10. „… Christus in euch, die Hoffnung der Herrlichkeit“ (Kol 1,27)

Unsere Hoffnung ist allein Christus

1. Paulus' christologische Eschatologie (Röm 8,18-39)

Die Einzelaussagen von Röm 8,18-39
(1) Die Sehnsucht der Schöpfung (Röm 8,19-22)
(2) Das geduldige Hoffen der Glaubenden (Röm 8,23-25)
(3) Das Wirken des Geistes (Röm 8,26-27)
(4) Die Rahmenaussagen: Das Heil ist die eigentliche Realität (Röm 8,18.28-30)
(5) Der Sieg der Liebe Gottes (Röm 8,31-39)

Ergebnis - Röm 8,18-39 und die theologische Eschatologie
(1) Die theologische Aussage von Röm 8,18-
(2) Die pln Eschatologie im Horizont von Röm 8,18-39
(3) Die Konsequenzen für eine theologische Eschatologie

Anhang a: Wandlungen im paulinischen Denken in bezug auf die Eschatologie
Anhang b: Eine neue Form der Hoffnung (Phil 1,23ff)

Röm 8 – Höhepunkt paulinischer Eschatologie

2. Jenseitseschatologie – Individuelle Eschatologie
(1) Die Zukunftserwartung des vierten Evangeliums (Jh 14,2f;17,24)
Anhang a: Entapokalyptisierung im Johannesevangelium
Anhang b: Entapokalyptisierte individuelle Eschatologie – das johanneische Zeugnis

(2) Die himmlischen Wohnungen (Joh 14,2f)
(3) Individuelle Eschatologie des Neuen Testaments
(4) Unser Sieg über den Tod: Auferstehung?
(5) Was dürfen wir hoffen angesichts des Todes und angesichts der geschichtlichen Wirklichkeit?
(6) Unsere Hoffnung ist allein Christus
(7) Die wahre Welt des vollen Heils ist bei Gott, im Himmel vorhanden
(8) Hoffnung auf die jenseitige Welt in Gesangbuchliedern

Die Umformung des Parusiegedankens im Hebräerbrief (s. Text 5)

3. Abschied vom Weltbild der Apokalyptik
(1) Die Problematik der eschatologischen Glaubensvorstellungen
(2) Notwendige Neuinterpretation der Eschatologie
(3) Die Befreiung vom Weltbild der Apokalyptik
(4) Weltuntergang - Kosmische Endereignisse?
(5) Zur Frage der Wiederkunft Christi
(6) Oster- und Parusiefrömmigkeit im Neuen Testament
(7) Die Parusie ist kein Ereignis in Raum und Zeit
(8) Das Problem der Parusieverzögerung in den synoptischen Evangelien und in der Apostelgeschichte

4. Zur Unsterblichkeit der Seele
(1) Jenseits des Todes - Unsterblichkeit der Seele
(2) Die biblische Lehre von der Unsterblichkeit der Seele
(3) Die Seele des Menschen und die Hoffnung der Christen

Literatur

Solus Christus u n d der Glaube an das jüdisch-apokalyptische Weltbild im 21. Jh.?

Wiederkunft Jesu?

Die Vorstellung von der Wiederkunft Jesu ist abhängig von der Vorstellung der Auferstehung der Toten auf einer neuen/erneuerten Erde. Nach diesem Vorstellungsmodell muss Jesus wiederkommen, andernfalls wäre die Trennung von Christus ewig. Eine neue/erneuerte Erde ist mit unserem naturwissenschaftlichen Weltbild unvereinbar. Jesus kommt ‚wieder‘, wenn wir bei ihm ‚ankommen‘ (K. Rahner)

Das Ende der Erdgeschichte (E. Hirsch, 1963): Dem Glauben an Gott ist es gewiss, dass wir durch den Tod dem Geheimnis Gottes entgegengehen. Dies aber ist ein Glaube, der sich für uns in jeder Hinsicht von den Vorstellungen über die Erdgeschichte und die Geschichte des Kosmos gelöst hat (392).

Das Menschengeschlecht wird ebenso vergehen, wie ehedem die Saurier vergangen sind. Aller Wahrscheinlichkeit nach ist es mit dem Menschen und der Menschengeschichte schon längst zu Ende gegangen, ehe die Erde aufgehört hat möglicher Träger organischen Lebens zu sein. Der Kosmos würde deshalb, weil die Menschheit ausstürbe, nicht ins Wanken und Wackeln geraten. Die Sache wäre etwa ebenso wichtig für ihn, wie die Zerstörung eines Ameisenhaufens für die Geschichte der Erde (394).

Unangefochten und ewig wahr bleibt dem Glauben die eine Aussage, dass der Tod für einen jeden von uns Gottesbegegnung ist. Alle Bilder und Gedanken der ntl Eschatologie sonst sind für uns Märchen und Mythos geworden. Das Ende unserer Welt ist für uns nicht mehr ein den ganzen Kosmos Betreffendes, sondern das unbestimmte 'Irgendwanneinmal' eines zwerghaften kosmischen Teilereignisses (395).

Postmortale himmlische Christusgemeinschaft – individuelle Eschatologie

Die jenseitige Welt des Himmels – der gedachte Ort des postmortalen Lebens

Hellenistische Eschatologie: Postmortales Sein der Glaubenden in der jenseitigen Herrlichkeit unmittelbar nach dem Tod. Das eschatologische Heil wird abgelöst durch ein Heil, das sich durch den Tod hindurch verwirklicht. Der Tod tritt an die Stelle des Jüngsten Tages.

Gott ist nicht ein Gott der Toten, sondern der Lebenden“ (Mk 12,27parr)
Die Toten sind „wie die Engel im Himmel“ (Mk 12,25parr)

Abschied von der Vorstellung, der Tod sei "der Sünde Sold"
Die Sterblichkeit hängt mit dem 'Material' zusammen, aus dem der Mensch gemacht ist: er ist von Erde genommen und muss wieder zu Erde werden.

K.-P. Jörns (2006³)

Röm 5,12: “Denn wie durch einen Menschen die Sünde in die Welt gekommen ist und der Tod durch die Sünde, so ist der Tod zu allen Menschen durchgedrungen, weil sie alle gesündigt haben“.

Röm 5,18: „Wie nun durch die Sünde des Einen die Verdammnis über alle Menschen gekommen ist, so ist auch durch die Gerechtigkeit des Einen für alle Menschen die Rechtfertigung gekommen, die zum Leben führt“.

Röm 6,23: „Denn der Sünde Sold ist der Tod; die Gabe Gottes aber ist das ewige Leben in Christus Jesus, unserm Herrn“.

Der Tod ist für Paulus als Strafe für den Ungehorsam der ersten Menschen in die Welt gekommen; Adam ist nach seiner Vorstellung nicht als sterbliches Wesen geschaffen worden. Dieses Verständnis der Sterblichkeit hat weder in den beiden Schöpfungsgeschichten noch in 1Mose 3 einen wirklichen Rückhalt. Denn die Sterblichkeit hängt mit dem ‚Material‘ zusammen, aus dem der Mensch gemacht ist: er ist von Erde genommen und muss wieder zu Erde werden. Die Annahme, dass es erst durch die Sünde Tod und Sterben in der Welt gäbe, ist nicht zu halten. Die Schöpfung hat in allen ihren Elementen die Signatur der Endlichkeit und des Vergehens. D.h. Sterblichkeit und Tod gehören zum irdischen, geschöpflichen Dasein des Menschen (wie der anderen Lebewesen) (275f).

Trotzdem hat sich das Dogma von der Erbsünde, zu der die Sterblichkeit als Straffolge gehört, gehalten. Dafür sind letztlich Paulus und der Kirchenvater Augustin verantwortlich. Das religiöse System, innerhalb dessen Paulus seine Anschauung vom Zusammenhang von Sünde und Tod entwickelt hat, ist im wesentlichen durch das Verständnis von Sünde bestimmt. Der Zusammenhang von Ungehorsam gegen Gottes Gebot und unserer Sterblichkeit als kollektiver wie individueller Folge ist eine theologische Konstruktion. Sie kommt aus der Hochschätzung der Tora, die den Gehorsam gegenüber „Gottes Gebot“ absolut (d.h. als „Weg des Lebens“) versteht. Alles wird vom Tod her bzw. auf ihn hin gedacht (276f).

In der Vorstellung vom Tod als der „Sünde Sold“ wird dem Ungehorsam der Menschen die Macht zugesprochen, Gottes Schöpfung verändert zu haben! Der Ungehorsam wäre letztlich derjenige, der aus (angeblich) unsterblich geschaffenen Menschen sterbliche Wesen gemacht und damit die vom Schöpfer selbst gut, ja, sehr gut genannte Schöpfung deformiert hätte! Der Grundgedanke dabei ist, dass Gott Ungehorsam gegen das als Heilsweg verstandene Gesetz mit Tod bestraft. Für diesen Gedanken stellt die biblische Sintflutgeschichte die Modellerzählung dar. Sie hätte die Aufgabe gehabt, verständlich zu machen, dass und warum die (angeblich) unsterblich geschaffenen Menschen im ersten Schritt sterblich und im zweiten durch die Sintflut vernichtet wurden: wegen des Ungehorsams. Also beginnend stellten die biblischen Erzählungen die Mahnung an die Hörer der jüdischen Bibel dar, der Tora als dem Weg zu Heil und Leben in unbedingtem Gehorsam zu folgen (277f).

Paulus kontrastiert zwar die Tora als Heilsweg mit der durch Christus erworbenen Gnade, die die Herrschaft des Gesetzes abgelöst habe. Dennoch hat Paulus das System des Gehorsamsglaubens nicht aufgegeben.

Röm 5,19: „Denn wie durch den Ungehorsam des einen Menschen die Vielen zu Sündern geworden sind, so werden auch durch den gehorsam des Einen die Vielen zu Gerechten“.

Nur weil Christus „gehorsam bis zum Tod, zum Tod am Kreuz“ gewesen ist (Phil 2,8), hat er den vielen „Gottes Gnade“ erworben. Für die Gnade Gottes uns gegenüber ist für Paulus der Gehorsam Jesu bis zum Tod am Kreuz der entscheidende Grund. Aus dem Glauben, der Gott von seiner Liebe her versteht, wird ein ‚Gehorsamsglaube‘. Gehorsam ist nicht die Mitte des Glaubens, sondern Vertrauen (278f).

Sterblichkeit ist geschöpflich und insofern unser und aller anderen Kreaturen Schicksal. Paulus war davon überzeugt, dass wer Christ sein will, nicht vorher Jude geworden sein müsse (Gal 1,11 – 3,9). Ebenso geht Jörns davon aus, dass wir, um Gottes Liebe glauben zu können, nicht vorher in den jüdischen Gehorsamsglauben eingetaucht sein müssen. Die Erkenntnis, dass unsere Sterblichkeit von Gott geschaffen ist, führt uns zur Solidarität mit allen sterblichen Wesen (280).

Der Tod als Tor zu einem anderen Leben: Durch die Auferstehung sind sterbliche und gestorbene Menschen des lebendigen Gottes Zeitgenossen, mit ihm gleichzeitig. Das gilt von ihm aus, weil er zu allen Geschöpfen eine Lebensbeziehung durch den Geist hat. Und das gilt von uns aus als geglaubte Wirklichkeit, sofern wir uns dessen im Geist bewusst werden. Der Gedanke einer leibhaftigen Auferstehung ist für diesen Glauben hinderlich, weil er das zukünftige Leben an die „von Erde genommene“ Gestalt des jetzigen Lebens binden, mithin dieses Leben nicht wirklich loslassen, nicht aus ihm heraus, will. Angemessen ist eher die Vorstellung von einer Verwandlung. Diese Verwandlung schließt den Tod und die Verwesung des Leibes ein. Das Sterben ist der notwendige Abschied hinein in unsere Zukunft (285).