1.3 Gibt es eine neutestamentliche Begründung der Taufe?

W. Marxsen (1968)

Es geht um die Begründung des heute in der Kirche geübten Brauchs der Taufe mit Hilfe des NT. Ist das möglich (226)?

Wenn dies möglich ist, müsste es immer möglich sein. Jak 5,14 steht: “Ist jemand unter euch krank, der rufe die Ältesten der Gemeinde, dass sie über ihm beten und ihn mit Öl salben im Namen des Herrn“. Gebet und Ölung werden dann den Kranken gesund machen. Die Krankenölung hat eine ntl Begründung. Wenn man die Krankenölung nicht einführen will, müsste man folgende Konsequenz ziehen: Ein in der Urchristenheit geübter und im NT bezeugter Brauch ist keine ausreichende Begründung dafür, dass wir heute den Brauch übernehmen müssen. D.h. dass man in der Urchristenheit getauft hat und dass diese Taufe im NT bezeugt wird, ist noch kein hinreichender Grund dafür, dass wir heute die Taufe üben (227f).

Ein Einwand gegen die Krankenölung lautet: Das steht nur im Jakobusbrief, das ist nur einmal bezeugt. Kann hier die Zahl entscheiden? Ein anderer Einwand lautet: Die Krankenölung ist kein Sakrament. Ein Sakrament kann nur eine von Jesus eingesetzte Handlung sein. Da wäre auf Joh 13,14 hinzuweisen. Nach der Fußwaschung sagt Jesus: “Wenn nun ich, euer Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, so sollt ihr euch auch untereinander die Füße waschen. Ein Beispiel habe ich euch gegeben, dass ihr tut, wie ich euch getan habe“. Hier haben wir nach dem Wortlaut des Textes nicht nur einen von Jesus selbst eingesetzten Brauch, sondern darüber hinaus einen Wiederholungsbefehl. Sollte man nicht den Brauch der Fußwaschung bei uns einführen? Ist in diesem Fall die Mitteilung der Liebe Jesu nicht die Gabe? Wer bestimmt, was ein Sakrament ist? Im NT kommt der Begriff nicht vor, jedenfalls nicht in dem von uns gemeinten Sinne. D.h. es findet keine Prüfung, keine Orientierung am NT statt, sondern hier schiebt sich eine dogmatische Auffassung in die Prüfung hinein. Das NT ist nur dann und nur soweit Norm für einen solchen Brauch, wie die dogmatischen Voraussetzungen über das Sakrament erfüllt sind. Nicht das NT wird gefragt, sondern zuerst legt man den Begriff des Sakramentes fest. Wenn man den Begriff definiert hat, dann benutzt man diesen Begriff gleichsam als Sieb. Nur das aus dem NT, was durch dieses Sieb hindurchgeht, soll verbindlich sein. Das ist keine ntl Begründung. Diese Verlegenheit ist uns wegen der Einseitigkeit unserer Blickrichtung nicht bewusst geworden. Wir sind nicht vom NT ausgegangen, sondern wir haben gezielt nach rückwärts ins NT hinein gefragt (228f).

Im Zusammenhang mit Taufaussagen begegnen eine Fülle von Motiven: Reinigung von Sünden, Versiegelung auf den Namen Jesu Christi, Geistverleihung, Anteilgabe an Tod und Auferstehung Jesu, Eingliederung in den Leib Christi als Initiationsritus; daneben aber auch die Trennung der Geistverleihung von der Taufe (die dann nur Sündenvergebung gewährt), während der Geist anschließend durch Handauflegung vermittelt wird; vor allem ist das Verhältnis von Taufe und Glaube unausgeglichen (230).

Wenn an einer Stelle der Glaube Voraussetzung für die Taufe ist, dann bleibt die Frage, ob das für uns heute begründend ist. Denn es gibt andere Stellen, die davon nichts sagen. Wenn die Taufe Glauben voraussetzt, wird man kleine Kinder wohl kaum taufen dürfen. Wenn Taufe aber Eingliederung in den Leib Christi ist, dann ist nicht einzusehen, warum man kleine Kinder nicht taufen soll (230).

Eine ntl Tauflehre gibt es nicht, (1) weil die Aussagen über die Taufe sich nicht harmonisieren lassen und (2) weil nicht alle Schriften von der Taufe reden. Man kann nicht unterstellen, dass die Schriften, die von der Taufe schweigen, dieselbe Taufauffassung anerkennen, die man anderswo findet. D.h. man müsste annehmen, dass Paulus über die Krankenölung immer und an allen Stellen genauso gedacht hat wie Jakobus (230).

Die beiden Richtungen (Frage zurück und die begründende Richtung von früher auf uns her) gibt es auch schon im NT. Schon damals gab es eine Frage nach der Taufe, denn Fragen setzen voraus, dass es Unklarheiten gab. Wenn es die beiden Richtungen schon im NT gab, dann gleicht die inner-ntl Situation in gewisser Weise unserer Situation. Dann gab es einen Brauch, der geübt wurde, nach dessen Begründung man noch immer fragte (230f).

In Röm 6,3f wird gesagt, dass die Christen mit Christus in der Taufe gestorben sind – freilich nicht, dass sie auferstanden sind (die Auferstehung bleibt hier futurisch), aber dass sie, gleich wie Christus auferstanden ist, in einem neuen Leben wandeln sollen. Dieses Motiv kehrt Kol 2,12 verändert wieder: “Mit ihm wurdet ihr begraben durch die Taufe und mit ihm seid ihr auch auferstanden durch den Glauben...“ (232).

1Ptr 3,21: “Was jenen widerfahren ist, die z.Zt. des Noah lebten, das geschieht nun in der Taufe zu eurer Rettung. Denn in der Taufe wird nicht die Unreinigkeit am Fleisch abgetan, sondern wir bitten Gott, dass er uns ein gutes Gewissen schenke, durch die Auferstehung Jesu Christi“. Hier wird die Taufe ausgelegt mit Hilfe einer Vorstellung, die ursprünglich mit der geistlichen Beschneidung zusammenhing, wobei gerade der Gegensatz leibliche Beschneidung/geistliche Beschneidung insofern durchgehalten ist, als die Taufe nicht die Unreinigkeit des Fleisches abtut, sondern Bitte um ein reines Gewissen ist. Motive, die zunächst noch gar nicht mit der Taufe zusammenhängen, werden mit der Zeit auf die Taufe bezogen und dienen dazu, zu sagen, was die Taufe bedeutet. Bezeichnend ist, dass im Laufe der Geschichte der Taufe innerhalb des NT ein Ausbau der mit der Taufe verbundenen Motive erfolgte, eine Entwicklung der Taufvorstellungen. Was nicht zu vereinbaren ist (z.B. die Taufe gleicht der Auferstehung und die Taufe ist die Auferstehung), das stammt aus einer geschichtlichen Entwicklung (232f).

Paulus sagt den Gemeinden nicht: Wenn ihr tauft, dann geschieht das und das; oder: euer Taufen sollt ihr so und so regeln. Wenn Paulus von der Taufe redet, dann spricht er die Christen auf ihr Getauftsein hin an. Die geschehene Taufe, die in der Vergangenheit liegt, ist der Anknüpfungspunkt für die Taufaussage des Paulus. Die Taufe ist (im Unterschied zum Abendmahl) einmalig. Der Brauch war z.Zt. des Paulus unumstritten. Paulus hatte nicht die Absicht, den Gemeinden Anweisungen für ihr Taufen zu geben. Es kommt ihm vielmehr darauf an, den Gemeinden (den getauften Christen) zu sagen, wie sie ihre eigene, geschehene Taufe zu verstehen haben. Die Taufe wird bei Paulus nie zum eigentlichen Thema. Wenn wir fragen, wie sollen wir das Taufen ordnen, können wir aus den Briefen des Paulus keine Tauflehre erheben (233f).

In Röm 6,1ff ist nicht die Taufe das Thema sondern die Ethik. Paulus will den Römern zeigen, dass es trotz der geschenkten Gnade auf das neue Leben ankommt. Um das zu zeigen, benutzt er die an den Römern vollzogene Taufe. Er will sie zu einem besseren Verständnis ihrer geschehenen Taufe anleiten, indem er den Taufvorgang (Eintauchen und Herauskommen aus dem Wasser) benutzt, um die Notwendigkeit des neuen Wandels zu begründen (234).

In 1Kor 10,1ff bringt Paulus den Vergleich mit Israel. Die Väter waren unter der Wolke; sie sind alle durch das Meer gegangen, sie sind alle auf Mose getauft mit der Wolke und mit dem Meer; sie haben alle den gleichen geistlichen Trank getrunken. Es geht hier um Ethik! Die Isrealiten hatten so etwas wie Sakramente, sie verließen sich darauf, sie handelten aber nicht nach Gottes Willen, darum strafte Gott sie. In Korinth gibt es Leute, die sich auf die Taufe (und Abendmahl) verlassen und dabei dem Libertinismus verfallen. Paulus sagt ihnen: Wenn ihr eure geschehene Taufe so versteht, dass ihr eine Sicherheit habt, dann täuscht ihr euch ebenso, wie sich die Väter getäuscht haben. Es geht darum, einem Missverständnis zu begegnen, zu dem die geschehene Taufe geführt hatte: Man hatte Sicherheit und war nun dem christlichen Leben gegenüber gleichgültig. Weil die Korinther das mit der Taufe begründeten, bringt Paulus in einem Beispiel die Geschichte mit den Vätern (235).

In Korinth gab es Spaltungen in der Gemeinde (1Kor 12,12f): “Denn wie der Leib einer ist und doch viele Glieder hat, alle Glieder des Leibes aber, obwohl sie viele sind, doch ein Leib sind: so auch Christus. Denn wir sind durch einen Geist alle zu einem Leib getauft, wir seien Juden oder Griechen, Unfreie oder Freie...“. Das Thema ist hier nicht die Taufe, sondern die Einheit der Kirche, die in Korinth in Gefahr ist durch die Spaltung. Um diese Einheit zu begründen, bediente sich Paulus unter anderem der geschehenen einen Taufe. Auch in 1Kor 1,11f weist Paulus angesichts der Spaltung auf die Taufe hin und führt von dort aus die Spaltungen ad absurdum. Die Taufe kann in vielerlei Richtung benutzt werden. Die Leser erhalten keinen Taufunterricht auf die Taufe hin, sondern die Taufe wird benutzt, um mit ihrer Hilfe christliche Existenz auszulegen (235f).

Keine Stelle eines Paulusbriefes begründet, was man heute über die Taufe sagen kann. Gal 3,26: “Denn ihr seid alle Gottes Kinder durch den Glauben (ihr seid es) in Christus Jesus“. Der Glaube (nicht die Beschneidung) hat euch zu Gottes Kindern gemacht. Der Glaube hat etwas bewirkt. “Ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen“ (Gal 3,27). Der Glaube kommt nach Paulus aus der Verkündigung (Röm 10,17). Paulus spricht zu Menschen (hier den Galatern), die Christen geworden sind, die nun als Christen leben sollen. Nichts gibt das Recht zu der Behauptung, dass Paulus die Taufe als d e n entscheidenden Ort oder als d e n entscheidenden Zeitpunkt des Christ-Werdens verstanden hat. Von einer Heilsnotwendigkeit der Taufe kann bei Paulus nicht gesprochen werden. Paulus hat die Spannung von Wort und Sakrament nicht empfunden und deshalb auch nicht das Problem angefasst (237f).

Die Versuche, von späteren Texten aus an den Ursprung der Taufe heranzukommen, zeigen, dass man sich auf sehr unsichere Hypothesen einlassen muss. Das meiste bleibt dunkel. Sicher kann man nur sagen, dass Jesus nicht getauft hat (trotz Joh 3,22.26; 4.1, denn die Angabe wird Joh 4,2 ausdrücklich zurückgenommen). In Mt 28,19 wird nur der Brauch des Taufens befohlen, aber über den Inhalt dieses Brauches wird nichts gesagt (238).

Mit der Taufe ist ein Brauch 'zwischeneingekommen', der in der Umwelt bekannt war. Mit diesem Brauch verbanden sich in den unterschiedlichen Bereichen, wo man ihn in der Umwelt des Urchristentums übte, verschiedenartige Vorstellungen. Der Brauch als solcher war keineswegs eindeutig. Man übernahm einen Brauch, der als Brauch schon lange bekannt war, der für verschiedene Verständnisse offen ist. Diese Verständnisse übertrug man auf die christliche Taufe – sofern sie sich vom christlichen Kerygma her füllen ließen: Man taufte “auf den Namen Jesu“ (239).

Weil es Jesus war, der die Erlösung, die Neuschöpfung gebracht hatte, konnte die christliche Taufe auf den Namen Jesu auch diese Wirkungen an sich ziehen. Da die Taufe (in den Mysterienreligionen) den Mysten mit dem Schicksal der Gottheit zusammenband, konnte von der christlichen Taufe nun gesagt werden, sie stelle in den “Leib Christi“ hinein, der Täufling gehe durch Tod und Auferstehung Jesu hindurch. Die Taufe verlieh die Wirkungen Jesu. Sofern diese Wirkungen als Geistbegabung zusammengefasst werden konnten, konnte auch die Geistbegabung mit der Taufe verbunden werden. Teile der Urgemeinde verstanden ihr Christ-Sein als Begabung mit dem Geist. Im Geist wirkte Jesus und sofern die Taufe nun als Wirkung Jesu aufgefasst wurde, konnte man sagen: Die Taufe verleiht den Geist (239).

Die Heilsnotwendigkeit der Taufe ist nicht zu begründen. Wir haben es mit einem selbstverständlich geübten Brauch zu tun, der sich vom Kerygma her füllen lässt. Der Kirche würde nichts fehlen, wenn sie die Taufe nicht hätte und sie auch nicht mehr üben würde. Die 'Zwölf' sind sehr wahrscheinlich nicht getauft worden. Was heißt es, wenn alle Kirchen den gemeinsamen Brauch haben, es aber weder eine gemeinsame Tauflehre noch eine gemeinsame Taufordnung gibt (241f)?

Können wir diesen Brauch füllen? Der Erwachsene, der durch die Predigt zum Glauben gekommen ist, der durch die Predigt eine neue Kreatur geworden ist, der nun 'in Christus' ist, der gerechtfertigt ist usw., der bedarf der Taufe nicht, um zu werden, was er schon ist. Die Taufe schenkt nicht, was schon vorhanden ist, noch einmal. Für uns ist das Nebeneinander von Wort und Sakrament nicht mehr problemlos. Das problemlose Nebeneinander am Anfang (im NT) darf man heute nicht zu einem grundsätzlich nötigen Nebeneinander machen (242f).

Die Erwachsenen-Taufe kam als Brauch ins Urchristentum. Man füllte sie vom Kerygma her. Taufe – das war Erwachsenen-Taufe. Alle Versuche, die Säuglingstaufe im NT nachzuweisen, sind gescheitert. Heute haben wir in der christlichen Kirche den Brauch der Erwachsenen-Taufe und den Brauch der Säuglingstaufe. Wir müssen fragen, ob man die Kindertaufe vom Kerygma her füllen kann. Jetzt ist die jeweilige Beziehung von Wort und Sakrament mitzubedenken (244).

Wenn zum Wort das Sakrament tritt (Erwachsenen-Taufe), dann hat die Taufe eine andere Funktion, auch einen anderen Inhalt, als wenn zum Sakrament das Wort tritt (Kinder-Taufe). Im NT wird durchweg Getauften nachträglich gesagt, wie sie ihre Taufe zu verstehen haben (245).