Anhang a: Wandlungen im paulinischen Denken in bezug auf die Eschatologie

U. Schnelle (1989)

1Thess 4,13-18

Ausgelöst durch überraschende Todesfälle in der Gemeinde, verbindet Paulus in 1Thess 4,13-18 erstmalig die Vorstellung der Parusie des Herrn und die Vorstellung einer Auferstehung toter Christen. Er setzt den Tod und die Auferweckung Jesu als anerkannten Gemeindeglauben der Thessalonicher voraus und folgert, Gott werde auch die schon Entschlafenen nicht verloren gehen lassen. Bei der Parusie findet ein eschatologisches Mittlerwirken Jesu statt, denn Gott wird durch Jesus die schon Entschlafenen mit Jesus führen (37).

Innerhalb des traditionellen Herrenwortes beginnt die Schilderung der Endereignisse mit dem triumphalen Kommen des Kyrios vom Himmel, dem zuerst die Auferstehung der Toten in Christus und dann die gemeinsame Entrückung mit den Lebenden in die Wolken zur Begegnung mit dem Herrn folgen, um beim Herrn zu sein und zu bleiben. Der Auferstehung der toten Gemeindemitglieder kommt innerhalb dieses Ablaufs nur eine untergeordnete Funktion zu. Die Auferstehung der Toten in Christus ist lediglich die Voraussetzung der Entrückung aller, die den eigentlichen eschatologisch Akt darstellt. Paulus konnte in Erwartung der unmittelbar bevorstehenden Parusie des Herrn zunächst auf die Vorstellung einer Auferstehung der gläubigen Toten verzichten. Erst der Tod einiger Christen vor der Parusie zwingt ihn zur Einführung einer Auferstehung der toten Gläubigen (38f).

1Kor 15,51

Eine veränderte Situation spiegelt sich im 1Kor wider, denn hier ist der Tod von Christen vor der Parusie die Regel. "Weil Fleisch und Blut das Himmelreich nicht ererben können" (1Kor 15,50), ergibt sich für Paulus das Problem der Substantialität des Auferstehungsleibes.

Ausgehend von der Schöpferkraft Gottes, der verschiedene Arten von Leibern schafft und vergehen lässt, gelangt Paulus in den Vv 35ff zu einer antithetischen Anthropologie, bei der die Soma-Vorstellung die Kontinuität zwischen der irdischen und himmlischen Seinsweise gewährleistet, während die scharfe Unterscheidung zwischen dem vergänglichen irdischen Leib und dem unvergänglichen geistigen Leib die Diskontinuität zwischen der prä-und postmortalen Existenz zum Ausdruck bringt (1Kor 15,42-49) (39f).

Ermöglichungsgrund der Auferstehung der Verstorbenen Christen ist die Auferstehung Jesu Christi, der als lebensspendender Geist den pneumatischen Auferstehungsleib der Verstorbenen bewirkt (1Kor 15,44f).Mit V 50 leitet Paulus das in V 51 folgende Mysterium ein:  sowohl die bei der Parusie noch lebenden (Fleisch und Blut) als auch die schon Verstorbenen (das Vergängliche) können in ihrer jeweiligen natürlichen Beschaffenheit nicht zu Gott gelangen. Vielmehr bedarf es dazu eines außerordentlichen Aktes Gottes, den der Apostel in V 51f schildert: "Wir werden alle verwandelt werden". Betont 'alle' die Gleichrangigkeit von noch Lebenden und schon Verstorbenen im Endgeschehen, so vermag das Verwandlungsmotiv die Gleichstellung aller bei der Parusie zu wahren. Das Verwandlungsmotiv betont gleichermaßen sowohl die Diskontinuität gegenüber dem alten Sein als auch den Modus des neuen Seins. Allein im souveränen Handeln Gottes sind Zeitpunkt und Art der eschatologischen Neuschöpfung begründet. Die neue Leiblichkeit der beiden Gruppen benennt Paulus in V53, wobei ‘bekleidet werden‘ als Modus der Verwandlung den Gedanken der Kontinuität zwischen dem alten und neuen Sein betont (40f).

Paulus muss der (gegenüber 1Thess 4,13-18) veränderten geschichtlichen Situation in seiner Argumentation Rechnung tragen. Er tut dies mit der Einführung des Verwandlungsmotivs, das gleichermaßen Kontinuität und Diskontinuität zwischen prä-und postmortaler Existenz betont, die Gleichrangigkeit zwischen schon Verstorbenen und noch Lebenden gewährleistet und zugleich die von der anthropologischen Argumentation her geforderte Antwort auf das ‘Wie‘ der Auferstehung der Christen gibt. 1Kor 15,51f ist konzentriert auf die Frage nach dem Übergang in die neue postmortale Seinsweise (42).

2Kor 5,1-10

Das Motiv des 'Bekleidetwerdens' wird im 2Kor pointiert als 'Überkleidetwerden' aufgenommen. Der Apostel fürchtet das Sterben als ein möglicherweise im Endgeschehen hinderliches Ereignis. Deshalb sein Wunsch, überkleidet und nicht nackt in diesem Geschehen gefunden zu werden.  Weil das Sterben sich als ein Akt des Entkleidens (ohne folgendes Überkleidetwerden) vollziehen kann, hofft der Apostel dann überkleidet zu sein, weil nur so das Leben das Sterbliche verschlingt. Als Unterpfand des neuen Lebens hat Gott bereits jetzt dem Getauften den Geist verliehen (2Kor 1,21f), der als unverlierbare Gabe das Sterben überdauert (1Kor 3,15f; 5,5) und Voraussetzung für das Überkleidetwerden mit dem Soma pneumatikon ist. Der Tod vor der Parusie des Herrn erscheint hier nicht nur als Möglichkeit, er ist sogar das Verlangen des Apostels! Weil das erhoffte Sein bei Christus unmittelbar mit dem Gericht verbunden ist,  schließt Paulus den Abschnitt mit der Mahnung ab, dem kommenden Gericht gemäß zu leben (V 9f) (42f).

Kennzeichnend für 2Kor 5,1-10 ist eine Tendenz zum Dualismus und zur Individualisierung. Der Dualismus zeigt sich zunächst in den Bildern (irdische - himmlische Behausung, Daheimsein - Fernsein, entkleidet - überkleidet werden, das Sterbliche - das Leben), denen eine hellenistisch geprägte Anthropologie zugrunde liegt. Das Bild vom Leib als Zelt und damit nur zeitweiliger Wohnstätte des Selbst , die Gewandmystik, die Nacktheit als Folge der Trennung von Leib und Seele, die Vorstellung der eigentlichen Heimat im Jenseits und des Daseins im Leib als Leben in der Fremde weisen auf griechisch-hellenistischen Einfluss hin. Weil der Apostel den irdischen Leib verlassen möchte, beurteilt Paulus hier die Leiblichkeit mit Hilfe dualistischer Kategorien in negativer Weise. Die Individualisierung der Eschatologie  zeigt sich in dem fast völligen Verzicht auf apokalyptische Vorstellungen in 2Kor 5,1-10. Paulus gibt die Parusieerwartung nicht auf, aber er setzt neue Akzente: der Tod vor der Parusie des Herrn erscheint nun als der Normalfall (43f).

Phil 1,23; 3,20f

Die Bedeutung der historischen Situation für das Denken des Apostels ist in Phil 1,18c-26 unverkennbar. Paulus gerät in Gefangenschaft (Phil 1,6.13f.16) und hat seinen Tod als Märtyrer vor Augen (1,20; 2,17), zugleich ist er aber um die Gemeinde besorgt (1,22f).

Eigentlich möchte er beim Herrn sein und sterben, gleichzeitig hält ihn aber die Verantwortung für die Gemeinde davon ab. Paulus erwartet das 'Mit-Christus-Sein' unmittelbar nach dem Tod. Die Ausrichtung des Apostels an der zukünftigen himmlischen Existenz zeigt sich auch in Phil 3,20f.  Paulus setzt sich mit sarkisch gesinnten Gegnern auseinander (Vv 17-19) und stellt Ihnen die Gesinnung der Gemeinde auf das Himmlische gegenüber. Unter Aufnahme traditionellen Materials spricht er vom Bürgerrecht in den Himmeln, dem der Christ bereits in der Gegenwart angehört,  um dann eine Schilderung des Parusiegeschehens anzufügen,  die mit dem Kommen des Retters Jesus Christus einsetzt und in der Verwandlung des gegenwärtigen Leibes der Niedrigkeit zu einem dem Christusleib gleichgestalteten Leib der Herrlichkeit und der Unterwerfung des Alls durch Christus ihren Höhepunkt hat.  Die Parusie ist hier der Ausgangspunkt des Endgeschehens, weil Paulus hier die ganze Gemeinde anredet und nicht nur sein individuelles Geschick bedenkt. Dennoch sind auch in 3,20f Züge einer individuellen Eschatolologie unverkennbar: Die Parusie erscheint lediglich als Auslöser für die als individuelle Vollendung gedachte Verwandlung der Lebenden. Über die Auferstehung der Toten und damit das Schicksal der Verstorbenen wird nichts gesagt. Ihre eschatologische Zukunft stellt sich Paulus offenbar wie seine eigene als unmittelbaren Übergang in das Mit-Christus-Sein vor (45f).

Folgerungen

Der Ablauf des Endgeschehens ändert sich angesichts der sich einstellenden Dehnung der Zeit (48).

In 1Thess 4,13 lässt die Anfrage der Thessaloniker darauf schließen, dass Paulus bei seinem Gründungsaufenthalt in Erwartung der unmittelbar bevorstehenden Parusie des Herrn n i c h t von einer Auferstehung der toten Christen sprach, sondern die baldige Entrückung aller Christen erhoffte.

In 1Thess 4,14-18 trägt die pln Antwort der durch den Tod einiger Christen vor der Parusie veränderten geschichtlichen Situation Rechnung, indem nun die Auferstehung der Toten als Hilfsvorstellung zur Wahrung der Gleichstellung von Toten und Lebenden eingeführt wird, gleichzeitig aber die Entrückung die zentrale eschatologische Vorstellung bleibt.

In 1Kor 15,51ff ist in Korinth anders als in Thessalonich der Tod vor der Parusie schon der Regelfall, was Paulus in 1Kor 15,51ff zur Betonung der Gleichheit aller bei der Parusie und der Aufnahme des Verwandlungsmotivs zur Beschreibung des Übergangs in die postmortale Existenz veranlasst.

In 1Thess 4,17 und 1Kor 15,52 hatte Paulus seine Stellung im Endgeschehen noch als Lebender ('wir') angegeben.

In 2Kor 5,1-10 rechnet Paulus erstmals mit seinem Tod vor der Parusie. Diese einschneidende Veränderung der Situation des Apostels spiegelt sich in einem Zurücktreten der apokalyptischen Elemente bei der Schilderung der Endereignisse und damit verbunden der Aufnahme hellenistischer Begrifflichkeit und der Tendenz zum Dualismus und zur Individualisierung wider.

Phil 1,23 bestätigt diese Linie, denn hier ersehnt  der Apostel seinen Tod vor der Parusie, weil dadurch das Mit-Christus-Sein  ermöglicht wird. Allein in dem 'Mit-dem-Herrn-Sein/Mit-Christus-Sein' liegt die Konstante der pln Eschatologie (47).

Solange Paulus fest damit rechnete bei der Parusie des Herrn noch zu leben, erfolgt die Schilderung der Endereignisse  in einem apokalyptischen Szenarium. Das dann für möglich gehaltene Sterben vor der Parusie führt zu am individuellen Geschick des Apostels orientierten eschatologischen Aussagen. Diese Veränderung ist sachgemäß, denn die sich einstellende Erfahrung der Zeitlichkeit christlicher Existenz zwang Paulus, das Schicksal der vor der Parusie verstorbenen Christen und auch sein eigenes Schicksal mit zu bedenken. Der Ausarbeitung einer an der Person des Apostels ausgerichteten individuellen Eschatologie  kommt dabei exemplarische Bedeutung zu, wird doch der Tod vor der Parusie immer mehr zum Regelfall (48).

In zentralen Bereichen der pln Eschatologie kann von einer Entwicklung, von einem der sich ändernden historischen Situation entsprechenden folgerichtigen Fortschreiten des Denkens des Apostels Paulus gesprochen werden.