(4) Jesus und der Menschensohn (MS)

W. Marxsen (1960)

Mk 8,38: Wer sich meiner und meiner Worte schämt in diesem ehebrecherischen und sündigen Geschlecht, dessen wird sich auch der MS schämen, wenn er kommt in der Herrlichkeit des Vaters mit seinen Engeln“. Lk 12,8: Ich sage euch: wer mich bekennt vor den Menschen, den wird auch der Menschensohn bekennen vor den Engeln Gottes. Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, wird verleugnet werden vor den Engeln Gottes“.

In der Mk-Fassung ist der MS mehr als Richter gedacht. In der Lk-Fassung haben die Engel die Richterfunktion, der MS erscheint als Anwalt. Jesus und der MS sind ausdrücklich unterschieden. Die Beziehung zwischen beiden besteht darin, dass der kommende MS richten und plädieren wird entsprechend dem jetzigen Verhalten der Menschen zu Jesus (26).

Dieses Wort ist alt, denn es ist kaum denkbar, dass ein solches Wort entstand, nachdem der MS-Titel auf Jesus übertragen worden war. Diese Übertragung erweist sich darum als sekundär. Das kann man auch an der Traditionsgeschichte dieses Wortes zeigen, denn es ist klar, dass es der späteren Gemeinde (wegen der Unterscheidung zwischen Jesus und dem MS) Schwierigkeiten bereiten musste. Lukas hat für seine Form Q zur Vorlage. Das zeigen die Mt-Parallelen (Mt 10,32f): “Jeder nun, der sich zu mir bekennt vor den Menschen, zu dem werde auch ich mich bekennen vor meinem Vater im Himmel; wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den werde ich auch verleugnen vor meinem Vater im Himmel“. (Mt 16,27): “Denn es wird geschehen, dass der MS kommt in der Herrlichkeit seines Vaters mit seinen heiligen Engeln und als dann wird er einem jeglichen vergelten nach seinen Werken“. In beiden Fällen sind die Schwierigkeiten beseitigt. Einmal ist es so geschehen, dass der Begriff MS durch das Personalpronomen für Jesus ersetzt ist. Im anderen Fall ergeht das Gericht nicht nach dem Verhalten zu Jesus, sondern nach den Werken. Jesus wird also im ersten Teil des Wortes gestrichen – und damit ist dann freigegeben, unter dem richtenden MS Jesus zu verstehen. Die mkn  und die lkn Fassung des Wortes dürften traditionsgeschichtlich älter sein, denn beide unterscheiden noch zwischen Jesus und dem MS und widersprechen damit der späteren Auffassung (26).

Es war die frühe Urgemeinde, die Jesusworte tradierte, in denen Jesus vom kommenden MS redet, ohne sich damit implizit zu identifizieren. Es gab in der Urgemeinde ein Stadium, in dem der MS noch nicht mit Jesus identifiziert worden war, d.h. es gab in der Urgemeinde ein Stadium, in dem der Verkündigte noch als Verkündiger erscheint. Hier soll nicht über die Zukunft belehrt werden. Die Zukunftsaussagen sind in sich uneinheitlich, weil sie unterschiedliche MS-Vorstellungen verwenden. Nur dass der MS kommt, wird vorausgesetzt. In unserem Wort liegt aber der Ton darauf, wie man sich jetzt zu Jesu Worten verhält. Es ist präsentisch orientiert. Das Verhalten zu Jesu Worten oder zu ihm wird qualifiziert: es hat eschatologische Konsequenzen (27f).

Hier haben wir es mit dem Anfang der Christologie zu tun. Hier begegnen wir der Relation Jesus / Glaubender. Das eschatologische Moment ist das christologische Urdatum. Der Verkündiger ist noch nicht der, an den geglaubt wird. Ich glaube an Jesus Christus ist eine spätere Aussage. Und doch sind Jesus und seine Verkündigung nicht ohne Beziehung zum Glauben. Es ist von zwei Relationen die Rede. Die eine verbindet Jesus und seine Verkündigung mit dem Menschen, die andere den Menschen mit dem kommenden MS, mit der Zukunft, mit dem Gericht, das das Gericht Gottes ist. Dem Menschen liegt daran, im Gericht zu bestehen, in das Reich Gottes einzugehen. Und nun wird ihm gesagt, dass diese Entscheidung über seine Zukunft vorweggenommen wird. Sie fällt am Verhalten des Menschen zu Jesus und seiner Verkündigung (28).

Die frühe Urgemeinde stellt dar: Jesus fordert zu sich und seinen Worten eine Relation, die er als eschatologische qualifiziert. Menschen, die das in der Unmittelbarkeit erfahren haben, sprechen das aus. Sie wollen es damit anderen bezeugen, die selbst noch nicht in dieser Relation stehen, die sie aber gern hineinführen möchten. Dann stehen sie vor der Aufgabe, diesen anderen die Notwendigkeit solcher Relation zu begründen. Das geschieht durch Interpretation Jesu. Das eschatologische Moment der ursprünglichen Unmittelbarkeit verobjektiviert sich jetzt in einem Titel. Der Titel soll die Möglichkeit zu neuer eschatologischer Relation begründen und damit offenhalten. Das führt bei größer werdendem Abstand zu einer Lehre über die Person Jesu (29).

Es geht nicht um Belehrung über zukünftige Dinge. Schon in den ältesten Formen des MS-Wortes sind die Zukunftsvorstellungen unausgeglichen. Vielmehr wird mit Hilfe des Zukunftsmaterials die Gegenwart, die Relation zu Jesus, eschatologisch qualifiziert. Darum liegt auch keine wirkliche Diskrepanz zu den Reichsaussagen vor. Weder die Frage nach dem Wie noch die Frage nach dem Wann spielen eine Rolle. Damit zeigt sich auch die Eigenart der Reichsaussagen in einer genauen Entsprechung zu den MS-Worten. Sie stehen nicht für sich da, sondern dienen der eschatologischen Qualifizierung der Relation zu Jesus (29f).

Es ist keine Zeit mehr. Auf die sofortige Umkehr, auf den sofortigen Glauben kommt es an (Mk 1,15). Die Urgemeinde versteht die Reichsverküngigung so, dass es gilt, sich jetzt, in der Begegnung mit Jesus, für oder gegen ihn zu entscheiden. Weil das Reich nahe ist, weil der MS kommt, weil das Eschaton vor der Tür steht, wird jetzt, in Jesus, die Umkehr, der Glaube angeboten (30).

Man redet nicht über die Zukunft, sondern man qualifiziert mit Hilfe dieser Vorstellung die Relation zu Jesus als eschatologische. Wer in dieser Relation steht, steht schon in einer für das kommende Reich bedeutsamen Relation. Das ist in der Unmittelbarkeit nur möglich, solange Jesus da ist. Nach seinem Tod verschieben sich die Aspekte. Die Unmittelbarkeit ist nicht mehr vorhanden. Die für das kommende Reich bedeutsame Relation ist Vergangenheit. Das Reich kommt erst. So lebt man in der Zwischenzeit. In dieser Zeit muss man das Entstehen der Erwartung der Parusie Jesu ansetzen. Hier bot die MS-Vorstellung eine Hilfe an. Möglich ist, dass Ostern selbst die Brücke bildete von der Erwartung des MS bzw. der Basileia zur Erwartung der Parusie Jesu (32).

Der MS der Apokalyptik ist ein präexistentes Himmelswesen. Er ist verborgen bei Gott oder von Gott 'aufgespart' bis zu seinem Tag. Das älteste Osterkerygma sagt: “Er ließ sich sehen, er erschien“. Es handelt sich immer um eine Offenbarung, um ein Heraustreten aus der Verborgenheit. Es ist ein Einbruch in diese Welt von außen, also ein eschatologisches Geschehen. Diese Offenbarung geschieht in oder an einer Person, die identifiziert wird mit dem Gekreuzigten (32f).

Der Einbruch des Eschaton (hier im Sehen des Auferstandenen) bedeutet das Ende der Zeit. Aber dieses Ende der Zeit wird sofort Vergangenheit. Die Zeit geht weiter. So entsteht nun die Spannung zwischen dem Angebrochensein des Eschaton in der Begegnung mit Jesus und dem Auferstandenen einerseits und dem immer noch ausstehenden Kommen andererseits. Das Reich, das Eschaton, ist nun nicht mehr ausschließlich Erwartung. Der Anbruch des Reiches liegt in der Vergangenheit. Dieser Anbruch stellt sich aber nicht dar als Reich, als Zustand, als erneuerte Welt, sondern als Relation zu einer Person (33).

Die Verkündigung des kommenden Menschensohnes Jesus ist die Form, die Gestalt seiner Präsenz in der Gemeinde. Als Kommender ist er da und qualifiziert die Gemeinde, die sich von ihm herkommend weiß, als eschatologische Gemeinde (34).

                   

(5) Anbetung Christi “zur Ehre Gottes, des Vaters“ (Phil 2,11)

G. Lohfink

In den Evangelien wird die Proskynese von den Jüngern vollzogen, die mit dem irdischen Jesus zusammen waren. Diese Texte blicken zurück auf die Zeit, in der Jesus noch auf Erden war bzw. nach Ostern auf Erden erschien (172).

Die übrigen Texte (Phil 2,10; Hebr. 1,6; Offb 5,8.14 blicken voraus auf das, was im himmlischen Bereich jetzt schon geschieht: nämlich die Anbetung Christi durch die kosmischen Mächte.

Die Gemeinde bringt retrospektiv ihre Glaubenshaltung zu Christus zum Ausdruck, indem sie von Menschen um den irdischen Jesus eine Proskynese erzählt und sie bringt proleptisch ihre Glaubenshaltung zu Christus zum Ausdruck, indem sie von der Proskynese der Engelmächte und der himmlischen Gemeinde vor Christus spricht.

Eine Christus-Proskynese als gottesdienstlichen Ritus kann man aus den ntl Texten nicht ableiten. Aber in den Gemeinden ist eine der Proskynese entsprechende innere Haltung vorauszusetzen. Diese innere Haltung der Anbetung dürfte sich vor allem beim Singen der Christushymnen konkretisiert haben(172f).

Die Gattung, in der sich im AT die Anbetung Gottes sprachlich niederschlug, wurde auf Christus ausgeweitet. Die ntl Christushymnen sind ihrer sprachlichen Natur nach Bekenntnisse, die die Anbetung einschließen (175).

Das in Offb 5 Berichtete spielt sich unmittelbar vor dem Thron Gottes ab. Im Mittelpunkt der gesamten Szene steht das Lamm, aber hinter ihm thront Gott. Auf diese Weise wird es möglich, dass in der ersten Proskynese die Ältesten vor dem Lamm niederfallen (5,8), dass hingegen die zweite Proskynese (5,14) und die zweite Doxologie (5,13) gleichzeitig dem Lamm und Gott gelten. Überträgt man diese himmlische Choreographie in theologische Kategorien, so ist mit all dem gemeint: Der Lobpreis und die Anbetung beginnen zwar vor Christus, aber sie führen sofort weiter zur Anbetung Gottes (176f).

Der Hymnus Phil 2 endet mit der Formel: “zur Ehre Gottes, des Vaters“, d.h. das Herrschen Jesu Christi als Kyrios dient allein der Ehre Gottes, des Vaters. Deshalb zielt jede Anbetung Christi und jedes Bekenntnis seiner Kyrioswürde letztlich auf Gott selbst (177).

Die Antwort der Jünger auf die Erhöhung Christi in Lk 24,52 ist die Proskynese vor Christus. Diese Anbetung Christi setzt sich sogleich fort in der Anbetung Gottes, denn “sie kehrten in großer Freude nach Jerusalem zurück und waren von da an ständig im Tempel, Gott preisend“. Es gibt keine Anbetung Christi ohne Anbetung des Vaters. Beides geht ineinander über, das eine geschieht im anderen (177).

Im NT ist die Proskynese vor dem erhöhten Christus Anbetung des sich in Christus offenbarenden Gottes. Sie ist Anbetung des Gottes, der in Christus endgültig sein Heil gewirkt hat und dabei in dem Menschen Jesus in letzter und unüberbietbarer Weise Gegenwart geworden ist. Alle Verherrlichung Gottes hat durch Christus zu geschehen: “Alles, was ihr tut mit Worten oder mit Werken, das tut alles im Namen des Herrn Jesus und dankt Gott, dem Vater durch ihn“ (Kol 3,17). Im NT gibt es eine Anbetung Christi, nicht weil Christus eine Gottheit darstellt, sondern weil sich in ihm Gott endgültig offenbart hat und er so zum Zeichen der offenbaren Gegenwärtigkeit Gottes geworden ist. Der entscheidenden Grundlinie des NT zufolge ist Gott das letzte und alleinige Ziel aller Anbetung (178).

                   

(6) Deutungen des Ursprungs (Jungfrauengeburt)

H. Küng (1974)

Die älteste ntl Aussage über die Geburt Jesu aus Maria lautet: “geboren aus der Frau“ (Gal 4,4).

a. In den Geburtsgeschichten von Matthäus und Lukas wird die Gottessohnschaft Jesu in der volkstümlichen Form einzelner Geschichten veranschaulicht. Der Leser erhält Auskunft über das, was Markus noch nicht interessierte und was Johannes wieder gleichgültig sein wird. Es handelt sich um stark legendäre und letztlich theologisch motivierte Erzählungen eigener Prägung. Die nicht harmonisierbaren Widersprüche betreffen die beiden Stammbäume Jesu und andere Punkte: Während Matthäus nichts von Nazareth als dem Aufenthaltsort der Mutter Jesu zu wissen scheint, so umgekehrt Lukas nichts von den doch gewiss aufsehenerregenden Geschehnissen des Magierbesuches, des Kindermordes in Bethlehem und der Flucht nach Ägypten. Die begründeten historischen Zweifel betreffen des weiteren die Verwandtschaft Jesu mit Johannes dem Täufer, die Volkszählung gerade zu dieser Zeit, Bethlehem als Geburtsort (441).

Es geht nicht um historische Berichte sondern um Bekenntnis- und Verkündigungsgeschichten. Es soll nachträglich – in Rückschau aus dem Osterglauben – Jesu Messianität verkündet und begründet werden (441).

Jesus als der Davidssohn: Die Berechtigung dieses Titels wird genealogisch aufgewiesen durch einen von David bis zum gesetzlichen Vater Josef (nicht zu Maria) führenden Stammbaum (441f).

Jesus als der neue Mose: Das providentielle Schicksal des Kleinkindes wird nach dem Vorbild frühjüdischer Mosegeschichten dargestellt. Eingeflossen ist sowohl das Motiv der Errettung des Mose vor Pharao (=Herodes) wie das Motiv der Flucht (nach Ägypten). Auch die lkn Kindheitsgeschichten sind ganz nach atl Vorbildern gestaltet: die Verkündigungsszene, die drei Lieder Mariens, Zacharias und Simeons dürften aus judenchristlicher Tradition stammen und atl-jüdische Poesie reflektieren  (442).

Als Verkündigungs- und Bekenntnisgeschichten wollen die Geburtsgeschichten nicht historische Wahrheit, sondern Heilswahrheit kundtun: die Botschaft vom Heil der Menschen in Jesus (442).

Schon in den Verkündigungsszenen vor Maria und den Hirten (Lk 2) wird durch mehrere nebeneinander gestellte Hoheitstitel (Gottessohn, Heiland, Messias, König, Herr) das vollendete Glaubensbekenntnis der Gemeinde zum Ausdruck gebracht und diese Titel werden statt dem römischen Kaiser diesem Kind zugesprochen. Statt der Pax Romana wird hier “mit großer Freude“ die wahre Pax Christi angekündigt, die in einer Neuordnung der zwischenmenschlichen Beziehungen im Zeichen der Menschenfreundlichkeit Gottes und der Brüderlichkeit der Menschen gründet (443).

Dem politischen Heiland wird der wahre Friede entgegengehalten, der nicht dort erwartet werden kann, wo einem Menschen göttliche Ehre entgegengebracht wird, sondern wo Gott in der Höhe zu Ehren kommt und sein Wohlgefallen auf den Menschen ruht. Von dem Jesus-Kind werden lebenswerte Verhältnisse, das gemeinsame Glück, das Heil der Menschen und der Welt erwartet.

Diese Geburtsgeschichten sind theologisch hoch reflektierte Christusgeschichten im Dienst einer sehr gezielten Verkündigung, die die wahre Bedeutung Jesu als des Messias zum Heil für alle Völker der Erde kunstvoll, plastisch und höchst kritisch anschaulich machen wollen (443).

b. Die Jungfrauengeburt: Statt der christologischen Betrachtungsweise tritt die mariologische immer stärker hervor und statt von jungfräulicher Empfängnis spricht man von Jungfrauengeburt (444).

Der Mythos von der Jungfrauengeburt war in der ganzen Antike verbreitet und findet sich sogar in Persien, Indien und in Südamerika. Er ist keineswegs etwas spezifisch Christliches (445).

In den nicht historisch sondern theologisch orientierten Geburtsgeschichten muss die Jungfrauengeburt von der Gottessohnschaft her verstanden werden und nicht umgekehrt. Als der Erhöhte wurde Jesus nach seinem Tod als der Sohn und Gottessohn tituliert, wobei man die Gottessohnschaft immer mehr von der Erhöhung auf die Taufe, ja auf den Anfang vorverlegte (445).

Der Messias sollte nicht nur im atl Sinn geisterfüllt (Geistträger wie der Gottesknecht) sondern vom Geist geschaffen sein. Zeugung aus schöpferischem Gottesgeist meint ursprünglich nicht einen biologischen Tatbestand sondern die christologische Würde des so Gezeugten. Die immer stärkere Biologisierung dieser Vorstellung hat bald eingesetzt. Von gelegentlicher Korrektur (Lk 3,23) abgesehen werden selbstverständlich seine Eltern genannt (Lk 4,22; Joh 6,42) sowie seine Brüder und Schwestern (Mk 3,31ff par). Einer der Brüder ist Jakobus, Leiter der Urgemeinde. Hätte man so reden können, wenn man in der Frühzeit etwas von einer Jungfrauengeburt geahnt hätte? Für Paulus, der von einer Jungfrauengeburt nichts weiß, ist der Gottessohn schlicht aus der Frau geboren (Gal 4,4). Die Vorstellung von der wunderbaren Geburt wendet er nicht auf Jesus, sondern im übertragenen Sinn auf die Christen an (Gal 3,29). Auch im späteren Joh-Ev lesen wir nichts von einer Jungfrauengeburt. Von allen Christen wird gesagt, dass sie aus Gott gezeugt sind (Joh 1,12f) (445f).

Aus der Formulierung des Lukas (1,35): “..... darum wird auch das Heilige, das geboren wird, Gottes Sohn genannt werden“ geht hervor, dass mit dieser Erklärung ein Grund (aitia) für den Titel Gottessohn auf Jesus angegeben werden soll. Die Erzählung ist eine ätiologische Legende oder Sage. Das Theologumenon vom Gottessohn wird als Geschichte anschaulich ausgemalt (446).

Jesu Gottessohnschaft hängt nicht an der Jungfrauengeburt. Er ist Gottes Sohn, nicht weil bei seiner Entstehung Gott anstelle eines Mannes wirksam war, sondern weil er von Anfang an, von Ewigkeit her als Sohn bestimmt ist. Geburt aus Gott und menschliche Erzeugung machen sich keine Konkurrenz (446f).

Die Jungfrauengeburt kann nicht als historisch-biologisches Ereignis verstanden werden. Sie war damals ein sinnträchtiges Symbol. Der mit Jesus von Gott her gegebene neue Beginn wurde im NT auch anders zum Ausdruck gebracht: (1) Durch die Zurückführung des Stammbaumes Jesu über Adam auf Gott (Lk 3,38); (2) durch die Vorstellung des neuen Adam, der Anfang und Haupt der neuen Menschheit ist (Röm 5,14-19); (3) durch  die mythologischen Bilder von der Geburt des dann erhöhten Messias-Kindes aus der vom Drachen bedrohten, mit der Sonne, Mond und den zwölf Sternen umkleideten Frau (Israel), nachher oft auf Maria gedeutet (Offb 12,1-5); (4) durch die Idee des von Ewigkeit her bei Gott vorausexistierenden göttlichen 'Wortes', das Fleisch wird (Joh 1,1-14).

Niemand kann verpflichtet werden, an das biologische Faktum einer jungfräulichen Empfängnis oder Geburt zu glauben. Christlicher Glaube bezieht sich auf den – auch ohne Jungfrauengeburt – in seiner Unableitbarkeit zutage getretenen gekreuzigten und doch lebendigen Jesus (447).