1.2 Das Kerygma der judenchristlichen Q-Gemeinden

Tod und Auferstehung Jesu sind kein Heilsereignis

Die Q-Hyopthese folgt aus der 'Zweiquellen-Theorie'. Matthäus und Lukas haben neben einer ersten Quelle, dem Markusevangelium, eine zweite 'Quelle' (Q) gebraucht. Die oft wörtlichen Übereinstimmungen in dem nicht-mkn Material des Lukas und Matthäus sind so augenfällig, dass die Form, in der sie diese Q-Tradition kennen, eine Schrift sein muss, d.h. die Q-Quelle: Markus und Q als Quellen für Mt und Lk.

S. Schulz

a. Das Kerygma der älteren Q-Gemeinde

Am Anfang des Urchristentums steht der prophetisch-apokalyptische Enthusiasmus, nicht die Verkündigung des historischen Jesus. Für die ältesten palästinensischen Judenchristen war der für die Endzeit verheißene und vom erhöht-gegenwärtigen Menschensohn Jesus ausgegossene Geist gegenwärtig. Dieser Geist war in der eingetretenen Endzeit die allein treibende Kraft, die die apokalyptische Naherwartung, die Toraverschärfung und die Botschaft vom nahen Schöpfergott bedingte (165).

Neben der älteren Q-Gemeinde gab es die aramäisch sprechende Urgemeinde in Jerusalem. Aus Apg 6-8, Gal 1,15 – 2,14 geht hervor, dass diese 'Hebräer' die apokalyptische Naherwartung und die Treue zum Mose-Gesetz und damit zum Jerusalemer Tempel teilten. Auch wenn in den entscheidenden Punkten von Kerygma und Toralogie Übereinstimmungen zwischen den 'Hebräern' und der Q-Gemeinde bestand, so gab es doch eine gewichtige Differenz in der je verschiedenen Gemeindeordnung. Hinter den älteren Q-Stoffen stehen von Propheten geleitete Gemeinden, während die aramäisch sprechende Urgemeinde sich als himmlischer Gottestempel versteht, der auf den Säulen des Jakobus, Kephas und Johannes ruht (Gal 2,8), eine Ordnung, die später (Apg 21,15ff) von der Presbyterialverfassung abgelöst wird (166).

Das enthusiastisch-apokalyptische Kerygma der älteren Q-Gemeinde steht in diametralem Gegensatz zur pln Botschaft von der Rechtfertigung des Gottlosen allein aus Glauben. Von der pln Dialektik der Glaubens- und Werkgerechtigkeit aus geurteilt, ist die Verkündigung dieses älteren palästinensischen Judenchristentums Gesetz und nicht Evangelium. Abgesehen davon, kennt diese ältere Q-Gemeinde das vorpln Passionskerygma und die für Paulus zentrale theologia crucis nicht (167).

Für den prophetischen Enthusiasmus des palästinensischen Judenchristentums ist der Nomos die Heilsgabe an Israel und hat ewige Gültigkeit. Das Gesetz war nicht nur Heilsweg, es war auch die Gabe Gottes, die dem auserwählten Volk seinen Rang und seine Würde gab. Eine etwaige Reduktion und Kritik im Sinne der Toraverschärfung steht im Dienst der radikal verstandenen Nächstenliebe. Die älteren Q-Stoffe repräsentieren eine selbstständige Traditionsschicht mit einem eigenständigen Kerygma (167f).

Die ältere Q-Gemeinde weiß sich als Gemeinde der Endzeit. Ausgelöst wurde dieser apokalyptische Enthusiasmus durch Ostern, durch die Glaubensgewissheit dieser Propheten, dass der Nazarener nicht im Tod geblieben, sondern zu Gott erhöht sei und jetzt den endzeitlichen Geist gesandt habe. Das Warten auf das ganz nahe bevorstehende dramatische Endereignis, auf das machtvolle Offenbarwerden der Basileia und auf die Parusie Jesu als des Menschensohnes beherrschte ausschließlich das Selbstverständnis dieser Gemeinde. Sämtliche Forderungen und Zusagen der Verkündigung waren getragen von der unbeirrbaren Hoffnung auf die ganz nahe Ankunft der Gottesherrschaft, darauf, dass in allernächster Zeit der Kosmos in die Brüche geht und der Menschensohn vor Gottes Thron erscheint und dass sich dann die Erlösung der Gläubigen und das Gericht über die Ungläubigen ereignen (168f).

Nicht Menschen werden diese Welt verändern, sondern das Gottesreich wird vom Himmel kommen und allein Gott wird das gesamte Universum vernichten, damit der neue Mensch auf einer neuen Erde mit eben diesem Gott ewig lebe. Die Verkündigung der älteren Q-Gemeinde kann nicht revolutionär sein, weil sie apokalyptisch ist (169).

Das Gesetz des Mose einschließlich der  Kultgebote (Mt 5,18 par) bleibt in Kraft, ebenso wird der Väterüberlieferung nichts abgemarktet. Die ältere Q-Gemeinde hält an der Beschneidung, am Tempel von Jerusalem und seinem Kult fest und grenzt sich nicht als neue Religion gegen das Judentum ab. Hier feierte man mit den Vätern das Passahmahl und kannte keine Sakramente. Die Loslösung vom spätjüdischen Gottesdienst war noch nicht vollzogen. Hier kannte man keine kerygmatische Bedeutung der Passion Jesu, auch nicht die explizite Ostertheologie. Hyper-Bedeutung hatte allein die Israel übereignete Tora. In ihr war das Heil für ganz Israel ein für allemal beschlossen in der Interpretation, die ihr der erhöht-gegenwärtige Menschensohn durch die Verkündigung seiner Pneumatiker gegeben hatte (169f).

In diesen Rahmen des judenchristlichen Enthusiasmus Palästinas, der sich aufgrund von Ostern im Besitz des eschatologischen Geistes wusste und in allernächster Nähe die Ankunft der Basileia erwartete, gehört die Forderung des radikalen Besitz- und Kapitalverzichts (Mt 6,19-21 par). Gewarnt wird vor dem Sorgen, denn das ist Sache der Heiden, nicht aber dieser prophetisch geleiteten Gemeinde, die überzeugt ist, das wahre Israel der Endzeit zu sein. Die Tora wird verschärft (radikales Verbot der Ehescheidung, Gebot der Feindesliebe und Verzicht auf das eigene Recht Mt 5,44ff par) als Rückgang vom Wortlaut auf die Intention des atl Gesetzes, nämlich für den Nächsten in Liebe da zu sein. Deshalb wird die Mose-Tora radikalisiert, nicht aber bewusst gesprengt. Gefordert wird der ganze Gehorsam gegenüber dem ursprünglichen Gotteswillen. Überall dort, wo das zentrale Gebot der Mitmenschlichkeit, des Liebeübens missachtet wird, tritt urchristliche Prophetie auf den Plan und protestiert im Namen ihres Herrn gegen die Herrschaft des Menschen über den Menschen (170).

Indem die ältere Q-Gemeinde sich als vom erhöht-gegenwärtigen Jesus berufene Endzeitgemeinde weiß, hat sie den Rahmen einer eschatologischen Sekte innerhalb des Spätjudentums verlassen. Die Existenz dieser anonymen Enthusiasten ist eschatologisch bestimmt, denn sie haben ihr Leben von dem Zu-Kommen Gottes und seines Menschensohnes her gelebt. (171).

Gott ist da, wo der Mensch menschlich handelt, wo er sich von diesem Evangelium der Mitmenschlichkeit tragen und zum Anwalt der Armen, Rechtlosen und Beherrschten machen lässt. Abgelehnt wird jegliches Klan-Denken: Freundschaft und gutes Einvernehmen in der eigenen Sozietät, Rivalität und Feindschaft gegenüber den Außenstehenden. Dieser Freund-Feind-Kodex mit seinem verhängnisvollen Gesetz der Wiedervergeltung, des Widerstandes gegen das Böse wird zunichte gemacht (172f).

Die Parusie trat nicht ein. Neue Situationen forderten neue Glaubensantworten heraus (175).

b. Das Kerygma der jüngeren Q-Gemeinde

Neben den älteren Q-Überlieferungen ist eine jüngere Traditionsschicht erkennbar, die hellenistisch-judenchristliches Material enthält. Die älteren Q-Stoffe bestanden ausschließlich aus prophetisch-enthusiastischem Spruchgut, während die jüngeren Q-Traditionen Geschichtserzählungen, Apophtegmata, Gleichnisse, Parabeln und Ich-Worte aufweisen, die auf die abgeschlossene Wirksamkeit des irdischen Jesus zurückblicken (481).

Man rechnet mit einem längeren Überlieferungsprozess aller Q-Traditionen. Als Überlieferungsträger gilt ein und dieselbe Gemeinde. Neu ist der kerygmatische Rückgriff auf Worte und Taten des irdischen Jesus. In der älteren Phase des palästinensischen Judenchristentums wurde das Erdenwirken Jesu noch nicht kerygmatisiert. Das geschah erst in den jüngeren Q-Stoffen, wobei wahrscheinlich die älteren Markus-Traditionen das Verkündigungsbild abgaben. Die Gemeinde hat den endzeitlich als Menschensohn erwarteten Jesus gleichzeitig als den der Parusie unmittelbar vorangehenden eschatologischen Propheten, Menschensohn und Gottessohn gedeutet (481f).

Die Anfänge urchristlicher Theologie bestimmte der prophetische Enthusiasmus, d.h. die autoritative Verkündigung des erhöhten-gegenwärtigen Menschsohnes Jesus. Auf den irdischen Jesus, seine Worte und Taten wurde nur in den Markus- und in den jüngeren Q-Stoffen zurückgegriffen (482).

Der Rückgriff auf Worte und Taten des irdischen Jesus erfolgte zum ersten Mal innerhalb der Markus-Stoffe. Im Unterschied zur vormkn Gemeindetradition findet der Rückgriff auf den irdischen Jesus innerhalb der jüngeren Q-Stoffe im Zeichen der göttlichen Sophia statt bei gleichzeitiger Ablehnung der vormkn Wundermann –  und Gott-Christologie. Die präexistente, himmlische Sophia übernimmt die Heilsfunktion in der Geschichte Israels einschließlich der apokalyptischen Endereignisse, die mit ihren letzten beiden Gesandten, Johannes dem Täufer und dem Nazarener, anbrechen (483).

Der irdische Jesus ist der Gesandte der himmlischen Sophia. Er ist der Endzeitprophet, irdischer Menschensohn, Sohn Gottes und Sohn, dem der Vater alle Gewalt übertragen hat. Er ist alleiniger Heilsmittler für die Seinen. In seinen Worten und Taten ist die Basileia bereits Gegenwart geworden. Die Entscheidung für oder gegen ihn hat deshalb eschatologische Relevanz. Die einmalige Stellung Jesu beruht darauf, dass er nicht im Tod geblieben ist, sondern zu Gott als der verborgene Menschensohn erhöht wurde, der in nächster Nähe zusammen mit der Sophia erscheinen wird, um das Regiment des apokalyptischen Menschensohnes für den gesamten Kosmos sichtbar zu übernehmen. Von einer Passion ist keine Rede, das vorpln Sühnetodkerygma wir nicht übernommen. Der Tod Jesu ist nicht Heilsereignis, sondern Frevel der Juden gewesen. Die kerygmatische Qualifizierung des irdischen Jesus steht unter apokalyptischen Vorzeichen (483).

Die Geschichte Israels als Zeit des alten Äons ist mit dem Täufer abgeschlossen. Mit Jesus beginnt die heilvolle Gegenwart der Basileia und der Israelmission vor dem nahen Ende. Die als  Heilszeit herausgestellte Zeit des irdischen Jesus ist der nachösterlichen Zeit des offenbaren Geistwirkens untergeordnet. In den älteren Q-Stoffen gehört der prophetische Enthusiasmus mit seinen Auswirkungen der Naherwartung, der Toraverschärfung und der Ansage des nahen Schöpfergottes zu den Endzeitereignissen selbst. In ihnen vollzog sich die für die Welt noch verborgene Nähe der Basileia, der auf seiten der Jünger das unbedingte Vertrauen zur Bundestreue Gottes und der radikale Gehorsam korrespondierte. In den jüngeren Q-Stoffen wird das Auftreten und die Wirksamkeit des irdischen Jesus als des Endzeitpropheten selbst zum Heilsgeschehen, das dem sich verzögernden Ende vorangeht. Als der Enthusiasmus nachließ, begleitete das Problem der Parusieverzögerung die verschiedenen kerygmatischen Entwürfe des Urchristentums (484f).

Die Toraauslegung der älteren Q-Stoffe ist unverändert übernommen und weiter tradiert worden. D.h. auch die jüngere, hellenistisch-judenchristliche Q-Gemeinde steht zu der Toraauslegung ihrer Väter. Der Sabbat wird von der jüngeren Q-Gemeinde nicht problematisiert. Einzelne Gebote werden aufgehoben, größtenteils aber wird das Mose-Gesetz charismatisch verschärft. Die teilweise Entwertung des Ritualgesetzes, die in der Heimholung von Zöllnern und Sündern in Israel liegt, war die theologische Konsequenz der Unterordnung der Zeremonialgebote unter die radikalisierte Forderung der Nächstenliebe. Sie allein hatte Vorrang. Man ging zu den Zöllnern und Sündern, um sie in den Gottesbund heimzuholen (die Parabel vom Gastmahl). Schließlich sprach man über die Pharisäer nicht nur den apokalyptischen Fluch aus, sondern 'diese böse Generation' wurde eschatologisch verurteilt. Die jüngere Q-Gemeinde befindet sich deshalb auch nicht mehr im Synagogenverband. Sie wird von der Synagoge verfolgt. Deshalb ruft sie zur Leidens- und Martyriumsbereitschaft auf (485f).

In der Q-Gemeinde wird das Kerygma ausgerichtet, ohne dass Tod und Auferstehung Christi oder das 'hyper' der Heilszusage kerygmatisch qualifiziert werden. Nicht in allen seinen Teilen war das Urchristentum vom Passionskerygma als dem Evangelium bestimmt.

Mit den Q-Stoffen stoßen wir auf das älteste Judenchristentum Palästinas, das in allen späteren Phasen seiner theologiegeschichtlichen Entwicklung dem Vätererbe treu geblieben ist: dem Eifer für die Mose-Tora und der sehnsüchtigen Erwartung des nahen Endes!

Nur die Einarbeitung der Q-Quelle in den kerygmatischen Aufriss der Großevangelien hat ihre Theologie vor dem völligen Untergang bewahrt. (486f).