5. Die Einheit des Glaubens und der theologische Pluralismus

Verschiedene Christologien:

a. Die Adoptionschristologie: "Du bist mein lieber Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen" (Markus 1,11)

Mk 1,11: "Du bist mein lieber Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen"

Röm 1,3f: "... Jesus Christus, unserem Herrn, der geboren ist aus dem Geschlecht Davids nach dem Fleisch (4) und nach dem Geist, der heiligt, eingesetzt ist als Sohn Gottes in KRaft durch die Auferstehung von den Toten".

Apg 2,36: "So wisse nun das ganze Haus Israel gewiss, dass Gott diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt, zum Herrn und Christus gemacht hat".

Hebr 1,5: (Der Sohn höher als die Engel): "Denn zu welchem Engel hat Gott jemals gesagt (Ps 2,7): Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt? Und wiederum (Sam 7,4): Ich werde sein Vater sein und er wird mein Sohn sein"?

b. Jesus ist seit seiner Geburt Sohn Gottes (Matthäus, Lukas)
c. Die trinitatische Christologie des JohEvs

Entapokalyptisierung im Johannesevangelium

G. Haufe: Der Evangelist lässt Jesus behaupten, dass diejenigen, die glauben, jetzt schon durch ihn das haben, was die apokalyptische Vorstellung erst durch die Totenauferstehung zu erreichen glaubt. Johannes setzt sich in der Lazarusgeschichte und besonders in dem Gespräch zwischen Jesus und Martha mit der traditionellen apokalyptischen Eschatologie auseinander. Er nimmt dieser Eschatologie die theologische Verbindlichkeit, indem er sie durch eine christologische Aussage ersetzt. Das als ‚Glaube‘ bezeichnete Christusverhältnis tritt an die Stelle der apokalyptischen Auferstehungserwartung (111f).

S. Schulz: Radikale Ablehnung der spätjüdisch-urchristlichen Apokalyptik

Es hat im Urchristentum nicht nur den eschatologischen Entwurf im Sinn der apokalyptisch vorgestellten Enderwartung des Jüngsten Tages gegeben. n keiner Stelle malt der vierte Evangelist die Zukunft in apokalyptischen Farben. Die typisch apokalyptischen Endereignisse der Totenauferstehung und des Gerichts werden polemisch umgedeutet (3,18f;  5,24f;  11,25f) und sind Gegenwart in der Begegnung mit dem himmlischen Gesandten. Heil und Unheil vollziehen sich im Glauben und Unglauben. Die Entscheidung des Unglaubens angesichts der Offenbarung ist das endgültige Gericht. Johannes kennt keine Apokalypse wie Mk 13 oder Lk 17 par. Johannes spricht auch von dem Gericht, aber das vollzieht sich fortwährend in der Gegenwart angesichts des in der Gemeindeverkündigung anwesenden Geist-Christus. Alles, was die traditionelle Gerichts- und Heilserwartung von der Endzeit erhoffte, wird von ihm in polemischem Sinn auf die Gegenwart Jesu bezogen: Sein Kommen in die Welt und sein Abschied sind das eschatologische Ereignis, und das Gericht ist kein kosmisches Ereignis mehr, bei dem die Sonne sich verfinstert, der Mond seinen Schein verliert und die Sterne vom Himmel fallen (Mk 13,24ff), sondern das Gericht ereignet sich im Verhalten der Menschen angesichts der Offenbarerworte Jesu. An diesem Gesandten scheiden sich Glaube und Unglaube, Licht und Finsternis, Wahrheit und Lüge. Indem die Menschen den Glauben verweigern, richten sie sich selbst (3,19). Die Glaubenden sind schon jetzt ewig Lebende. Die Wiederkunft des Menschensohns Jesus ereignet sich nach Johannes im Hören der Botschaft Jesu. Im Fleischgewordenen ist das Heil auf Erden erschienen (220f).

Die gegenwärtige Geisterfahrung bringt die Nähe des Gottessohns (14,16). Die Geisterfahrung bringt als ewige die Wiederkunftserwartung zum Verschwinden. Was bleibt sind Aussagen wie 14,2f und 17,24: „Damit, wo ich bin, auch ihr seid“. Das 17. Kp. als konzentrierte Zusammenfassung der jhn Botschaft zeigt wie in einem Vermächtnis, was die Gläubigen von der Zukunft zu erwarten haben: Wie der Vater und der Sohn eins sind, so ist in Zukunft die Vereinigung aller Gläubigen untereinander und mit Gott zu erwarten. Es ist der erklärte Wille des Abschiednehmenden, dass alle seine Freunde und Brüder mit ihm den himmlischen Ort der Herrlichkeit erreichen, den der Vater nach 14,2f längst für sie bereitet hat, und dann seine immerwährende Herrlichkeit schauen. Die Endereignisse haben nach Johannes ihre ausschließliche Bedeutung darin, dass sie außerhalb der Welt in der Herrlichkeit geschehen. Alle die Seinen kommen mit dem Erlöser zum himmlischen Ort und schauen dort seine unvergängliche Herrlichkeit. Mit dieser himmlischen Einigung und Einheit wird das Werk des Erlösers abgeschlossen sein. Dann erst sind die Gläubigen nicht mehr zerstreut „in der Welt“, wo Licht und Finsternis, Wahrheit und Lüge, Leben und Tod miteinander im Streit liegen. Die Stunde der Passion als der Verherrlichung des Menschensohns ist das Gericht über den Kosmos und seinen eigentlichen Herrscher, den Fürsten der Welt. Bis zu jener himmlischen Einigung ist Jesus im Geist-Parakleten weiter bei seiner Gemeinde (14,16) und lehrt sie als „Geist der Wahrheit“ (15,26) alles das, was der fleisch-gewordene Gesandte in seinem Wort der Welt offenbart hat. Mit dem Tod der Jünger setzt sich die ewige Gemeinschaft mit dem Erhöhten jenseits von Raum und Zeit fort, wenn Jesus sie in die ewigen Wohnungen des Vaters holen wird (221f).

G. Haufe: Der physische Tod ist der Übergang aus dem irdischen Dasein in das himmlische, aus dem Glauben in das Schauen, nicht dank einer natürlichen Unsterblichkeit, sondern dank der schon empfangenen Heilsgabe des ewigen Lebens. Im Tod wird offenbar, wohin der Mensch aufgrund seines Glaubens oder Unglaubens schon jetzt auf ewig gehört (456f).

G. Haufe: Das totaliter aliter der eschatologischen Daseinsgestalt: Wenn Jesus vom engelgleichen Dasein ohne Geschlechterbeziehung (Mk 12,25), Paulus vom unvergänglichen Pneuma-Leib (1Kor 15,44), Johannes von den himmlischen Wohnungen (14,2) redet, so sind das alles nur tastende Versuche, dieses völlige Anderssein der zukünftigen Daseinsgestalt im Vergleich zur irdisch-vergänglichen zur Sprache zu bringen. Ein weltbildlicher Rahmen fehlt (von einem Dasein auf einer erneuerten Erde ist nirgends die Rede). Vorausgesetzt ist die Erhaltung der Individualität (461).