10. „… Christus in euch, die Hoffnung der Herrlichkeit“ (Kol 1,27)

Unsere Hoffnung ist allein Christus

1. Abschied vom Weltbild der Apokalyptik
1.1 Die Problematik der eschatologischen Glaubensvorstellungen
1.2 Notwendige Neuinterpretation der Eschatologie
1.3 Die Befreiung vom Weltbild der Apokalyptik
1.4 Weltuntergang - Kosmische Endereignisse?
1.5 Wandlungen im paulinischen Denken in bezug auf die Eschatologie
Anhang: Eine neue Form der Hoffnung (Phil 1,23ff)
1.6 Zur Frage der Wiederkunft Christi
1.7 Oster- und Parusiefrömmigkeit im Neuen Testament
1.8 Die Parusie ist kein Ereignis in Raum und Zeit
1.9 Das Problem der Parusieverzögerung in den synoptischen Evangelien und in der Apostelgeschichte

2. Jenseitseschatologie – Individuelle Eschatologie
2.1 Die himmlischen Wohnungen (Joh 14,2f)
2.2 Die Zukunftserwartung des vierten Evangeliums (Jh 14,2f;17,24)

Anhang a: Entapokalyptisierte individuelle Eschatologie – das johanneische Zeugnis
Anhang b: Entapokalyptisierung im Johannesevangelium
2.3 Individuelle Eschatologie des Neuen Testaments
2.4 Unser Sieg über den Tod: Auferstehung?
2.5 Was dürfen wir hoffen angesichts des Todes und angesichts der geschichtlichen Wirklichkeit?
2.6 Unsere Hoffnung ist allein Christus
2.7 Die wahre Welt des vollen Heils ist bei Gott, im Himmel vorhanden
2.8 Hoffnung auf die jenseitige Welt in Gesangbuchliedern

3. Zur Unsterblichkeit der Seele
3.1 Jenseits des Todes - Unsterblichkeit der Seele
3.2 Die biblische Lehre von der Unsterblichkeit der Seele
3.3 Die Seele des Menschen und die Hoffnung der Christen

Literatur

 

Solus Christus u n d der Glaube an das jüdisch-apokalyptische Weltbild im 21. Jh.?

Wiederkunft Jesu?

Die Vorstellung von der Wiederkunft Jesu ist abhängig vom jüdisch-apokalyptischen Weltbild, von der Vorstellung der Auferstehung der Toten auf einer neuen/erneuerten Erde. Nach diesem Vorstellungsmodell muss Jesus wiederkommen, andernfalls wäre die Trennung von Christus ewig. Eine neue/erneuerte Erde ist mit unserem naturwissenschaftlichen Weltbild unvereinbar. Jesus kommt ‚wieder‘, wenn wir bei ihm ‚ankommen‘ (K. Rahner)

Das Ende der Erdgeschichte (E. Hirsch, 1963): Dem Glauben an Gott ist es gewiss, dass wir durch den Tod dem Geheimnis Gottes entgegengehen. Dies aber ist ein Glaube, der sich für uns in jeder Hinsicht von den Vorstellungen über die Erdgeschichte und die Geschichte des Kosmos gelöst hat (392).

Das Menschengeschlecht wird ebenso vergehen, wie ehedem die Saurier vergangen sind. Aller Wahrscheinlichkeit nach ist es mit dem Menschen und der Menschengeschichte schon längst zu Ende gegangen, ehe die Erde aufgehört hat möglicher Träger organischen Lebens zu sein. Der Kosmos würde deshalb, weil die Menschheit ausstürbe, nicht ins Wanken und Wackeln geraten. Die Sache wäre etwa ebenso wichtig für ihn, wie die Zerstörung eines Ameisenhaufens für die Geschichte der Erde (394).

Unangefochten und ewig wahr bleibt dem Glauben die eine Aussage, dass der Tod für einen jeden von uns Gottesbegegnung ist. Alle Bilder und Gedanken der ntl Eschatologie sonst sind für uns Märchen und Mythos geworden. Das Ende unserer Welt ist für uns nicht mehr ein den ganzen Kosmos Betreffendes, sondern das unbestimmte 'Irgendwanneinmal' eines zwerghaften kosmischen Teilereignisses (395).

Postmortale himmlische Christusgemeinschaft – individuelle Eschatologie

Die jenseitige Welt des Himmels – der gedachte Ort des postmortalen Lebens

Hellenistische Eschatologie: Postmortales Sein der Glaubenden in der jenseitigen Herrlichkeit unmittelbar nach dem Tod. Das eschatologische Heil wird abgelöst durch ein Heil, das sich durch den Tod hindurch verwirklicht. Der Tod tritt an die Stelle des Jüngsten Tages.

Gott ist nicht ein Gott der Toten, sondern der Lebenden“ (Mk 12,27parr)
Die Toten sind „wie die Engel im Himmel“ (Mk 12,25parr)

1. Abschied vom Weltbild der Apokalyptik
1.1 Die Problematik der eschatologischen Glaubensvorstellungen
1.2 Notwendige Neuinterpretation der Eschatologie
1.3 Die Befreiung vom Weltbild der Apokalyptik
1.4 Weltuntergang - Kosmische Endereignisse?
1.5 Entapokalyptisierte individuelle Eschatologie – das johanneische Zeugnis
1.6 Zur Frage der Wiederkunft Christi
1.7 Oster- und Parusiefrömmigkeit im Neuen Testament
1.8 Die Parusie ist kein Ereignis in Raum und Zeit
1.9 Das Problem der Parusieverzögerung in den synoptischen Evangelien und in der Apostelgeschichte

 

1.1 Die Problematik der eschatologischen Glaubensvorstellungen

H.Groos

Die Erwartung des Weltendes im Zusammenhang mit der Errichtung eines Gottesreichs ist das zentrale Thema der spätjüdischen Apokalyptik (182).

Mit apokalyptischem Gehalt wird die Eschatologie zum Problem, zu einem schweren Anstoß für das Denken unserer Zeit. Es ist vor allem das dem apokalyptischen Vorstellungsmaterial anhaftende Naive, Primitive, Massive, Rohe, das Phantastische, das Abenteuerliche, das für einen gehobenen Geschmack schwer erträglich ist und der Vernunft im höchsten Grade verdächtig wird. Schon Harnack war dieser ganze dramatisch-eschatologische Apparat unsympatisch. Ein für uns vergangenes Zeitalter kommt darin zum Ausdruck. Der heutige Mensch nimmt diese merkwürdigen Vorstellungen, wie sie vor allem in die synoptischen Evangelien Eingang gefunden haben im allgemeinen nicht mehr von der Voraussetzung aus auf, dass derartige Ereignisse geschehen können. Für uns sind diese phantastischen Erwartungen typische Produkte einer ganz bestimmten Weltanschauungsrichtung, eben der Apokalyptik (193f).

Entweder man erwartet jenseints des Todes, d.h. sofort nach dem Tod, das wirkliche und volle persönliche Heil – dann ist damit das Geschehen jenseits des Endes der Geschichte entwertet. Oder man erwartet die wirkliche Entscheidung und das Heil erst von dem Jüngsten Tag – dann ist der Tod als Hingang zu Christus als Entscheidung, als Entsündigung und Verwandlung entwertet (204).

Eschatologische Aussagen haben an das schon erfolgte Christusgeschehen im ganzen anzuknüpfen, das Hoffen muss in der Erfahrung des Glaubens wurzeln. Es ist die Frage, ob die im Glauben erkannte Wirklichkeit Christi und die biblischen Hoffnungsgedanken sich reibungslos zusammenfügen lassen? Diese Frage wird man verneinen müssen, weil es unabweisbar geworden ist, dass die biblischen Hoffnungsgedanken weitgehend mythologischen Charakter haben (210).

Die Eschatologie wird grundsätzlich nur noch christologisch konzentriert betrieben. Man ist sich einig in der Begründung der Zukunftserwartung nicht auf einzelne Schriftstellen, sondern allein auf die 'Christustatsache', das 'Christusereignis' zu setzen. Das bloße Enthaltensein in der Bibel ist nach G.Ebeling kein Kriterium eschatologischer Aussagen, diese dürfen nicht als ein selbstständiges Konglomerat dem christlichen Glauben angehängt werden. Auch für die inhaltliche Gestaltung ist maßgeben allein das, was in der Person Jesu Christi beschlossen liegt. Während die bloß existentialistische Interpretation der Heilsaussagen nicht zu einer echten Eschatologie führt, ergibt die naiv mythologisierende Aneinanderreihung solcher Aussagen eine überhaupt nicht mehr vertretbare Position. Als mythologisch sind alle Zukunftsvorstellungen der Apokalyptik anzusehen, sie erscheinen deshalb mehr oder weniger fragwürdig (211f).

Wenigstens von allzu massiven Elementen müssen die eschatologischen Aussagen befreit werden. Die Tendenz zur 'Entdinglichung' bezieht sich  nicht nur auf alle jene bekannten Requisiten und Kulissen des apokalyptischen Szenariums: die letzte Posaune, die Stimme des Erzengels oder die Wolke, auf der der Menschensohn ankommt, und der Thron, auf dem er Platz nimmt. Martin Kähler lehnt es ab, von letzten Dingen zu reden und will stattdessen von einer 'letzten Person' gesprochen haben. Nicht die Räume des Vaterhauses, sondern der Vater, nicht die goldene Stadt des himmlischen Jerusalem, sondern der König ist das eschatologische Ziel. Die traditionelle Bezeichnung dieses Gebietes als Lehre von den letzten Dingen ist anstößig. Diese letzten 'Dinge' dürften längst keine Rolle mehr spielen. Grundlage aller Aussagen soll das Christusgeschehen, die Christustatsache bleiben (212).

Neben der Konzentration auf das Christusgeschehen steht als ein weiterer gemeinsamer Grundzug der neueren Eschatologie die Zurückdrängung der einfachen Anordnung in der Folge der eschatologischen  Ereignisse nach dem 'Schema chronologischer Sukzession', wobei der Charakter der Zeit nicht verfremdet werden darf. Die Annahme eines einfachen zeitlichen Nacheinander der erwarteten Geschehnisse führt zu unüberwindlichen Schwierigkeiten. Der am meisten störende Widerspruch besteht zwischen dem auf der Geschichte mit Gott beruhenden Fortleben des Menschen nach dem Tod und der Auferstehung am Jüngsten Tag. Deshalb soll hier der Zeitbegriff seine Zuständigekeit verlieren (213).

Die Parusie des Herrn: Nicht ein künftiges Drama führt die entscheidende Wende herauf. Sie hat sich in Jesus Christus vollzogen. Das schon Geschehene ist die einzige Grundlage der Zukunftserwartung, es gibt keine andere. Grund der christlichen Hoffnung ist einzig die Auferstehungswirklichkeit des Kyrios. In der Person Jesu Christi und entscheidend in seiner Auferstehung ist also dasjenige Datum zu erblicken, das seine Wiederkunft gewährleistet, indem diese in jener bereits begonnen hat und enthalten ist (214).

Im Gegensatz zu der als nicht glaubensnotwendig erklärten Vorstellung, dass der Christus am Ende der Tage sichtbar vom Himmel kommen wird, hat schon F.Traub betont: Woran dem Glauben liegt, ist, dass die Sache Christi triumphiert. W.Pannenberg: Nicht auf das Erscheinen eines vereinzelten Individuums, sondern auf das Offenbarwerden des Lebenszusammenhangs, der von dem gekreuzigten Jesus von Nazareth im Licht der Herrlichkeit Gottes ausgeht, darauf richtet sich die Erwartung der Wiederkunft Christi. Ob auf einer Wolke oder sonstwie, aber erscheinen müsste Christus in seiner Herrlichkeit, wenn das Glaubensbekenntnis recht behalten soll: „Von dannen er kommen wird ...“ Eben dieses Kommen aber ist nicht nur ganz und gar unwahrscheinlich geworden. Nach allem muss diese Hoffnung endgültig aufgegeben werden. Es kann keinem Zweifel unterliegen, dass auch das Dass, nicht nur das Wie der Parusie zum Gesamthorizont der Apokalyptik gehört und sachlich unhaltbar erscheint. Nichts ist so bezeichnend wie der Umstand, dass die neuere Theologie immer klarer und entschiedener den alleinigen Grund der Zukunftserwartung in Jesus Christus findet (216).

Die Naherwartung ist ein Irrtum der ganzen ersten Generation. Der Strom des Lebens ging über diesen heiklen Punkt hinweg. Nicht Verlegenheit angesichts der ausgebliebenen oder verzögerten Parusie sei hier angebracht, sondern Verwunderung und Staunen angesichts des in Christi Tod und Auferstehung sich so gnädig und so mächtig erweisenden Gottes. So kann man sich die Sache zurechtlegen. Die Frage ist nur, ob einer solchen Deutung viel Überzeugungskraft innewohnt. Ein zeitliches Hinausschieben auf unabsehbare Zeit bedeutet einen entscheidenden Bruch innerhalb der Gesamtanschauung. Traub: Es geht nicht an, zwar den Termin der Parusie um Jahrtausende hinauszurücken, sie selbst aber als äußeren Vorgang festzuhalten: nur viel später. Mit dem Termin fällt auch der Vorgang selbst (217f).

Der Verzicht auf die Nähe des Kommens erschüttert die Erwartung des Kommens überhaupt, dieses hat mit dem ursprünglichen Kontext seinen eigentlichen Sinn verloren. D.h. das Kommen des Menschensohns, auf das alles ankäme, muss nun eben doch zu den übrgigen apokalyptischen Vorstellungen gerechnet werden, zu jenen erwarteten Ereignissen, die uns so seltsam, fremd und phantastisch anmuten, aber auch allzu wenig sachlich begründet sind. An dieser Stelle setzt nicht nur das Denken aus, sondern weitgehend auch die Möglichkeit des Glaubens und Hoffens. Zweierlei geht hier vor sich: Einmal kommt es dahin, dass das unabsehbare Warten mit der Zeit erlahmt und sich erschöpft, so dass durch das immer weitere Hinausrücken des Zeitpunktes der Vorgang der Parusie selbst für das Glaubensdenken mehr als fraglich wird. Zugleich aber zerfließen auch die Umrisse der Person, auf die gewartet wird. Warten auf Godot! (218f).

Zur Parusie gehört die Auferstehung der Toten. Wie sich bei der Parusie ein zweifaches Problem zeigte, das den Vorgang selbst, als solchen und seine zeitliche Einordnung betraf, so tritt auch bei der Auferstehung der Toten eine zweifache Schwierigkeit auf. Das eine hier entstehende Problem, die Sache betreffend., wird durch die Begriffe der Kontinuität und Identität bezeichnet. Sie gilt es zu wahren zwischen dem Menschen, der dem Tod unterworfen ist, und dem, der dem Tod entrissen ist. Andererseits kann der Gegensatz zwischen dem Sterblichen und dem Unsterblichen nicht radikal genug gefasst sein. Paulus hat die völlige Diskontinuität denkbar schneidend formuliert: „Es wird gesät verweslich und wird auferstehen unverweslich. Es wird gesät in Unehre und wird auferstehen in Herrlichkeit. Es wird gesät in Schwachheit und wird auferstehen in Kraft. Es wird gesät ein natürlicher (psychischer) Leib und wird auferstehen ein geistlicher (pneumatischer) Leib“ (1Kor 15,42-44). In dem Satz: „gibt es einen psychischen Leib, so gibt es auch einen geistlichen“ steckt das eigentliche Problem. Dieser Begriff ist ein Unbegriff, weil er entgegengesetzte Merkmale miteinander verbindet. Was soll ein pneumatischer Leib' denn sein? Enthält der Begriff eines Körpers, der keine in Raum und Zeit mehr vorfindliche Größe ist, nicht einen Selbstwiderspruch, ähnlich dem Begriff eines hölzernen Eisens oder eines viereckigen Kreises? Wenn der pneumatische Leib nur als Symbol für das Bestehenbleiben der Identität gelten soll, so läuft das auf eine bloße Auswechslung von Begriffen hinaus (220).

Das zweite Problem, das mit der Auferstehung der Toten verbunden ist, ergibt sich auch hier im Hinblick auf die zeitliche Dimension. Wenn der Glaubende schon in diesem Leben in Christus ist, wie kann er dann noch wieder dem Tod verfallen und ihm bis zum Jüngsten Tag verfallen sein? In dem Auseinanderfallen der Zeitpunkte, in dem Widerspruch zwischen der Aussage des Paulus vom Abscheiden und bei Christus sein und der Auferstehung als Wirkung der Parusie des Herrn liegt die größte Schwierigkeit. Brunner: 'Unsere auseinandergezogene Zeit der vergänglichen Welt gibt es für die Ewigkeit nicht'. Dieser befremdliche Übergang zu einer ganz andersartigen, nicht auseinandergezogenen Zeit tritt neben die Einführung des Begriffs eines pneumatischen Leibes. Es ist keine Lösung des Problems, sondern die Formulierung seiner Unlösbarkeit. Gestützt auf diese beiden in sich selbst widerspruchsvollen Konstruktion meint man, unter Freigabe der Vorstellung des Wie der Auferstehung der Toten am Dass um so bestimmter festhaltern zu können (220f).

In Wahrheit lässt sich in der symbolischen Auffassung und der Unterscheidung zwischen dem Wie und dem Dass auch in diesem Punkt kaum etwas anderes als eine Scheinlösung erblicken. Wie die Parusie Jesu, so sind auch die Auferstehung der Toten und der durch sie bzw. in ihr entstehende pneumatische Leib, der so ganz anders als der gestorbene natürliche Leib ist und doch die Identität mit ihm bewahren soll, Annahmen von einem geradezu abenteuerlich unrealistischen Charakter. Hier liegen Aussagen vor, die sachlich durch nichts, aber auch durch gar nichts gerechtfertigt sind. Mag die Entstehung eines pneumatischen Leibes in der Auferstehung für den Gläubigen des Urchristentums noch glaubhaft gewesen sein, ein denkender Mensch unserer Zeit kann eine so hochgradig unvorstellbare und zugleich wiederum so ganz und gar nicht begründete Annahme nur als unerlaubt beurteilen, weil für sie schlechthin nichts und alles dagegen spricht (221).

Die Annahme eines Endgerichts nach den Werken steht in logisch unvereinbarem Gegensatz zur Rechtfertigung aus dem Glauben. Die beiden Aussagen passen nicht zueinander. Die christliche Glaubensposition gerät in diesem Punkt  in Widerspruch mit sich selbst. Dieser sachliche Widerspruch wirkt sich widerum auch in einem zeitlichen Spannungsverhältnis aus, das bei Paulus in dem Nebeneinander von Gegenwarts- und Zukunftsaussagen über das Rechfertigunggeschehen zum Ausdruck kommt (222f).

Man hat versucht, sich von all den Ungereimtheiten und horrenden Unwahrscheinlichkeiten der üblichen Eschatologie zu befreien und dabei den wesentlichen Kern der Ewigkeitshoffnung zu bewahren, indem die Konsequenz aus der Präponderanz der individuellen vor der universalen Hoffnung gezogen wird. In seiner Jenseitseschatologie nach welcher Gott den Menschen gleich im Tode richtet, rettet und mit dem himmlischen Leben beschenkt, gibt H.Graß diese Eschatologie der universalen Hoffnung als apokalyptisch und mythologisch völlig preis (231).

Ausbruchsversuche aus den üblichen Denkformen

Einführung eines neuen Zeitbegriffs: Erlaubt das Vorkommen mehrere Erlebnisformen der Zeit, die uns aus der Erfahrung bekannt sind, zur Annahme einer völlig unbekannten anderen Art von Zeitlichkeit überzugehen, deren Merkmale man sich nach Bedarf zurechtlegt? Die Eschatologen brauchen eine Zeit, die kein Kontinuum mit unserer auseinandergezogenen Zeit darstellt. Erstaunlich ist die intellektuelle Kühnheit einerseits, die Selbstverständlichkeit andererseits, mit der die Theologen dieses Spiel mit einer andersartigen Zeitform betreiben (232f).

Alles Wirkliche ist innerhalb der Zeit und damit vergänglich. Die Vergänglichkeit ist das Grundmerkmal des zeitlichen Seins, der Zeit überhaupt. Wird das ihr genommen, so ist die Zeit nicht mehr Zeit. Hat man es den Versuchen, sich darüber hinwegzusetzen mit einer Fehlspekulation, jedenfalls einem schweren Denkfehler zu tun oder mit einem raffinierten Kunstgriff, einem Trick, letztlich einem Täuschungsmanöver? Es handelt sich um eine zutiefst unstatthafte Manipulation mit dem Zeitbegriff, die zu einem unmöglichen Ergebnis führt. Die postulierte andersartige Zeitform hängt ganz und gar in der Luft und kann nicht die Grundlage für weitere, ohnehin fragwürdige Annahmen abgeben. Eine nicht auseinandergezogene Zeit ist ein Widerspruch in sich (233).

Dass alles Sein über kurz oder lang veraltet und vergeht, muss als ein Grundzug alles Wirklichen gelten. Und dieses ist zeitlicher Art, hat aber deshalb die Zeit schuld an der Vergänglichkeit? Der Versuch, der Zeit eine negative Qualität beizulegen, muss als völlig abwegig beurteilt werden. Noch deutlicher tritt das Irrige dieser Sicht bei dem Zusammenhang von Pflichtenkollision und Zeitlichkeit zu Tage. Dass man nicht zweierlei zugleich tun kann, ist ganz und gar in der Sachlage, d.h. in der Situation eines endlichen Wesens begründet und liegt nicht an der Zeit als solcher. Soweit die Zeit hieran beteiligt ist, handelt es sich um eine bare Selbstverständlichkeit, die keinesfalls zu irgendwelchen Konsequenzen hinsichtlich ihrer Beschaffenheit führen kann. Im Fortgang, im Weiterfließen besteht gerade das Wesen der Zeit (234f).

Anstatt der Wirklichkeit, wie wir sie im Rahmen der Zeit unzweifelhaft vorfinden, Priorität zuzubilligen und allenfalls Erwägungen über die Möglichkeit eines darüberhinausgehenden Seinszustandes anzustellen, wird die uns bekannte und bestimmende Wirklichkeit diskreditiert im Interesse einer hypothetischen höheren zukünftigen Welt. So kann man mit der Zeit nicht umspringen! Die Forderung ihrer Aufhebung muss nach allem als unberechtigt, als unbegründet bezeichnet werden und vor allem darf man sie nicht um Gottes willen verwerfen wollen. Die wirkliche, uns gegenwärtige zeitliche Welt als aufhebbar hinzustellen, um eine geglaubte, erhoffte vollendete, göttliche als zukünftig eintretend dafür einzuhandeln, das ist ein Salto mortale, welchem sich der, dem sein Leben und Denken lieb ist, verweigern muss (236f).

Liegt die Wahrheit in der Degradierung der wirklichen Welt, um eine erwartete andere, höhere Welt glaubhaft zu machen, oder in der Absetzung des ganzen apokalyptischen Vorstellungsbereichs durch die uneingeschränkte Anerkennung seiner mythischen Beschaffenheit? Die Beurteilung der Eschatologie als mythisch ist unabweisbar und hinterläßt keinen erkenntnismäßig unbefriedigenden Rest. Die Annahme dagegen, die eschatologische Glaubenssphäre biete zumindest einige wesentliche haltbare Elemente, führt in die größten Schwierigkeiten und zu wahrhaft halsbrecherischen intellektuellen Wagnissen. Deshalb sieht ein vor allem der Wirklichkeit und dem Maßstab der Wahrscheinlichkeit verpflichtetes Denken sich genötigt, das Moment der Zukunft aufzugeben. Die charakteristische Spannung zwischen Gegenwart und Zukunft geht damit verloren, die Eschatologie entfällt, sie ist durch und durch unglaubwürdig geworden. Die Erwartung, dass irgendetwas von den ausgesagten letzten Geschehnissen wirklich eintreten werde, dass vor allem der Herr Jesus in Herrlichkeit erscheinen, über die auferstandenen Toten Gericht halten und die mit ihm Verbundenen ins Ewige Leben eingehen lassen wird, erscheint einfach nicht mehr erlaubt. Die christliche Zukunftshoffnung ist, soweit wir denkend zu urteilen haben, nicht mehr statthaft, in keiner Hinsicht. Die vom Christentum übernommenen, zwar auch abgewandelten, aber bis heute mitgeschleppten spätjüdischen Zukunfts- und Enderwartungen sind völlig passé, weil sie ganz ins antike Weltbild eingelassen und zugleich ins jüdische Geschichtsprogramm eingebaut sind (243).

Selbst für den Fall, dass sich nach Überwindung äußerst bedenklicher Krisen immer wieder Auswege finden sollten, ändert das nichts daran, dass unsere Erde infolge ihres Verhältnisses zur Sonne in ferner Zukunft unbewohnbar werden wird. Anstatt eines neuen Himmels und einer neuen Erde zu harren, haben wir an eine Erde zu denken, die einmal wieder so sein wird, wie sie einst gewesen ist: wüst und leer. Die Dauer der Zeit bis dahin bleibt ungewiss; zu diesem Ende selbst gibt es keine Alternative (245).