4. Solus Christus u n d die Taufpraxis?
Die Taufpraxis - eine nachösterliche Bildung - Jesus hat nicht getauft (Jh 4,2)

Was ist an dem nach Ostern übernommenen Brauch der Taufe christlich?

(1) Die Übernahme der Johannestaufe durch die Christen
(2) Taufe und Glaube an Jesus in den johanneischen (jhn) Schriften
(3) Zum sog. Tauftext Jh 3,5
(4) Die Täuferbefragung als Frage nach der Messianität des Täufers (Jh 1,21)

(5( Eine neutestamentliche Begründung der Taufe gibt es nicht
(6) Die Ungeschichtlichkeit der Taufe Jesu

"Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, Neues ist geworden" (2Kor 5,17) - Was soll das Taufwasser daran verbessern? Das Taufwasser bewirkt nicht das "von neuem geboren werden", "aus dem Geist geborden werden" (Joh 3,3.8). Das Taufwasser bewirkt nicht die Bekehrung zu Christus.

Nicht wer getauft ist, sondern wer den Willen Gottes tut, der ist Jesu Bruder, Schwester, Mutter (Mk 3,31-35;  Mt 12,46-50;  Lk 8,19-21).

Die Taufe ist wie die Beschneidung ein entbehrlicher Brauch (W. Marxsen)

U. Luz: Was bedeutet es theologisch, dass der Taufbefehl Mt 28,19b nicht auf Jesus zurückgeht und überhaupt die Einsetzung der Taufe als Sakrament (Joh 4,1) nicht auf Jesus zurückgeführt werden kann? Kann man die Taufe noch 'biblizistisch' mit dem Vorliegen eines formellen biblischen Einsetzungsbefehls, wenn nicht Jesu, dan doch wenigstens des Auferstandenen, legitimieren? Oder beruft man sich besser darauf, dass die Taufe wahrscheinlich von Anfang an in der Kirche ausgeübt worden ist (und in V 19b durch den Auferstandenen sekundär legitimiert wird)? Dann beruft man sich aber auf die Kirche und auf die Tradition (453f, Das Ev nach Mt 2002).

M. Labahn: Zwischen der Gerichtsankündigung Johannes des Täufers und dem Wirken Jesu besteht eine inhaltliche Differenz, die sachlich dazu führt, dass Jesus eigenständig und parallel zum Täufer lehrte und an Kranken und Besessenen wirkte, nicht aber eine Taufe vollzog. Die Pointe der Verkündung Jesu liegt in dem sich punktuell und wirkmächtig ereignenden Gottesreichs, zu dem Jesus vorbehaltslos und unmittelbar in direkter Anrede einlädt (346).

In der Jesusverkündung findet angesichts des unmittelbaren und direkten Kommunikationsgeschehens der Heilsansage und Heilszusage die theologische Neukonstruktion der Adressaten direkt und jenseits einer ritualisierten Initiation statt (346).

Die Jesuserinnerung der Synoptiker läßt keinen Raum, die Taufpraxis aus dem Taufhandeln Jesu abzuleiten. Das Schweigen über solch ein Wirken Jesu wiegt schwer und das schlüssige Porträt der Jesusverkündung weist solche Differenzen zum Täufer auf, die eine jesuanische Tauftätigkeit unwahrscheinlich machen (347).

Alle Varianten der Aussendungsrede (Q 10,2-16; Mk 3,14f; 6,7-13; Mt 9,37f; 10,5-16; Lk 9,1-6; 10,1-12) erzählen die Aussendung der Jünger durch Jesus z.Zt. seines irdischen Wirkens. Ihr Handeln besteht nach der Version Q 10,5ff in der Darbietung des Friedens, der Heilung der Kranken unter Verkündigung der Nähe des Gottesreichs ohne Hinweis auf ein Taufhandeln. Wenn wir das Schema der Aussendungsreden der Urgemeinde zuschreiben müssen, so unterstreicht dies die Erinnerung daran, dass während des irdischen Wirkens Jesu keine Taufpraxis geübt wurde (362).

Die fehlende Erinnerung frühchristlicher Tauftexte an eine Einsetzung der Taufe durch den irdischen Jesus und das Konzept der Einsetzung der Taufe als Akt des Auferstandenen beinhaltet ein deutliches Signal der Erinnerung an die Taufpraxis als nachösterliche Bildung (366f).

(1) Die Übernahme der Johannestaufe durch die Christen

H. Thyen: Die Johannestaufe ist ein eschatologisch-messianisches Bußsakrament „zur Vergebung der Sünden“, das die mit ihr Versiegelten im kommenden Feuergericht bewahrt. Dieses vom Täufer ausgebildete Instrument haben die Christen sehr bald nach Ostern ohne einen ausdrücklichen Taufbefehl ihres Herrn und auch nicht legitimiert durch die bloße Fortsetzung einer etwa vom irdischen Jesus geübten oder ausdrücklich sanktionierten Praxis übernommen und in der Auseinandersetzung mit der Täufersekte in Anknüpfung und Widerspruch neu interpretiert (146).

Die Gründe zur Übernahme der Taufe mögen mit darin liegen, dass zahlreiche Christen – ehemalige Johannestäuflinge – aus der Täufersekte zur christlichen Gemeinde fanden. Ein stärkeres Motiv zur christlichen Aufnahme der Johannestaufe war wahrscheinlich die durch die Osterereignisse ausgelöste, der täuferischen Enderwartung fast analoge, apokalyptische Bewegung, die nach der neuen Institution des Taufbrauches rief. Denn die Jünger haben die Ostererscheinungen ihres auferstandenen Herrn als den Anbruch der apokalyptischen Endereignisse verstanden. Jetzt, da man den Richter unmittelbar vor der Tür wusste, galt allen die Forderung: „Kehrt um und lasse sich ein jeder taufen auf den Namen des Herrn Jesus Christus zur Vergebung der Sünden“ (Apg 2,38) (146f).

Dass die urchristliche Taufe zunächst genau wie ihr unmittelbares Vorbild, die Johannestaufe, in der Sündenvergebung ihren Sinn hatte, zeigen Stellen wie: Apg 22,16.38; 1Kor 6,11; Eph 5,26; 1Ptr 3,21 u.a. (147 Anm. 2).

Um die Taufe der Christen von der Johannestaufe klar zu unterscheiden, wurde von Anfang an der Name Jesus über dem Täufling genannt. Die Taufe ist zunächst nicht am schon geschehenen Heil orientierter Initiationsritus, sondern sakramentale Versiegelung im Blick auf das kommende Weltgericht (148).

War die christliche Taufe durch das Namensmotiv deutlich von der Praxis der Täuferanhänger geschieden, so hat sich mit ihr offenbar schon unter dem Eindruck der ersten österlichen Erfahrungen alsbald der Gedanke der Geistverleihung verbunden. Es ist Gottes endzeitlicher Geist, der die Reinigung von den Sünden bewirkt, was die bloße Wassertaufe des Johannes nicht zu leisten vermag. So wird die Geistbegabung zum Schibbolet in der Auseinandersetzung mit der Täufersekte. Mit alledem ist aber die christliche Taufe zunächst geblieben, was die Johannestaufe von Anfang an war, nämlich eschatologisches Bußsakrament zur Sündenvergebung (149).

Aus der durch die apokalyptischen Osterereignisse wieder aufgelebten eschatologischen Bußtaufe als Siegel der Rettung im künftigen Gericht wird bald der zunehmend immer stärker rituell geordnete Initiationsakt, der die Annahme des Kerygmas besiegelt und die Aufnahme in die Kirche rechtskräftig verbürgt (150).

G. Lohfink: Obwohl Lukas am Institut der Taufe aufs stärkste interessiert ist, hat er keinen Taufbefehl. In Lk 24,47 sagt der Auferstandene, in seinem Namen solle man allen Völkern Umkehr zur Vergebung der Sünden predigen. Diesen Text hat Lukas im Rückgriff auf Mk 1,4 selbst formuliert. In dem breiten Spektrum der urchristlichen Überlieferung fand Lukas keinen Taufbefehl Jesu vor, auf den er hätte zurückgreifen können. Lukas gibt nicht zu erkennen, dass die Wassertaufe dem Willen des auferstandenen und erhöhten Herrn entsprach. Die Tatsache, dass es Lukas nicht gelingt, die urchristliche Taufe unmittelbar auf einen Taufbefehl des Auferstandenen zurückzuführen, ist äußerst bemerkenswert (38f).

Der Täufer hat sich nicht als Vorläufer eines kommenden Messias oder sonst einer eschatologischen Gestalt, die mit heiligem Geist taufen würde, verstanden. Auch wenn man davon ausgeht, dass der Kommende, von dem er spricht, eine Figur im eschatologischen Drama ist, die sich von Gott selbst unterscheidet, wäre es für das Judentum doch völlig singulär, dass eine solche Gestalt den Geist der Endzeit übereignen könnte. Die eschatologische Geistverleihung ist nach jüdischer Auffassung einzig und allein Gottes Sache, niemals die des Menschensohnes. Erst die christliche Gemeinde lässt neben Gott auch Jesus Christus Geistvermittler sein (45).

In der christlichen Tradition lässt sich von Anfang an eine starke Tendenz beobachten, Johannes zum Vorläufer, zum Vorausverkünder, zum Zeugen Jesu zu machen und seine Taufe von der christlichen Taufe abzuheben. In der Antithese: „Ich habe euch mit Wasser getauft, aber nach mir kommt einer, der euch mit heiligem Geist taufen wird“ wird ein christliches Interpretationsschema angelegt (45).

In der frühesten Urgemeinde laufen das Phänomen der Geisterfahrung und die konkrete Taufpraxis zunächst nebeneinander her und werden erst sekundär miteinander verbunden (Apg 2,1-4; 8,14-17; 10,44-48). Johannes hat eine Feuertaufe aber keine Geisttaufe angekündigt (46).

Die 144000 (Offb 7,1-8) stehen für das aus den Juden gesammelte, wahre Israel. Die Restitution des Zwölfstämmevolkes geschieht durch nichts anderes als durch die Versiegelung, d.h. durch die Taufe. Die Taufe rettet vor dem Gericht. Durch das Siegel der Taufe wird das wahre Israel versammelt und auf das nahe Ende zugerüstet (48).

Apg 2,40: „Lasst euch erretten aus diesem tückischen Geschlecht“, d.h.: lasst euch angesichts des nahen Endes durch Umkehr und Taufe vor dem Gericht retten! Nach Apg 2 gibt es keinen Taufunterricht und keine Taufvorbereitung. Sofort am Pfingsttag werden 3000 Menschen getauft (V 41). Die Zeit drängt. Bis zur Wiederkunft des Menschensohnes bleibt wenig Zeit. In dieser Zeit sollte das wahre Israel durch das Siegel der Taufe zugerüstet und gesammelt werden (Schnelltaufen: 8,36-38; 10,44-48;16,33) (48).

Jesus konnte die Johannestaufe nicht übernehmen, weil er in seiner Verkündigung andere Akzente setzt: Die Johannestaufe steht im Kontext einer Gerichtspredigt. Sie bedeutet Rettung vor dem drohenden Zorngericht. Für Jesus ist jedoch nicht die Ankündigung des Gerichts konstitutiv, sondern die Ankündigung des Heils. Jesus sagt nicht: Kehrt um, damit ihr im Gericht gerettet werdet, sondern er sagt: Das Heil ist da, deshalb kehrt um. Jesus verkündet die befreiende, aufrichtende und Erbarmen schenkende Nähe Gottes. Und zwar so, dass Gott und die Gottesherrschaft in seinem Tun schon verborgen anwesend sind. In seinem Heilsruf, in seinen Heilungen, in seiner Annahme der Sünder vergegenwärtigt Jesus zeichenhaft die Nähe und die Zuwendung Gottes. Das Tun Jesu vergegenwärtigt den verzeihenden und sich erbarmenden Gott. Diese Sinnmitte seiner Predigt hätte Jesus durch die Übernahme der Johannestaufe verdeckt. (An der Unmöglichkeit, dass Jesus während seiner öffentlichen Wirksamkeit getauft hat, scheitert die These, die Jünger Jesu hätten während dieser Zeit weitergetauft. Eine solche Diskrepanz zwischen dem Tun Jesu und dem seiner Jünger ist unannehmbar) (49).

Der konkrete Anstoß zur Aufnahme und Modifikation der Johannestaufe ist nicht mehr rekonstruierbar (52).

                   

(2) Taufe und Glaube an Jesus in den johanneischen (jhn) Schriften

G. Richter

a. Taufe und Glaube an Jesus im Judenchristentum der Grundschrift

Die Tauftätigkeit Jesu (Jh 3,22f; 4,1), von der das ganze übrige NT nichts weiß, ist kein historisches Faktum, sondern nur eine christologische Aussage der Grundschrift. Sie ist die Erfüllung der Verkündigung des Täufers, dass Jesus der angekündigte Kommende ist, der taufen wird, „mit heiligem Geist“ (1,26f.32), und zugleich eine Ätiologie der christlichen Taufe. Ihren Sitz im Leben hat die Tradition von der Tauftätigkeit Jesu in der Auseinandersetzung der vorgrundschriftlichen Gemeinde mit der Täufergemeinde. Es geht um einen Taufstreit, der als christologische Auseinandersetzung zu verstehen ist. Die Täufergemeinde, die die Taufe der Umkehr ihres Meisters weiter praktiziert, sieht in dieser Taufe das Mittel zur Sündenvergebung und zur Errettung aus dem bevorstehenden eschatologischen  Zorngericht Gottes. Die christliche Gemeinde dagegen behauptet, dass nicht die in der Täufergemeinde geübte Johannestaufe das rettende eschatologische Sakrament ist, sondern nur die in der christlichen Gemeinde geübte Taufe, die mit heiligem Geist und die allein den Eingang in das kommende Gottesreich ermöglicht. Den Nachweis für ihren Anspruch erbringt die christliche Gemeinde durch eine weiterführende Neuinterpretation der christlichen Überlieferung von der Herabkunft des Geistes auf Jesus bei der Taufe im Jordan. Darüber hinaus legt sie diese Neuinterpretation in den Mund des Täufers und macht ihn so zum Zeugen für den Inhalt ihrer Verkündigung. In dieser Neuinterpretation wird gesagt: Die Herabkunft (und das Bleiben) des Geistes auf Jesus ist das von Gott im voraus angekündigte Zeichen, an dem der Täufer erkennen soll, wer der von ihm verkündete kommende Geisttäufer ist (1,32f). Die Tauftätigkeit des Johannes hatte nur den Zweck, dass dadurch Jesus als der von Gott bestimmte Geisttäufer offenbar werde. Die heilsgeschichtliche Funktion des Täufers bestand nur darin, Jesus als den Geisttäufer zu bezeugen. Mit der Offenbarung Jesu als des Geisttäufers ist der von Gott beabsichtigte Zweck der Johannestaufe erfüllt und zu Ende, ihre weitere Ausübung durch die Täufergemeinde ist überholt und sinnlos (387f).

Für den Autor der Grundschrift ist die Messiasfrage von Bedeutung. Gegen den Anspruch der Täufergemeinde, in der Johannes und seine Taufe inzwischen messianisch aufgewertet worden sind, lässt die Grundschrift den Täufer selbst bezeugen, dass die Messianität nicht ihm und seiner Taufe zukommt, sondern Jesus und dessen Taufe (Jh 1,20-22.25-27.34;  3,22-30). Die Johannestaufe hat in der Neuinterpretation den Zweck, dass der Täufer Jesus als den sündentilgenden und mit heiligem Geist taufenden Messias erkennt und ihn in dieser Funktion ganz Israel kundmacht (1,29-34). Die Tauftätigkeit Jesu ist nach der Grundschrift als eine Manifestation seiner Messianität zu verstehen. (Die Tauftätigkeit des Johannes lässt in Jh 1,25 die Frage aufkommen, ob er, der Täufer, der Messias ist). Das Ziel der grundschriftlichen Darstellung (20,31) ist auch hier: „damit ihr glaubt, dass Jesus der Christus (= Messias) ist“. Auch hier geht es um die Christologie. Erst durch den Nachweis der Messianität Jesu wird die von ihm geübte Taufe als die messianische – als die Taufe mit heiligem Geist – erwiesen. Erst vom Erweis der Messianität Jesu her kann die christliche Gemeinde den Anspruch erheben und durchhalten, die messianische Heilsgemeinde zu sein (388f).

Die Taufe ist die unerlässliche Voraussetzung für die Teilhabe an der Gottesherrschaft. Bevor die Grundschrift die Ausführung der vom Täufer angekündigten Tauftätigkeit Jesu berichtet (3,22ff), wird zuerst dargelegt, dass diese Taufe heilsnotwendig ist. Zu diesem Zweck inszeniert die Grundschrift das Gespräch zwischen Jesus und Nikodemus. Der wesentliche Inhalt des Gesprächs (den wir aus der Umdeutung durch den Evangelisten erschließen können) ist die Notwendigkeit der Wiedergeburt aus (Wasser und) Geist für den Eingang in die Gottesherrschaft (Jh 3,3.5). Unter dieser Wiedergeburt ist die Wirkung der christlichen Taufe gemeint, die die Taufe mit heiligem Geist ist, der nach der Schrift in der Endzeit die Menschen innerlich umwandeln und neugestalten wird. Wiedergeboren werden aus (Wasser und) Geist ist die Redeweise des Judenchristentums der Grundschrift zur Bezeichnung der Wirkung der von Jesus ausgeübten und in der Gemeinde fortgesetzten Taufe „mit heiligem Geist“, der messianischen Taufe . Die absolute Bedingungslosigkeit und Exklusivität, mit der die Grundschrift die Heilsnotwendigkeit der christlichen Taufe verkündet, muss mit dem Blick auf die zeitgeschichtliche Situation – die konkurrierende Täufergemeinde und deren Taufe – verstanden werden. Letzten Endes hat die Aussage von 3,5 nur den Zweck, gegen die anderslautende Verkündigung der Täufergemeinde Jesus als den Messias und die christliche Gemeinde als die messianische Heilsgemeinde zu erweisen (389f).

Die Taufe ist der gemeindebildende Faktor für das Judenchristentum der Grundschrift. Wie man durch den Empfang der Johannestaufe Mitglied der Täufergemeinde wird, so wird man durch den Empfang der Jesustaufe in die christliche Gemeinde eingegliedert. Die Übernahme der christlichen Taufe ist Ausdruck des Glaubens, dass Jesus der von Gott erwählte Messias ist. Alle, die wirklich Israeliten sind, erkennen und glauben, dass Jesus der Messias Gottes ist (Jh 1,47). Sie empfangen die Taufe Jesu (= Taufe mit heiligem Geist = Wiedergeburt aus dem Geist) und werden dadurch zur Jesusgemeinde, die als die messianische Gemeinde die endzeitliche Heilsgemeinde ist, in der man die Anwartschaft auf das Eingehen in die Gottesherrschaft besitzt. Die gemeindebildende Funktion der Taufe tritt (neben dem Hauptzweck = Erweis der Messianität Jesu) deutlich in Erscheinung in Jh 3,22-30: „Siehe, dieser tauft, und alle kommen zu ihm“. 4,1: Jesus tauft und macht mehr Jünger als Johannes. Wiedergeboren sein aus dem Geist heißt Mitglied der christlichen Gemeinde sein, in der (als Fortsetzung der Tauftätigkeit Jesu) „mit heiligem Geist“ getauft wird (390f).

b. Taufe und Glaube an Jesus beim Evangelisten

Für den Evangelisten gibt es das Heil nur für den, der an Jesus als den vom Himmel herabgekommenen Sohn Gottes glaubt, während der mit der judenchristlichen Taufe verbundene Glaube nur eine rein menschliche Herkunft Jesu, nicht aber seine Göttlichkeit zum Inhalt hat. Der Evangelist hat den Satz von der heilsnotwendigen Wiedergeburt aus (Wasser und) Geist neu interpretiert und ihm einen völlig anderen Inhalt gegeben. Aus dem traditionellen Wiedergeborenwerden aus (Wasser und) Geist, das in der christlichen Taufe und aufgrund der eigenen Entscheidung des Menschen geschieht, wird durch die umgestaltende Hand des Evangelisten ein Geborenwerden von oben (= aus dem Geist) (391).

Die Destruktion und Neuinterpretation der grundschriftlichen Anschauung von der Heilsnotwendigkeit der Taufe erfolgt in 3,3-8. Das hinter der Grundschrift stehende Judenchristentum (die ganze bisherige Tradition) hat Jesus falsch verstanden. Denn nach der Darstellung des Evangelisten sprach Jesus nicht von einem „Wiedergeborenwerden“, sondern von einem „Von oben Geborenwerden“ und das, was Nikodemus nicht verstand (3,9), war nicht die Art der Wiedergeburt (3,4), sondern die Geburt (oder das Gezeugtsein) von oben. Von oben geboren (oder gezeugt) sein heißt soviel wie aus (dem) Geist geboren (gezeugt) sein. Denn 'Geist' und 'von oben' bezeichnen in der Vorstellung des Evangelisten die Erkenntnis des ursprünglichen Sinns der Worte Jesu. Jesu Wissen über die himmlischen Dinge ist ein Wissen aufgrund von Augen- und Ohrenzeugenschaft, das in der himmlischen Herkunft Jesu seinen Grund hat (3,11). Die himmlische Herkunft Jesu begründet der Evangelist mit dem auch vom Judenchristentum geglaubten Aufstieg Jesu in den Himmel nach Vollendung seines Erdenlebens (3,13). Denn Jesus (so der Evangelist) konnte nur deshalb in den Himmel hinaufsteigen, weil er zuvor als der Menschensohn (MS) vom Himmel auf die Erde herabgekommen ist und den Menschen das 'Himmlische' verkündet hat. Mit der Bezeichnung Jesu als des vom Himmel herabgekommenen MSs (3,13) findet das vom Evangelisten neuinterpretierte Gespräch Jesu mit Nikodemus seinen Abschluss und Höhepunkt. Mit diesem Schlusssatz wird die Christologie der Grundschrift, die in Jesus nur den von Gott aus den Menschen erwählten Prophet-Messias und „Lehrer“ (3,2) sieht, korrigiert und überboten (392f).

Die aus 3,3-13 hervorgehende Kritik des Evangelisten an der Darstellung der Grundschrift ist total. Wenn schon Nikodemus, 'der Lehrer Israels' (3,10), die Worte Jesu über die Geburt (das Gezeugtsein) von oben nicht versteht, wie sollen sie dann von den anderen, die nicht Lehrer sind, begriffen werden? Hier liegt so etwas wie ein Erweis der Richtigkeit der Verkündigung des Evangelisten von der Heilsnotwendigkeit des Gezeugtseins von oben vor. Denn Verstehen (= Glauben) und Nichtverstehen (= Nichtglauben) sind hinsichtlich der Person und Botschaft Jesu für den Menschen schon vorgegeben. Wer „von oben“ geboren (gezeugt) ist, versteht die Worte Jesu, weil Jesu Botschaft ebenfalls „von oben“ ist. Wer „von oben“ ist, erkennt (und glaubt) auch, dass Jesus himmlischer Herkunft (= von oben) ist, dass er der Sohn Gottes ist. Allein in diesem Glauben gibt es nach dem Evangelisten das Heil. Ohne das Geborensein (Gezeugtsein) „von oben“ ist der Glaube an Jesus (als den vom Himmel herabgekommenen Sohn Gottes) nicht möglich. Wer nicht glaubt, offenbart dadurch, dass seine Herkunft nicht „von oben“ (= nicht aus Gott bzw. aus dem Geist) ist, sondern „von unten“ (= aus dem nichtgöttlichen bzw. widergöttlichen Bereich). Somit zeigt sich, dass es auch in Jh 3,3ff (sowohl in der Grundschrift gegenüber der Täufergemeinde als auch beim Evangelisten gegenüber der Grundschrift) letzten Endes um die Christologie geht. Aus der Neuinterpretation des grundschriftlichen Taufwortes geht hervor, dass für den Evangelisten die Zugehörigkeit zur christlichen Gemeinde als der Heilsgemeinde nicht durch die Taufe zustande kommt, sondern nur durch das Gezeugtsein von oben (das ein Tun Gottes ist) und den daraus kommenden Glauben an Jesu himmlischer Herkunft und Gottessohnschaft. Das kirchenbildende Element ist für den Evangelisten nicht die Taufe, sondern der Glaube an Jesu Göttlichkeit (393f).

Ebenso bindet der Evangelist die eschatologische Gabe des Geistes nicht an die Taufe, sondern an die durch die Rückkehr zum Vater erfolgende Verherrlichung Jesu (Jh 7,39;  14,16f.26). Für die Grundschrift ist die Herabkunft des Geistes das dem Täufer von Gott gegebene Zeichen, an dem er Jesus als den kommenden Messias, der mit heiligem Geist tauft, erkennen soll. Nach der Darstellung des Evangelisten (3,31-34) scheint die Herabkunft des Geistes für den Täufer das Erkennungszeichen zu sein, dass Jesus 'von oben' (= aus der Sphäre des Geistes) kommt und dass er von Gott den Geist in unbeschränktem Maß erhalten hat, so dass Jesu Worte „Worte Gottes“, (3,34) oder „Geist und Leben“ (6,63) sind. Damit stimmt schließlich überein, dass der Evangelist hinsichtlich der Tauftätigkeit Jesu der Grundschrift insofern widerspricht, als er in 4,2 die Bemerkung einschiebt: Jesus hat selbst nicht getauft (394).