2.5 Was dürfen wir hoffen angesichts des Todes und angesichts der geschichtlichen Wirklichkeit?

H. Graß (1974)

Im NT gibt es keine einheitliche Eschatologie, sondern verschiedene Eschatologien. Der Übergang zur hellenistischen Gemeinde ist verständlicher, wenn auch in der Urgemeinde schon das Bewusstsein gelebt hat, dass der neue Äon bereits im Anbrechen ist. Im hellenistischen Bereich hat eine Verschiebung von der Erwartung zu dem in Jesus Christus bereits gegenwärtigen Heil stattgefunden. Die Begriffe des Reichs Gottes und des Menschensohns treten zurück; man erwartet jetzt den Kyrios, aber dieser Kyrios ist der gegenwärtige, den man im Kult verehrt und im Geist erfährt. Man blickt stärker auf das, was an Heilsgaben bereits geschenkt ist, als auf das, was zur vollen Verwirklichung des Heils noch fehlt (169).

Dass man Paulus  nicht einseitig auf die Vorstellungen des jüdisch-apokalyptischen Hoffnungsbildes festlegen kann, zeigen Stellen wie Phil 1,23 und 2Kor 5,1-8. Auch der von Paulus übernommene Christushymnus Phil 2,6ff proklamiert am Schluss die Herrschaft Christi über die Wesen und Mächte aller Bereiche, ohne dabei die Auferstehung Christi und seine Parusie zu erwähnen. Selbst im zentralen Abschnitt über die Totenauferstehung 1Kor 15 wird in den Vv. 35-50 die Grundverschiedenheit der Auferstehungsleiblichkeit von der irdischen Leiblichkeit so stark hervorgehoben, dass der jüdische Auferstehungsrealismus gebrochen ist (170).

Die Vergeschichtlichung der Eschatologie ist von Johannes  radikal durchgeführt worden. Johannes hat nicht nur auf die apokalyptische Zukunftseschatologie verzichtet, sondern er hat seine Anschauungen offenbar in Antithese zur traditionellen apokalyptischen Eschatologie formuliert. Jeder Gedanke an eine kosmische Katastrophe fehlt. Die Parusie ist durch das Wiederkommen im Geist ersetzt. Der Ausblick auf eine künftige Vollendung des jetzigen Lebens des Glaubenden bezieht sich auf die Zukunft des einzelnen Glaubenden nach dem Ende seines irdischen Lebens. Johannes bedient sich nicht der Hoffnungsbilder der jüdischen Apokalyptik, sondern der Gnosis, jedoch sind diese umgeformt und ihres mythischen Charakters entkleidet (14,3f; 17,24). Die apokalyptische Eschatologie hat bei Johannes jedes Gewicht verloren. Das Schwergewicht liegt in der Gegenwärtigkeit des eschatologischen Geschehens; Christus ist die Auferstehung und das Leben (11,25; 14,6), wer an ihn glaubt, kommt nicht ins Gericht, das jetzt schon ergeht (12,31), sondern ist aus dem Tod ins Leben hinübergegangen (5,24;  3,16.18;  6,47;  8,51). Die Hoffnung bezieht sich darauf, nach dem Tod zu ihm in die Herrlichkeit aufgenommen zu werden (17,24;  12,32) (170f).

Auch im Hebräerbrief hat eine starke Gewichtsverlagerung weg von der apokalyptischen Eschatologie stattgefunden. Zwar verwendet der Hebr weiterhin die urchristlichen apokalyptischen Vorstellungen und Begriffe. Aber die Verwendung dieser Begriffe kann nicht darüber hinweg täuschen, dass die entscheidenden eschatologischen Vorstellungen des Hebr nicht solche der Zeitlichkeit, sondern der transzendenten Räumlichkeit sind. Das gilt für Begriffe wie 'Eingehen in die Ruhe' (3,11.18;  4,1-11), 'himmlische Stadt, himmlisches Jerusalem oder Vaterland' (11,10.13-16;  12,22f;  13,14) und andere Begriffe. Das gilt vom Hinzutreten zu Gott, zum Thron der Gnade, zu dem die Gläubigen aufgerufen werden, weil Christus, der Hohepriester, in das himmlische Heiligtum eingetreten ist und dort für die Seinen eintritt (4,14-16;  7,19.25;  10,21f). Die Vorstellung von einem ewig am himmlischen Heiligtum amtierenden Hohenpriester steht mit der des zum Gericht kommenden Menschensohns in einem Spannungsverhältnis. Von Christi Sitzen zur Rechten Gottes ist mehrfach die Rede (1,3;  8,1; 12,2), aber er hat sich dort für immer niedergelassen, er kommt nicht zum Gericht, sondern wartet, bis seine Feinde zum Schemel seiner Füße gemacht werden (10,12f), er nimmt dort einen ständigen himmlischen Dienst wahr (8,1f). Der Prolog des Briefes 1,1ff begnügt sich mit der Feststellung der sessio ad dextram und der Erhabenheit Jesu über die Engel. Die Schlussdoxologie (13,20f) bringt trotz der Erwähnung der Auferstehung Jesu keinen eschatologischen Ausblick. Auch das Wort: Jesus Christus gestern, heute und derselbe auch in Ewigkeit“ impliziert nicht notwendig die Parusie. Die apokalyptisch klingenden Stellen befinden sich vor allem in Paränesen (10,25.27.36-39). Sie sind weniger theologisch als stimulierend gemeint. Nur in der Vorstellung der Glaubenswanderschaft hält der Hebr den urchristlichen Zeitbegriff fest. Aber das Ziel dieser Wanderschaft liegt nicht nur vorne, sonder auch oben, im Jenseits, in der himmlischen Heimat (3,7-4,11;  11,40;  13,14). Verbunden ist die irdische Gemeinde, das wandernde Gottesvolk mit der himmlischen Heimat und der himmlischen Gemeinde durch den Gottesdienst (12,22-24) (171).

Lukas hat die Naherwartung aufgegeben. Die Geschichte der Kirche hat als dritte Epoche der Heilsgeschichte ein eigenes Gewicht bekommen. Der Blick ist nicht vorwärts auf den kommenden Herrn gewandt, sondern eher rückwärts auf das Leben und Wirken Jesu, das die Mitte der Heilsgeschichte bildet. Die Erwartung ist in die Ferne gerückt. Die Frage nach dem Wann des Reichs wird abgewiesen und die Mission für den ganzen Erdkreis anbefohlen (Apg 1,6-8). Lukas hat mit seiner heilsgeschichtlichen Eschatologie am Ende der Tage das Schema vorgezeichnet, wie es dann in der späteren kirchlichen Eschatologie maßgebend geworden ist (171f).

Die Auffassungen bei Johannes, im Hebräerbrief und bei Lukas zeigen, dass die urchristliche Eschatologie einen verschiedenen Ausgang genommen hat: Wir haben eine heilsgeschichtlich-endgeschichtliche Eschatologie bei Lukas, eine präsentische Eschatologie bei Johannes, eine Jenseitseschatologie im Hebräerbrief. Die präsentische Eschatologie des Johannes wird durch eine Jenseitseschatologie ergänzt, die die Aufnahme der Gläubigen in die himmlische Herrlichkeit erhofft. Paulus, der auf das nahe Ende hofft, hofft auch, mit dem Abscheiden bei Christus zu sein. Der Hebräerbrief überbietet die individuelle Hoffnung dadurch, dass er das Gottesvolk auf die himmlische Heimat zuwandern lässt. Der auf dem himmlischen Thron sitzende und im himmlischen Heiligtum amtierende Christus ersetzt bei ihm den Machterweis des Kommenden, was schon im Christushymnus (Phil 2,9-11) der Fall zu sein scheint. Von einer einheitlichen Eschatologie im NT kann nicht die Rede sein (172).

Die apokalyptische Eschatologie im NT verdankt ihre Lebendigkeit der Naherwartung. Mit dem Ausbleiben der Parusie musste sie diese Lebendigkeit verlieren. Eine Erwartung der Wiederkunft Christi einst am Ende der Geschichte (Lukas) und die Naherwartung des Urchristentums sind zwei sehr verschiedene Dinge. Zum andern ist zu fragen, ob das, was uns im NT als Eschatologie begegnet überhaupt christlich ist. Die ntl Eschatologie ist im starken Maß von der spätjüdischen Apokalyptik abhängig. Die spätjüdische Apokalyptik ist der ntl Eschatologie vorgegeben und prägt ihre Denk- und Vorstellungsweisen. Sie kann nicht einfach als Ausdruck des christlichen Glaubens verstanden werden (172f).

In Christus ist die Verheißung ans Ende gekommen und erfüllt. Das apokalyptische Erbe, das das NT aus dem Spätjudentum übernahm, war kein segenreiches Erbe, weil damit die mythologische Hypothek übernommen wurde, dass Gott alsbald der Geschichte und dieser Welt in einem Gerichtsakt ein Ende bereiten werde. Das ist eine Vorstellung, die sich nicht festhalten lässt. Wenn wir heute den Glauben an Gott den Schöpfer der Welt und des Menschen mit der Erkenntnis vereinigen, dass Jahrmillionen vergingen, ehe der Mensch in der Schöpfung erschien, dann können wir nicht mehr an den alten apokalyptischen Vorstellungen festhalten, die das Schicksal des Menschen, der Menschheitsgeschichte und des Kosmos in einem eschatologischen Ereignis miteinander verbindet. Das spätjüdische und urchristliche apokalyptische Hoffnungsbild, kann so, wie es gemeint war, nicht aufrechterhalten werden. Schon im NT hat man begonnen, sich davon zu entlasten: wenn nach Johannes Christus hingeht und den Seinen eine Stätte bereitet, um sie zu sich zu nehmen (14,2f), wenn im Hebr das wandernde Gottesvolk in die himmlische Ruhe eingeht, wenn Paulus bekennt, er habe Lust, abzuscheiden und bei Christus zu sein (Phil 1,23) (173f).

Für den christlichen Glauben ist die Hoffnung darin begründet, dass Gott uns hier in diesem Leben seine Gemeinschaft, Liebe und Gnade gewährt und dass wir hoffen dürfen, dass diese Gemeinschaft im Tod nicht ihre Grenze und ihr Ende findet. Gott lässt die Seinen auch im Tod nicht (175f).

Paul Gerhardt (370): 'Warum sollt ich mich denn grämen? Hab ich doch Christus noch, wer will mir den nehmen? Wer will mir den Himmel rauben, den mir schon Gottes Sohn beigelegt im Glauben? 12) Du bist mein, weil ich dich fasse und dich nicht, o mein Licht, aus dem Herzen lasse. Lass mich, lass mich hingelangen, da du mich und ich dich ewig werd umfangen'. In dem Einswerden mit dem Willen Gottes ist die Gottesferne aufgehoben. So wie Gott seinen Sohn, den er in die tiefste Erniedrigung gab, nicht im Tod ließ, sondern sich zu ihm bekannte, so dürfen auch wir hoffen, dass er uns nicht lassen wird. Wir sind zwar nicht seinem Sohn gleich, aber wir sind doch seine Kinder. Dass der Sohn und die Kinder zusammengehören, davon zeugt das NT auf mannigfache Weise. Die Hoffnung des einzelnen, die von der Gemeinschaft ausgeht, die uns Gott hier und jetzt schon im Glauben gewährt, dass er diese Gemeinschaft durchhält und uns auch im Tod nicht lässt, das ist unsere Hoffnung. Wir hoffen, dass die Gemeinschaft, die hier nur bruchstückhaft ist, sich im Tod vollendet (179f).

Ein Gesamtbild der Zukunft ist nicht möglich, wenn auch wahrscheinlich ist, dass die Menschheitsgeschichte vor der Erdgeschichte enden wird und die Geschichte des Kosmos alles überdauern wird. So wie wir das Werden der Welt in Jahrmillionen mit dem Gedanken an Gott den Schöpfer verbinden, so auch die Zukunft der Welt in Jahrmillionen (181).

Der Glaube kann nicht ohne Hoffnung sein. Dass Gott unsere Hoffnung ist und Christus als die Liebe in ihr ihren Platz hat, wird dabei im Mittelpunkt stehen. Mit Gott und Christus ist ein Reich gegeben, in dem die Dunkelheiten dieser Welt überwunden sind und das Nichtseinsollende nicht mehr ist. Der Glaubende hofft auf ein solches Reich, das unter der Macht Gottes und unter der Liebe Christi steht (186).