10. Das CHRISTUSEREIGNIS ist die einzige Grundlage unserer ZUKUNFTSERWARTUNG

Eine Entmythologisierung ist unausweichlich

Verschiedene Eschatologien im NT
eine heilsgeschichtliche-endgeschichtliche Eschatologie bei Lukas
eine präsentische Eschatologie bei Johannes
eine Jenseitseschatologie im Hebräerbrief

1. Die endgeschichtliche Eschatologie ist unhaltbar geworden
Eine neue/erneuerte Erde ist mit unserer naturwissenschaftlichen Erkenntnis unvereinbar

Das apokalyptische Gemälde der Auferweckung der Toten und der Entrückung bei der Parusie des Herrn muss entfallen
Abschied vom Weltbild der Apokalyptik
(1) Die Problematik der eschatologischen Glaubensvorstellungen
(2) Notwendige Neuinterpretation der Eschatologie
(3) Die Befreiung vom Weltbild der Apokalyptik
Anhang: Weltuntergang - Kosmische Endereignisse?

(4) Zur Frage der Wiederkunft Christi

(5) Das Problem der Parusieverzögerung in den synoptischen Evangelien und in der Apostelgeschichte
(6) Die Parusie ist kein Ereignis in Raum und Zeit

2. Jenseitseschatologie – Individuelle Eschatologie
(1) Individuelle Eschatologie des Neuen Testaments
(2) Unser Sieg über den Tod: Auferstehung?
(3) Die Zukunftserwartung des vierten Evangeliums (Jh 14,2f;17,24)
Anhang: Entapokalyptisierte individuelle Eschatologie – das johanneische Zeugnis
(4) Paulus' christologische Eschatologie (Röm 8,18-39)
Der Glaubende erreicht das Ziel der Christusgemeinschaft bereits im Tod

Anhang a: Wandlungen im paulinischen Denken in bezug auf die Eschatologie
Anhang b: Eine neue Form der Hoffnung (Phil 1,23ff)
(5) Was dürfen wir hoffen angesichts des Todes und angesichts der geschichtlichen Wirklichkeit?
(6) Unsere Hoffnung ist allein Christus

(7) Die wahre Welt des vollen Heils ist bei Gott, im Himmel vorhanden
(8) Hoffnung auf die jenseitige Welt in Gesangbuchliedern

H. Küng: Wie die biblische Protologie keine Reportage von Anfangs-Ereignissen sein kann, so die biblische Eschatologie keine Prognose von End-Ereignissen. Und wie die biblischen Erzählungen vom Schöpfungswerk Gottes der damaligen Umwelt entnommen wurden, so die von Gottes Endwerk der zeitgenössischen Apokalyptik. Die Bibel spricht auch hier keine naturwissenschaftliche Faktensprache, sondern eine Bildersprache. Sie offenbart keine bestimmten weltgeschichtlichen Ereignisse. Die apokalyptischen Bilder und Visionen vom Weltende würden missverstanden, wenn sie als Information über die ‚letzten Dinge’ am Ende der Weltgeschichte aufgefasst würden. Für die ‚Ur-Zeit’ wie für die ‚End-Zeit’ gibt es keine menschlichen Zeugen (217f).

Wiederkunft Jesu?

Die Vorstellung von der Wiederkunft Jesu ist abhängig von der Vorstellung der Auferstehung der Toten auf einer neuen/erneuerten Erde. Nach diesem Vorstellungsmodell muss Jesus wiederkommen, andernfalls wäre die Trennung von Christus ewig. Eine neue/erneuerte Erde ist mit unserem naturwissenschaftlichen Weltbild unvereinbar.

K. Rahner: Jesus kommt ‚wieder‘, wenn wir bei ihm ‚ankommen‘

E. Hirsch: Das Ende der Erdgeschichte: Dem Glauben an Gott ist es gewiss, dass wir durch den Tod dem Geheimnis Gottes entgegengehen. Dies aber ist ein Glaube, der sich für uns in jeder Hinsicht von den Vorstellungen über die Erdgeschichte und die Geschichte des Kosmos gelöst hat (392).

Das Menschengeschlecht wird ebenso vergehen, wie ehedem die Saurier vergangen sind. Aller Wahrscheinlichkeit nach ist es mit dem Menschen und der Menschengeschichte schon längst zu Ende gegangen, ehe die Erde aufgehört hat möglicher Träger organischen Lebens zu sein. Der Kosmos würde deshalb, weil die Menschheit ausstürbe, nicht ins Wanken und Wackeln geraten. Die Sache wäre etwa ebenso wichtig für ihn, wie die Zerstörung eines Ameisenhaufens für die Geschichte der Erde (394).

Unangefochten und ewig wahr bleibt dem Glauben die eine Aussage, dass der Tod für einen jeden von uns Gottesbegegnung ist. Alle Bilder und Gedanken der ntl Eschatologie sonst sind für uns Märchen und Mythos geworden. Das Ende unserer Welt ist für uns nicht mehr ein den ganzen Kosmos Betreffendes, sondern das unbestimmte 'Irgendwanneinmal' eines zwerghaften kosmischen Teilereignisses (395).

Hellenistische Eschatologie: Postmortales Sein der Glaubenden in der jenseitigen Herrlichkeit unmittelbar nach dem Tod. Das eschatologische Heil wird abgelöst durch ein Heil, das sich durch den Tod hindurch verwirklicht. Der Tod tritt an die Stelle des Jüngsten Tages.

Gott ist nicht ein Gott der Toten, sondern der Lebenden“ (Mk 12,27parr)
Die Toten sind „wie die Engel im Himmel“ (Mk 12,25parr)

1. Die endgeschichtliche Eschatologie ist unhaltbar geworden
Eine neue/erneuerte Erde ist mit unserer naturwissenschaftlichen Erkenntnis unvereinbar

Das apokalyptische Gemälde der Auferweckung der Toten und der Entrückung bei der Parusie des Herrn muss entfallen
Abschied vom Weltbild der Apokalyptik
(1) Die Problematik der eschatologischen Glaubensvorstellungen
(2) Notwendige Neuinterpretation der Eschatologie
(3) Die Befreiung vom Weltbild der Apokalyptik
Anhang: Weltuntergang - Kosmische Endereignisse?
(4) Zur Frage der Wiederkunft Christi

(5) Das Problem der Parusieverzögerung in den synoptischen Evangelien und in der Apostelgeschichte
(6) Die Parusie ist kein Ereignis in Raum und Zeit

(1) Die Problematik der eschatologischen Glaubensvorstellungen

H.Groos

Die Erwartung des Weltendes im Zusammenhang mit der Errichtung eines Gottesreichs ist das zentrale Thema der spätjüdischen Apokalyptik (182).

Mit apokalyptischem Gehalt wird die Eschatologie zum Problem, zu einem schweren Anstoß für das Denken unserer Zeit. Schon Harnack war dieser ganze dramatisch-eschatologische Apparat unsympatisch. Für uns sind diese phantastischen Erwartungen typische Produkte einer ganz bestimmten Weltanschauungsrichtung, eben der Apokalyptik (193f).

Entweder man erwartet jenseints des Todes, d.h. sofort nach dem Tod, das wirkliche und volle persönliche Heil – dann ist damit das Geschehen jenseits des Endes der Geschichte entwertet. Oder man erwartet die wirkliche Entscheidung und das Heil erst von dem Jüngsten Tag – dann ist der Tod als Hingang zu Christus als Entscheidung, als Entsündigung und Verwandlung entwertet (204).

Eschatologische Aussagen haben an das schon erfolgte Christusgeschehen im ganzen anzuknüpfen, das Hoffen muss in der Erfahrung des Glaubens wurzeln. Die biblischen Hoffnungsgedanken haben weitgehend mythologischen Charakter (210).

Die Eschatologie wird grundsätzlich nur noch christologisch konzentriert betrieben. Man ist sich einig in der Begründung der Zukunftserwartung allein auf die 'Christustatsache', das 'Christusereignis' zu setzen. Für die inhaltliche Gestaltung ist maßgebend allein das, was in der Person Jesu Christi beschlossen liegt. Als mythologisch sind alle Zukunftsvorstellungen der Apokalyptik anzusehen (211f).

Der am meisten störende Widerspruch besteht zwischen dem auf der Geschichte mit Gott beruhenden Fortleben des Menschen nach dem Tod und der Auferstehung am Jüngsten Tag. Deshalb soll hier der Zeitbegriff seine Zuständigekeit verlieren. Der Charakter der Zeit darf nicht verfremdet werden (213).

Die Parusie des Herrn? Nicht ein künftiges Drama führt die entscheidende Wende herauf. Sie hat sich in Jesus Christus vollzogen (214).

Die Vorstellung, dass der Christus am Ende der Tage sichtbar vom Himmel kommen wird, muss endgültig aufgegeben werden. Auch das Dass, nicht nur das Wie der Parusie gehört zum Gesamthorizont der Apokalyptik und ist sachlich unhaltbar. Die neuere Theologie findet immer klarer den alleinigen Grund der Zukunftserwartung in Jesus Christus (216).

Traub: Es geht nicht an, den Termin der Parusie um Jahrtausende hinauszurücken, sie selbst aber als äußeren Vorgang festzuhalten: nur viel später. Mit dem Termin fällt auch der Vorgang selbst (217f).

Zur Parusie gehört die Auferstehung der Toten. Der Gegensatz zwischen dem Sterblichen und dem Unsterblichen kann nicht radikal genug gefasst sein. Paulus hat die völlige Diskontinuität denkbar schneidend formuliert: „Es wird gesät verweslich und wird auferstehen unverweslich. Es wird gesät in Unehre und wird auferstehen in Herrlichkeit. Es wird gesät in Schwachheit und wird auferstehen in Kraft. Es wird gesät ein natürlicher (psychischer) Leib und wird auferstehen ein geistlicher (pneumatischer) Leib“ (1Kor 15,44). In dem Satz: „gibt es einen psychischen Leib, so gibt es auch einen geistlichen“ steckt das eigentliche Problem. Dieser Begriff ist ein Unbegriff, weil er entgegengesetzte Merkmale miteinander verbindet. Was soll ein pneumatischer Leib' sein? Enthält der Begriff eines Körpers, der keine in Raum und Zeit mehr vorfindliche Größe ist, nicht einen Selbstwiderspruch, ähnlich dem Begriff eines hölzernen Eisens oder eines viereckigen Kreises? Wenn der pneumatische Leib nur als Symbol für das Bestehenbleiben der Identität gelten soll, so läuft das auf eine bloße Auswechslung von Begriffen hinaus (220).

Das zweite Problem, das mit der Auferstehung der Toten verbunden ist, ergibt sich auch hier im Hinblick auf die zeitliche Dimension. Wenn der Glaubende schon in diesem Leben in Christus ist, wie kann er dann noch wieder dem Tod verfallen und ihm bis zum Jüngsten Tag verfallen sein? In dem Auseinanderfallen der Zeitpunkte, in dem Widerspruch zwischen der Aussage des Paulus vom Abscheiden und bei Christus sein und der Auferstehung als Wirkung der Parusie des Herrn liegt die größte Schwierigkeit. Dieser befremdliche Übergang zu einer ganz andersartigen, nicht auseinandergezogenen Zeit tritt neben die Einführung des Begriffs eines pneumatischen Leibes. Es ist keine Lösung des Problems, sondern die Formulierung seiner Unlösbarkeit. Gestützt auf diese beiden in sich selbst widerspruchsvollen Konstruktion meint man, unter Freigabe der Vorstellung des Wie der Auferstehung der Toten am Dass um so bestimmter festhaltern zu können (220f).

In Wahrheit lässt sich in der symbolischen Auffassung und der Unterscheidung zwischen dem Wie und dem Dass auch in diesem Punkt kaum etwas anderes als eine Scheinlösung erblicken. Wie die Parusie Jesu, so sind auch die Auferstehung der Toten und der durch sie bzw. in ihr entstehende pneumatische Leib, der so ganz anders als der gestorbene natürliche Leib ist und doch die Identität mit ihm bewahren soll, Annahmen von einem geradezu abenteuerlich unrealistischen Charakter. Hier liegen Aussagen vor, die sachlich durch nichts, aber auch durch gar nichts gerechtfertigt sind. Mag die Entstehung eines pneumatischen Leibes in der Auferstehung für den Gläubigen des Urchristentums noch glaubhaft gewesen sein, ein denkender Mensch unserer Zeit kann eine so hochgradig unvorstellbare und zugleich wiederum so ganz und gar nicht begründete Annahme nur als unerlaubt beurteilen, weil für sie schlechthin nichts und alles dagegen spricht (221).

Die Annahme eines Endgerichts nach den Werken steht in logisch unvereinbarem Gegensatz zur Rechtfertigung aus dem Glauben. Die beiden Aussagen passen nicht zueinander. Die christliche Glaubensposition gerät in diesem Punkt  in Widerspruch mit sich selbst. Dieser sachliche Widerspruch wirkt sich widerum auch in einem zeitlichen Spannungsverhältnis aus, das bei Paulus in dem Nebeneinander von Gegenwarts- und Zukunftsaussagen über das Rechfertigunggeschehen zum Ausdruck kommt (222f).

Man hat versucht, sich von all den Ungereimtheiten und horrenden Unwahrscheinlichkeiten der üblichen Eschatologie zu befreien und dabei den wesentlichen Kern der Ewigkeitshoffnung zu bewahren, indem die Konsequenz aus der Präponderanz der individuellen vor der universalen Hoffnung gezogen wird. In seiner Jenseitseschatologie nach welcher Gott den Menschen gleich im Tode richtet, rettet und mit dem himmlischen Leben beschenkt, gibt H.Graß diese Eschatologie der universalen Hoffnung als apokalyptisch und mythologisch völlig preis (231).

Ausbruchsversuche aus den üblichen Denkformen

Einführung eines neuen Zeitbegriffs: Erlaubt das Vorkommen mehrere Erlebnisformen der Zeit, die uns aus der Erfahrung bekannt sind, zur Annahme einer völlig unbekannten anderen Art von Zeitlichkeit überzugehen, deren Merkmale man sich nach Bedarf zurechtlegt? Die Eschatologen brauchen eine Zeit, die kein Kontinuum mit unserer auseinandergezogenen Zeit darstellt. Erstaunlich ist die intellektuelle Kühnheit einerseits, die Selbstverständlichkeit andererseits, mit der die Theologen dieses Spiel mit einer andersartigen Zeitform betreiben (232f).

Alles Wirkliche ist innerhalb der Zeit und damit vergänglich. Die Vergänglichkeit ist das Grundmerkmal des zeitlichen Seins, der Zeit überhaupt. Wird das ihr genommen, so ist die Zeit nicht mehr Zeit. Hat man es bei den Versuchen, sich darüber hinwegzusetzen mit einer Fehlspekulation, jedenfalls einem schweren Denkfehler zu tun oder mit einem raffinierten Kunstgriff, einem Trick, letztlich einem Täuschungsmanöver? Es handelt sich um eine zutiefst unstatthafte Manipulation mit dem Zeitbegriff, die zu einem unmöglichen Ergebnis führt. Die postulierte andersartige Zeitform hängt ganz und gar in der Luft und kann nicht die Grundlage für weitere, ohnehin fragwürdige Annahmen abgeben. Eine nicht auseinandergezogene Zeit ist ein Widerspruch in sich (233).

Dass alles Sein über kurz oder lang veraltet und vergeht, muss als ein Grundzug alles Wirklichen gelten. Und dieses ist zeitlicher Art, hat aber deshalb die Zeit schuld an der Vergänglichkeit? Der Versuch, der Zeit eine negative Qualität beizulegen, muss als völlig abwegig beurteilt werden. Noch deutlicher tritt das Irrige dieser Sicht bei dem Zusammenhang von Pflichtenkollision und Zeitlichkeit zu Tage. Dass man nicht zweierlei zugleich tun kann, ist ganz und gar in der Sachlage, d.h. in der Situation eines endlichen Wesens begründet und liegt nicht an der Zeit als solcher. Soweit die Zeit hieran beteiligt ist, handelt es sich um eine bare Selbstverständlichkeit, die keinesfalls zu irgendwelchen Konsequenzen hinsichtlich ihrer Beschaffenheit führen kann. Im Fortgang, im Weiterfließen besteht gerade das Wesen der Zeit (234f).

Anstatt der Wirklichkeit, wie wir sie im Rahmen der Zeit unzweifelhaft vorfinden, Priorität zuzubilligen und allenfalls Erwägungen über die Möglichkeit eines darüberhinausgehenden Seinszustandes anzustellen, wird die uns bekannte und bestimmende Wirklichkeit diskreditiert im Interesse einer hypothetischen höheren zukünftigen Welt. So kann man mit der Zeit nicht umspringen! Die Forderung ihrer Aufhebung muss nach allem als unberechtigt, als unbegründet bezeichnet werden und vor allem darf man sie nicht um Gottes willen verwerfen wollen. Die wirkliche, uns gegenwärtige zeitliche Welt als aufhebbar hinzustellen, um eine geglaubte, erhoffte vollendete, göttliche als zukünftig eintretend dafür einzuhandeln, das ist ein Salto mortale, welchem sich der, dem sein Leben und Denken lieb ist, verweigern muss (236f).

Liegt die Wahrheit in der Degradierung der wirklichen Welt, um eine erwartete andere, höhere Welt glaubhaft zu machen, oder in der Absetzung des ganzen apokalyptischen Vorstellungsbereichs durch die uneingeschränkte Anerkennung seiner mythischen Beschaffenheit? Die Beurteilung der Eschatologie als mythisch ist unabweisbar und hinterläßt keinen erkenntnismäßig unbefriedigenden Rest. Die Annahme dagegen, die eschatologische Glaubenssphäre biete zumindest einige wesentliche haltbare Elemente, führt in die größten Schwierigkeiten und zu wahrhaft halsbrecherischen intellektuellen Wagnissen. Deshalb sieht ein vor allem der Wirklichkeit und dem Maßstab der Wahrscheinlichkeit verpflichtetes Denken sich genötigt, das Moment der Zukunft aufzugeben. Die charakteristische Spannung zwischen Gegenwart und Zukunft geht damit verloren, die Eschatologie entfällt, sie ist durch und durch unglaubwürdig geworden. Die Erwartung, dass irgendetwas von den ausgesagten letzten Geschehnissen wirklich eintreten werde, dass vor allem der Herr Jesus in Herrlichkeit erscheinen, über die auferstandenen Toten Gericht halten und die mit ihm Verbundenen ins Ewige Leben eingehen lassen wird, erscheint einfach nicht mehr erlaubt. Die apokalyptische Zukunftshoffnung ist, soweit wir denkend zu urteilen haben, nicht mehr statthaft, in keiner Hinsicht. Die vom Christentum übernommenen, zwar auch abgewandelten, aber bis heute mitgeschleppten spätjüdischen Zukunfts- und Enderwartungen sind völlig passé, weil sie ganz ins antike Weltbild eingelassen und zugleich ins jüdische Geschichtsprogramm eingebaut sind (243).

Selbst für den Fall, dass sich nach Überwindung äußerst bedenklicher Krisen immer wieder Auswege finden sollten, ändert das nichts daran, dass unsere Erde infolge ihres Verhältnisses zur Sonne in ferner Zukunft unbewohnbar werden wird. Anstatt eines neuen Himmels und einer neuen Erde zu harren, haben wir an eine Erde zu denken, die einmal wieder so sein wird, wie sie einst gewesen ist: wüst und leer. Die Dauer der Zeit bis dahin bleibt ungewiss; zu diesem Ende selbst gibt es keine Alternative (245).

                   

(2) Notwendige Neuinterpretation der Eschatologie

M.Kehl

Unter 'Reich Gottes' bzw. 'Königsherrschaft Gottes' verstehen wir jenes in Christus endgültig erfüllte und ihm zugleich noch verheißene Geschehen, in dem Gottes Gerechtigkeits- und Friedenswille sich in unserer Geschichte (von Israel bzw. dem erneuerten Volk Gottes, der Kirche, ausgehend) auf heilende und befreiende Weise Raum schafft (221).

Das Reich Gottes findet in der Person Jesu, in seiner Verkündigung, in seinen Zeichenhandlungen und in seinem Geschick (in Tod und Auferstehung) die grundlegende innergeschichtliche Gestalt, die die erhoffte Vollendung des Reichs Gottes vorwegnimmt. Jesus Christus ist das Realsymbol der Liebe Gottes, ihres Gerechtigkeits- und Friedenswillens. Er begründet die Vergegenwärtigung des Reichs Gottes auch im Leben und Tun all derer, die ihm in der Kraft seines Geistes nachfolgen (221f).

Universalität des Heils: Die ganze Wirklichkeit individueller und sozialer menschlicher Geschichte wird in dem Maß, wie sie sich vom Geist der Liebe Gottes durchformen lässt, zum Herrschaftsraum des Friedens- und Gerechtigkeitswillens Gottes (230).

Im Durchgang durch den Tod: Erst durch den Tod hindurch, kann eine Vollendung individueller und sozialer Lebensgeschichte erhofft werden. Wenn wir dies bejahen, nehmen wir Abschied von der apokalyptischen Vorstellung, dass Gott einmal unmittelbar zu einem bestimmten geschichtlichen Zeitpunkt in diese Geschichte 'eingreifen', sie in einem großen Weltuntergang beenden und dann eine ganz neue Welt schaffen wird, auf der auch eine neue 'Geschichte' der Menschen beginnt. Die Schwierigkeiten mit solchen Vorstellungen rühren daher, dass wir das apokalyptische Weltbild nicht mehr teilen können (232f).

G.Lohfink: Die Theologie hatte im 19.Jh. begriffen, dass sich die Welt Gottes nicht in dreidimensionalen Räumen über unserer Welt aufschichtet, sie nahm aber gleichzeitig noch immer an, dass das Ende der Welt und der Geschichte auf der irdischen Zeitlinie stattfände, dass es am Ende in unserer Welt ein göttliches spectaculum, nämlich Weltuntergang mit Parusie geben werde. Man kann nicht die Raumvorstellungen der Apokalyptik verabschieden und gleichzeitig an ihrer Zeitvorstellung und an ihrem Geschichtsbild festhalten. Die so dringend notwendige Neuinterpretation der Eschatologie kann nur dann gelingen, wenn nicht mehr von dem Zeit- und Geschichtsbild der Apokalyptik ausgegangen wird (233).

M. Kehl: Gott als der verborgen anwesende Grund aller Wirklichkeit kann niemals ein direktes und unmittelbares Objekt unserer sinnlich-geistigen Erkenntnis werden. Der Gott, der sich gerade in Tod und Auferstehung Jesu als endgültig befreiende Liebe offenbart hat, wird auch in aller Zukunft den Tod nicht einfach aus der Welt herausnehmen und so geschichtliches Leben 'unsterblich' machen, sei es am Ende 'dieser' oder innerhalb einer (von der Apokalyptik erwarteten) 'neu geschaffenen' Geschichte. Indem durch Jesus auch unser Tod und all seine Vorformen, wie Krankheit, Schmerz, Leid und Einsamkeit usw., zum möglichen Erscheinungsort der heilenden Liebe Gottes geworden sind, kann eine wirkliche 'Vollendung' der Geschichte im Reich Gottes nur durch den persönlichen Tod der einzelnen Menschen hindurch geschehen. Einzig die Bewegung auf eine absolut geschichtstranszendente Vollendung der Geschichte hin bewahrt jeder Geschichte ihren relativen und damit humanen sie nicht vergötzenden Charakter (234f).

Im Gegensatz zur Apokalyptik ist für uns die Schöpfung durch Jesus Christus eine grundsätzlich geheilte Schöpfung. Sie ist nicht mehr Ort einer reinen Sündengeschichte, die nur durch eine totale Vernichtung und Neuschöpfung hindurch gerettet werden könnte. Im auferstandenen Christus und in den an seiner Auferstehung Teilhabenden ist diese Schöpfung bereits in das vollendete Leben Gottes eingegangen. Eine universale Vollendung wird von uns deswegen gerade für diese Schöpfung erhofft, in die der Geist des Auferstandenen als Angeld und Keim der neuen Schöpfung hineingelegt ist. Sie soll im ganzen an der Vollendung Christi teilhaben, und nicht eine völlig neue Schöpfung sein, die mit der alten nichts mehr gemein hat (235).

Das 'Aufgehobensein' der Geschichte in der Auferstehung der Toten: Die Vollendung des Reichs Gottes erhoffen wir (im Unterschied zur Apokalyptik) als das endgültige Aufgehobensein dieser menschlichen Geschichte (in ihrer individuellen, sozialen und universalen Dimension) im Leben Gottes. (1) Alles, was in unserer Geschichte für das Reich Gottes bedeutsam ist, alles, was von uns in vertrauender Hoffnung und in tätiger Liebe ertragen und getan wird, bleibt 'erhalten' (aufheben = bewahren). Es behält (als Teilhabe am auferstandenen Leben des Gekreuzigten!) Geltung über den Tod hinaus, sowohl für die vollendete Gestalt des Reichs Gottes selbst, als auch für den betreffenden Menschen selbst (als dem 'substantiellen' Träger solchen Tuns): Es macht seine bleibende Identität bei Gott aus. Außerdem geht es ein in die unzerstörbare Basis, auf der weiter an der Gestaltwerdung des Reichs Gottes unter uns gebaut werden kann (235f).

(2) Alles, was nicht integrierbar ist, also das Sündige, Sich-Gott-Verschließende in unserer Geschichte, wird 'hinweggenommen' in die richtend-vergebende Liebe Gottes hinein (aufheben = außerkraftsetzen). Im Leben der Auferstehung bestimmt es nur noch als 'vergebene' Schuld unsere Identität. Sie ist so in die den Sünder bejahende Liebe Gottes hineingeborgen, dass wir in der Kraft dieses Angenommenseins unsere Schuld ganz 'aufarbeiten', sie als Moment unserer glückenden, aus der Vergebung lebenden Identität annehmen können.

(3) Die von Gott aufgenommene menschliche Geschichte bekommt eine endgültig gelungene Gestalt, die dem Wechsel von Raum und Zeit enthoben und von aller damit gegebenen schmerzlichen Gebrochenheit befreit ist (aufheben = emporheben). Die geschaffene Wirklichkeit findet erst da ganz zu sich selbst, wo sie endgültig zu Gott, dem Schöpfer und Vollender hingefunden hat. Dies bedeutet die erfüllende Teilhabe unseres gelebten Lebens und seiner Welt an der Weite und Schönheit der unendlich lebendigen Liebe Gottes (236f).

Gemeinschaft der Heiligen: Das 'Reich Gottes' wird immer nur getragen von einem entsprechenden 'Volk'Gottes, dessen gemeinschaftliches Zusammenleben immer stärker von der Liebe Gottes geprägt werden soll. In der 'neuen Schöpfung' erhoffen wir die Vollendung dieses Reichs Gottes und seines Trägers, des Volkes Gottes. Als 'Erster der Entschlafenen' legte Jesus den Grundstein für dieses vollendete Reich Gottes. Das Verhältnis von realsymbolischer Vergegenwärtigung und communio-Gestalt des Reichs Gottes gilt auch für seine Vollendung: Die Vollendung der Einzelnen und ihrer Lebensgeschichte geschieht immer nur als Vollendung einer 'kommunikativen Einheit' aller Realsymbole des Reichs Gottes. Der Einzelne wird nur vollendet in der Teilhabe an der vorgegebenen Vollendung der 'communio sanctorum', am Auferstehungsleben der vollendeten Gemeinschaft derer, die das Leben und Sterben Jesu um des Reichs Gottes willen geteilt haben. Diese vollendete Gemeinschaft entsteht immer nur durch den Tod und durch die Vollendung der Einzelnen hindurch, grundlegend in Jesus Christus und den wahrhaft 'Heiligen'. In diese vollendete Gestalt des 'Leibes Christi' werden wir hineingenommen und bauen sie zugleich durch unsere 'Lebensfrucht' mit auf. Vermittelt durch die soziale Gestalt der communio sanctorum wächst die ganze Schöpfung in ihre Vollendung hinein (237f).

Wiederkunft des Herrn: 'Jesus kehrt wieder, insofern alle bei ihm ankommen'

Menschliches Leben ist ein ständiges Wandern auf die unverborgene Begegnung mit Jesus Christus hin. Immer dann, wenn ein Mensch stirbt, hoffen wir, dass er bei Christus angekommen ist, dass er endgültig in einer befreienden und beglückenden Gemeinschaft mit ihm und dem Vater aufgehoben ist. Zu diesem Menschen ist Christus dann bereits unverborgen 'wiedergekommen'. Wenn einmal alle Menschen ihren Tod gestorben und bei Christus angekommen sind, ist er zu allen wiedergekommen; dann ist der 'Jüngste Tag' erreicht. 'Wiederkunft Jesu' bedeutet nicht ein großes Welttheater mit planetarischem Szenario irgendwann in weiter Ferne. Es ist ein Geschehen, das sich 'mitten unter uns' ereignet (Lk 17,21) und im menschlichen Sterben vollendet. Jesus hat für dieses An-Kommen einen klaren Maßstab gesetzt: „Kommt zu mir, die ihr von meinem Vater gesegnet seid und nehmt das Reich Gottes in Besitz..., denn was ihr einem meiner geringsten Brüder und Schwestern getan habt, das habt ihr mir getan“ (Mt 25,34.40). Nur der, bei dem Jesus in diesem Leben bereits ankommen kann, in der verborgenen Gestalt eines Hungernden und Durstigen, eines Kranken und Heimatlosen, eines Armen und Verspotteten, nur der wird einmal bei Jesus in seiner unverborgenen Gestalt ankommen können. Tun wir alles, um den verborgenen Christus 'mitten unter uns' zu entdecken! Dann erfüllen wir die dringliche Mahnung Jesu, in Wachsamkeit und Aufmerksamkeit das Kommen des Menschensohnes zu erwarten (Lk 21,36;  Mt 24,44; 25,13) (245f).

Empirisches 'Ende' und theologische 'Vollendung' der Welt: Empirisch gesehen lässt sich ein Ende der menschlich-irdischen Lebenswelt mit großer Sicherheit voraussehen (uns interessiert nur das Ende unserer Erde und ihrer Lebensbedingungen). Nach dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik nimmt die 'Unordnung' im Kosmos zu. Über das Wann und Wie eines empirischen Endes unserer Erde kann die Theologie keine Aussage machen; das fällt nicht in ihre Kompetenz. Für den theologischen Begriff der Vollendung ist es nicht gleichgültig, wie das empirische Ende der Erde aussieht, denn der Mensch trägt vom Schöpfungsauftrag Gottes her Verantwortung für diese Erde. Es ist uns Menschen aufgetragen, unsere Freiheit so einzusetzen, dass diese Erde die humanisierte, in ihre Vollendung bewahrend aufzuhebende 'Materie' des Reichs Gottes sein kann (247f).

Jeder Mensch bringt seine eigene, unverwechselbare Geschichte mit. Das jeweilige Anders- und Einzigartigsein dieser beim Menschen 'angekommenen' Liebe Gottes ist für die Vollendungsgestalt des Reichs Gottes von entscheidender Bedeutung, zeigt sich doch darin einerseits der unausschöpfliche Reichtum der sich mitteilenden Liebe Gottes und andererseits auch der unbedingte Wert jeder menschlichen Person innerhalb der Geschichte dieser Liebe Gottes. Erst wo diese qualitativ bedeutsame Vielfalt auch universal vollendet ist, kann man von einer endgültigen Vollendung des Reichs Gottes sprechen. Das dürfte der theologische Sinn der Rede vom 'Jüngsten Tag' sein: Er braucht dann nicht als ein kosmischer Weltuntergang oder eine universal-geschichtliche Katastrophe vorgestellt zu werden, sondern als das Zu-Ende-Kommens des universalen Vollendungsprozesses, in dem alle (dazu bereiten) Menschen in das Leben der Auferstehung hineinsterben. Dieser Prozess ereignet sich fortwährend innerhalb unserer Geschichte im Tod jedes Menschen. Er findet sein innergeschichtliches Ende, wenn alle Menschen gestorben sind (249).

Vollendung meint zugleich den Prozess des ständigen, im irdischen Leben beginnenden und sich im Tod vollendenden Hineingenommenwerdens in das unausschöpflich bewegte Leben Gottes wie auch das Ergebnis dieses Prozesses, das unangefochtene Angelangtsein bei Gott (251).