(7) Die Parusie ist kein Ereignis in Raum und Zeit

P. Althaus: Der Ertrag der Geschichte liegt nicht in ihrem zeitlichen Endzustand vor, sondern wird in dem Jenseits der Geschichte erhoben. Und die Vollendung der Geschichte ist weder als ein geschichtlicher Endzustand zu denken noch in besondere Beziehung zu diesem zu setzen. Die ‘letzten Dinge’ haben mit der letzten Periode der Geschichte nichts zu tun. Die Eschatologie ist an der Frage nach einem geschichtlichen Endzustand nicht interessiert. Sie hat daher auch nicht die Aufgabe, Aussagen über eine zu erwartende Entwicklung oder über eine Abfolge von Perioden der Geschichte zu machen (64).

Die Eschatologie ist von Haus aus als Lehre von einem geschichtlichen Idealzustand aufgetreten. Das Zukunftsbild der israelitischen Propheten ist, trotz übergeschichtlicher Züge, zunächst endgeschichtlich-realistisch, also diesseits gedacht. Als dann später die personalistische Eschatologie mit ihrer notwendig übergeschichtlichen Art in den Gesichtskreis tritt, bedeutet der Chiliasmus, als Annahme eines Zwischenreiches auf Erden, eine Verbindung beider Gedankenreihen: er bietet die Möglichkeit, die übergeschichtlich-jenseitige Form der Hoffnung und die endgeschichtlich-diesseitige durch Verteilung auf zwei Stadien gleichzeitig zu behaupten. Das ist der Sinn des Chiliasmus. Das Urchristentum erwartet eine geschichtliche Periode der vollkommenen Herrschaft Christi auf Erden, ist also chiliastisch bestimmt. Für Jesus ist das Nebeneinander des Realistischdiesseitigen und des Übergeschichtlichen bezeichnend und gibt einen Eindruck von seiner untheoretischen, ‘undogmatischen’ Gesammeltheit auf die Gotteserwartung selber nach ihrem zentralen Inhalt (65).

W. Kreck: Die biblische Ausdrucksweise, nach der die Heilsgeschichte von einem zeitlichen Anfang des Menschengeschlechts herkommt und auf ein endzeitliches Ziel hin fortschreitet, ist keine angemessene Vorstellung. Hier wird eine Geschichte, die ihrem Wesen nach nicht in der Zeit fortschreiten und sich vollenden kann, auf die Zeitlinie gestellt. Denn die Geschichte mit Gott, wo es um Hingabe und Selbstbehauptung, um Schuld und Vergebung, um Tod und Leben, um Lüge und Wahrheit geht, ist allgegenwärtig und wird von jedem durchlebt. So wie Urstand und Fall nicht als geschichtliche Ereignisse am Anfang der Menschheit gedacht werden können, sondern Ausdruck lebendiger Gewissenserfahrung und darum überzeitliche und allgegenwärtige Tatbestände sind, so auch das Ende. Die Weltgeschichte tendiert nicht auf zeitliche Vollendung, sondern will sich in jedem Geschlecht vollenden. Die Parusie ist eine universale, gemeinsame und ‘gleichzeitige’ Erfahrung aller, obwohl wir nacheinander als einzelne sterben. “Alle Senkrechten, die wir auf der Zeitlinie errichten um auf die Ewigkeit, die Parusie, die Vollendung zu stoßen, treffen sich im Überzeitlichen in einem Punkt. Was sich uns in ein Nacheinander menschlicher Tode, des Endes von Geschlechtern, Völkern, Zeiträumen zerlegt, das ist, von dort aus gesehen, der gleiche Akt und das eine, ‘gleichzeitige’ Erlebnis der Aufhebung der Geschichte, des Eintritts der Geschichte in die Ewigkeit”. Kann man von Parusie nicht mehr als einer sinnlichen Erscheinung für diese sichtbare Welt reden, so doch als von einer übergeschichtlichen Offenbarung im Unterschied zu der Offenbarung jetzt in der Geschichte (Kr. 40-42).

Die Offenbarung Christi in Herrlichkeit am Ende der Geschichte käme nur einer Generation, eben der letzten, zugute, nicht aber allen vorigen.

Der Jüngste Tag ist kein geschichtlicher Tag! “Geschichte und Parusie ist eine contradictio in adjecto. Das Wesen und der Gehalt der Parusie - überführende Offenbarung der Herrlichkeit Christi - machen sie als geschichtliches Ereignis unmöglich. Nirgends kann die Geschichte der Ort einer unmittelbaren, überführenden Gegenwart des Göttlichen sein, nirgends Stätte des Schauens der doxa. Das gilt auch von der letzten Epoche der Geschichte”. Das Sehen des Menschensohnes ist als solches kein endgeschichtliches, sondern das geschichtsendende Ereignis.

Für das letzte Geschlecht ist die Parusie der Tod, das Ende allen geschichtlichen Lebens. Die Parusie, der Jüngste Tag liegt über und jenseits dieser Geschichte. Auch die Auferstehung Jesu Christi als Vorwegnahme des Endes ist in ein Jenseits der Geschichte zu verlegen, als es sich in der Tat bei den Ostererscheinungen um Vorgänge handelt, welche geschichtlichen Menschen in Raum und Zeit widerfuhren, aber selbst kein geschichtliches Erleben mehr waren, sondern jenseits aller Möglichkeiten menschlich-irdischen Sehens und Hörens lagen. “Die Augen und Ohren, denen der Herr sich zeigte, waren andere als die Augen und Ohren, mit denen wir Geschichte erleben”. Die Offenbarung des Herrn in Herrlichkeit kann kein geschichtlicher Tag mehr sein (Kr. 186).

W. Kreck: K. Barth: In seiner Auslegung von 1Kor 15 spricht Barth sein völliges Desinteresse an einer endgeschichtlichen Eschatologie aus. Das Ende ist jeder Zeit nahe, und die größten, auch ‘supranaturalen’ Katastrophen würden kein Mehr oder Weniger bedeuten gegenüber anderen Zeiten (Kr. 42f).

Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis. Dass auch die Gegenstände der biblischen Anschauungswelt zum Vergänglichen gehören, dass sie dienen und nicht herrschen, bedeuten und nicht sein wollen, darüber lässt uns die Bibel selbst jedenfalls nicht im Zweifel. Von letzten Dingen würde nur reden, wer vom Ende aller Dinge reden würde, vom Ende der Geschichte, vom Ende der Zeit (B. 59).

In seiner Auslegung von Röm 13,11ff sagt Barth: “Unvergleichlich steht der ewige Augenblick allen Augenblicken gegenüber, gerade weil er aller Augenblicke transzendentaler Sinn ist”. Barth redet von diesem ewigen Augenblick als der qualifizierten Zeit, die mit keiner Stunde an sich zusammenfällt, aber doch immer da Ereignis wird, wo Gottes Wort uns aus dem Schlaf aufweckt. Die Ewigkeit von der hier die Rede ist, ist die Aufhebung aller Zeit. Darum ruft er uns zu: “Will das unnütze Gerede von der ‘ausgebliebenen’ Parusie denn gar nicht aufhören? Wie soll denn ‘ausbleiben’ was seinem Begriff nach überhaupt nicht ‘eintreten’ kann? Denn kein zeitliches Ereignis, kein fabelhafter ‘Weltuntergang’ ist das im NT verkündigte Ende, sondern wirklich das Ende, so sehr das Ende, dass die neunzehnhundert Jahre nichts zu bedeuten haben, was seine Nähe oder Ferne betrifft (Kr. 43).

Wer heißt uns diese ewige Wahrheit abzuschwächen zu einer zeitlichen Wirklichkeit? Wer heißt uns die Erwartung des Endes zur Erwartung eines groben, brutalen, theatralischen Spektakels zu machen und, wenn dieses mit Recht ‘ausbleibt’, uns getrost wieder schlafen zu legen? Nicht die Parusie ‘verzögert’ sich, wohl aber unser Erwachen. Erwachten wir, erschräken wir vor der Tatsache, dass wir in jedem zeitlichen Augenblick tatsächlich an der Grenze aller Zeit stehen. Wir würden darin, dass der ewige Augenblick nicht ‘eintritt’ (nie eingetreten ist und nie eintreten wird) die Würde und die Bedeutung des uns gegebenen zeitlichen Augenblicks, seine Qualifizierung und sein ethisches Gebot erkennen” (B. 484f).

G. Lohfink: Es kann keine letzte Generation geben, die als noch lebende Generation den Christus der Parusie und die Herrlichkeit der Basileia sehen wird. Was dies betrifft, hat die Passion Jesu ein für allemal gezeigt: Die Basileia kommt in ihrer Herrlichkeitsgestalt nur durch Ohnmacht und Entäußerung. Alle Menschen, auch eine letzte Generation (wenn es sie gibt), werden ohne Ausnahme in die Dunkelheit und in die Leere hineinsterben. D.h. es gibt kein in irdischer Geschichte erlebbares Ende der Welt. Erlebbar ist immer nur der Tod. Er ist schon immer das eigentliche Ende gewesen und wird es stets bleiben. Deshalb stehen die Eschata nicht am Ende der Zeitlinie, sondern quer zu aller Zeit. Sie können nur im Tod angesetzt werden - nicht nur im Tod der ‘letzten’ Menschen, sondern im Tod aller Menschen (Lo. 154).

Der Glaube an die sichtbare Wiederkunft Christi kann "nicht mehr als gewiß gelehrt werden"

‘Un décret du Saint-Office’
Beschluß des heiligen Offiziums vom 19. Juli 1944

M. Werner: Über die Lehre, nach welcher der Christus am Ende der Zeiten sich von neuem in sichtbarer Gestalt unter den Menschen offenbaren wird, wird nun entschieden, dass sie „nicht als gewiss gelehrt werden könne“. Was auch unter der endzeitlichen Wiederkunft Christi zu verstehen sein mag - jedenfalls kann nach päpstlicher Entscheidung nicht mehr als sicher gelehrt werden, dass es sich um ein sichtbares Wiedererscheinen Christi handeln soll. Nicht irgendeine traditionelle Auffassung, sondern gerade die biblische Lehre selbst ist in diesem Fall der päpstlichen Glaubensbehörde zweifelhaft geworden.

Mit dem neuzeitlich-wissenschaftlichen Weltbild hat sich als unvereinbar erwiesen: himmlische Wolken, auf denen man durch den Weltraum fahren kann, gibt es in und an dem wirklichen Himmel, mit dem es die Meteorologie und Astronomie zu tun haben, nirgends, ebenso wenig einen himmlischen Thron, auf dem man ‘zur Rechten Gottes sitzen’ und den man zur Erdenfahrt durch das Universum der Fixsterne und Planeten wieder verlassen kann.

M. Mezger: Die Wiederkunft Jesu zur Bekenntnisauflage gemacht, fördert den Irrtum, der Glaube beginne mit dem Opfer des Verstandes und erweise seine Ernsthaftigkeit durch die Bereitschaft zur Anerkennung physikalischer Absurditäten. Der tatsächliche Sachverhalt hängt nicht an der apokalyptischen Sprachgestalt. Die Übersetzungsaufgabe ist unverzichtbar.

In seinem Artikel "Kommt Jesus wieder"? schreibt Manfred Mezger: Wie und woher kommt die Wiederkunft? Man kann schwerlich einen Begriff verteidigen ohne Anschauung, sonst wird ein Gefühl daraus. Die Vorstellung der Wiederkunft stimmt weder heute noch morgen; sie stimmt überhaupt nicht. Die Beharrlichkeit der Unentwegten, sie schlankweg zu behaupten, als wäre sie das Sicherste der Welt, kann nur Naiven imponieren (Me 7).

"Von dort wird er kommen" (- wo ist 'dort'?)

Die Vorstellungen von Himmel, Hölle und Wiederkunft Jesu gehören zusammen. Alle drei Vorstellungen können nicht mehr räumlich verstanden werden. Die Hölle ist kein Ort unter der Erde, der Himmel ist kein Ort im Weltraum, die Parusie Jesu ist kein Ereignis in Raum und Zeit. Das Offenbarwerden Jesu ist ein absolut transzendentes Phänomen. Mit unseren irdischen Augen können wir die Parusie Jesu nicht sehen.

E. Haenchen: Der Schlusssatz Mt 28,20: "Und siehe ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt", zeigt deutlich, dass von einer Naherwartung des Endes keine Rede mehr ist: praktisch ist die Eschatologie ausgeschieden. Jesus ist stets gegenwärtig und damit ist, wenn auch in anderer Form, das gegenwärtig geworden, was man zuvor als Ergebnis eines eschatologischen Dramas erhofft hatte. Jesus braucht nicht mehr zu kommen, weil er schon da ist (550)!

                   

(8) Das Problem der Parusieverzögerung in den synoptischen Evangelien und in der Apostelgeschichte

„Wo ist die Verheißung seiner Wiederkunft? Seitdem die Väter entschlafen sind, bleibt alles so wie von Anfang der Schöpfung an“  (2Ptr 3,4).

E. Grässer

Die Naherwartung Jesu: Durch die Zeichen, die Jesus wirkt, ist die Wahrheit seiner Ankündigung, ist die Nähe des Reichs verbürgt. Aus den Gegenwartsaussagen geht die Nähe als potenzierte Naherwartung hervor. Das 'Schon' des ankommenden Gottesreichs ist nur dann als eschatologischer Vollzug zu verstehen, wenn die Basileia alsbald als endgültiger Heilszustand immerwährendes Präsenz sein wird. Durch das in Jesus anhebende Kommen der Gottesherrschaft ist Jesu Zukunftserwartung Naherwartung (XVIf).

Nimmt man den proklamativen Charakter der Basileia-Ansage hinzu, der sich aus der Nähe der Ereignisse ergibt, sowie das keine Zwischenräume mehr zulassende Motiv der Plötzlichkeit der Gerichtspredigt Jesu (Lk 17,24.27.29;  21,35), so ist der Schluss unvermeidlich, dass Jesus sich die Nähe massiv zeitlich vorgestellt hat. Jesus erhofft nicht die Nähe der Gottesherrschaft, sondern er ist sich ihrer Nähe so absolut gewiss, dass er sie proklamiert. Nur weil das Gastmahl (Lk 14,15ff) schon bereit ist, ergeht die Einladung so dringlich und wirkt sie sich so fatal aus für diejenigen, die sie ausschlagen. Angespannte eschatologische Wachsamkeit über mehrere Generationen hin zu fordern, ist in sich widersinnig. Bei Jesus, wo das Motiv der Plötzlichkeit seinen ursprünglichen Sitz hatte, stand eine Naherwartung im Hintergrund, die das Ende noch innerhalb der jetzt lebenden Generation erwartete (XVIII).

Die Urchristenheit lebte nicht erst seit Ostern, sondern vorher schon in einem Judentum, das bis zur Zerstörung des Tempels im Jahr 70 von einer ständig sich intensivierenden Naherwartung bestimmt war. Nichts spricht dafür, dass sie diese allgemeine Erwartung erst ab 'Ostern' geteilt haben sollte (XXI).

Die älteste Deutung von Ostern: Die Auferstehung als Einsetzung Jesu zum bald kommenden Menschensohn ist primär nicht als göttliche Korrektur des Kreuzesärgernisses gesehen, sondern als Grund für die nahe Parusie. Das Eschaton ereignet sich jetzt! Das war die ursprüngliche Ostererfahrung. Auferstehung und Parusie, obwohl verschieden, lagen ganz nahe beieinander. Die Zwölf bilden in der Q-Gemeinde nicht die Grundlage der Kirchengemeinde, sondern mit Jesus sind sie die zwölf eschatologischen Richter der schon anbrechenden Endzeit ( Mt 19,28 = Lk 22,28-30). So ist die Ostererfahrung die Sicherheit der nahen Parusie, Bestätigung der kommenden Gottesherrschaft, Inhalt der Verkündigung Jesu (XXI).

Grundaussage des Osterereignisses war die himmlische Rechtfertigung dessen, der mit seiner Botschaft identisch war, einer Botschaft, die in ihrem Zentrum eschatologische Ansage der Basileia war. Damit wurde nicht nur das Begründetsein der Reichspredigt Jesu von Gott her unterstrichen, sondern auch das Gesandtsein der Jünger mit derselben Reichspredigt, die Jesus verkündigt hatte. Die Gemeinde lebte weiter im Stand der Hoffnung, alsbald das Kommen des Reichs zu erleben. Diese ersten nachösterlichen Gemeindekreise standen noch in direkter Kontinuität zur Verkündigung Jesu und seiner unmittelbaren Naherwartung. Weil die Gemeinde Jesu irdisches Handeln schon im Kontext der Apokalyptik verstanden hatte, konnte sie auch das Handeln Gottes am Gekreuzigten in der Kategorie der endzeitlichen Auferweckung von den Toten aussagen. Der Bringer der Herrschaft Gottes war jetzt selber in sie eingesetzt. Eine Transformation der neu entfachten Erwartung des Reichs Gottes ging damit Hand in Hand in dreifacher Hinsicht: a) als Aufwertung des Verkündigers der Gottesherrschaft (präsentische Eschatologie), b) als Inthronisation des Menschensohnes, der als der Auferweckte der Gekreuzigte ist, c) als ein Ende, das jetzt ganz im Zeichen des Menschensohnes Jesus steht. Die Wiederholung der Botschaft Jesu nach Ostern bedeutet ihre Interpretation und Variation gemäß der neuen Glaubenserfahrung und –situation, im Sinne der Vertiefung, nicht aber der tiefgreifenden Umbildung oder Aufhebung. Die Auferweckung hat Jesus als den Prediger der nahen Gottesherrschaft ins Recht gesetzt (XXII).

Jesu Verkündigung war eine eschatologische, d.h. sie hat ihr Charakteristikum in der Erwartung des nahen Endes. Sie hat keine Entwicklung durchlaufen, weder von gesteigerter Naherwartung zu abgeklärter Fernerwartung, noch umgekehrt. Die Verkündigung des nahen Endes beherrscht Jesu Botschaft von ihrem Anfang an bis zu ihrem Ende! Für die Verkündigung Jesu ist die Parusieverzögerung als Problem nicht nachweisbar (74f).

Die fortschreitende Problematik der Parusieverzögerung: Die Ungewissheit bedingt die Wachsamkeitsforderung! So wie die Dinge in der synoptischen Tradition dargestellt werden, scheint jedes einzelne Motiv (Ungewissheit, Wachsamkeit, der Verzug des Herrn) durch die vorausgesetzte Parusieverzögerung mitbestimmt und gestaltet! Nur ein Motiv ist unverändert geblieben: das Trotzdem der eschatologischen Erwartung im Sinne der futurisch-endzeitlichen Vollendung (127).

Die Apologie der urchristlichen Naherwartung: Das Trostwort Mk 13,30 (=Mt 24,34 = Lk 21,32): Auch wenn sich das Ende noch verzögert, so wird es (noch in dieser Generation) doch kommen: „Wahrlich, ich sage euch: Dies Geschlecht wird nicht vergehen, bis dieses alles geschehen sein wird“! Der Spruch redet von dem eschatologischen Ende, das bald, noch zu Lebzeiten dieser Generation (das sind die Zeitgenossen Jesu) eintreten wird. Der Termin des Endes wird auf einen nahen Zeitpunkt festgelegt: noch in diesem Geschlecht (128f)!

Dieser Satz ist durch den tatsächlichen Geschichtsverlauf in seiner Wahrheit diskreditiert. Die Zeitgenossen Jesu sind gestorben und das Ende kam nicht. Mk 9,1 (= Mt 16,28 = Lk 9,27): „Wahrlich, ich sage euch: Unter denen, die hier stehen, sind einige, die den Tod nicht schmecken werden, bis sie gesehen haben, dass das Reich Gottes mit Macht gekommen ist“ (130f).

Bei der Apologie der urchristlichen Naherwartung handelt es sich um den Versuch einer Bewältigung des Problems der Parusieverzögerung, um der neuen Situation gerecht zu werden und ihr einen Platz im Ablauf der Heilsereignisse zuzuweisen. Konnte man sich anfangs noch mit dem bloßen Trost begnügen, der trotz des Verzugs die Parusie dennoch für das Ende „dieser Generation“ verhieß (Mk 9,1), so wurde im Zuge der fortlaufenden Entwicklung doch bald eine begründete Auskunft hinsichtlich der Verzögerung unumgänglich. Diese begründete Auskunft bildet der bewusste Aufschub des Termins durch Vorschaltung von allerlei Zwischenstufen vor das eigentliche Ende. Dadurch wird die Zeit gedehnt und das Ziel der eschatologischen Entwicklung hinausgeschoben (Mk 13parr; Lk 17,22ff). Religionsgeschichtlich bedeutet das: das Bewusstsein der unmittelbaren Naherwartung schlägt um in apokalyptische Hoffnung! Das Ende kommt nicht anders denn nach Ablauf der verschiedenen Vorperioden: der Zeit der Bedrängnisse und Wehen (Mk 13,5ff), der Zeit der Heidenmission (Mk 13,10) und schließlich der Zeit der Erhöhung (Mk 14,62parr). Das alles entspricht göttlicher Notwendigkeit (de-i): darin liegt die Begründung der Auskunft (177f).

Zusammenfassung: Jesus hatte mit seiner Predigt vom nahen Ende die eschatologischen Erwartungen seiner Anhänger aufs äußerste gesteigert. In dem Augenblick, in dem die Erfüllung dieser Erwartungen nach Jesu Tod mehr und mehr verzog, musste der Gemeinde daraus ein drückendes Problem erwachsen, das um so beunruhigender war, als Jesu Predigt in erster Linie und mit ungeheurer Intensität mit dem nahen Weltende konfrontiert hatte. Die Ereignisse von Ostern und Pfingsten mögen die eschatologisch-apokalyptischen Erwartungen noch gesteigert haben. In dieser eschatologischen Hochstimmung lebte die älteste Gemeinde eine Weile fort. Das Ende aber blieb aus! Dann meldete sich die aus solcher fehlgeschlagenen Erwartung erwachsende Problematik zu Wort, erst zögernd, dann immer deutlicher. Unsere drei ältesten Evangelien stehen in der Fragestellung von 2Ptr 3,4 bereits mitten darin. In der Redaktion der Evangelisten hat das Problem der Parusieverzögerung seinen festen Sitz. Am deutlichsten bei Lukas (216).

Er ist sich der Problematik bewusst und bietet einen geplanten Neuentwurf, in dem die Weissagungen up to date gebracht werden (Lk 21), die Umstellung von der Naherwartung auf Dauer vollzogen wird (Eigenständigkeit der Ethik), die Zwischenzeit in den gegliederten Entwurf der Heilsgeschichte einbezogen wird (Zeit der fortschreitenden Missionierung der Welt) und die in weiter Ferne liegende Parusie den ihr zukommenden Platz als locus de novissimis am äußersten Ende der Tage erhält (Apg). Lukas bietet einen Entwurf, der mit der Zeit nicht wieder revisionsbedürftig wird (216f).

Die Parusieverzögerung als Problem gibt es in der synoptischen Tradition seit der ältesten traditionsbildenden Gemeinde. Es ist sehr wahrscheinlich, dass es bald nach Ostern und Pfingsten in der ältesten Gemeinde eine akute Krise der Naherwartung gegeben hat. Damals musste man geglaubt haben, dass die Totenauferstehung und die Parusie unmittelbar auf die Auferstehung Jesu folgen würden. Diese Erwartung wurde enttäuscht. Schon das Abreißen der bloß mündlichen Überlieferung steht im Zusammenhang mit der Parusieverzögerung. Von dem Augenblick an, in dem man zur schriftlichen Fixierung der Tradition überging, ist auch die Parusieverzögerung als Problem da. Sie hat auf dieser ältesten Stufe der Traditionsbildung nur schwache Spuren hinterlassen und wird uns sicher greifbar erst in der Redaktion der uns überkommenen synoptischen Evangelien (219f).