(3) Zum sog. Tauftext Jh 3,5

Amen, Amen, ich sage dir: Wenn jemand nicht geboren (gezeugt) worden ist aus (Wasser und) Geist, kann er nicht eingehen in das Reich Gottes“. In 3,1-13 geht es um die Auseinandersetzung mit der Tauflehre der Grundschrift als einem spezifischen Aspekt ihrer Christologie (327).

Es ist nicht ausgeschlossen, dass auch in der Grundschrift nur von einer Wiedergeburt aus (dem) Geist zur Bezeichnung der christlichen Taufe die Rede war, weil es ihr in der Auseinandersetzung mit der Täufergemeinde nur auf das Element 'Geist' ankam, durch das sich die christliche Taufe von der bloßen Wassertaufe der Täufergemeinde unterschied. Wenn aber die Grundschrift von einer Wiedergeburt aus Wasser und Geist gesprochen haben sollte, dann hat der Evangelist mit Sicherheit 'Wasser und' weggelassen und auf diese Weise den Gedanken an die christliche Taufe ausgeschaltet. Der sekundäre (antidoketistische) Redaktor versteht die Geburt aus Gott ebenfalls nicht von der Taufe. Das 'Wasser und' ist einer noch späteren Hand zuzuweisen (335 A 39).

Der Evangelist setzt an die Stelle der Heilsnotwendigkeit der Taufe die Heilsnotwendigkeit des Gezeugtseins von oben, aufgrund dessen allein es dem Menschen möglich ist, die Herkunft Jesu von oben zu erkennen und an ihn zu glauben. In Jh 3,3ff gibt es keine Chance eine positive Beziehung zur Taufe als Heilsweg aufzuzeigen. Wie die Grundschrift gegenüber der Täufergemeinde die christliche Taufe als den ausschließlichen Heilsweg verkündet hat (wobei der Empfang dieser Taufe Ausdruck des Bekenntnisses zu Jesus als dem Prophet-Messias war) und so der Johannestaufe jede Heilsbedeutung abgesprochen hat, so verkündet der Evangelist das Gezeugtsein von oben als den ausschließlichen Heilsweg in der Absicht, der grundschriftlich-judenchristlichen Taufe jede Heilsbedeutung abzusprechen. Nur in der völligen Destruktion und einer von Grund auf erfolgten Neuinterpretation der grundschriftlichen Lehre von der Wiedergeburt aus (Wasser und) Geist kann der Evangelist seine Verkündigung aufrechterhalten, dass es nur durch den Glauben an Jesus als den vom Himmel herabgekommenen Sohn Gottes Heil gibt. Weder der Evangelist noch der sekundäre Redaktor sprechen irgendwo direkt oder indirekt von der Taufe in positiver Absicht. Auch in Jh 19,34f und 1Jh 5,6-8 geht es nicht um die Taufe, sondern allein um den antidoketistischen Erweis des wahren Menschseins und der wahren Leiblichkeit Jesu (340f).

Die Kritik des Evangelisten an der grundschriftlich-judenchristlichen Taufe ist so radikal und die Destruktion des grundschriftlichen Logions von der Heilsnotwendigkeit der Taufe total (Jesus hat nach der Darstellung des Evangelisten gar nicht von einer Wiedergeburt = Taufe gesprochen und auch gar nicht getauft!), so dass es nicht verwunderlich wäre, wenn man die Taufe nicht einmal als bloßen Aufnahmeritus geübt hätte (344).

(4) Die Täuferbefragung als Frage nach der Messianität des Täufers (Jh 1,21)

G. Richter

Das Jh-Ev richtet sich an die Christen z.Zt. des vierten Evangelisten, um ihnen zu zeigen, dass Jesus von Nazareth und kein anderer der Messias ist und dass es nur im Glauben an die Messianität und Gottessohnschaft Jesu Heil gibt. Um die Verteidigung der Messianität Jesu geht es dem Jh-Ev auch in den Abschnitten, in denen von Johannes d.T. die Rede ist. Der Evangelist berichtet vom Täufer, weil der Täufer, so wie ihn die mit der christlichen Gemeinde revalisierende  Täufergemeinde versteht und verkündigt, mit zu den Problemen gehört, die den Glauben der christlichen Gemeinde an Jesus als den Messias als alleinigen und einzigen Heilbringer belasten und diesem Glauben widersprechen (12f).

Jes 40,3 („ich bin eine Stimme eines Predigers in der Wüste …“) dient zur Bezeichnung der heilsgeschichtlichen Funktion des Täufers. Es geht um die Stellung im Heilsplan Gottes, um die Frage, wer der Messias ist und wer es nicht ist. Nachdem der Täufer zuerst bezeugt hat, dass er nicht der Christus, nicht Elias und nicht der Prophet ist, bekennt er nun, dass er der von Jes geweissagte Wegbereiter ist. Was der Täufer in Jh 1,19ff bezeugt, ist nichts anderes als die in der urchristlichen Verkündigung wiederholt erscheinende Aussage: Ich bin nicht der Messias, nicht der Heilbringer, aber ich verkündige ihn (vgl. Lk, 3,15 ff; Apg 13,25;  19,1ff) (27).

Das vierte Ev will aufzeigen, dass Jesus und nur er allein der Messias, der Heilbringer ist. Weil der Täufer von seinen Jüngern in seiner heilgeschichtlichen Bedeutung überschätzt und als Messias betrachtet und verkündigt worden ist, gilt es zuerst einmal, diesen Anspruch als unberechtigt zurückzuweisen. Das geschieht in 1,19-21 direkt durch den Täufer selber. Johannes d.T. bekennt persönlich, dass er nicht der Messias ist. Auch im vierten Ev (wie in der übrigen christlichen Tradition) ist der Täufer der Wegbereiter des Messias Jesus. Nur im Jh-Ev wird der Täufer als Zeuge für die Messianität Jesu dargestellt. Die Wegbereitung besteht im Zeugnisgeben für Jesus als den Messias (29).

In 1,26 wird die Erwartung einer Taufe durch den Messias nicht bestritten, sondern nur gesagt, dass seine (des Johannes) Taufe nicht die mess. Taufe ist, sondern bloß eine Wassertaufe. Die Bezeichnung 'der Täufer' erscheint im vierten Ev überhaupt nicht. Von der Taufe 'zur Sündenvergebung' (Mk 1,4; Lk 3,3; Mt 3,11) wird nicht gesprochen. Denn für das Jh-Ev ist es nur Jesus, der die Sünden hinwegnimmt (1,29.36 auch diese Aussage im Mund des Täufers). Die Taufe des Johannes hat keinen anderen Zweck, als die Voraussetzung für die Offenbarung der Messianität Jesu zu schaffen (1,31). Und schließlich wird gesagt, dass die Tauftätigkeit auch von Jesus und seinen Jüngern ausgeübt wurde und zwar mit größerem Erfolg als vom Täufer (3,22.26;  4,1f). Johannes selbst sagt, dass es die von Gott bestimmte Ordnung ist (3,27), wenn er vor Jesus zurücktreten muss (3,30). Die Meinung des Volkes, dass er der Christus sei (1,15), widerlegt der Täufer mit dem Hinweis, dass seine Taufe nicht die mess., sondern bloß eine Wassertaufe ist. Die mess. Taufe, die eine Taufe mit heiligem Geist und Wasser sein wird, wird der nach ihm kommende vollziehen (1,16) (30f).

An allen Stellen, an denen das Jh-Ev über den Täufer negative Aussagen macht, geht es (entsprechend dem Zweck des Evs) immer darum, die Messiaswürde Jesus allein zuzusprechen, dem Täufer aber abzusprechen. Umgekehrt haben alle positiven Aussagen über den Täufer den Sinn, seine Aufgabe als Zeuge für Jesus, den Messias oder als Wegbereiter Jesu herauszustellen, wobei die Vorläuferterminologie („vor ihm hergesandt“; „der nach mir (ihm) Kommende“) Verwendung findet (1,6f.15.23.26f). Elias und der Prophet müssen wie der Christus als Messiasgestalten verstanden werden (32).

Bist du der Prophet“ (1,21) ? Im vierten Ev (im Gegensatz zu den Syn) wird Johannes d.T. nie 'Prophet' genannt, nicht vom Volk, nicht von Jesus, nicht vom Evangelisten. Wohl aber wird Jesus 'Prophet' genannt. Im Einklang mit dem Zweck des Evs wird gegen die Vorstellung, Johannes d.T. sei der Heilbringer polemisiert, ganz gleich unter welchem Namen diese Stellung für den Täufer beansprucht wurde. Weil der 'Prophet' für die Täuferanhänger soviel heißt wie eschatologischer Heilbringer, kann der Täufer im vierten Ev nicht 'Prophet' genannt werden. Als eschatologischer Prophet wird Jesus erwiesen, „über den geschrieben hat Moses im Gesetz und die Propheten“ (1,45), von dem auch das Volk sagt: „Dieser ist wahrhaftig der Prophet“ (6,14;  7,40). Für das vierte Ev ist Jesus die Überbietung aller Heilserwartungen. Denn er ist der „Sohn Gottes“ (1,34-49;  3,18;  5,25;  10,36;  11,4.27;  20,31), „der einziggeborene Sohn, der in des Vaters Schoß ist“ (1,18). Deshalb können ihm mit Recht alle Titel beigelegt werden (40f).