2.2 Das Vater-Unser - ein politisches Gebet?
(1) Das VU - ein jüdisches Gebet um nationale Befreiung?
(2) These: Das VU stammt von Johannes dem Täufer und war mit der Taufe verbunden
(3) Das VU beinhaltet die wesentlichen Anliegen des Täufers
(4) Der rituelle Gebrauch des VU

B. Lang (1998)

(1) Das VU - ein jüdisches Gebet um nationale Befreiung?

Das VU ist vor dem Hintergrund des jüdischen Gebets im 1. Jh. n. Chr. zu sehen. Mindestens zwei Gebete lassen die typischen Anliegen der damaligen Zeit erkennen: das sog. Achtzehngebet und die 'Große Liebe' (92).

Das Gebet der Synagoge bittet um die Wiederherstellung des jüdischen Staates oder, in der Sprache der 'Großen Liebe', um das Ende der Diaspora durch die Rückführung aller Juden in ihre Heimat (was die Wiedererrichtung des Staates voraussetzt) (92f).

Das zentrale Anliegen des Achtzehngebets war die Wiederherstellung Israels als Staat. Eine alte Fassung gibt der 11. Bitte folgende Gestalt: „Bring wieder unsere Richter wie vordem und unsere Ratsherren wie zu Anfang. Und sei allein du König über uns. Gelobt seist du, Ewiger, der Gerechtigkeit liebt“. Etwa die Hälfte der Bitten sind staatspolitischer Natur. Auf den Zusammenbruch der römischen Herrschaft, so glaubt man, werde die Errichtung des Gottesreichs folgen, und eben darum bittet das Achtzehngebet (93).

Das älteste Gebet, das die in der frühen Synagoge vorgebrachten Anliegen widerspiegelt, ist das VU. Es handelt sich hierbei um ein rein jüdisches Gebet, das nichts spezifisch Christliches enthält. Fast jede im VU enthaltene Wendung begegnet auch in der Gebetssprache der Synagoge. In diesem Kontext gesehen, erscheint das VU als ein für den öffentlichen Gottesdienst der Synagoge bestimmtes Gebet, das Gott um die Befreiung Israels von seinen Feinden und die Wiederherstellung des jüdischen Staates – des 'Reichs Gottes' – bittet (93f).

(2) These: Das VU stammt von Johannes dem Täufer und war mit der Taufe verbunden

Die Täuferbewegung sah in Johannes einen neuen Propheten Elija, von dem erwartet wurde, er werde „alles wiederherstellen“ (Mk 9,12), das meint die Wiederherstellung des jüdischen Staates (Sir 48,10). In Vorwegnahme dieses Ereignisses sang die Bewegung bereits ein Siegeslied: Gott stößt die Hohen – die Römer und die Herodianer – vom Thron und erhöht die Niedrigen, nämlich das jüdische Volk. Das ursprünglich von Elisabeth, der Mutter des Täufers (nicht von Maria) gesungene Magnificat lässt sich besser verstehen, wenn wir es dem Kreis um Johannes den Täufer zuschreiben. Genau diese politische Erwartung bildet den Schlüssel zum Verständnis des VU (94).

Johannes scharte Menschen um sich und lud sie zum Vollzug eines besonderen religiösen Rituals ein, der Taufe. Es handelt sich um eine rituelle Reinigung, um eine innere, geistige Erneuerung, die in einer äußeren Waschung sichtbar gemacht wurde. Ein Wort des Propheten Ezechiel bot die Anregung zur Schaffung der Taufe. Ezechiel lebte im 6. Jh. v. Chr. und wirkte unter den Verbannten in Babylonien. Er verkündete ihnen Jahwes Heilsansage: „Meinen großen, bei den Völkern entweihten Namen, den ihr mitten unter ihnen entweiht habt, werde ich wieder heiligen. Und die Völker – Spruch des Herrn Jahwe – werden erkennen, dass ich Jahwe bin, wenn ich mich an euch als heilig erweise … Ich gieße reines Wasser über euch aus, dann werdet ihr rein. Ich reinige euch von aller Unreinheit … Ich lege meinen Geist in euch und bewirke, dass ihr meine Gesetze befolgt“ (Ez 36, 23-27) (94f).

Um seines Rufes, seines heiligen Namens, willen wird Jahwe sein Volk erlösen. Er wird es aus der Babylonischen Gefangenschaft in seine Heimat in Palästina zurückführen. Sobald dies geschehen ist, haben die Völker keinen Grund mehr, über einen zweitrangigen Gott zu spotten, dem es nicht einmal gelingen will, sein zweitrangiges Volk zu beschützen. Der Prophet ist der Meinung, dass die Judäer die Verschleppung ins Babylonische Exil verdient haben. Das ist die Strafe für die Sünde der Götzenverehrung und des Abfalls von seinem Gott. Jahwe lässt nun seinen Propheten die große Wende ankündigen. Jahwe wird eingreifen und sein Volk zurückführen. Aber der bevorstehenden Wende muss eine Reinigung des Volkes vorausgehen, eine kultische Reinigung mit Wasser (95).

Von der Notwendigkeit einer kultischen Reinigung war Sacharja überzeugt: „An jenem Tag [der Erlösung] wird für das Haus David und für die Einwohner Jerusalems eine Quelle fließen zur Reinigung von Sünde und Unreinheit“ (Sach 13,1).

Bei Ezechiel und Sacharja ist die mit Wasser erfolgende Reinigung nur ein Bild für Gottes unsichtbares Handeln. Sie bezeichnen damit nichts anderes als das Geben eines 'neuen Herzens' und einer lauteren Gesinnung (Ez 36,26). Johannes aber las die Prophetenschriften anders. Seiner Meinung nach muss es wirklich zu einer Reinigung mit Wasser kommen. Diese Lesart war im frühen Judentum durchaus verbreitet. In der Taufpraxis des Johannes gilt Gott selbst als der Handelnde: Er besprengt sein Volk mit Wasser und reinigt es so von seinen Sünden. Es handelt sich um einen Akt der 'Vorahmung' eines nachfolgenden göttlichen Tuns. Die Taufe des Johannes 'zur Vergebung der Sünden' lädt Gott ein, die von Johannes vorbereiteten Sünder nun auch seinerseits zu reinigen (95).

Johannes hat sich als Vorläufer von Gott selbst verstanden, der das von Johannes begonnene Werk vollenden wird. „Es kommt einer, der stärker ist als ich“, verkündet er. Der Stärkere ist kein anderer als ein König, der mit göttlicher Hilfe Israel wieder zu einem selbständigen Staat verhilft (Lk 3,16). Daher die Ankündigung: „Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe“ (Mt 3,2). Die Johannestaufe ist der erste Akt im großen Drama der Erlösung, in dem Gott die Heiligkeit und den Ruf seines Namens dadurch verteidigt, dass er die politische Freiheit und Ehre seines Volkes wiederherstellt. Wie bei Ezechiel, so ist auch für Johannes die Heiligung des göttlichen Namens mit der Heiligung Israels eng verknüpft (95f).

Bei der Johannestaufe wurde vermutlich der Name Gottes angerufen, d. h., dass Johannes 'im Namen Gottes' taufte. Er versah seine Anhänger mit einem unsichtbaren Zeichen, das sie als Mitglieder des wahren Israel kenntlich machte, sobald der jüdische Staat wiederhergestellt war. Er weihte sie zu Bürgern des neuen Reichs. Der Errichtung des Reichs Gottes wird ein großer Umsturz vorausgehen, bei dem alle heidnischen Reiche (nicht nur das römische) zusammen mit den untreuen Juden vernichtet werden. „Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe. Ihr Schlangenbrut, wer hat euch gelehrt, dass ihr dem kommenden Gericht entrinnen könnt? Schon ist die Axt an die Wurzel der Bäume gelegt; jeder Baum, der keine gute Frucht hervorbringt, wird umgehauen und ins Feuer geworfen“ (Mt 3,2.7.10). In den Wirren des Kriegs wird das bei der Taufe empfangene unsichtbare Zeichen als Schutzzeichen dienen, denn wenn die Engel Gottes das Römische Reich zerstören, werden die Getauften erkannt und verschont. Auch Ezechiel kennt ein solches Schutzzeichen (Ez 9, 4) (96).

(3) Das VU beinhaltet die wesentlichen Anliegen des Täufers

(1) „Unser Vater … dein Name werde geheiligt“

In den ersten drei Bitten des VU sind Gottes Name, sein Reich und sein Wille Subjekt von Handlungen, ohne dass der Handelnde selbst genannt wird. Gott wird gebeten, seinen Namen zu heiligen, sein Reich zu gründen und seinen Willen zu verwirklichen. Eine Paraphrase kann lauten: 'Stelle die Heiligkeit deines Namens wieder her, indem du den Ruf derer wiederherstellst, die durch die Taufe des Johannes deinen Namen tragen'. So verstehen wir auch, warum manche Handschriften die Bitte „dein Reich komme“ durch die Bitte „dein heiliger Geist komme auf uns und reinige uns“ (Lk 11, 2) ergänzen. Die Bitte um den Geist erläutert die Bitte um das Reich: Gott wird sein Reich aufrichten, indem er seinen reinigenden Geist sendet. Ezechiel spricht sowohl von der Sendung des Geistes als auch von der Reinigung, ohne die beiden Handlungen miteinander zu verknüpfen. Die Verknüpfung mag sich einem Jesajawort verdanken: Jahwe wird durch „den Geist des Gerichts und den Geist der Läuterung“ Jerusalem reinigen (Jes 4, 4) (97).

Die Anrede Gottes

Die jüdische Gebetssprache kennt mehrere Möglichkeiten der Anrede Gottes; neben Vater auch Jahwe, Gott, König und Herr. Die Vateranrede wird in lebensbedrohenden Lagen bevorzugt. Im Hebräischen verbindet sich das Wort Vater mit dem Wort 'Erlöser', einem Ausdruck, der den zur Hilfe verpflichteten männlichen Verwandten bezeichnet: „Du, Jahwe, bist unser Vater. Unser Erlöser von jeher wirst du genannt … Uns geht es, als wärest du nie unser Herrscher gewesen, als wären wir nicht nach deinem Namen benannt“ (Jes 63,16.19). Im VU verleiht die Vateranrede dem Flehen um nationale Befreiung besondere Dringlichkeit (97).

(2) „Dein Reich komme“

'Komm und richte deine Herrschaft auf! Stelle den unabhängigen jüdischen Staat wieder her'! Das neue, bereits von Ezechiel angekündigte jüdische Gemeinwesen wird das Reich Gottes sein: „Ihr werdet mein Volk sein, und ich werde euer Gott sein“ (Ez 36,28). Gottes Königsherrschaft wird von seinem menschlichen Stellvertreter, einem König aus dem Geschlecht Davids, ausgeübt werden Ez 37,22-24. In Verkennung des ursprünglichen Sinns wurde das Reich Gottes oft als ein weltumspannender Staat vorgestellt, der erst nach dem Ende der menschlichen Geschichte errichtet wird, als ein von Gott oder Christus auf wunderbare Weise selbst regiertes Gemeinwesen, das nicht von dieser Welt ist. An einen solchen Staat dachten Johannes der Täufer und sein Kreis gewiss nicht. Für sie war das Reich Gottes ein verhältnismäßig kleiner, von einem Menschen regierter Staat in Palästina. Die zweite Bitte verrät den politischen Charakter der Predigt und der Hoffnung des Johannes (97f).

Eine Eigenart des VU ist die konzentrierte sprachliche Gestalt, die sich kurzer formelhafter Ausdrücke bedient. Es handelt sich um ein bewusst eingesetztes Stilmittel, denn jüdische Gebete konnten auch auf die wortreiche Sprache zurückgreifen: VU: „Unser Vater – dein Reich komme“. dagegen Jesus Sirach: „Rette uns, du Gott des Alls, und wirf deinen Schrecken auf alle Völker! Schwinge deine Hand gegen das fremde Volk, damit es deine mächtigen Taten sieht... Beuge den Gegner, wirf den Feind zu Boden! … Sammle alle Stämme Jakobs, verteil den Erbbesitz wie in den Tagen der Vorzeit“! (Sir 36,1-3.13.16) (98).

VU: „Dein Name werde geheiligt“. Jesus Sirach: „Hab Erbarmen mit dem Volk, das deinen Namen trägt“ (36,17).

(3) „Dein Wille geschehe“

Lass uns deinen Willen tun, denn das ist das einzige Gesetz deines Reichs'! Im wiederhergestellten Gottesreich werden die Juden Gottes Willen erfüllen, wie Ezechiel angekündigt hat: „Ich lege meinen Geist in euch und bewirke, dass ihr meinen Gesetzen folgt und auf meine Gebote achtet und sie erfüllt“ (Ez 36,27). In dieser Bitte kann man das Echo eines alten Gebets der Synagoge sehen, der 'Großen Liebe': „Unser Vater, unser König!... Gib in unser Herz zu begreifen und zu verstehen, zu hören, zu lernen, zu hüten, zu erfüllen und zu erhalten alle Worte des Forschens in deiner Lehre“ (99).

(4) „Gib uns heute [täglich] das Brot, das wir brauchen“

Schenke uns eine reiche Ernte'! Ezechiels Verheißung lautet: „Ich rufe dem Getreide zu [sagt Jahwe] und befehle ihm zu wachsen. Ich verhänge über euch keine Hungersnot mehr. Ich vermehre die Früchte der Bäume und den Ertrag des Feldes, damit ihr nicht mehr unter den Völkern die Schande einer Hungersnot ertragen müsst“ (Ez 36,29f). Das Land wird dabei zu einem 'Garten Eden' (V 35). Die Erwähnung des täglichen Brotes spielt auf eine Geschichte im Pentateuch an. Auf seinen Wanderungen durch die Wüste ernährte Gott sein Volk mit täglichen Rationen von Manna, dem 'Brot vom Himmel' (Ex 16,4). Wie im AT ist das himmlische Brot reales Brot. „Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen“ (Lk 1,53). Für die Hungernden wird es eine reiche Ernte geben (99f).

(5) „Und erlass uns unsere Schulden [Sünden], wie auch wir sie unseren Schuldnern erlassen haben“

Vergib uns die Sünde des Götzendienstes und des Abfalls, wie auch wir denen vergeben, die uns besiegten und die uns auch jetzt noch bedrücken! Die Bedeutung dieser Bitte ist unklar, solange die zu verzeihende Sünde nicht genau bestimmt ist. Stimmt unsere Annahme, dass das VU ein politisches Gebet ist, dann kann es sich bei der Sünde nur um eine politische, nationale Sünde oder vielmehr um eine Anhäufung solcher Vergehen handeln. Die Sünden müssen jene sein, die zur Bestrafung mit der Zerstörung Jerusalems und der Verschleppung ins Babylonische Exil führten. Sobald Gott vergeben hat, kann die Rückkehr der Verbannten in ihre Heimat erfolgen. Salomo betet: „Wenn dein Volk Israel von einem Feind geschlagen wird, weil es gegen dich gesündet hat, und dann wieder zu dir umkehrt, deinen Namen preist und in diesem Haus [dem Jerusalemer Tempel] zu dir betet und fleht, so höre du es im Himmel! Vergib deinem Volk Israel seine Sünde; lass sie in das Land zurückkommen, das du ihren Vätern gegeben hast“ (1Kön 8,33f). In ähnlicher Weise fleht Daniel, nachdem er die zur Verbannung führenden Sünden aufgezählt hat, Gott um kollektive Vergebung an: „Herr, erhöre! Herr, verzeih! Herr, vernimm das Gebet und handle! Mein Gott, auch um deiner selbst willen zögere nicht! Dein Name ist doch über deiner Stadt und deinem Volk ausgerufen“ (Dan 9,19). Daniels Gebet bittet wie das VU um Vergebung und bezieht sich auf den Namen Gottes; beides gehört zur Sprache des politischen Gebets im Frühjudentum (100).

Als Gott Israels Nachbarn aufgeboten hatte, sein Volk zu bestrafen und dessen Staat zu zerstören, kam es im 6. Jh v. Chr. zu Hass und Feindschaft zwischen Israel und seinen Gegnern, besonders den Babyloniern, Edomitern und Ammonitern. Wenn Gott seinem Volk wieder verzeiht und dessen Unabhängigkeit wiederherstellt, muss auch die Feindschaft zwischen Israel und seinen Nachbarvölkern enden. Dass ein solcher Zustand vorstellbar war, zeigt das prophetische Wort: „An jenem Tag wird Israel als drittes dem Bund von Ägypten und Assur beitreten zum Segen für die ganze Erde. Denn Jahwe der Heerscharen wird sie segnen und sagen: Gesegnet ist Ägypten, mein Volk, und Assur das Werk meiner Hände, und Israel, mein Erbbesitz“ (Jes 19,24f). Israel muss dem Wunsch entsagen, „Vergeltung zu vollziehen an den Völkern, an den Nationen das Strafgericht“ (Ps 149, 7f). Die Wendung „wie auch wir sie unseren Schuldnern erlassen“ enthält demzufolge eine wichtige politische Vision (100f).

Die vergebende Haltung gegenüber Israels traditionellen Feinden scheint der göttlichen Verzeihung vorauszugehen und diese vielleicht sogar 'vorzuahmen', in ähnlicher Weise wie die Johannestaufe Gottes eigene Reinigung des Volkes 'vorahmt'. Hat Israel seinen Feinden vergeben, dann 'muss' Gott auch seinem Volk verzeihen – und dessen einstigen glorreichen Zustand wiederherstellen! Zuerst kommt die symbolische Reinigung, dann folgt Gottes Vergebung der nationalen Sünden (die Beseitigung gewisser Verfehlungen), wobei der letztgenannte Akt mit der Wiederherstellung des jüdischen Staates zusammenfällt. Johannes vergibt keine Sünden, sondern bereitet das Volk auf ein göttliches Eingreifen vor (101).

(6) „Führe uns nicht in Versuchung“

Unter 'Versuchung' versteht man die Verlockung zum Bösen und zur Sünde. Die Bitte ist daher gleichbedeutend mit der Formulierung 'stell uns nicht auf die Probe'. Im Pentateuch wird mehrfach davon berichtet, wie Gott sein Volk auf die Probe stellt. Er setzt Israel bestimmten Gefahren und Herausforderungen aus, um seine Treue zu prüfen. Eine solche Prüfung betrifft das Volk als ganzes. Es herrscht große Not, so dass das Volk versucht ist, Gott untreu zu werden und anderen Göttern zu dienen oder, mit der kargen Nahrung der Wüste unzufrieden, zu den Fleischtöpfen Ägyptens zurückzukehren. Die jedem Juden bekannte göttliche Prüfung ist die Babylonische Gefangenschaft. Durch die ausbleibende göttliche Hilfe enttäuscht, waren die Juden versucht, den Glauben an ihren Nationalgott aufzugeben und sich anderen Göttern zuzuwenden, von denen sie mehr Hilfe erwarteten. Die dauernde Fremdherrschaft im eigenen Land ist eine weitere, lang anhaltende Prüfung. Demnach bedeutet die VU-Bitte: 'Schicke uns keine weitere Notzeit, denn wir haben schon viele schwere Prüfungen erlebt' (101f).

(7) „Rette uns vor dem Bösen“

Mach unserem Elend ein Ende! „Du rettest Israel aus aller Not“, d. h. Du allein kannst uns aus der Not der Fremdherrschaft retten (2Makk 1,25). „O Gott, erlöse Israel aus all seinen Nöten“ (Ps 25, 22). Diese Nöte sind politischer Natur, und so bezieht sich auch die das VU abschließende Bitte auf die Befreiung von der Fremdherrschaft. Ähnliche Bitten stehen am Ende von Psalmen: „Hilf deinem Volk, und segne dein Erbe, führe und trage es in Ewigkeit“ (Ps 28,9). „Jahwe, Gott der Heerscharen, richte uns wieder auf! Lass dein Angesicht leuchten, dann ist uns geholfen“ (Ps 80,20). „Ach käme doch vom Zion Hilfe für Israel! Wenn Gott einst das Geschick seines Volkes wendet, dann jubelt Jakob, dann freut sich Israel“ (Ps 53,6) (102). 

(4) Der rituelle Gebrauch des VU

„Die Jünger des Johannes fasten und beten viel“ (Lk 5,33). Fasten und Beten gehören zusammen und bilden die öffentliche rituelle Reaktion auf eine Krise, sei sie von der Natur (Dürre) oder von Menschen (Fremdherrschaft / Verfolgung) verursacht. Vermutlich haben Johannes und sein Kreis in Erwartung des Gottesreichs das Fastenritual gepflegt. Wie die Taufe, so sollen auch VU-Gebet und Fasten das Kommen des großen Umschwungs in der politischen Geschichte des Judentums beschleunigen. Vermutlich hat Johannes das Fasten, an dem sich eigentlich alle Juden beteiligen sollten, als Teil einer kollektiven Kulthandlung verstanden. Die vielen individuellen Frömmigkeitsübungen schließen sich zu einem kollektiven Akt zusammen und lassen dieselbe Wirkung wie der öffentliche Gottesdienst erwarten: die Befreiung aus der Gewalt der Fremdherrscher und das Kommen des Gottesreichs (102f).

Taufe und Gebet bilden eine Einheit. Die Taufe reinigt und bereitet den einzelnen auf die Teilnahme am Gottesreich vor. Danach schließt sich der Neugetaufte den anderen in ihrem Gebet um das Kommen des Reichs an. Origines meint, Johannes habe das Gebet 'im Geheimen' gelehrt, und nicht allen, die sich taufen ließen, sondern nur jenen, die zusätzlich zur Taufe auch noch unterrichtet wurden. Offenbar gab es einen größeren Kreis der Getauften und einen engeren, exklusiven Kreis der eigentlichen, vom Meister belehrten Jünger. Diese Jünger praktizierten das vollständige Ritual mit der Abfolge von Fasten, Taufe und Gebet um das Kommen des Gottesreichs. Das VU ist kein Gebet für die Massen, sondern eines für die wenigen (103).

Die von Johannes dem Täufer abgehaltenen Gottesdienste enthielten offenbar drei wichtige Bestandteile: die Ankündigung der Wiederherstellung des jüdischen Staates, der als 'Gottesreich' bezeichnet wurde, die Taufe als Vorbereitung jener, die Bürger dieses Reichs werden sollten und die Rezitation des VU als Bitte an Gott, das Reich bald kommen zu lassen. Taufe und VU wollten Gott dazu bewegen, eine große Schicksalswende für das jüdische Volk herbeizuführen. Dem VU fiel es zu, den himmlischen Vater zu bitten, die alten prophetischen Verheißungen zu verwirklichen: 'Unser Vater im Himmel, erfülle für dein Volk Israel alles, was du durch deine Propheten verheißen hast' (103f).