige, sofern eben jeder auf Erden lebende Mensch bis zu seinem Tode der irdischen Geschichte verhaftet ist und deshalb das offenbare Heil, seine volle Anteilhabe am Heil noch vor sich hat und darauf zugeht. Die wahre Welt des vollen Heils ist bei Gott, im Himmel, vorhanden (353f).

J. Dupont: Individuelle Eschatologie im Lk-Ev und in der Apg

Ein “unvergänglicher Schatz in den Himmeln” (Lk 12,33)

Die Parabel vom törichten Reichen (Lk 12,16-21) und die anschließenden Mahnungen (Lk 12, 22-34)
Die Torheit des Reichen besteht nicht so sehr darin, dass er nicht an den Tod gedacht hat, sondern, dass er sich nicht darum gekümmert hat, was nach dem Tode kommt. Er übersah die Möglichkeit, seinen Reichtum für sein Glück im Jenseits auszunützen: "So geht es dem, der für sich Schätze sammelt und sich nicht auf Gott hin bereichert hat" (V21). Der Ausdruck “sich auf Gott hin bereichern” entspricht der Mahnung, “sich einen unvergänglichen Schatz in den Himmeln” zu sammeln. Das Mittel, “sich auf Gott hin zu bereichern”, besteht darin, “seine Habe zu verkaufen und sie als Almosen zu verteilen” (V33). Lukas bezeichnet die Schätze, die man im Himmel durch das Verteilen seiner Güter an die Armen erwirbt, als “unvergänglich”. Dieses Adjektiv entspricht dem, was 16,9 von dem Augenblick sagt, in dem das Geld “ausgeht”. Dieser Augenblick ist der Tod. Der Jünger Jesu muss sich um den Schatz sorgen, der ihm im Himmel, bei Gott, zur Verfügung steht, wenn “seine Seele von ihm zurückgefordert wird” (V20) (38f).

Indem Lukas die Sentenz: “Fürchte dich nicht, du kleine Herde! Denn es hat eurem Vater gefallen, euch das Reich zu geben” (V32) in diesen Kontext einfügt, scheint er sie so zu verstehen, dass das Reich jedem Jünger im Augenblick seines Überganges in das andere Leben gegeben werden soll. Diese Verheissung kann mit der Mahnung in Zusammenhang gebracht werden: “Wir müssen durch viele Drangsale in das Reich Gottes eingehen” (Apg 14,22). Bei den Drangsalen handelt es sich um Schwierigkeiten aller Art, mit denen der Christ inmitten einer feindlichen Welt zu kämpfen hat. Der Text erinnert an die lkn Formel: “Musste nicht Christus leiden, um in seine Herrlichkeit einzugehen” (24,26)? Diese Parallele und auch der von Lukas vertretene individuelle Gesichtspunkt sprechen für die Auffassung, dass mit dem “Eintritt in das Reich” der Augenblick des Todes gemeint ist. Der Eintritt in das Gottesreich Apg 14,22b wird in Apg 20,32 zum Empfang des “Erbes unter den Geheiligten”. Der individuelle Gesichtspunkt der Rede und das Fehlen jeglicher Bezugnahme auf die Zukunftseschatologie lassen es wahrscheinlich erscheinen, dass Lukas den Ausdruck mit dem Tod des Christen in Zusammenhang bringt: für diesen Augenblick erhofft er die Teilnahme am Glück der Erwählten (39f).

Lukas ändert Mk 13,13b: “Wer aber ausharrt bis ans Ende, der wird gerettet werden” in “durch eure Standhaftigkeit gewinnt ihr euer Leben” (Lk 21,19). Lukas liess die Worte “bis ans Ende” aus, da sie mit dem unberechenbaren Weiterdauern der Geschichte unvereinbar sind. Er setzt anstelle des “Ausharrens bis ans Ende” die Aufforderung, bis zum Tode auszuharren. Der Gedanke an den Verlust des Lebens erinnerte ihn unwillkürlich an die Verheißung: “Wer sein Leben verliert, der wird es gewinnen” (Lk 17,33). Das eschatologische Heil wird durch ein Heil abgelöst, das sich durch den Tod hindurch verwirklicht, und zwar gerade in jenem Augenblick, in dem die Standhaftigkeit des Christen im Opfer seines Lebens gipfelt (40).

Lukas ändert Mk 12,26: “Ich bin der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs”. Die Aussage wird nicht mehr Gott, sondern Moses in den Mund gelegt. Lukas sieht darin nur mehr eine Andeutung: “Dass aber die Toten auferweckt werden, hat Moses ... angedeutet” (Lk 20,37f). Er fügt der Erklärung “Er ist nicht ein Gott der Toten, sondern der Lebenden”, eine neue Verdeutlichung hinzu: “Denn alle leben für ihn”. Ein Äquivalent zu dieser Begründung finden wir in 4 Makk 7,19; 16,25, wo von dem Tod der jüd. Märtyrer unter Antiochus Epiphanes gesprochen wird: “Sie glaubten, dass sie wie die Patriarchen Abraham, Isaak und Jakob, nicht für Gott sterben, sondern für ihn leben würden. Sie wussten auch, dass alle die um Gottes willen sterben, für Gott leben, so wie Abraham, Isaak, Jakob und alle Patriarchen”. Das Thema ist die Unsterblichkeit. Die in der Freundschaft mit Gott starben, besitzen jetzt schon das Leben. Lukas schreibt nicht: “Alle werden für Gott leben”, er spricht von etwas Gegenwärtigem: “Alle leben für ihn”. Die Perspektive des Fortlebens nach dem Tod tritt an die Stelle der eschatologischen Perspektive der Auferstehung am Ende der Zeiten (40f).

Lk 12,4f fügt gegenüber Mt 10,28 eine Reihe von Verdeutlichungen hinzu: “Ich aber sage euch, meinen Freunden: Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten und nachher nichts Weiteres tun können! Ich will euch aber zeigen, wen ihr fürchten müsst: Fürchtet den, der Macht besitzt, nachdem er getötet hat, in die Gehenna zu werfen. Ja, ich sage euch: Den fürchtet”. Dieser Text ist eindringlicher. Indem Lukas die Ausdrücke “die Seele töten” und “den Leib verderben” korrigierte, lenkt er gleichzeitig seine Aufmerksamkeit auf das, was nach dem Tod geschieht. Dies geht klar aus den beiden redaktionellen Zusätzen “nachher” und “nachdem er getötet hat” hervor. Der Gott, der den Sünder nach seinem Tode in die Gehenna verbannen kann, kann ebenfalls jenen Jüngern, denen die Verfolger das Leben raubten, das Heil schenken, und zwar unmittelbar nach ihrem Tod (41).

Die “Freunde”, die euch “in die ewigen Zelte aufnehmen” (Lk 16,9)

Die Parabel vom klugen Verwalter (Lk 16, 1-13) bildet die Antithese zu der Geschichte vom törichten Reichen (12,16-20). Die Bemerkung V 8a: “Er hat klug gehandelt” kontrastiert mit dem Vorwurf 12,20: “Du Tor”!. Der V 9 spricht von dem Augenblick, in dem das Geld “ausgeht” und erinnert so an die “unvergänglichen Schätze” (12,33). Der Text besitzt im Rahmen des Lk-Ev keine eschatologische Perspektive. Der wahre Abschluss der Parabel findet sich in V 9: “Und ich sage euch: Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon, damit sie euch, wenn er euch ausgeht, in die ewigen Zelte aufnehmen”. In V 4 und in V 9 geht es um jene, die man sich durch Verteilen des “Mammons der Ungerechtigkeit” zu Freunden gemacht hatte. Es geht um eine Mahnung zum Almosengeben. Die Freunde sind die Armen, denen Almosen gegeben wurden. Sie treten an die Stelle der “unvergänglichen Schätze”, von denen in 12,33 die Rede war. Der Zeitpunkt, in dem das Geld “ausgeht” und in dem es gut sein wird, Freunde zu haben, die in die ewigen Zelte aufnehmen, entspricht jenem Augenblick, in dem der Verwalter seines Amtes enthoben wird (V 4). Das Bild passt zum individuellen Tod, wenn der Mensch von der Verwaltung seiner Güter enthoben wird, die ihm anvertraut waren. Das Geld, das “ausgeht”, steht im Gegensatz zu jenen “unvergänglichen Gütern” in 12,33. Es entspricht gleichzeitig den vom törichten Reichen aufgehäuften Gütern, die wegen seines Todes anderen zufallen werden 12,19f. Dem Beispiel des klugen Verwalters wird der Fall des törichten Reichen gegenübergestellt, der für die Zukunft nicht voraussorgte. Im Augenblick des Todes muss man in die ewigen Zelte aufgenommen werden. Dann kommt alles darauf an, einen unvergänglichen Schatz zu besitzen (42f).

Der V 14 von den “geldgierigen” Pharisäern stellt einen Übergang zur Parabel vom reichen Mann und dem armen Lazarus (Lk 16,19-31) her. Der Reiche stellt das Bild eines “geldsüchtigen” Menschen dar. Der erste Teil (19-26) erklärt das Geschick, das dem Reichen zufiel: “Kind, denke daran, dass du in deinem Leben dein Gutes empfangen hast und Lazarus das Schlechte. Jetzt wird er hier getröstet, du aber leidest Pein”. Während in der synoptischen Tradition das Wort “Leben” stets das “ewige Leben” bezeichnet, bezieht es sich hier (wie 12,15) auf die irdische Existenz, die im Augenblick des Todes endet. Da beginnt eine Zeit, die zum “Jetzt” für den Reichen wie für den armen Lazarus wurde; ein “Jetzt”, dessen Bedingungen jenen des “Lebens” diametral entgegengesetzt sind. Der Arme, der schon seinen Anteil am Schlechten hatte, erfreut sich jetzt vollkommener Seligkeit. Der Reiche, der alle Vorteile seines Reichtums genoss, darf sich über die Leiden, die über ihn hereinbrechen, nicht wundern. Sein trauriges Geschick ist um so unabänderlicher, als seine Geldsucht ihn daran hinderte, sich in der Person des Lazarus einen Freund zu erwerben, der ihm vielleicht in der anderen Welt hätte helfen können. Die neuen Lebensumstände des Armen und des Reichen ereignen sich unabhängig von jeglichem eschatologischen Geschehen (43f).

Die Erklärung, die Abraham dem Reichen gibt (V25), entspricht der lkn Fassung der Seligpreisungen und Weherufe in 6, 20-26. Viermal fügt Lukas das Adverb ‘jetzt’ hinzu: “Selig, die ihr jetzt hungert, die ihr jetzt weint. Wehe euch, die ihr jetzt satt seid, die ihr jetzt lacht”. Die Zeit des ‘Jetzt’ entspricht jener, die durch die Worte (V25): “während deines Lebens” definiert wird. Es geht um die irdische Existenz des Menschen im Gegensatz zu einem “danach”, mit dem nur das Jenseits des Todes gemeint sein kann. Der Trost, der jenen verheißen wird, die “jetzt” leiden, scheint ihnen bei ihrem Übergang in das Jenseits geschenkt zu werden. Das furchteinflößende “danach” wird sofort beim Scheiden aus diesem Leben beginnen. Diese Texte erhalten ihren wahren Sinn nur in der Perspektive der individuellen Eschatologie (44).

“Heute wirst du mit mir im Paradies sein” (Lk 23,43)

Der gute Schächer bekennt zuerst die Unschuld Jesu (V41). Dann betet er: “Jesus gedenke meiner, wenn du in dein Reich kommst” (V 42). Er bekennt dadurch sowohl die Messianität Jesu als auch seine Rettermacht in einer eschatologischen Perspektive, denn diese Bitte bezieht sich auf die Parusie. Jesus antwortet ihm: “Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein”. Die dem Schächer gegebene Verheißung stellt an die Stelle einer endzeitlichen Hoffnung eine, die unmittelbar vor ihrer Erfüllung steht: das Heil, das der Schächer für das Ende der Zeiten erbittet, wird ihm heute noch, im Augenblick seines Todes, zuteil werden. Lukas Interesse am individuellen Heil macht ihn aufmerksam für die endgültige Wende, die für den einzelnen bei seinem Tod eintritt. In diesem Augenblick wird sein Geschick unwiderruflich festgelegt. Das des guten Schächers wird das gleiche sein wie jenes des armen Lazarus in der Parabel, der in den Schoss Abrahams getragen wurde (16,22) (45).

Das Geschick des guten Schächers, der unmittelbar nach dem Tod in das Paradies aufgenommen wird, kann nach Apg 1,25 jenes des Judas gegenübergestellt werden: Er verliert sein Apostelamt, um “an seinen Ort zu gehen” d.h. in die Gehenna. 1Clem 5,4 schreibt, dass Petrus, nachdem er sein Zeugnis abgelegt hat, “sich an den Ort der Herrlichkeit begab, die ihm zukam”. Lohn und Strafe folgen unmittelbar auf den Tod, abgesehen von den Ereignissen am Ende der Zeiten (46).

Lukas stellt in diesen Texten keine Beziehung zwischen der individuellen und der kollektiven Eschatologie her. Die individuelle Eschatologie hat sich bei Lukas verselbständigt. Sie führt zu einer gewissen Relativierung der kollektiven Zukunft und der Ereignisse, die das Ende der Welt bezeichnen. Für den einzelnen wird die Zukunft der Welt zur Gegenwart in seinem Tod (Du 46f).

Die jüdische Vorstellung vom himmlischen Paradies, dem Aufenthaltsort der verstorbenen Gerechten und Väter

In diesem Vorstellungsmodell gibt es keine Parusie, weil die Christen im Tode zur Christusgemeinschaft in den Himmel gerettet werden. Auch gibt es kein Endereignis, denn die neue Welt ist im himmlischen Bereich bereits gegenwärtig.

Der Heilsort im Himmel:
“der Kleinste im Himmelreich” “ihr werdet nicht in das Himmelreich kommen” (Mt 5,19f). “Es werden nicht alle .... in das Himmelreich kommen” (Mt 7,21). “viele werden mit Abraham .... im Himmelreich zu Tisch sitzen” (Mt 8,11). “Der Kleinste im Himmelreich ist größer als er” (Mt 11,11). “Wer ist der Größte im Himmelreich” (Mt 18,1.4)? “es wird euch im Himmel reichlich belohnt werden” (Mt 5,12., Lk 6,23) “in meines Vaters Hause sind viele Wohnungen... Ich gehe hin euch die Stätte zu bereiten” (Joh 14,2). “Ich kenne einen Menschen, der wurde entrückt bis in den dritten Himmel... Der wurde entrückt bis in das Paradies” (2Kor 12,2). “Der Herr wird mich erlösen von allem Übel und mich retten in sein himmlisches Reich” (2Tim 4,18). “...ein Erbe aufbewahrt im Himmel für euch” (1Ptr 1,4).

Die obere Stadt, das himmlische Vaterland:
“Das himmlische Jerusalem” (Gal 4,26).
„Abraham wartete auf die Stadt, deren Baumeister und Schöpfer Gott ist“ (Hebr. 11,10.16). Sie sind „Gäste und Fremdlinge auf Erden“, denn „sie suchen ein Vaterland“ (Hebr 11,13f). „Sie sehnen sich nach einem besseren Vaterland, nämlich dem himmlischen. Gott hat ihnen eine Stadt gebaut“ (Hebr 11,16). „Ihr seid gekommen zu... der Stadt des lebendigen Gottes, dem himmlischen Jerusalem“ (Hebr 12,22). „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir“ (Hebr 13,14).

Im Paradies sind jetzt schon: alle Patriarchen, alle Propheten, alle Apostel, alle Märtyrer (unter ihnen Stephanus), alle Heiligen (1Thess 3,13), der arme Lazarus, der reumütige Schächer. “Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein” (Lk 23,24). Der arme Lazarus wurde von den Engeln in Abrahams Schoss getragen (Lk 16,22). “...wenn ihr sehen werdet Abraham, Isaak und Jakob und alle Propheten im Reich Gottes, euch aber hinausgestoßen” (Lk 13,28). “Sie (die Märtyrer) schrien mit lauter Stimme: 'Herr, du Heiliger und Wahrhaftiger, wie lange richtest Du nicht und rächst nicht unser Blut an denen, die auf der Erde wohnen?' Und ihnen wurde gegeben einem jeden ein weißes Gewand...” (Offb 6,10f).

c. G. Lohfink: "Das Problem einer individuellen Eschatologie wurde erst akut, als in der Folgezeit Christen starben, ohne dass das wirkliche Ende gekommen war. Der damals herrschende Vorstellungshintergrund der jüdischen Apokalyptik ließ es nicht zu, von einer Auferweckung einzelner unmittelbar aus dem Tode zu sprechen. Denn für das jüdische Denken ist die Auferweckung der Toten ein universales Geschehen am Ende, wenn die Gräber geöffnet werden (143f).

Von einer Auferstehung der Christen im Tod kann ohne dogmatische Verluste erst dann gesprochen werden, wenn die unaufgebbare Priorität des auferstandenen Christus auch jenseits eines reinen Zeitschemas gedacht werden kann und wenn mit Hilfe eines differenzierteren Zeitbegriffs, als ihn die jüdische Apokalyptik verwenden mußte, denkbar gemacht werden kann, dass eine Auferstehung des einzelnen im Tod mit der allgemeinen Totenauferstehung der Weltvollendung zusammenfällt. Der alten Kirche standen diese Denk- und Sprachmöglichkeiten nicht zur Verfügung" (Lo 145).