7. Eugen Drewermann über seinen Streit mit den Bischöfen „Der Spiegel“ vom 23.12.1991

Spiegel: Herr Drewermann, ist Jesus in Bethlehem geboren oder in Nazareth? Am Heiligabend ist in allen Kirchen die Rede von Bethlehem, viele Theologen halten Nazareth für den Geburtsort.

Drewermann: Daß Jesus nicht in Bethlehem geboren ist, ist ziemlich sicher. Nazareth wird seine Heimat gewesen sein; ob er dort geboren ist, steht dahin. Ich vermute, daß Jesus weder in dem einen noch in dem anderen Ort geboren ist.

Spiegel: Warum nicht in Bethlehem?

Drewermann: Dieser Ort wird nur an zwei Stellen des Neuen Testaments genannt. Die Evangelisten Lukas und Matthäus haben die Geburt nach Bethlehem verlegt, um eine Ankündigung des Propheten Micha aus dem Alten Testament auf Jesus zu beziehen: "Du, Bethlehem im Lande Juda! Du bist keineswegs die unbedeutendste Stadt in Judäa, denn aus dir soll der Mann kommen, der mein Volk Israel führen wird."

Spiegel: Wurde Jesus von einer Jungfrau geboren? Der Paderborner Erzbischof Degenhardt wirft Ihnen vor, diese Frage zu verneinen. Er hat Ihnen unter anderem deshalb die Lehrerlaubnis entzogen und Ihnen angedroht, Sie vom Priesteramt zu suspendieren. Das wäre für die katholische Kirche und ihre Theologie ein Jahrhundertereignis, ein Jahrhundertskandal: Sie würden als erster katholischer Theologe in der Bundesrepublik wegen "falscher Lehre" nicht nur vom Katheder, sondern auch von Kanzel und Altar verbannt.

Drewermann: Die Jungfrauengeburt ist nicht als historisches Ereignis aus den Texten des Neuen Testaments zu begründen, sie ist nicht als biologisches Ereignis zu verstehen.

Spiegel: Jesus hat also einen leiblichen Vater gehabt?

Drewermann: Ja. Jesus ist als Mensch gezeugt und geboren wie jeder andere Mensch auch. Ungewöhnlich war nicht seine Geburt, sondern sein Leben.

Spiegel: War das Grab Jesu leer, ist Jesus am dritten Tag nach seinem Tode leiblich auferstanden? Das wird ja Ostern gefeiert.

Drewermann: Wenn ich sage, die Ostergeschichten seien Legenden, wird mancher sagen, also stimme auch das nicht. Doch das ist zu simpel gedacht, auch Legenden haben ihren eigenen Wert. Aber man kommt um die Erkenntnis der Exegese, also der neutestamentlichen Forschung, nicht herum: Die Ostergeschichten haben den Glauben an die Auferstehung nicht begründen, sondern ihn nur auslegen wollen. Sie sollen in Bildern verkünden: Die Geschichte Jesu ist mit seinem Tod am Kreuz nicht zu Ende. An die Auferstehung glauben, heißt auf Gott vertrauen, daß seine Liebe den Tod überdauert. Aber mit solchen Sätzen ist es nicht getan. Die Bibel lebt von Bildern, und nur wer die Sprache dieser Bilder versteht, kann sich den Glauben bewahren. Auch das leere Grab ist ein Bild für eine Wahrheit des Glaubens. ** Beispiele: Je 40 Tage und Nächte regnete es _(bei der Sintflut, verweilte Moses auf ) _(dem Berg Sinai, wanderte der Prophet ) _(Elias zum Berg Horeb, fastete Jesus in ) _(der Wüste. * Links: Holzstich nach ) _(Julius Schnorr von Carolsfeld; rechts: ) _(Holzstich nach Gustave Dore. )

Spiegel: Nur ein Bild, kein Bericht, also geben Sie Bultmann recht: "Ein Leichnam kann nicht wieder lebendig werden und aus dem Grabe steigen."

Drewermann: So ist es, das gilt für das Grab Jesu, und es gilt für alle anderen Gräber, in Verdun und in Vietnam, in Paderborn und in Hamburg. Die Auferstehung ist dort genauso wenig sichtbar wie drei Tage nach Ostern in Jerusalem.

Spiegel: Nach katholischer Lehre hat Jesus alle sieben Sakramente der Kirche eingesetzt: Taufe, Eucharistie oder Abendmahl, Firmung, Priesterweihe, Krankensalbung, Beichte und Ehe.

Drewermann: Jesus hat mit Sicherheit kein einziges Sakrament eingesetzt, wie heute ziemlich alle Theologen wissen.

Spiegel: Nun beruft sich Ihre Kirche darauf, daß Jesus laut Bibel aufgefordert habe, das Abendmahl zu seinem Gedächtnis zu halten, und zu den berühmtesten Stellen des Neuen Testaments gehört auch sein Taufbefehl: "Geht nun zu allen Völkern der Welt und macht die Menschen zu meinen Jüngern. Tauft sie im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes."

Drewermann: Was Jesus über Taufe und Abendmahl gesagt haben soll, ist ihm lange nach seinem Tode zugeschrieben worden. Taufen in aller Welt kann er schon deshalb nicht befohlen haben, weil er an das nahe Weltende glaubte und sein Wirken auf Israel beschränkte.

Spiegel: Das Abendmahl, die Eucharistie . . .

Drewermann: ...kann man auch nicht auf Jesus zurückführen. Er war Jude, und es ist völlig ausgeschlossen, daß der Jude Jesus beim letzten Abendmahl seinen Jüngern Brot gab und dabei die Worte sprach: "Das ist mein Leib, der für euch geopfert wird." Und daß er den Jüngern den Kelch mit den Worten gab: "Das ist mein Blut."

Spiegel: Diese Worte stehen fast gleichlautend in den ersten drei Evangelien und bei Paulus. Und so wird es katholischen Christen bis heute in jeder Messe mit den sogenannten Wandlungsworten verkündet. Warum ist es ausgeschlossen, daß Jesus dies gesagt hat?

Drewermann: Weil diese Vorstellung, das Fleisch eines Menschen zu essen und das Blut eines Menschen zu trinken, für einen Juden, und nicht nur für den, etwas Gräßliches ist. Jesus wäre nie auf die Idee gekommen, das Fest-Essen des jüdischen Passahfestes, das die Juden an den Auszug ihrer Vorfahren aus Ägypten erinnert, umzuwandeln in eine Mahlzeit, bei der die Gläubigen sakramental teilhaben am Leben eines Gottes, der sich im Tod opfert.

Spiegel: Bultmann und andere Theologen, die festgestellt haben, wie unhistorisch die meisten Berichte über Jesus sind, wollen die Bibel zugleich "entmythologisieren", den Mythos zerstören. Da denken Sie völlig anders. Sie wollen umgekehrt den Mythos erhalten. Warum?

Drewermann: Nicht bei unwichtigen, sondern gerade bei den wichtigsten Passagen des Neuen Testaments müssen wir feststellen, daß es sich um Legenden, um Symbole, um Mythen handelt. Das gilt insbesondere für die Darstellung von Jesu Geburt, Tod, Auferstehung, Himmelfahrt. All dies können wir nicht als unmodernes Beiwerk beiseite schieben, wie es die Entmythologisierer versuchen.

Spiegel: Bultmann hat es für eine primitive Mythologie erklärt zu glauben, "daß ein Mensch gewordenes Gotteswesen durch sein Blut die Sünden der Menschen sühnt".

Drewermann: Diese Opfer- und Sühnetheologie war Jesus völlig fremd. Die Geschichten von den Zöllnern, den Pharisäern und den Sündern zeigen, daß Jesus die Vergebung der Sünden nicht von einer Vorleistung oder gar von einem Opfer abhängig gemacht hat. Diesen Gedanken - Vergebung ohne Vorleistung - hat er verkörpert und verkündigt.

Das paßt überhaupt nicht zu der Lehre, Opfer seien zur Versöhnung Gottes notwendig. Solche masochistischen Implikationen gehören zur Begründung des Kreuzesopfers und des Opferpriestertums in der katholischen Kirche, aber sie stehen erkennbar dem Anliegen Jesu entgegen.

Spiegel: Welchen Sinn sah Jesus in seinem Tod, wenn nicht den eines Opfers?

Drewermann: Er sah in seinem Tod überhaupt keinen Sinn. Er wollte nicht sterben. Als sich die Auseinandersetzung verschärfte, wird er sich gesagt haben: Laßt sie machen, was sie wollen, sie werden nur beweisen, daß sie nichts über den Tod hinaus können. Angst läßt sich überwinden durch Vertrauen auf Gott, komme, was da wolle. So und nur so, durch sein Gottvertrauen, hat sein Sterben einen Sinn gehabt.

Spiegel: Auf das Wort Jesu, es gebe zur Ehe Unfähige um des Himmelreichs willen, führt die katholische Kirche den Zölibat, die Ehelosigkeit ihrer Priester zurück*.

Drewermann: Es ist ein schwer zu deutendes Wort, aber zur Begründung des Zölibats gibt es nichts her. Jesus hat keine Priester eingesetzt, schon gar keine ehelosen Priester.

Spiegel: Sondern?

Drewermann: Er verlangte von denen, die ihm folgten, daß sie seine Sache zu ihrer Sache machten. Es gab sicher keine Vorschriften, die seine Jünger zu einer Kaste, zu einem Orden hätten machen sollen. Jesus und seine Jünger - das war eine herrschaftsfreie, von Vertrauen geleitete Gemeinschaft. Wie wenig Jesus von Priestern hielt, steht an mehreren Stellen im Neuen Testament.

Spiegel: Ihr Buch "Kleriker" ist die schärfste, umfassendste und kenntnisreichste Kritik an der katholischen Kirche, die es in den letzten Jahrzehnten gegeben hat. Ist Ihre Kirche in einem so desolaten Zustand wie zur Zeit Luthers?

Drewermann: In gewissem Sinn ist sie in einem schlimmeren Zustand, und so, wie sie heute ist, hat Jesus sie nicht gewollt. Sie hat 450 Jahre lang versucht, Luther und die Reformation zu widerlegen, und ist dabei immer einseitiger, immer enger, immer starrer geworden. Seit dem Konzil von Trient Mitte des 16. Jahrhunderts hat sie Zuflucht genommen zu der Behauptung, ihre Bischöfe könnten objektive Wahrheiten garantieren und kraft Amtes weiterreichen durch die Jahrhunderte. Daß ich dies in Frage stelle, hat die Bischöfe gegen mich aufgebracht.

Spiegel: Weil es um den Glauben geht?

Drewermann: Nein, weil es um die Macht geht. Ich hatte ursprünglich nur dazu beitragen wollen, daß der einzelne Mensch von innen heraus seinen Glauben, sein Denken und Fühlen in Einklang bringen kann. Da gibt es ja manche Kluft, manchen Bruch. Aber es stellte sich heraus, daß ein Mensch, der mit sich selbst ins reine kommt, keine Außenleitung durch eine kirchliche Autorität mehr braucht. Sie wird überflüssig, lästig und schädlich.