11. Die Sprache der Christusverkündigung

1. Lebendiger Glaube ist sich wandelnder Glaube
(1) Religionsinterner Pluralismus
(2) Das Christuszeugnis der Schrift und die Einheit der Kirche
(3) Die christliche Botschaft in unserer Zeit

(1) Religionsinterner Pluralismus
a. Der biblische Pluralismus: Das Nebeneinander der vier Evangelien
b. Christlich-biblische Erfahrungen
c. Der Abschied Jesu und die Zukunft der Wahrheit

K.-P. Jörns (2006³)

a. Der biblische Pluralismus: Das Nebeneinander der vier Evangelien

Der Jesus der Synoptiker vermittelt wesentliche Teile seiner Botschaft vom Vatergott und von der Königsherrschaft Gottes in Gleichnissen. In ihnen weist Jesus an zentralen Punkten der synoptischen Evangelien (Mt; Mk; Lk) von sich weg auf Gott, den Vater, auf das Reich Gottes hin. Dasselbe gilt vom Gleichnis ‚Von der Liebe des Vaters‘ (Lk 15,11ff vom verlorenen Sohn). Da finden wir das Gesicht des bedingungslos liebenden Gottes, den Jesus verkündigt und bezeugt hat, von dem er als Person deutlich unterschieden bleibt. Seine Verkündigung war streng theozentrisch. Mit den Gleichnissen begleitet er seine ungewöhnliche religiöse Praxis und Lehre (Lk 15,1ff) (107f).

Der Evangelist Johannes überliefert keine Gleichnisse Jesu, obwohl er sie gekannt haben wird und obwohl sie ein Zentrum der Verkündigung des historischen Jesus darstellen. Der im JohEv begegnende Jesus Christus ist für Johannes und seine Gemeinde selbst die Gestalt, in der die Christen Gott wahrnehmen: „Wer mich sieht, sieht den Vater“ (14,9), „ich und der Vater sind eins“ (10,30). D.h. Jesus ist in seiner Person die Selbstoffenbarung Gottes. Im Sohn und nicht nur durch ihn vermittelt, soll der Vater von den Christen verherrlicht werden (14,13). Ausdrücklich ausgesprochen wird der Glaube, dass Gott sich in Jesus Christus verkörpert, ‚inkarniert‘ hat im Prolog (1,1-14). Thomas führt das neue Credo ein: „Mein Herr und mein Gott“ (20,28). Damit sind die Weichen zu einem innerreligiösen Pluralismus im Gesamt der vier Evangelien und der zu ihnen gehörenden Gemeinden vom Gottesverständnis her gestellt. Wenn diejenigen, die Gottes Herrlichkeit sehen wollen (1,14-18), auf Jesus Christus schauen müssen, dann kann dieser nicht mehr von sich weg, sondern er muss auf sich selbst weisen. Deshalb erzählt Jesus bei Johannes keine Gleichnisse vom Himmelreich mehr, sonder er weist auf sich selbst, sagt ‚ich‘. Zentrum der Verkündigung und Selbstexplikation des john Christus sind darum die „Ich-bin-Worte“, die die Gleichnisse verdrängen. Sie sagen: Jesus selbst ist das Brot des Lebens (6,35.48), die Quelle des Lebenswassers (4,10-15), das Licht der Welt (8,12), die Tür (10,7.9), der gute Hirte (10,14), die Auferstehung und das Leben (11,25), der Weg, die Wahrheit und das Leben (14,6), der rechte Weinstock (15,1.5). Alles, was Menschen von Gott erwarten, um Leben in Zeit und Ewigkeit zu haben, finden sie nur bei ihm (14,6). Erst er, nicht der Jesus der Synoptiker, kann von sich sagen, wie der Vater „das Leben in sich selbst zu haben“ (5,26) und dass ihn zu erkennen, ewiges Leben ist (17,3) (108f).

Im JohEv ist die Schwelle zum Glauben an die Gottheit Jesu Christi überschritten. Es ist ausgeschlossen, dass sich der historische Jesus in der Christologie des JohEvs wiedererkannt hätte. Aber in ihr ist auch schon theologisch zu Ende gedacht worden, was es bedeutete, dass der getötete Jesus auferstanden und nun als der „erhöhte“ Christus bei Gott ist. Religionsgeschichtlich gesehen, wird mit der john Theologie ein neues Gottesbild neben das alte, jüdisch geprägte gestellt. Außerdem hat Johannes bereits reflektiert, wie diese neue göttliche Einheit von Vatergott uns Jesus Christus bei den Menschen präsent ist: im Geist (Joh 15,26). Diese Gedanken werden später im kirchlichen Dogma vom dreifaltigen Gott in den Gestalten von Vater, Sohn und Heiligem Geist besiegelt. Damit hat die Kirche versucht, die Gottesfrage vom Gesamt der im AT enthaltenen jüdischen („Gott, der Vater“) und im NT enthaltenen christlichen („Gott, der Sohn“) Überlieferungen her zu beantworten und dabei den im Geist gegenwärtigen Gott mit einzubeziehen. Im Dogma der Dreifaltigkeit (Trinität) spiegelt sich die Erfahrung, die Menschen über Jahrhunderte hin mit Gott gemacht haben: dass er in unterschiedlichen Gestalten wahrgenommen worden ist (109f).

Dass im christlichen Kanon vier sehr unterschiedliche Evangelien nebeneinander gestellt worden sind, lehrt, dass der christliche Glaube am Anfang noch in der Lage gewesen ist, ein großes Spektrum von Gottesvorstellungen auszuhalten. Das Christentum ist auf der Basis eines religionsinternen Pluralismus gewachsen. Dass sich das Christentum in unterschiedlichen Theologien weiterentwickelt hat, ist eine natürliche Folge aus seinem schon im Anfang begründeten Pluralismus. Dass die Christen am Nebeneinander der vier Evangelien und der beiden Teile des biblischen Kanons festhalten, bedeutet deshalb heute wie in der führen Christenheit ein ausdrückliches ‚Bekenntnis zur Pluralität‘ (110f).

b. Christlich-biblische Erfahrungen

- Weihnachts- und Tauferzählungen, oder: Wes Geistes Kind Jesus ist

Bei der ‚Jungfrauengeburt‘ (Mt, Lk) geht es nicht um ein biologisches Mirakel. Jesus hat natürliche Eltern gehabt wie wir. Joh 6,42: „Ist das nicht Jesus, der Sohn Josefs, dessen Vater und Mutter wir kennen“? Jesus hatte auch natürliche Geschwister (Mk 3,21.31-35). Hier soll ausgedrückt werden, ‚wes Geistes Kind‘ das Menschenking Jesus ist: Kind des Geistes Gottes. Der jüdische Vatergott tritt als Geist in das in Maria beginnende Leben ein. Entsprechend steht die Beziehung zwischen Gott und Menschen im Mittelpunkt der ganzen Jesus-Geschichte: Jesus ist Menschenkind und als Gottessohn – Geistkind zugleich. Das MkEv kennt keine Geburtsgeschichte Jesu, nur seine Taufe. Der Geist schwebt auf Jesus nieder und sagt: „Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen gefunden“ (Mk 1,11). Der Mensch Jesus ist die neue Wahrnehmungsgestalt Gottes. Josef erscheint im Evangelium nicht als Vater Jesu. Er wäre damit in eine Konkurrenz zum jüdischen Vatergott getreten. Man hätte immer fragen müssen, wen Jesus anredet, wenn er von seinem Vater spricht (130f).

Jesus hatte keine leiblichen Kinder. Sie hätten eine (biologistisch mißverstandene) Gotteskindschaft erblich gemacht. Jesus, das Geisteskind Gottes, hat nur Geisteskinder. Die Gotteskindschaft ‚zeugt‘ sich in der Menschheit durch den Geist fort, ist also auch Geisteskindschaft. Joh 20,19-23: „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch“. „Und nachdem er dies gesagt hatte, hauchte er sie an und sagte zu ihnen: Empfangt heiligen Geist“. Die Jünger als die neuen ‚doppelten‘ Söhne, als die menschlichen Wahrnehmungsgestalten Jesu – und durch ihn Gottes – können ihren Weg gehen. Die Beziehung zwischen Gott und Menschen ist das Entscheidende auch hier. Das Neue bei Jesus ist seine Geisteskindschaft: „Gott ist Geist“ (Joh 4,24). In dieser Formulierung ist enthalten, dass die Geistbeziehung ein Wechselverhältnis einschließt: Wie Gott den Menschen als Geist begegnet, so müssen sie ihn in Geist und Wahrheit anbeten (131f).


- Ostererzählungen: Das neue Leben muss in der Gestalt des alten wahrgenommen werden

Bei allen Evangelisten lesen wir von Begegnungen, die Frauen und Männer mit dem ‚Auferstandenen‘ hatten. Maria Magdalena hält den ‚Auferstandenen‘ für den Gärtner (Joh 20,15). Die Jünger, die sich aus Angst eingeschlossen hatten, erleben eine Gestalt, die durch die geschlossene Tür in ihren Raum eintritt (Joh 20,19). Bei Lukas 24,15f lesen wir, dass sich der ‚Auferstandene‘ auf einer Wanderung zwei Jüngern anschließt, ohne dass sie ihn von der Gestalt her erkennen. Zur Gewissheit, dem ‚Auferstandenen‘ und nicht irgendwem begegnet zu sein, kommt es erst, als der ihnen Begegnende etwas sagt oder tut, was sie aus der gemeinsamen Zeit mit ihm als unbedingt zu ihm gehörend erinnern oder was den Unbekannten dann als den Gekreuzigten ausweist: Maria Magdalena erkennt den ‚Auferstandenen‘, als der Fremde sie in vertrauter Weise mit ihrem Namen anredet (Joh 20,16). Die ängstlich Eingeschlossenen nehmen den in ihre Angst und Verlassenheit Eingedrungenen als „den Herrn“ wahr, als er ihnen seine durchbohrten Hände und die vom Lanzenstich verletzte Seite zeigt (Joh 20,20.27f). Bei Lukas erkennen die Jünger den ‚Auferstandenen‘ erst, als er das Dankgebet spricht und ihnen das Brot bricht (24,30f) (132f).

Der ‚Auferstandene‘ kommt den Jüngern als Unbekannter entgegen. Seine Leiblichkeit ist unspezifisch anthropomorph und nicht im Kreis der Jünger festzuhalten. Sie gehört zu der Welt, die er schon hinter sich hat. Sie ist nur dazu da, die noch im Leib Lebenden erfahren zu lassen, dass der Hingerichtete bei Gott lebt. Der Schleier, der über dieser Begegnung liegt, wird erst durchschaubar, als die Menschen bestimmte Eigenheiten an ihm wahrnehmen, die aus ihrer Lebensbeziehung zu Jesus stammen und die diese Beziehung wachzurufen vermögen. Erst dadurch wissen sie: „Wir haben den Herrn gesehen“ (Joh 20,25). Der ‚Auferstandene‘ lässt sich nicht in einer irdischen Gestalt verobjektivieren. Die wahrnehmnbare Erscheinung meint keine Rückkehr in das irdische Leben. Die christliche Vorstellung von der Himmelfahrt gehört ursprünglich zu Ostern hinzu (Lk 24,51). Nur der Glaube kann dokumentiert werden, nicht der ‚Auferstandene‘ selbst (133).

Die Erzählung vom leeren Grab (Mk 16,1-8) ist nicht die Voraussetzung für den Auferstehungsglauben. Die Evangelien sind literarisch ‚rückwärts‘ gewachsen. Ausgangspunkt sind die Begegnungen mit dem ‚Auferstandenen‘ gewesen. Sie sagen: Die durch den Geist bestehende Beziehung zu Jesus Christus ist durch seinen Tod nicht beendet worden, sondern bleibt bestehen. Sie ist die Basis des Evangeliums, dass der Hingerichtete und sein Leben von Gott ‚beglaubigt‘ worden sind als der Weg des Lebens. Von der geglaubten Wahrheit her, dass Jesus Christus ‚lebt‘, ist das ‚leere‘ Grab die erzählerische und literarische Konsequenz aus der Vorstellung von der Himmelfahrt Jesu Christi, aber keine physikalische Realität gewesen (134).

- Pfingserzählungen: Wie das aramäische Evangelium über Kulturgrenzen hinweg in die hellenistische Weltsprache kam

Lukas erzählt in der Apg vom Pfingstfest als Übergang des Urchristentums in die Welt des Hellenismus (Apg 2,3f). Jörns versteht die Geschichte als mythischen ‚Bericht‘ vom Übergang der anfänglich aramäisch-sprachigen galiläischen Überlieferung von Jesus Christus in die hellenistische Welt. Die Brücke dafür war die griechisch-hellenistische Weltsprache Koiné. Durch sie konnten alle einen Zugang zum Evangelium bekommen. In diese Weltsprache hinein hat der heilige Geist die Kommunikation des Evangeliums transferiert. Die kulturellen Übergänge haben erhebliche Bedeutungsverschiebungen von Begriffen und Vorstellungen mit sich gebracht. Schon die griechischen Überlieferungen sind (gemessen an den aramäischen) neue Erinnerungsgestalten Jesu (134f).

Wer mich sieht, sieht den Vater“ (Joh 14,9). Ist Jesus Christus die irdische Wahnehmungsgestalt Gottes, so sind die vom ‚Auferstandenen‘ ausgesandten und bevollmächtigten Jünger die individuelle wie kollektive Wahrnehmungsgestalt Jesu Christi auf der Erde. Aber dadurch, dass Jesus Christus in den von ihm gesandten Menschen Gestalt annimmt, und sie als „Licht der Welt“ (Mt 5,13) Gottes Gegenwart bezeugen, nimmt die Christusgegenwart bzw. die Gottesgegenwart in der Welt auf vielfältige Weise Gestalt an (Gal 4,19). Vor allem Paulus ist nicht müde geworden, die Vielheit in der Einheit der Gemeinde zu betonen. Als sog. „Heidenapostel“ hatte er seine eigenständige Linie gegenüber der Jerusalemer Urgemeinde nach heftigen Auseinandersetzungen durchgesetzt (Gal 1,11-23), weil er Jesus Christus in einer kulturell anders geprägten Welt auch anders zu bezeugen hatte (so, als wäre er selber Grieche und ohne die Tora aufgewachsen 1Kor 9,19-23). Entscheidend für die Existenz der Christen waren die Gaben, die ihnen der Geist Gottes gab (1Kor 12,11) (135).


- Die Geisteskindschaft der Christen

In Röm 8,12-17 versucht Paulus, den Briefempfängern zu vermitteln, was die neue Gottesbeziehung für sie bedeutet: „(Denn) alle, die vom Geist Gottes geführt werden, sind Kinder (Söhne) Gottes“ (8,14). Der Geist bringt die Gläubigen in die neue Geistbeziehung zu Gott. Sie verändert die Basis der Existenz: „Denn ihr habt nicht den Geist der Knechtschaft empfangen, sodass ihr euch abermals fürchten müsstet, sondern ihr habt empfangen den Geist (,der in) der Annahme an Sohnesstatt (wirkt)“. „Für die Freiheit hat uns Christus frei gemacht! Darum steht fest und lasst euch nicht wieder unter ein Joch der Knechtschaft bringen“ (Röm 5,1).

Die neue Gottesbeziehung durch Jesus Christus: „Denn ich bin überzeugt: Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, keine Gewalten, weder Höhe noch Tiefe noch irgendeine andere Kreatur wird uns trennen (können) von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus, unserem Herrn (für uns wirksam geworden ist)“ (Röm 8,38f): Gott als unbedingte Liebe (136).

- Liturgie

Eine liturgische Funktion sorgt dafür, dass Texte einen sakralen Charakter bekommen. Die Liturgie nimmt die Usprungsszene aus der geschichtlichen Zeit heraus und siedelt sie in einer mythischen Ausnahmezeit an. Die Abendmahls-Überlieferungen bei Paulus und den Synoptikern stimmen nicht überein und Johannes kennt keine Abendmahlsfeier (1Kor 11,23-25; Mk 14,22-25; Mt 26,26-29; Lk 22,14-20). In bezug auf die Mahlfeier ist die Erinnerungsgestalt der Ursprungsszene literarisch nicht mehr erreichbar (138f).


-Die Bibel als „Wort Gottes“: Wie sich verschriftlichte Erinnerungsgestalten und lebendiges Wort Gottes zueinander verhalten

Gegenüber dem gemeinsamen Ursprung der Jesus-Christus-Geschichte als dem primären Ereignis handelt es sich bei allen Literatur gewordenen christlichen Gotteszeugnissen im NT um sekundäre, d.h. verschriftlichte Erinnerungsgestalten. Die Begegnungen wirklicher Menschen mit Jesus Christus sind literarisch so wenig erreichbar wie Jesus selbst, da er nichts Schriftliches aus eigener Hand hinterlassen hat. Die Zeugnisse von Erfahrungen mit ihm und mit dem, was er gesagt hat, sind trotzdem authentische Erinnerungsgestalten, die im Prozess des ‚Hörensagens‘ entstanden sind. D.h. es gibt keine Möglichkeit, den Wortlaut bestimmter biblischer Texte in exklusiver Weise als direkte und unmittelbare, also authentische Gottesrede zu sanktionieren. Mündliche und schriftliche Tradenten können ‚nur‘ sagen, was sie von Gott verstanden haben. Kein biblischer Text ist kodifiziertes „Wort Gottes“. Wenn ich eine biblische Überlieferung lese oder höre und diese Überlieferung mich so anspricht, dass ich dadurch ‚ins Herz getroffen werde‘, dann ist in mir „Wort Gottes“ entstanden. ‚Herz‘ schließt Geist und Verstand ein und die Gewissheit, dem Absoluten begegnet zu sein (140f).

Das Christentum hat sich zur Schriftreligion verengt (142).

c. Der Abschied Jesu und die Zukunft der Wahrheit

Dogmen verbreiten den Anspruch, die ganze Wahrheit zu kennen. Die Einsicht, dass Dogmen zeitbedingte Antworten auf zeitbedingte Fragen gegeben haben und daher notwendig vorläufige Aussagen sind, passt in dieses Konzept nicht, denn es akzeptiert die geschichtlichen Bedingungen unserer Wahrnehmungen nicht. Jesus sagt den Jüngern, die von der Aussicht auf das Alleingelassenwerden deprimiert sind, er werde jetzt zu dem gehen, der ihn gesandt habe. Er wisse, dass sie traurig sind, aber er sage ihnen „die Wahrheit“. Die Wahrheit lautet: Dieser Abschied ist notwendig, „ist gut für euch...Denn wenn ich nicht fortgehe, wird der Beistand (Paraklet) nicht zu euch kommen; wenn ich aber gehe, werde ich ihn zu euch senden...Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in die ganze Wahrheit leiten...auch das Zukünftige wird er euch verkündigen“ (Joh 16,3-15). Jesus Christus nicht gehen lassen zu wollen, bedeutete, an der Nabelschnur des Lehrer-Jünger-Verhältnisses bleiben zu wollen. Indem Jesus Christus ‚geht‘, vertreibt er sie aus dem Quasi-Paradies der idealen Ursprungsszene heraus hinein ins wirkliche Leben in der nun beginnenden Zeit der Kirche (Die Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies) (186).

Der bei Joh redende Jesus Christus zerstört die irrige Annahme, die Ursprungsszene hätte uns einen unmittelbaren Zugang zur Wahrheit eröffnet, wären wir ‚dabei‘ gewesen. Die ‚ganze Wahrheit‘ stand für die Jünger Jesu während ihres gemeinsamen Weges aus, weil der Tod und die ‚Auferstehung‘ Jesu noch ausstanden und vor allem die Situation noch nicht da war, auf die Jesus nur vorausdeuten konnte: die Zeit ohne seine leibhaftige Gegenwart. Aber der „Geist der Wahrheit“, der „Tröster“, so verheißt ihnen Jesus, werde sie inmitten der notwendigen Abschiede leiten. Denn der verheißene Geist bringt neue, lebendige Offenbarung – auch über das hinaus, was Jesus in der Vergangenheit gesagt hat. Er wird die Christen „die ganze Wahrheit lehren“. Dazu gehört: Er wird auch „das Zukünftige verkündigen“ (Joh 16,13) – eine Aufgabe, die fortwährend nötig ist, weil die Wahrheit mit dem sich wandelnden Leben ihre Gestalt verändert (186f).

Lebenswahrheit, d.h. Wahrheit, die für das ganze Leben und seine Veränderungen bis in das Sterben hinein reicht, durch alle Abschiede und Neuanfänge hindurch, lässt sich in keinem Heute vorwegnehmen. Sie muss in allen Stationen von Leben erst gefunden und gelebt werden. Der „Geist der Wahrheit“ soll Menschen in der Nachfolge Jesu Christi befähigen, in der neuen Unmittelbarkeit der Gegenwart Gottes im Geist selbstständig zu leben und dadurch den Auftrag des ‚Auferstandenen‘ zu erfüllen: „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich Euch“ (Joh 20,21). Die ganze Wahrheit ist in diesem Leben nicht zu haben, denn sie schließt die ‚Auferstehung‘ ein. „An jenem Tag werdet ihr mich nichts (mehr) fragen“ (Joh 16,23). Bis dahin aber bleibt es beim Fragen nach der ganzen Wahrheit. Glaubensaussagen bleiben einerseits historischer und theologischer Kritik und andererseits der Frage nach ihrer Glaubwürdigkeit ausgesetzt (187).

                   

(2) Das Christuszeugnis der Schrift und die Einheit der Kirche

H. Graß (1969)

Der Reichtum der christologischen Aussagen im NT ist so groß, dass sie sich schwer in bestimmte Schemata fassen lassen. Bei den Würdetiteln kann man solche unterscheiden, die, wie Messias und Menschensohn, die Bedeutsamkeit für Juden und Judenchristen bezeugen, und solche, die wie Kyrios, das für den hellenistischen Bereich tun. Aber schon der Bedeutungsgehalt der jüdischen Bezeichnungen Messias und Menschensohn ist so verschieden, dass man gefragt hat, ob sie ursprünglich in derselben jüdischen Gemeinde beheimatet waren. Während Messias ursprünglich den erhofften irdischen König und Befreier Israels meint, bezeichnet Menschensohn eine apokalyptische Gestalt, die den neuen Äon bringt. Das Schema Messianologie und Kyriologie ist schon eine Vereinfachung. Dasselbe gilt von den beiden christlogischen Grundschemata: Auferstehung/Erhöhung – Parusie Christi (das von apokalyptischen Vorstellungen her entworfen ist) und Abfahrt – Auffahrt des Offenbarers (das von mythologisch-kosmologischen Vorstellungen her entworfen ist). In diesem zweiten Schema hat die Parusie keinen Platz, sondern hier gilt die Rückkehr in die Himmelswelt. An die Stelle des apokalyptischen Zeitaspektes ist hier der Raumaspekt getreten. Während dort das Reich Gottes künftig ist, ist es hier zeitlos-jenseitig (166f).

Als Beispiel für das Abfahrt-Auffahrt-Schema kann man den Christushymnus Phil 2 nennen, der mit der Entäußerung des Sohnes beginnt und mit seiner Erhöhung zum Kyrios endet, ohne seine Wiederkunft zu erwähnen. Was bedeutet es, dass das Joh-Ev, dem ebenfalls das Abfahrt-Auffahrt-Schema zugrunde liegt, den Zeitraum zwischen Inkarnation und Tod, von dem Phil 2 nur sagt: „Er ward gehorsam bis zum Tod am Kreuz“, mit einem ausführlichen Bericht über die Wirksamkeit des Erschienenen füllt? Er wanderte durch die Welt und wohnte unter uns (167).

In Kol 1,15-18 wird das Erdendasein Christi nicht erwähnt, geschweige denn ein Wohnen-unter-uns, sondern nur vom Schöpfungsmittler und vom Haupt der Kirche, also vom himmlischen Herrn, ist die Rede. Neben das formelhafte Christuszeugnis der Briefe des NTs trat das erzählende Zeugnis der Evangelien. Die Christologie des Markus unterscheidet sich erheblich von der, die hinter der sog. Logienquelle steht, in der vor allem Worte Jesu gesammelt wurden. Steht hier Jesus, der Lehrer und Prophet, im Vordergrund, so bei Markus der vom Messiasgeheimnis umwitterte Gottesmann und Wundertäter. Christologisch noch bemerkenswerter ist die Tatsache, dass in einer Zeit, in der Christus als präexistenter, ins Fleisch gekommener Gottessohn verkündigt wurde, in der man ihn als Herrn der Welt, ja als Schöpfungsmittler verehrte (1Kor 8,6; Kol 1,16f; Hebr 1,2), in den Evangelien nicht nur das Bild des irdischen Jesus herausgestellt wurde, sondern dass man dabei auf Präexistenz und Inkarnation keinen Bezug nahm, geschweige denn auf eine Schöpfungsmittlerschaft. Bei Matthäus und Lukas steht die Jungfrauengeburt anstelle der Präexistenz, bei Markus ist nicht einmal diese bezeugt. Matthäus und Lukas lassen noch Anschauungen erkennen, nach denen Jesus als Kind eines natürlichen Elternpaares aufgefasst ist. Erst bei Johannes ist Präexistenz und Menschwerdung (ohne Jungfrauengeburt) verbunden, mit einer ausführlichen Darstellung der Wirksamkeit Jesu, in der der Offenbarer sich selbst verkündet: Ich bin das Licht, das Brot, der Weg, die Wahrheit, die Auferstehung, das Leben, die Tür, der Weinstock, der gute Hirte. Den Ausgang Jesu bezeichnet Johannes als Erhöhung und Auferstehung, von seiner Wiederkunft spricht er in Andeutungen. Der zum Vater Gehende verheißt den Parakleten, den Heiligen Geist (14,16ff.26), in ihm kommt er zu den Seinen (14,3.18) (167f).

Auch vom Heilswerk Christi spricht das NT in mannigfacher Weise. Der Tod Jesu wird mit kultischen und juristischen Vorstellungen gedeutet, als Loskauf, als Stellvertretung, als Sühneopfer, Bundesopfer, Passaopfer. Das Joh-Ev sieht das Heilsgeschehen in der Offenbarung des Fleischgewordenen. Der Hebräerbrief steuert den Gedanken des Hohenpriestertums Christi bei, der sich selbst ein für allemal als allgenugsames Opfer dargebracht hat und als ewiger Hoherpriester in das himmlische Heiligtum eingegangen ist, wo er fürbittend für die Seinen eintritt. Oft verschlingen sich die Bilder und Vorstellungen (Eph 2,13-18). Im Joh-Ev treten die verschiedenen Würdetitel im 1.Kp gehäuft auf: Lamm Gottes, Messias, König von Israel, das Wort, die Offenbarung in Person (168).

Von einem einheitlichen Christuszeugnis oder einer einheitlichen Christologie kann nicht gesprochen werden. Das ist z.T. verständlich, da wir es hier nicht mit theologischer Lehre, sondern mit lebendiger Mission zu tun haben, bei der sowohl die Situationen der Verkündiger wie die der Adressaten der Verkündigung sehr unterschiedlich waren. Auf dem jüdischen Missionsfeld brachte man die Bedeutung Jesu in den Kategorien des jüdischen Messianismus und der jüdischen Apokalyptik zum Ausdruck, bezeichnete Jesus als Messias oder Menschensohn. Im hellenistischen Bereich stellte man andere Bezeichnungen, wie Herr und Sohn Gottes, in den Vordergrund, da die jüdischen Titel nicht allgemein verständlich waren. Wie einflussreich der Messianismus gewesen sein muss, kommt darin zum Ausdruck, dass der Messiastitel nicht einfach abgestoßen, sondern in einen Bestandteil des Namens Jesu (Jesus Christus) verwandelt und damit neutralisiert wurde. In der Menschensohn-Christologie ist die ursprüngliche Vorstellung vom kommenden apokalyptischen Menschensohn alsbald erweitert worden zur Vorstellung vom irdischen, leidenden und sterbenden Menschensohn. Die vom hellenistischen Christentum bevorzugten Titel des Herrn und des Sohnes Gottes wurden nur durch die Verbindung mit dem Namen und der Person Jesu Christi in seinem konkreten Schicksal davor bewahrt, dass dieser Herr und Sohn in dem Chor antiker Kyrioi und Göttersöhne verschwand bzw. zur rein mythologischen Figur wurde. Von allen Würdebezeichnungen Jesu gilt, dass nicht nur sie den Träger kennzeichnen, sondern dass auch der Träger selbst sie prägt. Pluralismus der christologischen Zeugnisse: So verschieden das ntl Zeugnis auch sein mag, es geht immer um den Menschen Jesus von Nazareth, den Christus, den Kyrios, den Gottessohn, den das Christuszeugnis und die Christologie umkreisen. Es geht um ihn und um das in ihm von Gott geschenkte Heil (170f).

Die älteste Urgemeinde wurde aus dem jüdischen Religionsverband herausgedrängt, weil sie behauptete, der von Israel erwartete Messias sei schon dagewesen und zwar sei es der wegen Religionsfrevel gekreuzigte Jesus gewesen. Das Bekenntnis zu ihm verband die Christen, wie verschieden sie auch immer seine Bedeutung auslegten. Schon damals ist es nicht ohne christologische Auseinandersetzungen abgegangen. Auf solche Auseinandersetzungen weist die pln Polemik, die das Christusverständnis nicht unberührt gelassen hat, denn um Christi willen hat Paulus die Gesetzesgerechtigkeit für Schaden gehalten (Phil 3,7ff;  Röm 10,4;  Gal 2,16.21 u.a.) (171)

Das Christuszeugnis der Schrift und das christologische Dogma

Zum Abstandnehmen vom Dogma weiß man sich durch die Erkenntnis berechtigt, dass das NT Christuszeugnis und nicht christologisches Dogma enthält, dass viele seiner christologischen Aussagen nicht dogmatischen, sondern doxologischen Charakter haben, d.h. sie wollen nicht exakt lehren über Christus, sondern seine Bedeutung bekennend und dankend preisen. Das NT spricht an ganz wenigen Stellen von der Gottheit Christi im Sinn des späteren Dogmas. Es ist aber auch nicht sinnvoll von Subordinatianismus zu reden. Das NT vergleicht nicht zwei Seinsweisen, die des Vaters und des Sohnes, miteinander, sondern es geht ihm um die Funktion Jesu Christi als des gottgesandten Offenbarers und Vollstreckers des Heilswillens Gottes. In dieser Funktion ist er ganz Gott untertan, zugleich ist er der, in dem sich Gott ganz offenbart (Joh 4,34;  14,9). Die Urchristenheit hat von verschiedenen Voraussetzungen her und aus verschiedenen Situationen heraus das Gespräch unter sich geführt, wie sie auch das Gespräch mit einer religiös sehr differenzierten Umwelt zu führen hatte (172f).

Weder das Christuszeugnis der Schrift noch die heutige Christologie sind einheitlich. Der heutige christologische Pluralismus hängt auch damit zusammen, dass keine Einigkeit darüber besteht, wo in der Schrift das entscheidende Zeugnis von Christus gehört und wie es heute weitergesagt werden soll (174f).

Das Christuszeugnis und die Einheit der Kirche: Einig ist man sich im Glauben, Bekennen und Bezeugen Jesu Christi als des von Gott gesandten und uns geschenkten Heilbringers. Dieses Glauben, Bekennen und Bezeugen liegt 'vor' aller durchgebildeten Christologie. Es gibt so etwas wie eine Koinonia, eine Gemeinschaft in Christus vor der Einheit und Einigkeit im Christusverständnis und in der Christuslehre. Sie wird am ehesten fühlbar in gemeinsamer Not. Trotz all unserer konfessionellen Verschiedenheiten werden wir von den Gegnern des christlichen Glaubens als eine Einheit gesehen (176f).

Die Einheit kann auch fühlbar werden im gemeinsamen Handeln. Paulus, der in Gal 2,11ff von seinem Zusammenstoß mit Petrus in Antiochien in der Frage der Tischgemeinschaft zwischen Judenchristen und Heidenchristen berichtet, erzählt, dass er sich mit den Säulenaposteln über die verschiedenen Missionsbereiche geeinigt habe: Wir sollen zu den Heiden, sie zu den Beschnittenen gehen (Gal 2,8f). Damit waren zwei Missionsweisen anerkannt. Den Korinthern, die sich auf Paulus, Apolls und Kephas (Petrus) wie auf Parteiführer beriefen, ruft er nicht nur zu: „Ist Christus zerteilt“? (1Kor 1,13), sondern er spricht auch vom gemeinsamen Dienst: „Ich habe gepflanzt, Apollos hat begossen, Gott aber hat das Gedeihen gegeben“ (1Kor 3,6). In Phil 1,18 spricht Paulus von solchen, die Christus nicht lauter verkündigen. Dann aber fährt er fort: „Was tut´s aber, wenn nur auf alle Weise Christus verkündet wird, sei es unter dem Vorwand oder in Wahrheit“. Das gemeinsame Wirken für Christus hat den Vorrang vor dem gemeinsamen Denken über Christus (177).

Grenzziehungen: Es wäre untragbar, wenn Christi zentrale Bedeutung bestritten würde. Als einer der Propheten ist er auch im Islam anerkannt. Jedoch gilt Mohammed als der größte und letzte Prophet. Aber auch die Zuordnung untergeordneter Nothelfer gefährdet Christi zentrale Bedeutung. Der Protestantismus hat es so in seiner Ablehnung der Heiligen- und Marienverehrung zum Ausdruck gebracht. Ebenso sah er in der Kombination des Verdienstes Christi mit unseren Verdiensten eine Schmälerung der Ehre Christi. Außerdem ist es nicht vertretbar, wenn die Stellung Christi in seinem Gegenüber zu uns aufgelöst würde, sei es im Gegenüber zum Einzelnen, so dass er nur noch Mitmensch und Bruder wäre, sei es, dass das Gegenüber Christi zur Kirche preisgegeben wird, so dass diese sich als Christus prolongatus verstehen oder mit Christus identifizieren dürfte (178).

Im Licht dieser Grenzziehungen, die negativ ausgrenzen, was der Würde und Heilsbedeutung Christi nicht entspricht, hat das Bekenntnis zu Jesus Christus als Herrn und Heiland seinen Sinn. Es ist dann nicht dogmatische Formel, sondern Hinweis auf den, in dessen Namen sich Christen in aller Welt versammeln, um das in ihm von Gott geschenkte Heil zu preisen und zu verkündigen. Sie tun das nicht einstimmig, sondern vielstimmig. Die Genfer Konferenz des Zentralausschusses hat 1966 betont: Die Kirchen sollten sich daran gewöhnen, alles gemeinsam zu tun, was sie nicht getrennt tun müssen. Über dem Streben nach Einheit steht das Streben danach, dass Gott und Christus zum Heil der Menschen verkündet und gepriesen werden (178f).

                   


(3) Die christliche Botschaft in unserer Zeit

H.Graß (1973)

a. Die Selbstbekundung Gottes in Jesus Christus

Christologien sind Interpretationen des Christusgeschehens, sie müssen überprüft werden, weil wir im NT verschiedene Interpretationen haben und weil die Christologie, die in der alten Kirche sich durchgesetzt hat, weder mit der ntl Christologie identisch ist, noch ohne weiteres als legitime Konsequenz der ntl Botschaft angesehen werden kann. Das NT ist der Überzeugung, dass dieser Jesus mit Gott zusammengehört, dass wir es hier mit Gottes Gesandtem zu tun haben. Das Urchristentum hat diese Überzeugung nicht ohne Anfechtung gewonnen. Der schmähliche Tod Jesu am Kreuz ließ seinen Anspruch als fraglich erscheinen. Die Überzeugung musste aus der Anfechtung heraus neu gewonnen werden. Nachdem das geschehen war, hat es keine Gottesvorstellung mehr vertreten, abgesehen von Jesus von Nazareth. Es hat von Jesus nicht mehr gesprochen, ohne ihn in Beziehung zu Gott zu setzen. Auch für uns gilt, dass Jesus von Nazareth unter uns nur lebendig ist, sofern er in Beziehung zu Gott gesehen wird (80f).

b. Jesus der Gottgesandte in seiner Botschaft und in seinem Verhalten

Jesus kann weder in seiner Botschaft noch in seinem Verhalten in die Kategorie eines Propheten eingeordnet werden. In dem „ich aber sage euch“ dürfte der Charakter der Verkündigung Jesu richtig wiedergegeben sein, nämlich dass sie eine Verkündigung in besonderer Vollmacht gewesen ist. In dem „ich aber sage euch“ liegt ein Anspruch, der den Anspruch jedes Rabbi und jedes Propheten überschreitet. Jesus kritisiert nicht nur die spätjüdische Frömmigkeit und Gesetzlichkeit. Zum Teil sind es atl Gebote, denen er sein „ich aber sage euch“ entgegenstellt. Damit bekundet er seine Freiheit gegenüber dem atl Gesetz. Wenn das Judentum glaubte, den Willen Gottes im Gesetz zu haben, so handelte Jesus in der Gewissheit, den Willen Gottes unmittelbar zu kennen und zu verkündigen. Auch der Schrift gegenüber bekundet Jesus seine Freiheit. Seine Verkündigung, vor allem seine Gleichnisse, tragen den Charakter schöpferischer Unmittelbarkeit. Offenbar ist er selbst es gewesen, der sich souverän über die Sabbath- und Reinheitsvorschriften des Judentums hinweggesetzt hat (Mk 2,27;  7,15). Das Judenchristentum hatte Mühe, sich zu dieser Freiheit Jesu durchzuringen oder sie wenigstens den Heidenchristen zu konzedieren (Gal 2,11ff). Bei den Sabbath- und Reinheitsvorschriften war die Thora, das mosaische Gesetz selbst betroffen. Die Art wie Jesus mit Sündern, mit Unreinen und Verfemten umging, zeigt, dass er sich an die rituellen Vorschriften seines Volkes nicht gebunden wusste in dem Bewusstsein, dass sein Verhalten dem Willen Gottes entsprach. Jesus macht in seiner Botschaft und in seinem Verhalten kund, dass Gottes Liebe den Verlorenen und Unreinen, den Zöllnern, den Sündern, den Aussätzigen gehört, dass das Reich auch ihnen offensteht. „Es wird im Himmel mehr Freude sein über einen Sünder, der Buße tut, als über 99 Gerechte, die der Buße nicht bedürfen“ (Lk 15,7;  18,14). Jesus hat die Grenze zu den Samaritanern niedergelegt (Lk 10,33;  17,16ff). Auch die Bewohner Galiläas galten als Juden minderen Ranges (83f).

Es scheint, dass bereits Jesus selbst in seinen Heilungen Zeichen des hereinbrechenden Reichs gesehen hat (Lk 11,20; Mt 12,28). Als Motiv seiner Heilungen wird man auch Barmherzigkeit und Liebe annehmen dürfen. Nicht die Naherwartung, sondern die Verkündigung des Anbruchs der Gottesherrschaft ist die Besonderheit der Botschaft Jesu. „Die Stunde ist da, von der die Verheißung der Propheten redete: Die Blinden sehen...“ (Mt 11,5; Jes 35,5). Dass Jesus in sich selbst, in seiner Botschaft und in seinem Wirken den Anbruch der Gottesherrschaft gesehen hat, lässt sich auch sonst wahrscheinlich machen (Lk 10,23f;  4,17-21; Mk 3,27; Lk 11,20). Auch das Wort von der Gottesherrschaft (Lk 17,21) spricht von Gottesherrschaft in ihrer Mitte, wie sie durch Jesus selbst existent geworden ist. Darum gilt: „Heil dem, der keinen Anstoß an mit nimmt“ (Mt 11,6) (84f).

Die Botschaft vom Reich Gottes und den Ruf zur Umkehr angesichts des Reichs Gottes hat Jesus vor allem in die Form von Gleichnissen gefaßt.

c. Gott im Geschick Jesu

In Jesu Wort und Taten wird nicht nur Gottes Wille sichtbar, sondern der Künder dieses Wortes, der Vollbringer dieser Taten repräsentiert in besonderer Weise das Kommen Gottes zu den Menschen. Erkannte man im Kreis seiner Jünger Jesus als Gottgesandten, so war sein Leiden und Sterben eine Infragestellung seiner göttlichen Sendung. Wie stark man diese Infragestellung empfand, zeigt noch die Darstellung des Sterbens Jesu, die Mk 15,34 und Mt 27,46 als Gottverlassenheit Jesu geschildert wird. Lukas hat diesen Zug getilgt, er lässt Jesus mit den Worten: „Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist“ sterben (Lk 23,46), während er bei Mk 15,35; Mt 27,50 mit einem lauten Schrei verscheidet. Die alte Bekenntnisformel 1Kor 15,3 deutet seinen Tod als Tod für unsere Sünden und bezeugt seine Auferweckung. Hebr 9,12.14 lässt Christus als Hohenpriester mit seinem eigenen Blut in das Heiligtum eingehen, er ist Opferer und Opfer zugleich (9,26.28;  10,12.14). Mk 8,31fparr und Lk 24,26 stellen das Sterben Jesu einfach unter das göttliche Muss. Das Sterben Jesu bewältigte man im Urchristentum theologisch auf verschiedene Weise (99f).

Die Auffassung von der Erhöhung Jesu findet sich Phil 2,5-11. Ebenso haben wir im Hebr nahezu ausschließlich den Gedanken der Erhöhung. Christus, der vornehmlich als Sohn Gottes und Hoherpriester bezeichnet wird, wurde nach Leiden und Sterben erhöht und ist in das himmlische Heiligtum eingegangen, wo er sich zur Rechten der Majestät gesetzt hat (Hebr 1,3;  2,9;  4,14;  5,5-10;  8,1;  9,24;  10,12f;  12,2). Hebr 13,20 wird beiläufig die Wiederbringung Jesu von den Toten erwähnt. In 1Tim 3,16 werden Kreuz und Auferweckung nicht erwähnt: „geoffenbart im Fleisch, hinaufgenommen in die Herrlichkeit“.

Die Apokalypse Johannes bezeichnet Jesus Christus als den Erstgeborenen aus den Toten (Apk 1,5.18;  2,8), sie kennt für die Endereignisse eine doppelte Auferstehung der Toten vor und nach einem tausendjährigen Zwischenreich (20,5f.12ff). Andererseits erwähnt sie in Kp 5 die Auferstehung Christi nicht, sondern beschreibt seine Erhöhung als Inthronisation des geschlachteten Lammes.

Das Johannesevangelium hat am Schluss eine Reihe von Ostergeschichten, aber in den sog. Abschiedsreden Jesu ist der Hingang zum Vater der zentrale Begriff für den Ausgang Jesu (7,33;  8,14.21ff;  13,3.33.36;  14,4f.12.28;  16,5.10.16-19,28). Außerdem spricht der john Christus mehrfach in doppeldeutiger Weise von der Erhöhung des Menschensohnes; damit ist sowohl die Erhöhung am Kreuz wie zur Herrlichkeit gemeint (3,13f;  8,28;  12,32-34). Joh 11,25: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt“. Das spezifisch Johanneische liegt mehr in den Aussagen über den Hingang zum Vater und über die Erhöhung als in den Aussagen über die Auferstehung. Wir haben neben den Ostergeschichten der Evangelien sehr unterschiedliche Aussagen in knappen Formeln (Probleme des Ostergeschehens s. 9.7) (100f).

d. Jesus Christus, der Sohn und Herr

Alle christologischen Aussagen des NTs sind Interpretationen des Christengeschehens (117).

Am Anfang steht das eine Christusgeschehen, es wurde aber von Anfang an nicht einheitlich ausgelegt. Man hatte einige Mühe, das Christusgeschehen zu verstehen und seine Verkündigung stellte immer neue Aufgaben (108).

Wenn Jesus als Menschensohn bezeichnet wird, dann gehört das in den Traditionsbereich des Judenchristentums, aber indem sowohl vom kommenden, wie vom irdischen, wie vom leidenden und auferstehenden Menschensohn die Rede ist, scheinen Entwicklungen und Sinnverschiebungen im Begriff vorzuliegen. Wenn bei Joh der Menschensohn vorkommt (3,13;  6,62) als der vom Himmel herabkommende und dorthin zurückkehrende Menschensohn, dann hat die damit verbundene Präexistenzvorstellung nicht nur Parallelen im gnostischen, sondern auch im jüdischen Menschensohngedanken. Aber gerade diese Präexistenzvorstellung ist in den synoptischen Menschensohnvorstellungen nicht aufgenommen und entwickelt worden (109).

Der Messiastitel dürfte ebenfalls im judenchristlichen Bereich anzusiedeln sein. Wahscheinlich ist es aufgrund des Petrusbekenntnisses (Mk 8,27-29) Petrus gewesen, der nach den Ostererfahrungen Jesus als Messias bekannte, so dass die Jerusalemer Gemeinde, deren Begründer und Führer Petrus war, der ursprüngliche Ort eines Messiasglaubens gewesen ist. Von vornherein musste der jüdische Messiasbegriff umgeprägt werden, um auf Jesus zu passen. Eine unverwandelte Übernahme jüdischer oder apokalyptischer Vorstellungen hat nicht stattgefunden. Man übernahm Vorstellungen, die nur z.T. passten, füllte sie von Jesus her mit neuem Gehalt, verkündigte ihn als Erfüller von Erwartungen, die so nicht vorhanden gewesen waren und beschlagnahmte gleichsam jüdisches Glaubensgut für sich. Die Verwandlung, die schon bei der Übernahme geschah, setzte sich fort, indem verschiedene Gedanken den Begriffen zugeordnet wurden. Diese wurden schließlich auch miteinander kombiniert, so dass sich die verschiedene Herkunft verwischte. Obgleich die Begriffe, Messias und Menschensohn eine gewisse Anpassungsfähigkeit gezeigt haben, konnten sie sich nicht als christologische Grundbegriffe der Kirche behaupten. Der Menschensohntitel trat zurück, verschwand schließlich. Der Messiastitel wurde zu einem Bestandteil des Namens. Jesus Christus ist für uns, wie für das gesamte Heidenchristentum Name, nicht mehr Würdetitel (109f).

Gottessohn und Kyrios: Röm 1,3f heißt es von Jesus Christus „der aus der Nachkommenschaft Davids hervorgegangen ist nach dem Fleisch, der eingesetzt ist zum Sohn Gottes voll Macht nach dem Geist der Herrlichkeit seit der Auferstehung von den Toten“. Der ursprüngliche Sinn dieses 'eingesetzt' wird heute fast durchweg adoptianisch verstanden, als Rechtsakt, nicht hellenistisch als Vergottung. Die Formel setzt ein Bekenntnis zur Messianität Jesu voraus (Davidssohn), überbietet es aber durch die Proklamation der Gottessohnschaft des Auferstandenen bzw. Erhöhten. Eine Präexistenzvorstellung liegt der ursprünglichen Formel nicht zugrunde. Das Schema ist nicht Menschwerdung (Erniedrigung) und Erhöhung, sondern irdischer Davidssohn, himmlischer Gottessohn. Die Vorstellung von der Adoption zum Gottessohn verweist in den jüdischen Vorstellungsbereich. Formeln, wie sie Gal 4,4f und Röm 8,3 begegnen, setzen bereits den Präexistenzgedanken voraus und dürften dem hellenistischen Judenchristentum zuzuschreiben sein. Der Titel Gottessohn kommt sowohl im adoptianischen Sinn, wie im metaphysischen Sinn vor (111f).

Jesus als Kyrios: Die Kyrios-Bezeichnung dürfte vom erhöhten Herrn auf den irdischen übertragen worden sein, so wie auch beim Titel Menschensohn der irdische Jesus in diese Bezeichnung einbezogen wurde. Im Bekenntnis Kyrios Jesus liegt ein Bezug auf die Vergangenheit, auf eine bestimmte geschichtliche Person. Es ist wahrscheinlich, dass der Präexistenzgedanke und derjenige des Schöpfungsmittlers ursprünglich nicht zum Motivbestand der Kyriosvorstellung gehörten. Aber sehr bald verbindet sich der Titel mit anderen Motiven, neben dem Kyrios Jesus. In Phil 2,6-11 wird das Bekenntnis zum Kyrios Jesus Christus mit seinem Weg von der Präexistenz über Menschwerdung und Tod bis zur Erhöhung und Verherrlichung verbunden. Mit der Heilsbedeutung des Todes scheint die Kyriosbezeichnung in der Abendmahlsformel verbunden gewesen zu sein (1Kor 11,23ff). Indem der Kyriostitel und der Sohnestitel sich Vorstellungen zueignen können, die ihnen ursprünglich nicht eigentümlich waren, zeigen sie bessere christologische Eignung als die Titel Menschensohn, Messias und Davidssohn (115f).

e. Das Problem des Ursprungs Jesu

Die Lehre von der Präexistenz und Menschwerdung Christi stellt die mit der Jungfrauengeburt konkurrierende Lösung des Ursprungsproblems im NT dar (122).

Der eigentliche Präexistenztheologe des NTs ist Johannes mit seinem „Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort“ (1,1). „Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was ist“ (1,3.10). Ebenso heißt es 1John 1,1f vom Wort des Lebens, das von Anfang an war, das beim Vater war und uns erschienen ist (2,13f). Das Joh-Ev trägt die präexistente Sohnschaft auch in das Selbstzeugnis Jesu ein, lässt ihn zu den Juden sprechen: „Ehe Abraham ward, bin ich“ (8,58). Erst bei Joh ist die ewige Gottessohnschaft Jesu zu einem Hauptthema der Verkündigung geworden (123f).

Hinsichtlich der Auferweckung Jesu muss an dem Ja Gottes zu diesem hingerichteten Jesus von Nazareth festgehalten werden. Hinsichtlich der Präexistenz muss an der Erwählung und Sendung Jesu durch Gott festgehalten werden. Bei den Synoptikern liegt keine Präexistenzvorstellung zugrunde, während das bei Paulus und vollends bei Johannes der Fall ist. Gemeinsam ist diesen Stellen die Sendung Jesu durch Gott. Das ist letzten Endes der Sinn der Präexistenzvorstellung. Jesu Sendung ist unüberbietbar. Er ist das endgültige Wort Gottes an uns. Jesus Christus präexistierte als Erlöser von Ewigkeit her im Ratschluss und Willen Gottes. Von Ewigkeit her hat Gott diesen Jesus von Nazareth zum Offenbarer und Vollbringer seines Heilswillens bestimmt (126f).

Die Christologie muss daran festhalten, dass Gott mit Christus war, aber sie identifiziert nicht Gott mit Christus. Wird Christus als der Gesandte Gottes verstanden unter Absehung von der realen Präexistenz, jedoch unter festhalten daran, dass Gott in ihm sein entscheidendes und endgültiges Wort, sein heilbringendes Wort gesprochen hat, dann können auch die Spekulationen über die Schöpfungsmittlerschaft Christi nicht mehr aufrechterhalten werden. Eine reale Schöpfungsmittlerschaft und präexistente Kosmokratie Christi kann nicht mehr festgehalten werden. Eine Schöpfungsmittlerschaft Christi bietet abgesehen von ihrem spekulativ-mythologischen Charakter auch zusätzliche theologische Schwierigkeiten durch die offenkundige Subordination, in der im NT der Präexistente gesehen wird (128f).

Weder die Anschauung von der Jungfrauengeburt noch die Präexistenzanschauung kann festgehalten und für dogmatisch verbindlich erklärt werden. Festzuhalten ist dagegen die Erwählung und Sendung Jesu von Nazareht durch Gott, der in ihm sein entscheidendes und endgültiges, heilbringendes Wort gesprochen hat. Diese Erwählung und Sendung kann als der Ausfluss eines ewigen, unser Heil meinenden Liebesratschlusses Gottes verstanden werden. In diesem Sinn präexistiert Jesus im Willen Gottes. Die Durchführung dieses Liebesratschlusses, als die Zeit gekommen war, ist konkrete Zuwendung Gottes zu uns in der Person, der Wirksamkeit und dem Geschick Jesu. Sie kann als Kondenszendenz, als Herablassung Gottes, wenn auch nicht mehr als Inkarnation, als Menschenwerdung Gottes, verstanden werden. In dieser Verankerung im ewigen Willen und im geschichtlichen Handeln Gottes liegt das Ursprungsproblem (129).

f. Das Problem der Gottheit Christi

Wenn man von dem mannigfaltigen und in sich differenzierten Christuszeugnis des NTs zum Christusgeschehen zurückfragt, erhebt sich die Frage, ob dieses Geschehen mit dem Prädikat der Gottheit Christi angemessen interpretiert ist. In Joh 1,1-3 wird der Logos als göttliches Wesen bezeichnet, er ist Schöpfungsmittler und Offenbarungs- und Heilsmittler. Man darf den Logos, der Gott war, nicht allenthalben in die Christologie des Joh-Evs hineinlesen, sondern muss umgekehrt den abstrakten Logosbegriff des Prologs von dem konkreten Bild, das Johannes von Christus dem menschgewordenen Wort zeichnet, her verstehen (130f).

In Röm 9,5 ist die Doxologie auf Gott, nicht auf Christus zu beziehen, der hier als höchste Gottesgabe an Israel erscheint. Doxologien beziehen sich bei Paulus gewöhnlich auf Gott (Röm 1,25;  11,36;  2Kor 11,31; Gal 1,5; Phil 4,20). Nur an zwei Stellen im NT wird Jesus unzweifelhaft als Gott bezeichnet Joh 1,1 und 20,28. Davon, dass das NT sich selbstverständlich zu Christus als Gott oder gar als Gottgleichen bekennt, kann keine Rede sein (132).

Kyrios und Gottessohn: Auch die Kyriosbezeichnung hat in der urchristlichen Tradition eine Entwicklung durchgemacht, bei der es erst im hellenistischen Christentum zu einer gottheitlichen Verehrung des Kyrios kam. Wenn auf hellenistischem Boden das Bekenntnis zum Kyrios Christos sich zugleich gegen die heidnischen Kyrioi und den Kyrios Kaisar gerichtet hat, dann ist dem Kyrios Christos damit auch noch nicht die Würde des Kyrios Jahwe des ATs zugestanden. Der Herr Christus wird Gott dem Herrn nicht gleichgeordnet oder gar mit ihm identifiziert, sondern er bleibt Gott untergeordnet. Die Mächte (Phil 2,6ff), die die Kniee beugen und das Kyrios Jesus Christos bekennen, tun es zur Ehre Gottes des Vaters. In 1Kor 15,27f sagt Paulus, dass Christus, dem Gott alles unterworfen hat, sich selbst Gott unterwerfen wird, damit Gott alles in allem sei. Hier wird nicht nur das Herrsein Christi durch das alleinige Herrsein Gottes am Ende begrenzt, sondern das Herrsein Christi ist offenbar auch abhängig gedacht von Gott, der ihm die Herrschaft verschafft, ihm alles unterworfen hat und unterwirft. Der Kyrios Christos ist gleichsam der Statthalter Gottes, er bleibt ihm stets unterstellt. Dieser Stellung entspricht es, wenn Paulus 1Kor 11,3 Gott als das Haupt Christi bezeichnet, so wie der Mann das Haupt der Frau ist und Christus das Haupt des Mannes. 1Kor 3,22f: „Alles ist euer, ihr aber seid Christi, Christus aber ist Gottes“ (132).

Die Bezeichnung Sohn Gottes wurde ursprünglich, d.h. in der judenchristlichen Gemeinde adoptianisch und funktional verstanden. In der hellenistischen Gemeinde wird sie zur Wesensbezeichnung. Aber auch hier wird der Sohn Gottes vom Vater nicht nur personell, sondern auch dem Rang nach unterschieden (Joh 4,34;  5,19.30 u.a.). In den christologischen Aussagen des NTs ging es in erster Linie um die Funktion Christi. Er soll als der Offenbarer Gottes gekennzeichnet werden, als der, in dem Gott begegnet, in dem Gottes Heilshandeln geschieht (133).

Das Heilsgeschehen ist etwas, was sich einst vollzogen hat, als Gott diesen Jesus von Nazareth sandte und sein Werk in ihm und durch ihn vollbrachte, in das wir durch Wort und Glauben hineingezogen werden. In dieser Funktion im Dienst Gottes hat Christus teil an dem göttlichen Charakter des Offenbarungshandelns Gottes. Er ist der Offenbarer Gottes, in ihm offenbart sich Gott, er ist die Offenbarung Gottes. Als Gottgesandter und Offenbarer Gottes vollzieht er aktiv und passiv, in seinem Wirken und Schicksal, den Willen dessen, der ihn gesandt hat. In dieser Erfüllung des Willens Gottes liegt das, was man traditionell als die Sündlosigkeit Jesu bezeichnet hat. In der Ausübung seiner Funktion entspricht er dem Willen Gottes. Das Ja Gottes, das in der Auferweckung/Erhöhung geschieht, ist ein bestätigendes Ja für den, der seinen Auftrag erfüllte. Als der, in dem und durch den Gott zu unserem Heil handelt, ist er eins mit dem Vater. Der Vater hat sein offenbarendes und rettendes Handeln mit seinem Wirken und Schicksal identifiziert, so dass in diesem Sinn gilt: Wer micht sieht, der sieht den Vater. Es handelt sich zwischen Gott und Christus um eine Identität der Aktionen, nicht um die Wesenseinheit oder Wesensgleichheit zweier Personen.Ich und der Vater sind eins“ heißt nichts anderes als: 'ich tue den Willen dessen, der mich gesandt hat und vollbringe sein Werk' (135f).

Anbetung Christi: Das Gebet im NT wird häufiger an Gott selbst gerichtet durch Jesus Christus als an Christus selbst. An Gott richtet Paulus seinen Dank durch Jesus Christus für den Glaubensstand der römischen Gemeinde (Röm 1,8). Die Christen sollen alles im Namen des Herrn Jesus tun und Gott dem Vater durch ihn danken (Kol 3,17). In Christus sind alle Verheißungen Gottes Ja und Amen, Gott zur Ehre durch uns (2Kor 1,20). Eph 5,20: „Sagt allezeit Gott dem Vater Dank für alles im Namen unseres Herrn Jesu Christi“. Vor dem Vater gilt es die Kniee zu beugen (Ph 3,14), ihm gebührt die Ehre in der Gemeinde und in Jesus Christus (3,21). Auch im Joh-Ev ist das eigentliche christliche Gebet das, das sich an Gott im Namen Jesu Christi richtet (Joh 14,13;  15,16;  16,23ff). Dem Gebet im Namen Jesu wird zwar eine besondere Wirksamkeit zugeschrieben, aber gerichtet ist das Gebet an den Vater. Das NT ist der Meinung, dass die Anbetung Gott dem Vater gebührt. Sie soll allerdings durch Christus, im Namen Christi geschehen. Dadurch wird zum Ausdruck gebracht, dass der Zugang zu Gott durch Christus eröffnet ist und dass man Kraft der in Christus geschenkten Gnade Gottes getrost und voller Zuversicht Gott bitten darf. Phil 2,10f: „im Namen Jesu sollen sich alle Kniee beugen (…) und jede Zunge bekennen, dass Jesus Christus der Herr ist zur Ehre Gottes des Vaters“. Das Hauptgebet der Christenheit, das Vaterunser, ist allein an Gott den Vater gerichtet (136f).

g. Die Herrschaft des erhöhten Herrn

Jesus, der in einzigartiger Weise der Auserwählte und Gesandte Gottes zur Durchführung seines Heilswillens war, ist auch im Tode von Gott nicht verlassen worden. Gott hat sich zu ihm bekannt. Das war der Sinn der Auferweckung/Erhöhung Christi. Die Erhöhung bezeichnet einen Hingang zum Vater und ein Sein bei Gott (138).

Das Zeugnis vom gegenwärtigen lebendigen Herrn vollzieht sich in der immer erneuten Vergegenwärtigung der geschichtlichen Gestalt Jesu. Es ist der Herr, den wir als Jesus von Nazareth kennen. Die eigentliche Wirkunsgweise des erhöhten Herrn geschieht in der Botschaft des Evangeliums und in der durch diese Botschaft gesammelten Gemeinde (140).

Jesus hat ein Sein für sich beim Vater. Das wird mit den mythologischen Ausdrücken: 'Sitzend zur Rechten Gottes, sitzend auf dem himmlischen Thron' angezeigt, ohne dass solche Ausdrücke dogmatisiert werden können. Wir sind an seine Vergegenwärtigung in seinem Wort und seinen Wirkungen gewiesen (142).

Der Herrschaftsbereich des erhöhten Herrn: Paulus kann von seiner Verkündigung sagen, dass sie nichts anderes habe bringen wollen als Christus den Gekreuzigten, der den Weisen und Mächtigen weithin verborgen, den Törichten und Schwachen dagegen eher offenbar ist (1Kor 1,17-22). So ist auch im NT Christi Herrschaft eine tief verborgene Herrschaft, es geht um das regnum gratiae. D.h. die Herrschaft Christi geschieht durch die Botschaft des Evangeliums, durch die er bei denen, die an ihn glauben, das Reich der Gnade baut inmitten dieser Welt, mit der er sie sendet in die Welt als Glaubensboten und Boten dienender Liebe. Gottes Reich dagegen ist ein regnum potentiae. Die ganze Schöpfung ist in seiner Hand und wird von ihm regiert. Dieses regnum potentiae, das Gott auf diese Weise als Herr der Welt übt, gehört nicht zur Funktion Christi. Jesus ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist, die Mühseligen und Beladenen zu sich zu ziehen, um sie zu erquicken (Lk 19,10; Mt 11,28) (144f).

h. Versöhnung und Gemeinschaft mit Gott durch die Sendung Christi (Das Werk Christi)

Mit der Konzentration des Herrseins Christi auf das regnum gratiae haben wir uns freigemacht von metaphysischen Spekulationen über eine himmlische Seinsweis Christi sowohl vor wie nach bzw. hinter und abgesehen von dem Offenbarungsgeschehen. Dieses vollzieht sich in der geschichtlichen Wirksamkeit und dem Geschick Jesu und nimmt nach seinem Hingang zum Vater in der Christusverkündigung seinen Fortgang. Im NT haben wir eine Fülle von Vorstellungen und Begriffen mit denen das Werk Christi umschrieben wird, die teils aus der jüdischen teils aus der heidnischen Umwelt stammen. In der Urgemeinde scheint die Erlösungsvorstellung darin bestanden zu haben, dass man sich als Glied der eschatologischen Gemeinde wusste, die durch das alsbaldige Kommen des Menschensohnes bzw. des Messias der Errettung teilhaftig wird. Aber schon frühzeitig findet sich daneben der Gedanke, dass Christus für unsere Sünden gestorben ist (1Kor 15,3). Damit ist die Erlösung aus der Zukunft in die Gegenwart gerückt. Das Wort vom Lösegeld (Mk 10,45; Mt 20,28) fügt der heilsmäßigen Deutung des Todes eine neue Note hinzu. In der synoptischen Tradition kann der Tod Jesu auch einfach unter dem Gesichtspunkt der göttlichen Notwendigkeit oder der Schriftgemäßheit gesehen werden, ohne dass dabei eine Heilsbedeutung expliziert wird (Mk 8,31parr; Lk 24,25ff). Die Breite der Darstellung der Passion Jesu in den Evangelien steht in einer Spannung zu einer nur ganz spärlichen soteriologischen Deutung dieser Passion (146f).

Für Paulus konzentriert sich das Werk Christi in seinem Tod, ohne sich darauf zu beschränken. Der Sinn des Todes wird mit Begriffen ausgedrückt, die aus verschiedenen Anschauungskreisen stammen. Aus der jüdischen Kultustradition stammt der Gedanke des Sühnopfers (Röm 3,25). Der Stellvertretungsgedanke bekommt eine besondere Wendung, wenn es Gal 3,13 heißt, dass Christus uns von dem Fluch des Gesetzes losgekauft habe, indem er für uns am Kreuz zum Fluch wurde. Von einer einheitlichen durchgebildeten und durchreflektierten Versöhnungs- oder Erlösungslehre kann bei Paulus keine Rede sein, zumal die Bilder und Vorstellungen sich auch miteinander verschlingen. Paulus versucht mit einer Fülle von Begriffen und Vorstellungen das Geheimnis der Erlösung oder Versöhnung zu umschreiben (147f).

Der Hebräerbrief: Der traditionelle Sühnopfergedanke ist dadurch abgewandelt, dass Christus dieses Opfer nicht nur selbst gebracht hat, sondern als der Hohepriester mit seinem Opfer im Himmel vor Gott steht. Neben dem Selbstopfer am Kreuz, bei dem sein Blut als Blut des neuen Bundes eine Rolle spielt, liegt auf dem Eingang in den Himmel, durch den er den Seinen den Zugang zum Vater eröffnet hat und auf dem Eintreten für die Seinen beim Vater der entscheidende Ton. Weiter ist kennzeichnend für den Hebr, dass er sich nicht mit dem Opferakt am Kreuz begnügt, sondern den Leidensgehorsam stark hervorhebt (5,7-9), wie er auch das uns Gleichsein und die Versuchung unterstrichen hat (2,17f;  4,15). Auch dieses Verhalten Jesu in seiner Niedrigkeit scheint als ein Beitrag zur Erlösung verstanden zu sein (149).

Im Johannesevangelium erscheint der gemeinchristliche Gedanke vom sühnenden und stellvertretenden Tod Jesu nur am Rande. In Joh 1,29.36 wird Jesus als das Lamm Gottes bezeichnet, das der Welt Sünde hinwegnimmt. 11,50-52;  18,14 ist beiläufig davon die Rede, dass Jesus für das Volk bzw. für die Völker stirbt. Das eigentliche Heilsereignis ist für Johannes nicht Tod und Auferstehung, sondern die Inkarnation, das Kommen des Gottessohnes in das Fleisch und die Erhöhung, d.h. der dem Kommen des Erlösers korrespondierende Hingang zum Vater (1,12-18;  3,13-17;  13,3;  16,28). Die Offenbarung vollzieht sich in der menschlichen Geschichte Jesu im Ganzen seines Wirkens, das im Tod seine Vollendung findet. Dabei wird nicht die Niedrigkeit, sondern die Hoheit des irdischen Jesus zum Ausdruck gebracht. In seinen Reden zeigt sich diese Hoheit vor allem in den Ich-bin-Worten (6,35;  8,12;  10,7.11;  14,6;  15;1). Er redet nicht nur die Wahrheit, verkündigt das Leben, sondern er selbst ist die Wahrheit und das Leben, das Licht der Welt, die durch Finsternis, Lüge und Tod bestimmt ist. Teilhaftig wird man des Heils indem man ihn erkennt, d.h. indem man an ihn glaubt und in ihm den Vater erkennt (6,35;  10,9;  14,6f;  17,3). Wer nicht an ihn glaubt, der ist schon gerichtet (3,18;  5,24). Durch seinen Hingang zum Vater eröffnet er den Seinen den Weg zum ewigen Leben (14,2f;  17,24;  12,32). Christi Werk besteht in seinem Kommen, Wirken und Gehen gemäß der Sendung und dem Willen des Vaters (4,34;  5,36;  10,25.37f;  14,9ff;  17,1-8) (149f).

Lukas sagt, dass Jesus das Heil ist und dass in seiner Wirksamkeit das Heil geschieht. Dem Tod Jesu wird keine Heilsbedeutung zugeschrieben. Nur ganz beiläufig wird Apg 20,28 darauf angespielt, dass der Herr seine Gemeinde durch sein Blut erworben hat. Mit der Auferstehung beginnt die von Gottes Geist gelenkte Geschichte der Kirche, die das Heil vermittelt, während die Eschatologie stark zurücktritt (150).

Zusammenfassung: Die Übersicht über die ntl Anschauungen vom Werk Christi hat deutlich gemacht, welche Fülle von Vorstellungen, Bildern und Motiven gebraucht worden sind, um dieses Werk zu umschreiben und zu verdeutlichen. Aus diesem Grund ist es nicht möglich von der ntl Versöhnungs- oder Erlösungslehre zu sprechen und für sie dogmatische Verbindlichkeit zu beanspruchen. Es handelt sich um unterschiedliche Konzeptionen, die in Spannung zueinander stehen. Hinzu kommt, dass die Veranschaulichungen, deren sich das NT bedient, zum guten Teil ihre Anschaulichkeit für uns eingebüßt haben und dass das mythologische Material, in das die Aussagen über das Heilsgeschehen eingebettet sind, für uns problematisch geworden ist. Im starken Maß unanschaulich geworden sind für uns die der Sphäre des Kultus angehörigen Vorstellungen und Bilder. Für den antiken Menschen war der Opferkult noch eine lebendige Realität. Durch das Blut des Opfers wird Sünde gesühnt. Uns liegt nicht nur dieser Gedanke fern, sondern wir nehmen auch Anstoß an der dinglichen Gestalt des Opfers. Die kultischen Bilder und Vorstellungen können nur in sehr bedingten Maß in einer theologischen Lehre vom Werk Christi Verwendung finden. Das ist nicht zuletzt auch eine Folge des Kommens Christi selbst, durch das die ganze Welt des Opferkults überwunden worden ist (Hebr 9,11f;  10,1.11ff) (150f).

Die john Anschauung: Mit dem Kommen des Gottgesandten in das Fleisch, d.h. in unser Menschsein, geschieht die Erlösung. Damit ist ein entscheidendes Grundanliegen der Soteriologie zum Ausdruck gebracht. Christus ist von Gott gesandt zu unserem Heil. Er selbst ist unser Heil. Das Heil wird nicht an ein einzelnes Geschehnis oder Widerfahrnis im Leben Christi gebunden. Sein Leiden und sein Kreuz gehören mit zu dem Offenbarungsgeschehen, bildet aber nicht das Zentrum. Die Sühnopfervorstellung tritt ganz zurück. Christus selbst ist in seinem Reden und Wirken der Offenbarer Gottes, an dem sich die Entscheidung für oder gegen Gott vollzieht. Wie das Kreuz so ist auch die Auferstehung nicht als ein besonderes Heilsfaktum hervorgehoben. Dem Kommen des Erlösers entspricht sein Hingang zum Vater; dieser ist verbunden mit der Sendung des Parakleten, des heiligen Geistes (14,26;  15,26;  16,7), der sein Werk fortführen wird. Die Grundkonzeption von dem von Gott uns zum Heil gesandten Offenbarer ist unmythologischer und weniger zeitbedingt, als die am Opferkult oder am Mysterienkult orientierten Vorstellungen (152f).

Die Gedanken von Schuld und Sühne sind heute nicht mehr der selbstverständliche Einstieg beim Verständnis des Werkes Christi. Die Frage nach Sünde und Gnade ist heute den meisten Menschen nicht unmittelbar zugänglich. Wie das Christusgeschehen im NT verschiedene Auslegungen erlaubte und erfuhr, so muss es auch möglich sein, an die Auslegung anzuknüpfen, die uns den Zugang am besten eröffnet. Dafür bietet sich am ehesten der johanneische Typus an, für den nicht das Opfer Christi am Kreuz, sondern das Kommen Christi in die Welt, ins Fleisch, in sein Eigentum (Joh 1,9.12-14) das entscheidende Heilsereignis ist. Indem Gott sich in der Sendung Christi der ihm entfremdeten Menschen annimmt, geschieht Versöhnung. Diese vollzieht sich in dieser Sendung und mit dieser Sendung selbst. Das versöhnende Handeln Gottes liegt nicht bloß in dem Faktum der Sendung, sondern es vollzieht sich in dem, was in dieser Sendung beschlossen ist, im Wirken und Handeln, im Leiden und Sterben des Gottgesandten. Auch dass Gott sich im Tod Christi zu seinem Gesandten bekannt hat, gehört dazu. Das versöhnende Handeln Gottes vollzieht sich in ihm, in der Totalität seines Seins. Joh 14,6: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben, niemand kommt zum Vater, denn durch mich“ (161).

Indem Gott die Verwerfung seines Gesandten in das versöhnende Geschehen hineinnimmt, bekundet er, dass er sich in seiner Versöhnungsabsicht auch durch dieses Verhalten der Menschen nicht beirren lässt. Er ist und bleibt dennoch der Gnädige und Barmherzige. Im Geschick Christi ist Gottes Barmherzigkeit noch nicht an ihr Ende gekommen, sondern erweist sich gerade in ihrer ganzen Tiefe. Er erduldet wie Christus den Widerspruch der Sünder (Hebr 12,3) und umfasst sie dennoch mit seiner Liebe. Er gibt seinen Gesandten in den Tod und lässt auch in diesem Tod Heil widerfahren. Um der Versöhnung willen sendet er nicht nur, sondern opferte auch seinen Sohn und dieser opfert sich, damit die in seiner Sendung geschehende Versöhnung Bestand habe. Gott tötet und macht lebendig, er führt in die Tiefe und wieder herauf, er gibt Jesus der Gottverlassenheit preis und verlässt ihn dennoch nicht. Auch wenn wir nicht festhalten, dass wir auf Grund des am Kreuz erworbenen Verdienstes Christi gerechtfertigt werden, so offenbart sich im Kreuz Christi doch derselbe Gott, der in die Tiefe führt und wieder heraus, der so auch in der Rechtfertigung an uns handelt. Das Kreuz Christi war der Christenheit von vornherein vorgegeben und sie hat sich von Anfang an um seine Sinngebung bemüht. Diese Sinngebungen sind mannigfaltig. Nicht alle sind heute mehr nachvollziehbar (166).