1.3 Das Jesus-Kerygma und das Christus-Kerygma

W. Marxsen (1966)

Die Bezeugung von Ostern liegt in zwei Formen vor, einer direkten und einer indirekten. Die indirekte liegt vor in der frühen synoptischen Tradition selbst. Denn allein schon in der Faktizität der Weiterverkündigung der Jesustradition nach Karfreitag, kündigt sich eine Wirklichkeit an, die wir mit dem Begriff Ostern zu bezeichnen pflegen. Die direkte Bezeugung von Ostern begegnet in dreifacher Gestalt: (1) in Traditionen, die ausgeführte Berichte von Erscheinungen des Auferstandenen enthalten; (2) in Traditionen vom leeren Grab und (3) wird Ostern bezeugt in knappen Formulierungen, die nur von einem Dass des Sehens reden, ohne nähere Umstände, Begleiterscheinungen oder sonstige Begebenheiten (1Kor 15,3ff) (99f).

Ostern bedeutet: Jesus ist nicht im Tod geblieben. Darum ist das, was er gebracht hat, nicht zu Ende. In dieser Gewissheit konnte man 'weitermachen'. Dieses 'Weitermachen' sah zuerst so aus, dass man die Jesustradition als Kerygma (nicht als historische Erinnerung) aussagte. Ostern wurde erfahren als der Initiationsakt der Weiterverkündigung nach Karfreitag. Und so ist die Tatsache, dass die 'Jesustradition' als Kerygma weitergesagt wurde, die erste – indirekte – Osterbezeugung (103).

Wäre die Jesustradition historischer Bericht, dann hätten wir es mit Aussprüchen und Taten eines Vergangenen zu tun. Trifft mich aber das Kerygma, dann trifft mich ein Lebendiger, der mich jetzt fordert. Jesus hatte das In-den-Glauben-Stellen, die Ereignung Gottes, gebracht. Ostern ist das Neu-in-Gang-Setzen der Ereignung Gottes nach Karfreitag (104).

Wenn ich mich auf das Kerygma einlasse, mich ihm ausliefere, erst dann werde ich gewiss, dass Jesus lebt. Die Auferstehung Jesu glaubt nur der, der sich heute auf das Kerygma einlässt. Das Entscheidende beim Osterzeugnis ist die Identität des Gesehenen mit dem Dagewesenen. Nicht eine neue oder eine andere Sache wird seit Ostern weitergebracht, sondern die alte Sache. Ostern hat das Jesusgeschehen verkündbar gemacht (105f).

Die einfachste Form der Reflexion ist das In-Worte-Fassen des Geschehens als Kerygma. Da hier Jesusgeschichten erzählt werden, wird diese Form das Jesuskerygma genannt. In der weiteren Reflexion wird ausdrücklich gesagt, wer derjenige ist, der dieses Geschehen vollzieht. Jetzt wird Jesus qualifiziert. Da das durch die Übertragung von Titeln auf ihn geschieht und der häufigste der christologischen Titel das Christus-Prädikat ist, wird diese Form das Christuskerygma genannt (109).

Jesus verwirklicht die Nähe Gottes. Das war zu Lebzeiten Jesu an Jesus gebunden. Das blieb auch nach Ostern an Jesus gebunden – wegen der Identität des Auferstandenen mit dem Irdischen. Um das nachdrücklich zu unterstreichen, wurde Jesus qualifiziert. Diese Qualifizierung Jesu ist eine reflektierende Interpretation des “Er ließ sich sehen“, “Er erschien“ bzw. “Er lebt“ (110).

Diese Qualifizierungen Jesu sind immer nur in dem Maße legitim, wie sie das ausdrücken, was Jesus gebracht hat. Die erste Frage lautet: Was kam in Jesus zur Sprache? Dann ist zu fragen: inwiefern konnte das, was in Jesus zur Sprache kam, ausgedrückt werden, indem man vorgegebene Vorstellungen auf ihn übertrug? Indem nun aber Jesus selbst Gegenstand der Reflexion ist, bedeutet die Prädikation Jesu zugleich eine Verschlüsselung des von ihm vollzogenen Geschehens. Um die Prädikationen Jesu richtig zu verstehen, muss man diese Verschlüsselung rückgängig machen können (110f).

Es gibt drei Formen des Kerygmas: (1) Reines Jesuskerygma, in dem ausschließlich Jesu Tun und Reden dargestellt werden, (2) die Mischform zwischen Jesuskerygma und Christuskerygma, in dem von Jesus Christus erzählt wird und (3) das Christuskerygma, in dem die Jesustradition als solche überhaupt nicht mehr vorkommt (111).

Der Titel 'Sohn Gottes' hat einen doppelten religionsgeschichtlichen Hintergrund. Er begegnet sowohl im Judentum als auch im Hellenismus. Im Judentum kann als Sohn Gottes der (gesalbte) König, das Volk und gelegentlich auch der Messias bezeichnet werden. Das geschieht durch einen Rechtsakt, nämlich durch Adoption. Diese Vorstellung hat die Geschichte von der Taufe Jesu geprägt: “Du bist mein lieber Sohn...“ (Mk 1,11). In diesem Zuruf der Himmelsstimme nach der Taufe durch Johannes klingt die Adoptionsformel aus Ps 2,7 an. (Diese Taufgeschichte Jesu ist Christuskerygma, denn hier ist nicht von einem Tun und Reden Jesu die Rede. Entsprechend gehören zum Christuskerygma die Verklärungsgeschichte, das Petrusbekenntnis von Cäsarea Philippi und die Geburts- und Kindheitsgeschichten, in denen jeweils Jesus nur als Christus bezeugt wird) (111f)

Im Hellenismus ist Sohn Gottes kein Rechtstitel, sondern ein 'physischer' Titel. Er drückt ein physisches Verhältnis zur Gottheit aus. Der Sohn Gottes hat eine göttliche Natur. Er hat sie bekommen entweder durch wunderbare Zeugung ohne menschlichen Vater durch den Geist – oder auch durch direkte Zeugung durch eine Gottheit und eine menschliche Mutter (112).

Die Prädikationen Jesu sind Ausdruck der Ereignung Gottes durch ihn, sie sind nur in dem Maße legitim, wie sie diese Ereignung Gottes durch Jesus ausdrücken. Ich muss den Begriff Sohn Gottes von dem aus interpretieren, was sich durch Jesus ereignete. Das Prädikat Gottes Sohn darf nicht mehr sagen wollen, als in dem von Jesus vollzogenem Geschehen angelegt war. Das von Jesus vollzogene Geschehen bringt mit Gott in Verbindung. Sohn Gottes will besagen, dass der Vollziehende eine große Nähe zu Gott hat (112f).

Die in dem Titel ruhenden Vorstellungen machen sich leicht selbständig. Fragt z.B. der Jude, da man Sohn Gottes durch Adoption wird – wann war das? So bildete sich im Judentum die Tauftradition aus: Zu Beginn seiner öffentlichen Wirksamkeit wurde Jesus von Gott adoptiert. Damit war Jesus seit seiner Taufe Gottes Sohn. Andererseits fragt, wer hellenistisch denkt, da der Sohn Gottes physisch von Gott abstammt – wie ist das geschehen? So entstanden die Geburtsgeschichten (113f).

Der Reflexionsgang in den Ostertraditionen: Das Sehen Jesu nach Karfreitag löste die Weiterverkündigung aus. Zugleich aber reflektierte man: Wenn wir Jesus gesehen haben, dann ist er auferstanden. Den Auferstandenen kann man darstellen. So entstanden dann ausgeführte Erscheinungsgeschichten (114f).

In der Darstellung der Evangelien erscheint nun das, was ursprünglich die letzte Aussage der Reflexion war, als erste. Die Prädikationen Jesu wollen verdeutlichen, wer derjenige ist, der Gott ereignet. Kehre ich die Richtung um, wird aus der Interpretation eine Beschreibung, d.h. das, was die Reflexion als Interpretament benutzte, wird verabsolutiert. So werden z.B. in der Darstellung der Evangelien die Geburtsgeschichten durch sekundäre Historisierung verabsolutiert zu einer selbständigen Beschreibung, die nun am Anfang steht (Lk-Ev, Mt-Ev) (115).

Diese sekundäre Historisierung in der Umkehrung der Richtung erfolgte mit den Ostertraditionen. Die letzte Aussage der Reflexion des Widerfahrnisses der Jünger war, Jesus sei auferstanden. Hieraus folgert man aufgrund der jüdischen Anthropologie, dass das Grab leer gewesen sein müsse. Auch das leere Grab ist ein (spätes) Interpretament des Widerfahrnisses der Jünger (115f).

Das Kreuz als Heilsereignis: Die synoptischen Evangelien unterlassen es, das Kreuz als Heilsereignis herauszustellen. Ursprünglich waren die Einzelüberlieferungen selbständiges Kerygma, jede für sich machte eine vollständige Aussage. Stellte man diese Einzelüberlieferungen nun zusammen, dann ist es selbstverständlich, dass die Passionsgeschichte als Endphase des 'Lebens' Jesu am Ende erscheint. Nimmt man aber die Einzeltraditionen für sich, dann weisen sie keineswegs auf das Kreuz. Diese Ausrichtung ergibt sich erst durch die Aneinanderreihung in der Redaktion durch die Evangelisten. Auffallend ist sodann, dass die sog. Quelle Q sehr wahrscheinlich weder eine Passionsgeschichte noch eine Ostergeschichte kannte. Demnach gab es nach Ostern Jesusverkündigung, ohne dass man das Kreuz erwähnte (116f).

Die umfangreichste Quelle war sicher eine Passionsgeschichte. Das Mk-Ev ist dadurch entstanden, dass der Redaktor vor diese Passionsgeschichte die anderen Traditionen gestellt hat, die er in sein Werk aufnehmen wollte. Beachtet man die 'Richtung', in der das Evangelium entstanden ist, dann wird hier nicht auf das Kreuz hin, sondern vielmehr vom Kreuz her gedacht. Die Leidensankündigungen, die auf das Kreuz hinweisen, sind ursprünglich vom Kreuz her entstanden. Sie wurden erst nach den eingetretenen Ereignissen als Voraussagen Jesus in den Mund gelegt (vaticinia ex eventu) (117f).

In den synoptischen Evangelien fehlt durchweg das Kreuz als Heilsereignis. Die scheinbare Ausrichtung des Weges Jesu auf das Kreuz hin ergibt sich erst aus der sekundären Historisierung durch das Nacheinander in der Darstellung. (Die beiden Deutungen des Todes Jesu als Heilsereignis im Zusammenhang der synoptischen Tradition Mk 14,24 parr und Mk 10,45 par sind jüngeren Datums) (118).

Das Kreuz als Heilsereignis begegnet erst in späteren Traditionen, nicht aber dort, wo wir Jesus am nächsten sind. Dann muss man daraus folgern, dass Jesus selbst seinen Tod am Kreuz nicht als Heilsereignis verstanden hat. Zumindest haben die unmittelbaren Zeugen Jesus nicht so verstanden, dass er sein Tun und sein Leben auf das Kreuz hin ausrichtete (118).

Die Ereignung Gottes durch Jesus, das Hineinstellen in den Glauben, die Vorwegnahme des endzeitlichen Mahles, die Vorwegereignung des Gerichtes – alles ist auf die Gegenwart ausgerichtet. Jesus teilt das Heil jetzt aus, stellt dieses Heil aber nicht unter den Vorbehalt seines Todes. Nicht nur der negative Befund in der frühen synoptischen Tradition deutet daraufhin, dass Jesus seinen Tod nicht als Heilsereignis verstand, sondern ebenso die Darstellung seines auf die Gegenwart gerichteten Wirkens (119).

Der Tod Jesu bedeutete die Krisis des Glaubens. Nach Karfreitag erfahren die Jünger: Jesus lebt! Deshalb treiben sie seine Sache weiter. Die Heilsbedeutung des Kreuzes wird bei Paulus ausgesagt mit der sog. 'hyper'-Wendung: für unsere Sünden, für uns. An diesen Wendungen wird deutlich, dass hier traditionelle Vorstellungen aufgenommen worden sind, die im Judentum bekannt und geläufig waren, die Vorstellung vom stellvertretenden Opfer und vom Sühnopfer. Außerdem gibt es im Judentum die Vorstellung, dass ein Gerechter stellvertretend leidet für das Volk und in diesem Opfer die Sühne darbringt, mit Gott versöhnt (120).

Diese Vorstellungen werden auf Jesus übertragen. Indem Jesus durch das von ihm vollzogene Geschehen Gott ereignet, brachte er die Menschen wieder mit Gott zusammen, brachte er die Versöhnung. Diese Erfahrung, die die Zeugen während der ganzen Zeit des Wirkens Jesu machten, wird nun am Kreuz ausgesagt, am Ausgang des Wirkens Jesu. Die Aussage vom Kreuz als Heilsereignis ist eine Zusammenfassung der Aussage vom gesamten Wirken Jesu, die nun an einem Punkt in seinem Leben 'lokalisiert' wird, eben am Kreuz (120f).

Der Punkt, an dem diese zusammenfassende Aussage gemacht wird, ist austauschbar. Gal 4,4f heißt es: “Als die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geworden aus einer Frau, gestellt unter das Gesetz, damit er die unter dem Gesetz loskaufte, damit wir die Sohnschaft empfingen“. Wenn Paulus dann fortfährt: “Weil ihr aber Söhne seid...“, wird deutlich, dass hier vom Kommen des Gottessohnes ausgesagt wird, was sonst (meist) vom Tode Jesu ausgesagt wird: “Heute (zu Weihnachten) schleußt er wieder auf die Tür zum schönen Paradeis, der Cherub steht nicht mehr dafür, Gott sei Lob, Ehr und Preis“ (Luther). Das sind Aussagen, die nach Ostern im Rückblick auf das Wirken Jesu formuliert sind, die das eigentliche Geschehen in diesem Wirken hervorheben und es zusammenfassend an Karfreitag bzw. Weihnachten aussagen (121).

Sind die Aussagen in dieser Richtung entstanden, dann darf man diese Richtung nicht umkehren. Wir würden aus letzten (Bekenntnis-)Aussagen erste (Seins-)Aussagen machen. Das Wieder-Aufschließen des Paradieses, also die Versöhnung, geschah zu Weihnachten und sie geschah zu Ostern. Wann geschah sie wirklich? Wenn die Erlösung durch das Kommen erfolgte, dann bedurfte es des Wirkens Jesu, vor allem des Kreuzes nicht mehr. Wenn die Erlösung aber erst am Kreuz verwirklicht wurde, dann wäre Jesus in seinem Wirken nur der Vorläufer seines Todes. Wenn man die Richtung umkehrt, entstehen diese konkurrierenden Aussagen, die man nicht mehr miteinander zum Ausgleich bringen kann (121f).

Nennt man Jesus den Gottessohn, so klingen sowohl im jüdischen als auch im hellenistischen Denken viele Vorstellungen an, die ursprünglich nicht mitgemeint wurden. Entlässt man diese Bezeichnung Jesu aus dem Bezug zu dem Geschehen, das sie verdeutlichen wollte, fragt man, wann und wie er Gottes Sohn war und wurde, dann kann man die jüdische Adoptionsvorstellung mit der physischen hellenistischen Vorstellung nicht mehr zum Ausgleich bringen. Dogmengeschichtlich ist es dann so gekommen, dass man die adoptianische Christologie ablehnte (da sich das Dogma auf hellenistischem Boden ausbildete, lag das nahe) (122).

Ekklesiologische Perspektiven

In allen bisherigen Erwägungen ging es darum, das von Jesus vollzogene Geschehen, an das die Reflexion anknüpft, nicht aus den Augen zu verlieren (123).

In der Begegnung mit Jesus erfuhr man das Wirken Gottes. Die Reflexion führte zur Qualifikation Jesu als Sohn Gottes. Das konnte man im Christuskerygma veranschaulichen (Taufe und Geburt). Im Nacheinander in der Darstellung der Evangelien aber wird aus dieser letzten (Bekenntnis-)Aussage eine erste (Seins-)Aussage und so wird die Reflexion vom Vollzug getrennt. Diese isolierten Reflexionen wurden nun ihrerseits wieder Ausgangspunkt für weitergehende Reflexionen. Diese Reflexionen mussten zwangsläufig zu den späteren christologischen Streitigkeiten führen (124).

Die Aussage 'Jesus ist Gottes Sohn' hat nicht den Sinn, die Hörer anzuleiten, Gedanken über die Qualität Jesu anzustellen, sondern die Neuereignung des Vollzugs von Jesus her wieder zu ermöglichen. In ähnlicher Weise hat die Aussage 'Jesu Kreuz ist das Heilsereignis' nicht den Sinn, eine objektive Aussage über das zu machen, was (historisch) am Kreuz auf Golgatha geschehen ist, aber auch nicht den, die Hörer anzuleiten, sich meditativ in das Kreuz Jesu zu versenken, sondern sie hat den Sinn, Jesus als die Versöhnung Gottes auch für spätere Hörer auszusagen (125).

Beide Reflexionen – sowohl die aus dem Judentum stammende adoptianische Sohn-Gottes-Vorstellung als auch die aus dem Hellenismus stammende physische Sohn-Gottes-Vorstellung – konnten richtig benutzt, dazu dienen, den Vollzug sachgemäß neu zu ereignen. Die Vorstellungen, deren sich die Reflexion bedient, sind austauschbar. Legt man sich dogmatisch auf bestimmte Vorstellungen fest, dann lehnt man die im NT praktizierte Austauschbarkeit ab, dann führt die Weiterreflexion zur Kirchenspaltung, denn eine Dogmatisierung in zeitlich bedingten Vorstellungen ist exklusiv und damit kirchentrennend (128f).

Beide Kirchen (die katholische und die evangelische) sind an der Tradition in der Weise orientiert, dass sie die in der Tradition erfolgte Verschlüsselung des Vollzugs dogmatisiert haben, zusammen mit den jeweiligen Vorstellungen. Auch die evangelische Lehre ist z.B. in der Christologie nicht schriftgemäß, denn sie lehnt die (im NT vorhandene) adoptianische Christologie ab und ist damit eindeutig an den nach-ntl Dogmenentscheidungen orientiert (131).

Die existentielle Wahrheit

Die Wahrheit kann man nur existentiell erfahren. Um mitteilbar zu sein, muss sie angemessen zum Ausdruck gebracht werden. Hierbei hat das Zur-Sprache-Kommen der Wahrheit jedoch stets funktionalen Charakter als Anrede und ist wesensmäßig verschieden von einer objektiven Beschreibung (134f).

Wenn jemand aufgrund des sog. Kinderevangeliums Mk 10,13-16 (“Lasset die Kindlein zu mir kommen und wehret ihnen nicht, denn ihnen gehört das Himmelreich...“) in den Glauben gestellt wird – wenn er also durch dieses Jesuskerygma (durch Jesus!) zum Glauben kommt, bedarf er dann noch der pln Verkündigung, der pln Terminologie? Kann er erst dann sagen, nun sei er richtig, vollständig in den Glauben gestellt (135)?

Es geht darum, die explizite Christologie nicht aus dem Bezug zu dem Jesusgeschehen , das sie verdeutlichen wollte, zu entlassen. Die Prädikationen Jesu sind nur legitim soweit sie ausdrücken, was in Jesus zur Sprache kam. Habe ich als ein durch Jesus von Gott Betroffener die Glaubenswahrheit erfahren, kann ich sie nun mit eigenen Worten weitersagen (139).

Der 'Glaubensgegenstand': Die ntl Aussagen sind als Bekenntnisaussagen immer existentielle Aussagen. In der Formulierung einer existentiellen Aussage liegt immer ein subjektives Moment. Dieses subjektive Moment betrifft auch gerade die Formulierung der Glaubenswahrheit. Diese wurde von Menschen einer bestimmten Zeit formuliert. Diese Menschen drückten die Glaubenswahrheit in ihrer Sprache und mit Hilfe ihrer Vorstellungen aus (141).

Der Verzicht, von einem 'Glaubensgegenstand' zu reden, würde das extra nos des christlichen Glaubens (den Ort außerhalb unserer selbst, in dem christlicher Glaube gegründet ist) preisgeben. Dieser 'Glaubensgegenstand' ist erst in der Glaubensaussage der Zeugen zum Objekt geworden. Diese Glaubensaussage hat aber den Charakter einer Antwort, die veranlasst wurde durch den, der im Vollzug seiner Begegnung mit Menschen diese in den Glauben stellte – eben Jesus. Dem irdischen Jesus standen jedoch nur die unmittelbaren Zeugen gegenüber. Seit Karfreitag ist diese Begegnung nicht mehr wiederholbar. Aber seit Ostern gibt es die Begegnung mit dem in der Verkündigung bezeugten und bei dieser Bezeugung eschatologisch qualifizierten Jesus. Diese Qualifizierung, die mit Hilfe der Sprache und der Vorstellungen jener Zeit geschah, ist nun die Glaubenswahrheit, die in der Verkündigung als Glaubenswahrheit angeboten wird. Christlicher Glaube nach Ostern muss bestimmt werden als Mitglauben mit den unmittelbaren Zeugen, denen in Jesus von Nazareth die Nähe Gottes widerfuhr. Das Mitglauben der Glaubenswahrheit jener Zeugen fordert aber nicht, dass man später die Glaubenswahrheit wörtlich wiederholt. Hier ist Variation nötig, denn die Glaubenswahrheit muss ja verstanden werden. Darum muss sie in neuer Sprache und mit Hilfe neuer Vorstellungen formuliert werden. Die neu formulierte Glaubenswahrheit muss als Glaubenswahrheit immer Mitglauben mit den unmittelbaren Zeugen bleiben. Nur dann bleibt christlicher Glaube an Jesus orientiert (142f).

Das Kriterium für die heutige Verkündigung bleibt die apostolische Bezeugung Jesu als der Norm. Das NT enthält eine Fülle verschiedener Glaubenswahrheiten. Orientiere ich mich nur an ihnen, dann tritt das NT an die Stelle Jesu. Frage ich aber, wo in diesen Glaubenswahrheiten die Glaubenswahrheit liegt, die mich zum Mitglauben mit den ersten Zeugen einlädt, dann führt es mich in den Glauben hinein, in den Jesus gestellt hat (143f).