B. Das Christuszeugnis der Schrift und die Einheit der Kirche

H. Graß (1969)

Der Reichtum der christologischen Aussagen im NT ist so groß, dass sie sich schwer in bestimmte Schemata fassen lassen. Bei den Würdetiteln kann man solche unterscheiden, die, wie Messias und Menschensohn, die Bedeutsamkeit für Juden und Judenchristen bezeugen, und solche, die wie Kyrios, das für den hellenistischen Bereich tun. Aber schon der Bedeutungsgehalt der jüdischen Bezeichnungen Messias und Menschensohn ist so verschieden, dass man gefragt hat, ob sie ursprünglich in derselben jüdischen Gemeinde beheimatet waren. Während Messias ursprünglich den erhofften irdischen König und Befreier Israels meint, bezeichnet Menschensohn eine apokalyptische Gestalt, die den neuen Äon bringt. Das Schema Messianologie und Kyriologie ist schon eine Vereinfachung. Dasselbe gilt von den beiden christlogischen Grundschemata: Auferstehung/Erhöhung – Parusie Christi (das von apokalyptischen Vorstellungen her entworfen ist) und Abfahrt – Auffahrt des Offenbarers (das von mythologisch-kosmologischen Vorstellungen her entworfen ist). In diesem zweiten Schema hat die Parusie keinen Platz, sondern hier gilt die Rückkehr in die Himmelswelt. An die Stelle des apokalyptischen Zeitaspektes ist hier der Raumaspekt getreten. Während dort das Reich Gottes künftig ist, ist es hier zeitlos-jenseitig (166f).

Als Beispiel für das Abfahrt-Auffahrt-Schema kann man den Christushymnus Phil 2 nennen, der mit der Entäußerung des Sohnes beginnt und mit seiner Erhöhung zum Kyrios endet, ohne seine Wiederkunft zu erwähnen. Was bedeutet es, dass das Joh-Ev, dem ebenfalls das Abfahrt-Auffahrt-Schema zugrunde liegt, den Zeitraum zwischen Inkarnation und Tod, von dem Phil 2 nur sagt: „Er ward gehorsam bis zum Tod am Kreuz“, mit einem ausführlichen Bericht über die Wirksamkeit des Erschienenen füllt? Er wanderte durch die Welt und wohnte unter uns (167).

In Kol 1,15-18 wird das Erdendasein Christi nicht erwähnt, geschweige denn ein Wohnen-unter-uns, sondern nur vom Schöpfungsmittler und vom Haupt der Kirche, also vom himmlischen Herrn, ist die Rede. Neben das formelhafte Christuszeugnis der Briefe des NTs trat das erzählende Zeugnis der Evangelien. Die Christologie des Markus unterscheidet sich erheblich von der, die hinter der sog. Logienquelle steht, in der vor allem Worte Jesu gesammelt wurden. Steht hier Jesus, der Lehrer und Prophet, im Vordergrund, so bei Markus der vom Messiasgeheimnis umwitterte Gottesmann und Wundertäter. Christologisch noch bemerkenswerter ist die Tatsache, dass in einer Zeit, in der Christus als präexistenter, ins Fleisch gekommener Gottessohn verkündigt wurde, in der man ihn als Herrn der Welt, ja als Schöpfungsmittler verehrte (1Kor 8,6; Kol 1,16f; Hebr 1,2), in den Evangelien nicht nur das Bild des irdischen Jesus herausgestellt wurde, sondern dass man dabei auf Präexistenz und Inkarnation keinen Bezug nahm, geschweige denn auf eine Schöpfungsmittlerschaft. Bei Matthäus und Lukas steht die Jungfrauengeburt anstelle der Präexistenz, bei Markus ist nicht einmal diese bezeugt. Matthäus und Lukas lassen noch Anschauungen erkennen, nach denen Jesus als Kind eines natürlichen Elternpaares aufgefasst ist. Erst bei Johannes ist Präexistenz und Menschwerdung (ohne Jungfrauengeburt) verbunden, mit einer ausführlichen Darstellung der Wirksamkeit Jesu, in der der Offenbarer sich selbst verkündet: Ich bin das Licht, das Brot, der Weg, die Wahrheit, die Auferstehung, das Leben, die Tür, der Weinstock, der gute Hirte. Den Ausgang Jesu bezeichnet Johannes als Erhöhung und Auferstehung, von seiner Wiederkunft spricht er in Andeutungen. Der zum Vater Gehende verheißt den Parakleten, den Heiligen Geist (14,16ff.26), in ihm kommt er zu den Seinen (14,3.18) (167f).

Auch vom Heilswerk Christi spricht das NT in mannigfacher Weise. Der Tod Jesu wird mit kultischen und juristischen Vorstellungen gedeutet, als Loskauf, als Stellvertretung, als Sühneopfer, Bundesopfer, Passaopfer. Das Joh-Ev sieht das Heilsgeschehen in der Offenbarung des Fleischgewordenen. Der Hebräerbrief steuert den Gedanken des Hohenpriestertums Christi bei, der sich selbst ein für allemal als allgenugsames Opfer dargebracht hat und als ewiger Hoherpriester in das himmlische Heiligtum eingegangen ist, wo er fürbittend für die Seinen eintritt. Oft verschlingen sich die Bilder und Vorstellungen (Eph 2,13-18). Im Joh-Ev treten die verschiedenen Würdetitel im 1.Kp gehäuft auf: Lamm Gottes, Messias, König von Israel, das Wort, die Offenbarung in Person (168).

Von einem einheitlichen Christuszeugnis oder einer einheitlichen Christologie kann nicht gesprochen werden. Das ist z.T. verständlich, da wir es hier nicht mit theologischer Lehre, sondern mit lebendiger Mission zu tun haben, bei der sowohl die Situationen der Verkündiger wie die der Adressaten der Verkündigung sehr unterschiedlich waren. Auf dem jüdischen Missionsfeld brachte man die Bedeutung Jesu in den Kategorien des jüdischen Messianismus und der jüdischen Apokalyptik zum Ausdruck, bezeichnete Jesus als Messias oder Menschensohn. Im hellenistischen Bereich stellte man andere Bezeichnungen, wie Herr und Sohn Gottes, in den Vordergrund, da die jüdischen Titel nicht allgemein verständlich waren. Wie einflussreich der Messianismus gewesen sein muss, kommt darin zum Ausdruck, dass der Messiastitel nicht einfach abgestoßen, sondern in einen Bestandteil des Namens Jesu (Jesus Christus) verwandelt und damit neutralisiert wurde. In der Menschensohn-Christologie ist die ursprüngliche Vorstellung vom kommenden apokalyptischen Menschensohn alsbald erweitert worden zur Vorstellung vom irdischen, leidenden und sterbenden Menschensohn. Die vom hellenistischen Christentum bevorzugten Titel des Herrn und des Sohnes Gottes wurden nur durch die Verbindung mit dem Namen und der Person Jesu Christi in seinem konkreten Schicksal davor bewahrt, dass dieser Herr und Sohn in dem Chor antiker Kyrioi und Göttersöhne verschwand bzw. zur rein mythologischen Figur wurde. Von allen Würdebezeichnungen Jesu gilt, dass nicht nur sie den Träger kennzeichnen, sondern dass auch der Träger selbst sie prägt. Pluralismus der christologischen Zeugnisse: So verschieden das ntl Zeugnis auch sein mag, es geht immer um den Menschen Jesus von Nazareth, den Christus, den Kyrios, den Gottessohn, den das Christuszeugnis und die Christologie umkreisen. Es geht um ihn und um das in ihm von Gott geschenkte Heil (170f).

Die älteste Urgemeinde wurde aus dem jüdischen Religionsverband herausgedrängt, weil sie behauptete, der von Israel erwartete Messias sei schon dagewesen und zwar sei es der wegen Religionsfrevel gekreuzigte Jesus gewesen. Das Bekenntnis zu ihm verband die Christen, wie verschieden sie auch immer seine Bedeutung auslegten. Schon damals ist es nicht ohne christologische Auseinandersetzungen abgegangen. Auf solche Auseinandersetzungen weist die pln Polemik, die das Christusverständnis nicht unberührt gelassen hat, denn um Christi willen hat Paulus die Gesetzesgerechtigkeit für Schaden gehalten (Phil 3,7ff;  Röm 10,4;  Gal 2,16.21 u.a.) (171)

Das Christuszeugnis der Schrift und das christologische Dogma

Zum Abstandnehmen vom Dogma weiß man sich durch die Erkenntnis berechtigt, dass das NT Christuszeugnis und nicht christologisches Dogma enthält, dass viele seiner christologischen Aussagen nicht dogmatischen, sondern doxologischen Charakter haben, d.h. sie wollen nicht exakt lehren über Christus, sondern seine Bedeutung bekennend und dankend preisen. Das NT spricht an ganz wenigen Stellen von der Gottheit Christi im Sinn des späteren Dogmas. Es ist aber auch nicht sinnvoll von Subordinatianismus zu reden. Das NT vergleicht nicht zwei Seinsweisen, die des Vaters und des Sohnes, miteinander, sondern es geht ihm um die Funktion Jesu Christi als des gottgesandten Offenbarers und Vollstreckers des Heilswillens Gottes. In dieser Funktion ist er ganz Gott untertan, zugleich ist er der, in dem sich Gott ganz offenbart (Joh 4,34;  14,9). Die Urchristenheit hat von verschiedenen Voraussetzungen her und aus verschiedenen Situationen heraus das Gespräch unter sich geführt, wie sie auch das Gespräch mit einer religiös sehr differenzierten Umwelt zu führen hatte (172f).

Weder das Christuszeugnis der Schrift noch die heutige Christologie sind einheitlich. Der heutige christologische Pluralismus hängt auch damit zusammen, dass keine Einigkeit darüber besteht, wo in der Schrift das entscheidende Zeugnis von Christus gehört und wie es heute weitergesagt werden soll (174f).

Das Christuszeugnis und die Einheit der Kirche: Einig ist man sich im Glauben, Bekennen und Bezeugen Jesu Christi als des von Gott gesandten und uns geschenkten Heilbringers. Dieses Glauben, Bekennen und Bezeugen liegt 'vor' aller durchgebildeten Christologie. Es gibt so etwas wie eine Koinonia, eine Gemeinschaft in Christus vor der Einheit und Einigkeit im Christusverständnis und in der Christuslehre. Sie wird am ehesten fühlbar in gemeinsamer Not. Trotz all unserer konfessionellen Verschiedenheiten werden wir von den Gegnern des christlichen Glaubens als eine Einheit gesehen (176f).

Die Einheit kann auch fühlbar werden im gemeinsamen Handeln. Paulus, der in Gal 2,11ff von seinem Zusammenstoß mit Petrus in Antiochien in der Frage der Tischgemeinschaft zwischen Judenchristen und Heidenchristen berichtet, erzählt, dass er sich mit den Säulenaposteln über die verschiedenen Missionsbereiche geeinigt habe: Wir sollen zu den Heiden, sie zu den Beschnittenen gehen (Gal 2,8f). Damit waren zwei Missionsweisen anerkannt. Den Korinthern, die sich auf Paulus, Apolls und Kephas (Petrus) wie auf Parteiführer beriefen, ruft er nicht nur zu: „Ist Christus zerteilt“? (1Kor 1,13), sondern er spricht auch vom gemeinsamen Dienst: „Ich habe gepflanzt, Apollos hat begossen, Gott aber hat das Gedeihen gegeben“ (1Kor 3,6). In Phil 1,18 spricht Paulus von solchen, die Christus nicht lauter verkündigen. Dann aber fährt er fort: „Was tut´s aber, wenn nur auf alle Weise Christus verkündet wird, sei es unter dem Vorwand oder in Wahrheit“. Das gemeinsame Wirken für Christus hat den Vorrang vor dem gemeinsamen Denken über Christus (177).

Grenzziehungen: Es wäre untragbar, wenn Christi zentrale Bedeutung bestritten würde. Als einer der Propheten ist er auch im Islam anerkannt. Jedoch gilt Mohammed als der größte und letzte Prophet. Aber auch die Zuordnung untergeordneter Nothelfer gefährdet Christi zentrale Bedeutung. Der Protestantismus hat es so in seiner Ablehnung der Heiligen- und Marienverehrung zum Ausdruck gebracht. Ebenso sah er in der Kombination des Verdienstes Christi mit unseren Verdiensten eine Schmälerung der Ehre Christi. Außerdem ist es nicht vertretbar, wenn die Stellung Christi in seinem Gegenüber zu uns aufgelöst würde, sei es im Gegenüber zum Einzelnen, so dass er nur noch Mitmensch und Bruder wäre, sei es, dass das Gegenüber Christi zur Kirche preisgegeben wird, so dass diese sich als Christus prolongatus verstehen oder mit Christus identifizieren dürfte (178).

Im Licht dieser Grenzziehungen, die negativ ausgrenzen, was der Würde und Heilsbedeutung Christi nicht entspricht, hat das Bekenntnis zu Jesus Christus als Herrn und Heiland seinen Sinn. Es ist dann nicht dogmatische Formel, sondern Hinweis auf den, in dessen Namen sich Christen in aller Welt versammeln, um das in ihm von Gott geschenkte Heil zu preisen und zu verkündigen. Sie tun das nicht einstimmig, sondern vielstimmig. Die Genfer Konferenz des Zentralausschusses hat 1966 betont: Die Kirchen sollten sich daran gewöhnen, alles gemeinsam zu tun, was sie nicht getrennt tun müssen. Über dem Streben nach Einheit steht das Streben danach, dass Gott und Christus zum Heil der Menschen verkündet und gepriesen werden (178f).