3.2 Die Tradition des hellenistischen Judenchristentums: Phil 2,6-11

Christus – präexistent wie die Weisheit Gottes

Weish 9,9 kennt die Rede von einer Daseinsweise der Weisheit bei Gott und Weish 9,10 spricht von der Sendung dieser präexistenten Weisheit vom Thron Gottes aus. Nach Sir 24 verbleibt die Weisheit ebenfalls nicht in ihrer Präexistenz, sondern kommt zu den Menschen in Gestalt der Tora. Präexistenz, Sendung oder Abstieg aus der himmlischen Sphäre kennzeichnen das Bild der Weisheit (326).

Mit der Weisheitstheologie kommt erstmals eine Präexistentzvorstellung in den Blick. Hier dürfte der entscheidende Unterschied zur aramäisch sprechenden Judenchristenheit liegen. Das Wort 'morphe theou' lässt es geboten erscheinen, eine präexistente Daseinsweise Jesu Christi bei Gott vor seiner Selbsterniedrigung anzunehmen (329).

Ein Lied vom gekreuzigten und erhöhten Christus

Der Phil-Hymnus enthält zwar eine Aussage über die Präexistenz Christi, diese hat aber keine selbständige Bedeutung. Phil 2,6-11 dürfte seinen eigentlichen Ort in der Liturgie der Gemeinde gehabt haben. Die Poesie kann bildlich sagen, wofür es noch keine Begriffe gibt. Derartig kühne christologische Entwürfe werden zuerst in geistgewirkten Hymnen vorgetragen (330f).

Der Text verzichtet auf jede begriffliche, philosophische oder theologische Überbrückung. Er ist hymnischer Entwurf, begeistertes Loblied, ein Dokument des prophetischen Geistes der Endzeit, ein Produkt des frühesten nachösterlichen Enthusiasmus (331f).

Die alles entscheidende Perspektive: Diesem Lied liegt die Erfahrung des gekreuzigten, erhöhten und so durch Gottes Geist präsenten Jesus Christus als Kyrios zugrunde. Der Text spricht aus der Perspektive der Nachzeitigkeit. Der Autor blickt von der Erfahrung des gegenwärtig wirkenden, auferstandenen und erhöhten Herrn gleichsam zurück auf das irdische Leben Jesu in der Niedrigkeit und das frühere Sein bei Gott. Wie für die aramäisch sprechenden Judenchristen sind auch für diese frühe griechisch sprechende Judenchristenheit Erniedrigung und Erhöhung Schwerpunkt des Christusbekenntnisses. Jesus Christus ist in erster Linie der gekreuzigte und erhöhte Mensch, der von Gott kam (332f).

Aussagen über die 'Gottesgestalt' Jesu sind als Ausweitung der Passions- und Erhöhungs-Aussage zu begreifen und haben ihren Sinn in der Qualifizierung der Niedrigkeit Jesu als Offenbarungsweise Gottes. Erst aus der Nachzeitigkeit der geistgewirkten Erfahrung des Erhöhten heraus wird auf eine doppelte Vorzeitigkeit Christi verwiesen: sein irdisches Leben und sein Leben zuvor bei Gott. Die Vorzeitigkeit ist dabei Funktion der Nachzeitigkeit und wird von dieser qualifiziert (333).

Die Gemeinde, die dieses Lied singt, steht unter der Inspiration des Geistes des Erhöhten. Nicht Reflexion und Spekulation, sondern eigene geistgewirkte Tiefenerfahrung lässt zu diesem Lied ein angemessenes Verhältnis gewinnen. Hymnik und Geisterfahrung waren im Urchristentum nicht zu trennen (334).

Keine Präexistenzchristologie: Eine selbständige Bedeutung der vorweltlichen Präexistenz Christi wird in Phil 2 nicht erkennbar. Die Heilsbedeutung Christi begründet sich nicht von seiner Präexistenz her, sondern erst von dem Weg her, den Jesus geht und der die konsequente Selbsterniedrigung notwendigerweise einschließt, auf die Gott dann mit der österlichen Erhöhung antwortet (335).

Die frühe, griechisch sprechende Judenchristenheit, die aus Jerusalem kam, wagt mit diesem Lied zwar erstmals den Gedanken einer vorirdischen Daseinsweise Jesu auszusprechen, ist aber so wenig an dessen Ausgestaltung interessiert, dass sie ihn zur bloßen Funktion des Erniedrigungs- und Erhöhungsvorgangs macht. Das Sein Christi bei Gott wird zum Auftakt dieses Liedes erwähnt, ohne dass bei ihm meditativ oder mythisch verweilt wird. Es wird nur in einem Nebengedanken erwähnt (335f).

Ein jüdisches Lied – Kontinuität mit der Urgemeinde

Die weisheitlich geprägten Christologien von Phil 2,6-11 und der Spruchquelle muss man zusammen sehen. Q kennt zwar keine Präexistenz, doch sind in Q wie im Hymnus Kreuz und Auferweckung theologisch nicht zentral (die Betonung des Kreuzes im Hymnus ist pln Zusatz) sondern Funktion der Niedrigkeits- und Erhöhungsaussage. In beiden Fällen hat eine Gleichsetzung von irdischem Menschensohn und kommendem Richter stattgefunden. In beiden Traditionen geht es christologisch nicht um die Überwindung des Todes, sondern um den Beginn der Herrschaft des Erhöhten (326f).

Die Weisheit geht mit dem Gerechten bis in Gefangenschaft und Elend (Weish 10,14), nirgendwo aber identifiziert sie sich mit einem der Gerechten. Der Hymnus dagegen wagt zu verkünden: Gottes Weisheit ist mit dem gekreuzigten Jesus von Nazareth identisch (337f).

Der politische Ursprung der Präexistenzaussage

Den Gekreuzigten als Weltherrn verkündigen heißt, alte Mächte, Herrschaften und Gewalten radikal in Frage zu stellen. Gegenüber dem jüdischen Establishment besteht die Herausforderung darin, dass durch den Rückgriff auf die Weisheitstheologie jetzt Christus an die Stelle der ontologisch verstandenen Tora-Weisheit getreten war. Die Kühnheit des Bruches mit den aktuellen Bestimmungen der Tora in den griechisch sprechenden judenchristlichen Gemeinden kann von uns heute kaum ermessen werden (338).

Der konkrete Anlass zur Herausbildung des Bekenntnisses zur Präexistenz Christi ist die Tempel- und Torakritik Jesu, der Konflikt des Nazareners mit dem jüdischen Establishment. Tempel und Tora waren die entscheidenden göttlichen Autoritäten, mit denen Jesus in Konflikt geraten war. Die politischen Mächte hinter Tempel und Tora waren für den Tod des Nazareners verantwortlich gewesen, Mächte, mit denen auch die griechisch sprechenden Judenchristen Jerusalems zunehmend in Konflikt geraten sein dürften. Nach Apg 6,11.13f war es die Kritik an Tempel und Tora, die die 'Hellenisten' aus Jerusalem vertrieb (339).

Wenn Jesu Tod das endgültige Heil verkörperte, war nicht mehr der bestehende Tempel der Ort der Erwählung und der Gegenwart Gottes, war nicht mehr die Mose-Tora die Offenbarung Gottes zum Heil der Menschen, sondern Jesus selbst und zwar gerade in der Niedrigkeit seines Todes. Hinter diesen Aussagen steckt politischer Sprengstoff, steckt die Erfahrung, dass der Nazarener aus religiös-politischen Gründen ans Kreuz hatte gehen müssen und dass auch diejenigen, die es wagten, ausgerechnet den Gekreuzigten auf die Seite Gottes zu stellen, mit Verfolgung zu rechnen hatten (339f).

Der Brief nach Philippi (Winter 54/55)

Paulus hat bei seiner Redaktion des Hymnus den Zusatz “bis zum Tod am Kreuz“ (2,8) hinzugefügt, d.h. wir haben es mit einer Verstärkung des Kreuzestodes als äußerster Niedrigkeitsform zu tun und nicht mit einer Verstärkung der 'göttlichen Seinsweise'. Hier zeigt sich Paulus 'erkenntnisleitendes Interesse' (384).

Der Hymnus im Brief geht über alle individualistische Tugendlehre dadurch hinaus, dass er auf den Herrschaftsantritt des gekreuzigten Sklaven über den ganzen Kosmos abzielt und so eschatologisch den Grund für die neue Existenz in Christus legt. Diese neue Existenz wird darin konkret, dass der Christ die Grundhaltung Christi selber zu leben beginnt: Machtverzicht, Erniedrigung und Selbstpreisgabe. Der Hymnus und damit der Brief als ganzer, handelt von der neuen Welt, die im Zeichen der Menschwerdung des Menschen steht (384f).