1.6 Deutungen des Ursprungs (Jungfrauengeburt)

H. Küng (1974)

Die älteste ntl Aussage über die Geburt Jesu aus Maria lautet: “geboren aus der Frau“ (Gal 4,4).

a. In den Geburtsgeschichten von Matthäus und Lukas wird die Gottessohnschaft Jesu in der volkstümlichen Form einzelner Geschichten veranschaulicht. Der Leser erhält Auskunft über das, was Markus noch nicht interessierte und was Johannes wieder gleichgültig sein wird. Es handelt sich um stark legendäre und letztlich theologisch motivierte Erzählungen eigener Prägung. Die nicht harmonisierbaren Widersprüche betreffen die beiden Stammbäume Jesu und andere Punkte: Während Matthäus nichts von Nazareth als dem Aufenthaltsort der Mutter Jesu zu wissen scheint, so umgekehrt Lukas nichts von den doch gewiss aufsehenerregenden Geschehnissen des Magierbesuches, des Kindermordes in Bethlehem und der Flucht nach Ägypten. Die begründeten historischen Zweifel betreffen des weiteren die Verwandtschaft Jesu mit Johannes dem Täufer, die Volkszählung gerade zu dieser Zeit, Bethlehem als Geburtsort (441).

Es geht nicht um historische Berichte sondern um Bekenntnis- und Verkündigungsgeschichten. Es soll nachträglich – in Rückschau aus dem Osterglauben – Jesu Messianität verkündet und begründet werden (441).

Jesus als der Davidssohn: Die Berechtigung dieses Titels wird genealogisch aufgewiesen durch einen von David bis zum gesetzlichen Vater Josef (nicht zu Maria) führenden Stammbaum (441f).

Jesus als der neue Mose: Das providentielle Schicksal des Kleinkindes wird nach dem Vorbild frühjüdischer Mosegeschichten dargestellt. Eingeflossen ist sowohl das Motiv der Errettung des Mose vor Pharao (=Herodes) wie das Motiv der Flucht (nach Ägypten). Auch die lkn Kindheitsgeschichten sind ganz nach atl Vorbildern gestaltet: die Verkündigungsszene, die drei Lieder Mariens, Zacharias und Simeons dürften aus judenchristlicher Tradition stammen und atl-jüdische Poesie reflektieren  (442).

Als Verkündigungs- und Bekenntnisgeschichten wollen die Geburtsgeschichten nicht historische Wahrheit, sondern Heilswahrheit kundtun: die Botschaft vom Heil der Menschen in Jesus (442).

Schon in den Verkündigungsszenen vor Maria und den Hirten (Lk 2) wird durch mehrere nebeneinander gestellte Hoheitstitel (Gottessohn, Heiland, Messias, König, Herr) das vollendete Glaubensbekenntnis der Gemeinde zum Ausdruck gebracht und diese Titel werden statt dem römischen Kaiser diesem Kind zugesprochen. Statt der Pax Romana wird hier “mit großer Freude“ die wahre Pax Christi angekündigt, die in einer Neuordnung der zwischenmenschlichen Beziehungen im Zeichen der Menschenfreundlichkeit Gottes und der Brüderlichkeit der Menschen gründet (443).

Dem politischen Heiland wird der wahre Friede entgegengehalten, der nicht dort erwartet werden kann, wo einem Menschen göttliche Ehre entgegengebracht wird, sondern wo Gott in der Höhe zu Ehren kommt und sein Wohlgefallen auf den Menschen ruht. Von dem Jesus-Kind werden lebenswerte Verhältnisse, das gemeinsame Glück, das Heil der Menschen und der Welt erwartet.

Diese Geburtsgeschichten sind theologisch hoch reflektierte Christusgeschichten im Dienst einer sehr gezielten Verkündigung, die die wahre Bedeutung Jesu als des Messias zum Heil für alle Völker der Erde kunstvoll, plastisch und höchst kritisch anschaulich machen wollen (443).

b. Die Jungfrauengeburt: Statt der christologischen Betrachtungsweise tritt die mariologische immer stärker hervor und statt von jungfräulicher Empfängnis spricht man von Jungfrauengeburt (444).

Der Mythos von der Jungfrauengeburt war in der ganzen Antike verbreitet und findet sich sogar in Persien, Indien und in Südamerika. Er ist keineswegs etwas spezifisch Christliches (445).

In den nicht historisch sondern theologisch orientierten Geburtsgeschichten muss die Jungfrauengeburt von der Gottessohnschaft her verstanden werden und nicht umgekehrt. Als der Erhöhte wurde Jesus nach seinem Tod als der Sohn und Gottessohn tituliert, wobei man die Gottessohnschaft immer mehr von der Erhöhung auf die Taufe, ja auf den Anfang vorverlegte (445).

Der Messias sollte nicht nur im atl Sinn geisterfüllt (Geistträger wie der Gottesknecht) sondern vom Geist geschaffen sein. Zeugung aus schöpferischem Gottesgeist meint ursprünglich nicht einen biologischen Tatbestand sondern die christologische Würde des so Gezeugten. Die immer stärkere Biologisierung dieser Vorstellung hat bald eingesetzt. Von gelegentlicher Korrektur (Lk 3,23) abgesehen werden selbstverständlich seine Eltern genannt (Lk 4,22; Joh 6,42) sowie seine Brüder und Schwestern (Mk 3,31ff par). Einer der Brüder ist Jakobus, Leiter der Urgemeinde. Hätte man so reden können, wenn man in der Frühzeit etwas von einer Jungfrauengeburt geahnt hätte? Für Paulus, der von einer Jungfrauengeburt nichts weiß, ist der Gottessohn schlicht aus der Frau geboren (Gal 4,4). Die Vorstellung von der wunderbaren Geburt wendet er nicht auf Jesus, sondern im übertragenen Sinn auf die Christen an (Gal 3,29). Auch im späteren Joh-Ev lesen wir nichts von einer Jungfrauengeburt. Von allen Christen wird gesagt, dass sie aus Gott gezeugt sind (Joh 1,12f) (445f).

Aus der Formulierung des Lukas (1,35): “..... darum wird auch das Heilige, das geboren wird, Gottes Sohn genannt werden“ geht hervor, dass mit dieser Erklärung ein Grund (aitia) für den Titel Gottessohn auf Jesus angegeben werden soll. Die Erzählung ist eine ätiologische Legende oder Sage. Das Theologumenon vom Gottessohn wird als Geschichte anschaulich ausgemalt (446).

Jesu Gottessohnschaft hängt nicht an der Jungfrauengeburt. Er ist Gottes Sohn, nicht weil bei seiner Entstehung Gott anstelle eines Mannes wirksam war, sondern weil er von Anfang an, von Ewigkeit her als Sohn bestimmt ist. Geburt aus Gott und menschliche Erzeugung machen sich keine Konkurrenz (446f).

Die Jungfrauengeburt kann nicht als historisch-biologisches Ereignis verstanden werden. Sie war damals ein sinnträchtiges Symbol. Der mit Jesus von Gott her gegebene neue Beginn wurde im NT auch anders zum Ausdruck gebracht: (1) Durch die Zurückführung des Stammbaumes Jesu über Adam auf Gott (Lk 3,38); (2) durch die Vorstellung des neuen Adam, der Anfang und Haupt der neuen Menschheit ist (Röm 5,14-19); (3) durch  die mythologischen Bilder von der Geburt des dann erhöhten Messias-Kindes aus der vom Drachen bedrohten, mit der Sonne, Mond und den zwölf Sternen umkleideten Frau (Israel), nachher oft auf Maria gedeutet (Offb 12,1-5); (4) durch die Idee des von Ewigkeit her bei Gott vorausexistierenden göttlichen 'Wortes', das Fleisch wird (Joh 1,1-14).

Niemand kann verpflichtet werden, an das biologische Faktum einer jungfräulichen Empfängnis oder Geburt zu glauben. Christlicher Glaube bezieht sich auf den – auch ohne Jungfrauengeburt – in seiner Unableitbarkeit zutage getretenen gekreuzigten und doch lebendigen Jesus (447).