1.5 Anbetung Christi “zur Ehre Gottes, des Vaters“ (Phil 2,11)

G. Lohfink

In den Evangelien wird die Proskynese von den Jüngern vollzogen, die mit dem irdischen Jesus zusammen waren. Diese Texte blicken zurück auf die Zeit, in der Jesus noch auf Erden war bzw. nach Ostern auf Erden erschien (172).

Die übrigen Texte (Phil 2,10; Hebr. 1,6; Offb 5,8.14 blicken voraus auf das, was im himmlischen Bereich jetzt schon geschieht: nämlich die Anbetung Christi durch die kosmischen Mächte.

Die Gemeinde bringt retrospektiv ihre Glaubenshaltung zu Christus zum Ausdruck, indem sie von Menschen um den irdischen Jesus eine Proskynese erzählt und sie bringt proleptisch ihre Glaubenshaltung zu Christus zum Ausdruck, indem sie von der Proskynese der Engelmächte und der himmlischen Gemeinde vor Christus spricht.

Eine Christus-Proskynese als gottesdienstlichen Ritus kann man aus den ntl Texten nicht ableiten. Aber in den Gemeinden ist eine der Proskynese entsprechende innere Haltung vorauszusetzen. Diese innere Haltung der Anbetung dürfte sich vor allem beim Singen der Christushymnen konkretisiert haben(172f).

Die Gattung, in der sich im AT die Anbetung Gottes sprachlich niederschlug, wurde auf Christus ausgeweitet. Die ntl Christushymnen sind ihrer sprachlichen Natur nach Bekenntnisse, die die Anbetung einschließen (175).

Das in Offb 5 Berichtete spielt sich unmittelbar vor dem Thron Gottes ab. Im Mittelpunkt der gesamten Szene steht das Lamm, aber hinter ihm thront Gott. Auf diese Weise wird es möglich, dass in der ersten Proskynese die Ältesten vor dem Lamm niederfallen (5,8), dass hingegen die zweite Proskynese (5,14) und die zweite Doxologie (5,13) gleichzeitig dem Lamm und Gott gelten. Überträgt man diese himmlische Choreographie in theologische Kategorien, so ist mit all dem gemeint: Der Lobpreis und die Anbetung beginnen zwar vor Christus, aber sie führen sofort weiter zur Anbetung Gottes (176f).

Der Hymnus Phil 2 endet mit der Formel: “zur Ehre Gottes, des Vaters“, d.h. das Herrschen Jesu Christi als Kyrios dient allein der Ehre Gottes, des Vaters. Deshalb zielt jede Anbetung Christi und jedes Bekenntnis seiner Kyrioswürde letztlich auf Gott selbst (177).

Die Antwort der Jünger auf die Erhöhung Christi in Lk 24,52 ist die Proskynese vor Christus. Diese Anbetung Christi setzt sich sogleich fort in der Anbetung Gottes, denn “sie kehrten in großer Freude nach Jerusalem zurück und waren von da an ständig im Tempel, Gott preisend“. Es gibt keine Anbetung Christi ohne Anbetung des Vaters. Beides geht ineinander über, das eine geschieht im anderen (177).

Im NT ist die Proskynese vor dem erhöhten Christus Anbetung des sich in Christus offenbarenden Gottes. Sie ist Anbetung des Gottes, der in Christus endgültig sein Heil gewirkt hat und dabei in dem Menschen Jesus in letzter und unüberbietbarer Weise Gegenwart geworden ist. Alle Verherrlichung Gottes hat durch Christus zu geschehen: “Alles, was ihr tut mit Worten oder mit Werken, das tut alles im Namen des Herrn Jesus und dankt Gott, dem Vater durch ihn“ (Kol 3,17). Im NT gibt es eine Anbetung Christi, nicht weil Christus eine Gottheit darstellt, sondern weil sich in ihm Gott endgültig offenbart hat und er so zum Zeichen der offenbaren Gegenwärtigkeit Gottes geworden ist. Der entscheidenden Grundlinie des NT zufolge ist Gott das letzte und alleinige Ziel aller Anbetung (178).