2.6 Unsere Hoffnung ist allein Christus

H. Graß (1969)

Es gibt keine selbstständigen 'letzten Dinge' außer und neben ihm, dem Letzten. Es gibt keine diffuse, sondern nur die auf ihn konzentrierte eine Hoffnung. Die Zukunft ist allein in Jesus Christus wirklich. Bei Barth handelt es sich um eine notwendige Entmythologisierung der ntl Eschatologie. Mit Recht sagt Barth, dass jenseits des Sterbens sofort Gott der Schöpfer bzw. Jesus Christus eingreift (205f).

Bultmann hat eine Reihe von Gründen für die Entmythologisierung der Eschatologie geltend gemacht: das veränderte Welt- und Geschichtsbild, den Tatsachenbeweis der Geschichte, die die urchristliche Naherwartung nicht bestätigte, die Uneinheitlichkeit der eschatologischen Vorstellungen im NT, die sich gegenseitig relativieren, zudem gar nichts spezifisch Christliches sind, sondern aus der jüdischen Apokalyptik oder der Gnosis stammen, den stufenweisen Abbau der apokalyptischen Eschatologie im NT, der bei Johannes beendet ist. Die Entmythologisierung ist bereits ein Anliegen des NTs selbst (208).

Der Gedanke kann von uns nicht mehr nachvollzogen werden, dass das Ende der Menschheitsgeschichte und das Ende der Welt in einem Akt zusammenfallen, wie es die endgeschichtliche Eschatologie annimmt. In der Frage des Ursprungs der Welt und des Menschengeschlechts hat sich die Theologie längst von der mythologischen Vorstellung gelöst, dass beides im Vollzug eines Schöpfungsaktes geschehen sei. Wir vereinigen den Glauben an Gott, den Schöpfer der Welt und des Menschen, mit der Erkenntnis, dass Jahrmillionen vergingen, ehe der Mensch in der Schöpfung erschien. Hinsichtlich des Ausgangs der Welt dagegen glaubt man immer noch an den alten mythologischen Vorstellungen vom gleichzeitigen Ende der Geschichte und des Kosmos festhalten zu dürfen. Durch den krampfhaften Versuch, das ewige Schicksal des Menschen mit dem Schicksal der Menschheitsgeschichte und beides mit dem Schicksal des Kosmos in einem eschatologischen Ereignis zu verbinden, wird nicht der Kosmos in die Geschichte einbezogen, sondern die Geschichte und die Zukunft des Menschen mit einer kosmologischen Hypothek belastet (217f).

Wenn wir die Zukunft des Menschen abgesehen von der Zukunft der Welt betrachten, d.h. eine Jenseitseschatologie abgesehen von einer endgeschichtlichen Eschatologie ins Auge fassen, so unternehmen wir damit nichts Neues. Wir können uns dafür auf eine reiche Glaubens- und Lehrtradition der Kirche berufen. Zwar sind die Zeugnisse des NTs für diese Jenseitseschatologie spärlich: außer Phil 1,21ff und 2Kor 5,1ff könnte man allenfalls noch Lk 23,43 und 16,22 nennen. Auch wäre zu fragen, ob nicht das johanneische Hoffnungsbild Zeugnisse für eine Jenseitseschatologie enthält, z.B. Joh 14,2f; 12,32; 17,24; 11,25f; 1Joh 3,2. Jenseits der Grenze des NTs spielt diese Form der Hoffnung jedenfalls eine große Rolle. Auch Luther spricht nicht nur vom Jüngsten Tag, sondern auch von der ewigen Seligkeit der in Christus Verstorbenen schon jetzt im Himmel. In verstärktem Maß gilt das von Calvin und von der altprotestantischen Orthodoxie. In den Sterbe- und Ewigkeitsliedern der Kirche herrscht die Jenseitseschatologie vor. Für uns ist der eigene Tod und die Frage, was dann sein wird, 'realer', existenzbetreffender als das Ende der Welt und der Hereinbruch des Reichs, in dessen unmittelbarer Erwartung das Urchristentum lebte. Die Präponderanz der individuellen vor der universalen Hoffnung kommt auch deutlich in der Begründung und Methode der Eschatologie zum Vorschein. Wenn man die Hoffnung in der uns hier schon gewährten, aber noch nicht vollendeten Gemeinschaft mit Gott und Christus begründet, dann fragt es sich, ob man von da aus zu den biblischen Hoffnungsgedanken kommt. Die ntl Eschatologie ist nicht einfach aus der in Christus geschenkten Heilsgegenwart und Heilsgemeinschaft erwachsen. Sie ist in wesentlichen Partien aus dem Spätjudentum übernommen. Dieses Erbe wurde mit der erfahrenen Christusbegegnung kombiniert. Die im Glauben erkannte Wirklichkeit Christi samt der in ihr beschlossenen Hoffnung muss zum kritischen Prinzip der biblischen Hoffnungsgedanken werden, vor allem, wenn es unabweisbar geworden ist, dass diese Gedanken weitgehend mythologischen Charakter haben. Es gibt keine Möglichkeit, von der uns hier und jetzt im Glauben gewährten Gemeinschaft mit Christus das biblische Hoffnungsbild in all seinen wesentlichen Zügen wiederzugewinnen. Was sich von hier aus gewinnen lässt, ist die Hoffnung auf ein ewiges Leben, also eine Jenseitseschatologie (219-221).

Die Jenseitseschatologie ist oft mit der Unsterblichkeitslehre verbunden, aber ein sachlich notwendiger Zusammenhang besteht hier nicht. Es ist zweierlei, ob man die Unsterblichkeit der Seele, des Geistes oder der Person lehrt kraft einer ihr inhärierenden Qualität, oder ob man für den Eingang ins ewige Leben gleich nach dem Tod eintritt. Der Ernst des Todes liegt darin, dass der Mensch nun vor Gottes Angesicht treten muss. Wer sich die Auferstehung nur in der krassen jüdischen Weise denken kann, dass die Gräber dabei geleert werden müssen und dass der Auferstehungsleib aus der verwandelten Substanz des irdischen Leibes entsteht, der kann so argumentieren. Es ist aber schon für Paulus fraglich, ob man ihm diese jüdische Vorstellungsweise unterstellen kann. Wenigstens 2Kor 5,1ff, wo Paulus von dem im Himmel bereiteten ‘Haus‘ spricht, mit dem wir überkleidet werden, ist das nicht der Fall. Die Energie, mit der er 1Kor 15,35ff das totaliter aliter der Auferstehungsleiblichkeit betont, führt auch nicht darauf, dass ihm viel daran liegt, dass der himmlische Leib aus der Substanz des irdischen Leibes bereitet wird. Was nach dem Tod vor Gottes Angesicht treten muss, das ist weder die Seele noch Leib und Seele, sondern der Mensch, der nun den Bedingungen irdischer Existenz entnommen ist – wäre er es nicht, dann könnte er Gott nicht unmittelbar und unentrinnbar begegnen. Die Sünde des Menschen sitzt in seinem Personzentrum. Im Tod ist diesem Widersprechen und Sichentziehen ein Ende gesetzt, nun redet Gott unüberhörbar und der Mensch muss ihm unentrinnbar standhalten. Er verliert seine angemaßte Freiheit und kann die gottgebundene himmlische Freiheit nur als Geschenk erhalten. Auch die radikalste Auferstehungseschatologie muss daran festhalten, dass es derselbe Mensch ist, den Gott zum neuen Leben erweckt. Es findet keine Neuschöpfung aus dem Nichts statt. Die eigentliche Sicherung ist Gott selbst, der den Menschen nicht einfach von diesem Leben in jenes Leben eingehen lässt, sondern ihn vor sein göttliches Gericht stellt. Der Mensch bekommt das ewige Leben auf Grund eines göttlichen Urteils und einer göttlichen Gerechtmachung. Die Jenseitseschatologie, nach der Gott den Mensch gleich im Tod richtet, rettet und mit dem himmlischen Leben beschenkt, lässt dem Gericht seinen ganzen Ernst. Sie lässt keinen Glauben an die Selbstverständlichkeit des ewigen Lebens aufkommen, wie ihn die Unsterblichkeitslehre hat (221-223).

Paulus versicher den Thessalonichern (1Thess 4,13ff), dass die Entschlafenen beim Eintritt der eschatologischen Ereignisse nicht benachteiligt sein werden, setzt dabei aber voraus, dass das Ende alsbald kommen wird. Der Zustand der Entschlafenen ist also nur von kurzer Dauer und deshalb erträglich. Mit dem Wegfall der Naherwartung büßen diese Gedanken ihre tröstende Kraft ein. Nun setzten Reflexionen über den Zwischenzustand zwischen Tod und Auferstehung ein. Man versucht sich diesen Zustand als friedlichen Schlaf in der Hut des Herrn vorzustellen. Aber das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Entschlafenen nicht beim Herrn sind. Die Gemeinschaft, die Gott dem Glaubenden in diesem Leben schon schenkt, das Sterben in dem Herrn, die Zuversicht, mit der wir unsere Sterbenden in Gottes Hand befehlen und uns ihres Loses getrösten, kann mit diesem Nicht-mehr-Sein auf keine Weise in Einklang gebracht werden. Der Gedanke eines Zwischenzustandes zwischen Tod und allgemeiner Auferstehung macht Gott zu einem einsamen Gott: keine Gemeinde der Seligen umgibt ihn. Christus hat seine Gemeinde nur hier auf Erden, nicht aber unter denen, die er aus diesem Leben abberief. Das alles deshalb, weil es keine Auferstehung vor dem Jüngsten Tag geben soll, keine individuelle Hoffnung vor der universalen. Dem Urchristentum ist das nur deshalb nicht zum Bewusstsein gekommen, weil es an die unmittelbar bevorstehende Erfüllung der universalen Hoffnung glaubte. Die Kirche aber, die das Nichteintreten der Naherwartungen erfuhr, hat mit Recht aus dem Glauben an Gott und Christus und der Gemeinschaft mit ihnen hier und jetzt eine individuelle Hoffnung entfaltet. Bei dem 'Abscheiden und bei Christus sein' und der Auferstehung am Jüngsten Tag handelt es sich um einen Widerspruch zwischen zwei Endvorstellungen, zwischen denen man wählen muss. Man kann diesem Wählen nicht  durch einen Kunstgriff mit dem Zeitbegriff ausweichen (224f).

Kann und darf der christliche Glaube auf die Parusie verzichten? Im Joh-Ev spielt die Parusie kaum eine Rolle, alles konzentriert sich hier auf den ins Fleisch Gekommenen. Der Christushymnus Phil 2,5ff zieht den Bogen von der himmlischen Seinsweise Christi über die Erniedrigung zur Erhöhung, erwähnt aber die Parusie nicht, sondern schließt mit der Aufforderung an alle Kreaturen, den Erhöhten anzubeten. Eine Himmelfahrtsgeschichte kennt nur Lukas. Auch wissen wir heute, dass die christlichen Parusievorstellungen anfänglich nicht nach dem Schema erste Ankunft und zweite 'Wieder'kunft gedacht waren, sondern die Herabkunft des Messias-Menschensohns meinten. Die christologische Konzeption von dem vom Himmel gekommenen Gottmenschen, der nach vollbrachtem Erlösungswerk wieder in den Himmel zurückkehrt und von dort am Ende der Tage wiederkommen wird, ist keineswegs so einheitlich, dass ein Glied aus dem anderen mit zwingender Notwendigkeit folgt. Der christliche Glaube wird nicht dadurch verletzt, wenn man annimmt, dass wir Christus im Tod begegnen und ihn hier als Herrn erkennen lernen (226f).

Die Jenseitseschatologie ist insofern nicht individualistisch, als der Erlöste in den Kreis der vor ihm und mit ihm Erlösten eintritt. Das ewige Leben ist Leben in Gemeinschaft, Leben in einer himmlischen Ecclesia, die auch ihren Dienst haben wird. Der schaffende, allwirksame Gott wird die, die er vor sein Angesicht gerufen hat, nicht müßig sein lassen, auch wenn wir uns nicht vorstellen können, worin im einzelnen dieser Dienst besteht (227).

Das Eintreten für eine Jenseitseschatologie ist durch die Erkenntnis bedingt, dass die endgeschichtliche Eschatologie unhaltbar geworden ist. Die Forderung nach einer 'Entmythologisierung' ist unausweichlich (228).