(2) Ergebnis - Röm 8,18-39 und die theologische Eschatologie 

a. Die theologische Aussage von Röm 8,18-39

Paulus legt in Röm 8 die neue Lebenswirklichkeit der Gerechtfertigten aus. Als die geistbegabten Kinder Gottes und Erben Christi repräsentieren sie das endgültige Heil Gottes in der heillosen Zuständlichkeit der Gegenwart. In enthusiastischer Weise sieht Paulus die Zuständlichkeit der Gegenwart bereits überformt und überboten vom Heil Gottes. Weil er von der Übermächtigkeit des Heils Gottes erfüllt ist und zugleich die Defizienz der Gegenwart ganz ernst nimmt, muss er von der künftigen Totalität des Heils sprechen und die Gegenwart von dieser Heilserfüllung her verstehen. Das Leiden und die Verherrlichung Christi gelten als das Modell der Verwirklichung von Gottes Heil schlechthin. Lassen sich die Glaubenden in dieses Geschick Christi hineingestalten, so leben sie inmitten der Zuständlichkeit dieser Welt schon vom Geist Gottes und haben dadurch Anteil an der Doxa. Wie Christus gehören auch sie Gott ganz zu und keine Macht der Welt kann sie mehr der Liebe Gottes entreißen. Damit leben die Christen schon in dieser Welt nicht mehr von scheinbaren und vorläufigen Realitäten, sondern von der bleibenden und allein gültigen Realität der Liebe Gottes. Sie sind aller Angst enthoben und begegnen den Widerfahrnissen ihres Daseins mit einem grenzenlosen Heilsvertrauen. Das Entscheidende an Röm 8,18ff ist, dass Paulus die phänomenale Wirklichkeit von seinem christologischen Ansatz her interpretiert (124f).

Dem dienen die Vv 19-27, die am Beispiel der Schöpfung, der Christen und des glossolalischen Geschehens zeigen, dass die Heilszukunft Gottes sich schon jetzt in einem allumfassenden Verlangen und Stöhnen nach Heil ankündigt. Die tiefere Einsicht in diesen Vorgang erschließt sich nur dem Glauben, der um das Heil der Christuszugehörigkeit weiß. Paulus nimmt apokalyptische wie hellenistische Stoffe auf, um sein Bekenntnis zum eschatologischen Heil der allgemeinen Reflexion nahezubringen. So zeigen die Nichtigkeit und Vergänglichkeit der Schöpfung auf das künftige Ende der Pervertierung durch die Befreiung und Verherrlichung der Glaubenden hin. Das ekstatische Gebet zeigt an, dass sich jetzt schon Gott unmittelbar erschließen kann und damit einem Heilsverlangen Raum gibt, das die Glaubenden wie eine fremde Macht überkommt. Dieses dreifache Stöhnen und Verlangen nach Heil indiziert die künftige und totale Verwirklichung von Gottes Heil für den, der sich jetzt schon als Erben Christi versteht. So steht Röm 8,18ff zwischen Enthusiasmus und Realismus. Es ist die Theologie eines Verkündigers, der sowohl seine konkrete Existenz wie auch das Schicksal Jesu als Christusgeschick ganz ernst nimmt und in dieser Haltung ohne die Hoffnung auf Gott nicht leben kann (125).


b. Die pln Eschatologie im Horizont von Röm 8,18-39

Zu den eschatologischen Leiden s. 1Kor 4,9ff; 2Kor 6,4ff; 12,5ff; Gal 6,17; Phil 1,29f; 3,10

zum Vergleich von V 18 s. 2Kor 4,17

zum Gegensatz von sichtbar-unsichtbar (V 24f) s. 2Kor 4,18

zum Heilsverlangen der Geistbegabten (V 23.25) s. 2Kor 5,4f

zur Hoffnung der Glaubenden (V 24) s. Röm 5,1ff; Gal 5,5

zum Geistgebet (V 26) s. Gal 4,6; 1Kor 14,2ff

zur je vorgängigen Heilszuwendung Gottes (V 29f) s. 1Kor 8,3; 2,7; 1Thess 2,12

zur Gleichgestaltung mit Christus (V29) s. Röm 6,3ff; Phil 3,10.20f; Gal 4,19

zum Sieg des Heils Gottes über die Bedrängnisse der Gegenwart s. 1Kor 3,22; 2Kor 4,7ff; 12,10.

als unmittelbarer Kontext von Röm 8,18ff lassen sich verstehen: Röm 5,1ff; 2Kor 4,6ff und Gal 4,1ff (125f).

Unverkennbares Profil vom Röm 8: Nirgends sonst bei Paulus stehen in so wenigen Vv so viele Hapaxlegomena, ungewöhnliche Wendungen und Bilder beisammen; nirgends ist das Thema der eschatologischen Heilsgewissheit in so grundlegender Weise und so umfassender Verbindung von reflektierenden und doxologischen Aussagen behandelt. Insofern ragt dieser Text aus dem pln Briefkorpus als ein Höhepunkt heraus. Röm 8,18-39 ist der späteste große und in sich geschlossene eschatologische Zusammenhang, den wir von Paulus haben. Zugleich ist es der einzige derartige Text, der nicht unmittelbar durch Anfragen oder Auseinandersetzungen geprägt wurde. Röm 8,18ff schließt einen als grundsätzlich verstandenen theologischen Gedankengang ab und dürfte damit am ehesten dem entsprechen, was Paulus auf dem Höhepunkt seiner Theologie und Verkündigung zum Thema Eschatologie zu sagen hatte (126).

Christologische Eschatologie ist Paulus‘ Thema schlechthin. Er legt Christus aus vor Menschen und einer Welt, die seit Christus ultimativ nicht mehr sich selber gehören, sondern Gott. Dieses Grundthema pln Verkündigung wird in seinen Briefen aber nur vereinzelt zum Gegenstand ausführlicher Reflexion. 1Thess 4f und 1Kor 15 können nur z.T. an die Seite von Röm 8 gestellt werden. Das ist darin begründet, dass Paulus den Thessalonichern und den Korinthern anhand ganz spezifischer Probleme Rechenschaft über seine Verkündigung abzulegen hat. Auf die Sorge um das Heil der Entschlafenen muss er mit dem apokalyptischen Gemälde der Auferweckung der Toten und der Entrückung der Lebenden bei der Parusie des Herrn antworten (1Thess 4,13ff). Diejenigen, die das Heil Gottes mit der pneumatischen Hochstimmung der Geretteten in dieser Welt schon zur Genüge erfüllt sehen, müssen sich von Paulus sagen lassen, dass die Christen, ob sie noch leben oder bereits verstorben sind, ein Heil erwarten, das nur als Neugestaltung durch Gott zu verstehen ist. Die pln Schilderungen der Endgeschehnisse haben aktuellen Anlass und machen nicht das Wesen der pln Eschatologie aus. Auch in 2Kor 4f geht es Paulus nicht um die Vorstellungen an sich, sondern um die rechte Existenz der Christen, die sich in diesem Leben gegenüber dem Willen Gottes zu bewähren haben und damit in allem mit dem schlechthin mächtigen und fordernden Gott konfrontiert sind (1Kor 5,9f) (126f).

Das Leben der Glaubenden unter den Bedingungen dieser Existenz und dieser Zeit ist für Paulus d a s Thema der Eschatologie, weil in den Glaubenden (als den Gliedern am Leib Christi und irdischen Platzhaltern Christi) das Heil Gottes in dieser Welt Platz gewinnt, das in Jesus Christus als dem Anbruch der endgültigen Heilszuwendung Gottes zu der Welt seinen Anfang genommen hat. Paulus weiß sich von dem erhöhten Christus dazu berufen, nach der Zeit des unerfüllbar fordernden Gesetzes und der Gottesferne nun den Sieg der Liebe Gottes über alle Heillosigkeit zu verkünden. Dieser Sieg der Liebe Gottes ist grundsätzlich schon geschehen. In Christus ist er modellartig offenbar geworden und in der Existenz der Christus zugehörigen Gemeinde setzt er sich auch in der erfahrbaren Wirklichkeit der Welt durch. Auf diese Weise steht die Gemeinde in der Auseinandersetzung mit dieser Welt, wie auch Christus an den Mächten der Welt scheiterte, um im Kreuz den Weg der Liebe Gottes in dieser Welt endgültig zu besiegeln. So treibt Paulus kompromisslos christologische Theologie. Das Geschick Christi in Leiden und Verherrlichung, wie es den Glaubenden in der Verkündigung begegnet, erschließt Gottes Willen mit dieser Welt. Wer sich durch den Glauben in das Geschick Christi einordnen lässt, der steht damit in der umfassenden Bewegung der Liebe Gottes, die mit Jesus begonnen hat und erst mit der vollgültigen und totalen Verwirklichung des Heils Gottes im Rahmen der gesamten Schöpfung zur Ruhe kommen wird (127f).

Paulus zeichnet Christus nicht in eine übernommene Eschatologie ein, wohl aber in eine Soteriologie, die nach atl Vorbild das Heil allein von Gott her erwartet. Seine christliche Soteriologie muss zur Eschatologie werden, sobald er von der Verwirklichung dieses Heils, d.h. von der konkreten christlichen Existenz in dieser Welt spricht. Paulus treibt Theologie zwischen Realismus und Enthusiasmus. Sein Sendungsauftrag lässt ihn die Bedingungen der Realität als bereits überwunden durch die Liebe Gottes ansehen und sein vom Werk Jesu her genährtes Wissen um die Konkretheit des christlichen Heils lässt ihn von der baldigen und gewissen Totalerfüllung des Heils sprechen, die Gott als Herrn und Richter ausweisen wird. Von daher wird Röm 8,18-39 als Modell der pln Eschatologie verständlich. Das Heil der Glaubenden ist schon Realität, so wahr Gott an Christus gehandelt hat. Wo kein Wissen um die Gültigkeit des Heils Gottes ist, da ist auch kein Verlangen nach Erfüllung. Dass sich das Heil Gottes unter den Bedingungen der gegenwärtigen Welt und ihrer Menschen nicht anders erweisen kann als in der Form der Ohnmacht, der Leiden und der auf Gott allein gegründeten Hoffnung, das weiß der, dessen Theologie durch und durch christologisch gestaltet ist (128f).


c. Die Konsequenzen für eine theologische Eschatologie

- Vorausgesetzt ist ein grundlegender Unterschied zwischen der Heilswirklichkeit der Glaubenden und der vorfindlichen, erfahrbaren Wirklichkeit der Welt.

- Jesus Christus kann nur deshalb das Prinzip der Deutung und Erfahrung von Wirklichkeit schlechthin sein, weil er als Modell der von Gott intendierten Sinnerfüllung allen Lebens und aller Wirklichkeit verstanden wird.

- Damit geht es in der pln Eschatologie in allem um Gott als einer Wirklichkeit, die dieser Welt überlegen und machtvoll gegenübersteht und sich nur in der von Jesus Christus eröffneten Bewegung der liebenden Heilszuwendung Gottes zur Christusgemeinde erfahren lässt.

- Da das Heil Gottes ausschließlich an die von Christus repräsentierte Wirklichkeit gebunden ist, fordert diese Eschatologie als unverzichtbaren Grundsatz die strenge Orientierung am Vorbild Christi und damit die christusförmige Existenz als eschatologische Existenz.

- Da das Sich-Durchsetzen der göttlichen Heilswirklichkeit gegen die Unheilswirklichkeit der Welt als Kampfgeschehen des Herrwerdens Gottes verstanden ist, spiegelt auch die eschatologische Existenz der Glaubenden den Einsatz für die in Christus erschlossene Wirklichkeit Gottes und die Bedrängungen durch die Wirklichkeit dieser Welt wider (129f).