4.2 Keine Eucharistiefeier in der Hebräergemeinde
(1) Der Verfasser des Hebräerbriefes ist ein Gegner jeder sakramentalen Abendmahlspraxis
(2) Das Abendmahl spielt im Hebräerbrief keine Rolle
(3) Der Brauch der Herrenmahlsfeier wird implizit ausgeschlossen
(4) Eine Vertiefung der teleiosis führt eine sakramentale Frömmigkeit ad absurdum
(5) The Eucharist did not belong to the range of the author's beliefs and experience
(6) Kein Herren-Leib-Essen in der Hebräerbriefgemeinde
(7) Es ist ausgeschlossen, an der Heilswirklichkeit auf kultische Weise teilzunehmen

(1) Der Verfasser des Hebräerbriefes ist ein Gegner jeder sakramentalen Abendmahlspraxis

O. Holtzmann

Hebr. 13,7-17: Führer, die bis zum Tod ihren Glauben bewahrt haben, haben das “Wort Gottes“ gebracht. Diesem “Wort Gottes“ stehen “schillernde, fremde Lehren“ gegenüber. Von solchen Lehren (Pl.) soll man sich nicht fortreißen lassen, “denn es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde durch (Gottes) Gnade, nicht durch Speisen...“ (13,9). Im Gegenstück ist das Vertrauen auf die Speise als Spenderin der Festigkeit des Herzens gedacht. Wir haben hier den Begriff einer sakramentalen Mahlzeit. Diesen Begriff bekämpft der Hebr (251f).

Das Abendmahl ist in der Geschichte der Christenheit die einzige Speise, durch die eine solche Kräftigung der Herzen erstrebt wurde. Die Opfermahle der Juden, zu denen sich die hebräischen Christen noch hingezogen fühlten, hatten nicht den Zweck, das Herz zu festigen. Die Abweisung jeder Speise als ein Festigungsmittel der Seele schließt die Abweisung einer solchen Beurteilung des christlichen Abendmahls in sich. Die schillernde, fremde Lehre beurteilt gewisse Speisen als Mittel, das Herz fest zu machen. Sie verlangt den Genuss der Speisen (252f).

Wie nach 9,13 das Blut von Böcken und Stieren und die Asche der Kuh das Bewusstsein nicht von Schuld reinigen konnte, so konnten Speisen das Herz nicht festigen. Gedacht ist an die jüdischen Opfermahle. Der Verfasser redet von ihnen nur deshalb, weil man vom christlichen Abendmahl eine “Festigung des Herzens“ erwartete. Die Bezugnahme auf die jüdischen Opfermahlzeiten weist darauf hin, dass Christen sich bei ihrer Beurteilung des Abendmahls auf eine ähnliche Beurteilung der im Gesetz vorgeschriebenen Opfermahlzeiten beriefen. Der Verf. sieht in der Hervorhebung der herzensfestigenden Speise eine Materialisierung des Versöhnungsgedanken. Alles Irdische ist ihm nur Schatten, nur Gleichnis, nur Nachbildung der wahren Wirklichkeit (8,5; 9,9.23;10,1) (253f).

Hebr 13,10: “Wir haben einen Altar, von dem die dem Zelt Dienenden nicht essen dürfen“. Die Christengemeinde hat einen Altar. Öfters ist vom Opfer Christi und vom Darbringen dieses Opfers gesprochen. Wo ein Opfer (9,26; 10,12), ein Darbringen (7,27; 8,3; 9,25.28; 10,12) statthat, da ist auch ein Altar schon in der Vorstellung dieser Bilder gegeben. Diese Stellen reden immer von der Selbsthingabe Christi. Jesus hat vor dem Stadttor gelitten (13,12), wie die Leiber der Opfertiere des Versöhnungstags außerhalb des Lagers verbrannt wurden. Der “Altar“, den “wir haben“ (13,10), ist der Altar, auf dem Jesus sich selbst zur Versöhnung geopfert hat (254).

Von diesem Altar darf die Gemeinde nicht essen. Es handelt sich um eine Mahlzeit, deren Speisen von dem Altar genommen sind, auf dem Christus sich selbst geopfert hat: es handelt sich um ein Essen vom Leibe Christi. Das ist die später herrschende Deutung des Abendmahls, die der Verfasser rundweg ablehnt (255).

Die “schillernde, neue Lehre“ behauptet, dass die Christen durch ihr heiliges Mahl an dem einen für sie gebrachten Opfer teilhätten. Wie bei einem großen Opfer auf dem Altar in der jüdischen und heidnischen Welt oft für viele Opfergesellschaften die Tische gedeckt waren, so werde auch für die vielen Christen immer wieder der Tisch gedeckt, nachdem der christliche Hohepriester sich selbst Gott dargebracht hat. Gegen diese Auffassung erhebt der Hebr den Einwand, dass auch nach atl Vorschrift von den Opfern des Versöhnungstages ein Opfermahl nicht gehalten wurde: “Denn die Leiber der Tiere werden draußen vor dem Lager verbrannt, deren Blut um der Sünde willen von dem Hohenpriester in das Heiligtum gebracht wird“ (13,11; Lev 16,27). Nach Hebr 9,12.14.24-26 tritt das Opfer Christi an die Stelle der Opfer des Versöhnungstages. Als Gott das Opfermahl am Versöhnungstag verbot, hat er nach dem Verständnis des Hebr auch die Beurteilung des Abendmahls als eines zur Versöhnungstat Christi gehörigen Opfermahls verboten. Im AT ist, wenn auch in unvollkommener Weise, alles das vorgebildet, was im Neuen Bund Wirklichkeit werden sollte (255f).

Nur was mit dem Opferfleisch am Versöhnungstag geschieht, scheint für die Auseinandersetzung wichtig zu sein. Weil die bekämpfte Richtung erklärte, dass im Abendmahl das Soma Christi zum Genuss gereicht werde, deshalb sagt der Hebr, dass die Somata der am Versöhnungstag geopferten Tiere vor dem Lager verbrannt werden mussten. Auch der Leib des ntl Versöhnungsopfers, das Soma Christi, darf von den Gläubigen nicht gegessen werden (256).

Aus der Übereinstimmung des Todes Jesu vor dem Stadttor und der Verbrennung der Opfertiere des Versöhnungstages vor dem Lager ergibt sich wieder die Folgerung, dass das Opfer Christi nicht für die Gläubigen zur Speise und zum Mahl werden darf. Das Soma Christi ist kein Gegenstand menschlicher Nahrung (256f).

Wir Gläubigen müssen zu unserm Herrn hinausgehen vor das Lager und müssen seine Schmach tragen. Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die künftige suchen wir“ (13,13f). Es gehört zum Wesen der Frömmigkeit, dass der Gläubige sich wie die Patriarchen (11,13f) auf Erden in der Fremde und auf der Wanderschaft weiß und ein besseres, himmlisches Vaterland sucht (257).

Die Christen haben kein Opfermahl. Der Tod Christi ist das große, einmalige, voll genügsame Versöhnungsopfer (1,3; 7,27; 9,11-14.23-28; 10,12). Zwei Arten von Opfern sollen die Christen Gott bringen: das Opfer des Lobes (13,15) und die Opfer der Wohltätigkeit und der Milde, an denen Gott sein Wohlgefallen hat (13,16) (257).

H.-M. Schenke: Die Möglichkeit, das Herantreten zum himmlischen Heiligtum sich als konkret im Herantreten an den Tisch des Herrenmahls erfolgend zu denken, fällt aus. Die Beziehung auf das Herrenmahl wäre dem Verfasser von seinen Prämissen aus so überaus leichtgefallen, dass der Umstand, dass er diese Beziehung gerade nicht zum Ausdruck bringt, hier das entscheidende Datum ist, weswegen damit zu rechnen ist, dass der Verfasser wie seine Adressaten den Brauch des Herrenmahls nicht kennen (433).

(2) Das Abendmahl spielt im Hebräerbrief keine Rolle

Der himmlische Kultus nach dem Hebräerbrief
M. Dibelius

Das zentrale Heilsereignis ist nicht die Kreuzigung oder die Auferstehung, sondern die Durchdringung der Himmel und der Eingang ins himmlische Heiligtum, d.h. die Erhöhung Christi, dargestellt als kultische Handlung des Sohnes, die auch den “vielen Söhnen“ (2,10) den Zutritt zu diesem Heiligtum eröffnet. Die Christen sind die “Herantretenden“, die durch den himmlischen Hohenpriester die vollendete Weihe erhalten (172).

Seitdem der himmlische Gottesdienst in Kraft getreten ist, hat der irdische seinen Eigenwert verloren. Die frühere Anordnung wird aufgehoben wegen ihrer Schwachheit und Nutzlosigkeit (7,18). Wenn Gott von der neuen Ordnung redet, so hat er damit die erste für veraltet erklärt (8,13); er will nach Ps 40,7-9 nicht Opfer noch Gabe (10,5). Er hebt das “erste“ auf, um das “zweite“ in Geltung zu setzen (10,9). Die alte Ordnung wird durch die neue nicht nur überboten (9,9-28) sondern außer Kraft gesetzt. Die Existenz des Melchisedek-Priestertums beweist, dass das Alte die vollkommene Weihe nicht gebracht hat (7,11). Das “vordere Zelt“ der alten Stiftshütte hat für die Gegenwart nur gleichnishafte Bedeutung: der alte kultische Apparat und der neue “Weg der Heiligen“ zum Himmel schließen sich aus (9,8f) (172f).

Der Hohepriester Christus hat “ein für allemal“ (7,27; 9,12; 10,10) endgültig getan, was zu tun war. Dieses “ein für allemal“ richtet sich gegen jeden antiken Kult, gegen das ganze kultische Wesen: es bedarf dessen nicht mehr! Wo Sündenvergebung ist, braucht es kein Sündenopfer mehr (10,18). Wo sich der Eintritt in den Himmel selbst vollzieht, ist es nicht mehr nötig, in sein irdisches Abbild einzugehen (9,24) (173f).

Die Versammlungen der Christen (Gottesdienst) ist kein Kultus im antiken Sinn. Es fällt auf, wie unfeierlich und unpriesterlich der Hebr von der “Versammlung“ der Christen redet (10,25). Man wird dabei zur Übung von Liebe und guten Werken ermuntert. Das Abendmahl spielt im Hebräerbrief keine Rolle. Die Bedrohung dessen, “der das Bundesblut für profan achtet, durch das er geheiligt worden ist“ (10,29), bezieht sich nicht auf das kultische Sakrament, sondern auf das Opfer Christi, durch das der Christ die vollkommene Weihe erlangt hat (174).

Im 1.Jh. gibt es eine Auffassung der Kirche, die aus theologischer Erkenntnis heraus, von jedem antiken Kultus-Gedanken weit entfernt ist. Opfer, Weihe, Eingang und Priesterdienst Jesu Christi im Himmel sind das einzige Kultmysterium, das für Christen noch Geltung hat. Dies aber ist einmalig und schließt jede Wiederholung aus. Es gibt keinen anderen Priester für Christen als nur den einen, der durch die Himmel gedrungen ist und uns damit den “neuen und lebendigen Weg“ eingeweiht hat (4,14; 10,20). Für Christen gibt es keinen anderen Kult als die Beteiligung an diesem himmlischen Mysterium (175).

Der “Gottesdienst“ dieser “Versammlungen“ der Christen soll die Christen reif machen, teilzunehmen an dem einzigen wirklichen “Gottesdienst“, dem Kultus im Himmel, dessen einziger “Hoherpriester“ Christus selbst ist (176).

Anhang: Hebr 5,7: Alles, was in diesen Worten befremdlich sein kann, findet sich in den Psalmversen: 42,6.12; 43,5; 22,25; 69,4; 31,23; 39,13 als Schilderung unschuldigen Leidens: Angst, Gebet, Schreien, Tränen, Erhörung. Die Darstellung des Hebr stellt eine Parallele zur Gethsemane-Szene dar. Das, was die ersten Christen über die Traurigkeit ihres Herrn aus dem AT herauslasen, ist hier im Rahmen jenes großen kultischen Geschehens gezeichnet, in dem der Verf. des Hebr das Heil sich vollenden sieht (172). 

(3) Der Brauch der Herrenmahlsfeier wird implizit ausgeschlossen

F. Laub

Die paränetische Konsequenz der Hohepriesterchristologie ist die Aufforderung zum “Hinzutreten“ (4,16; 10,22; vgl. 7,25; 10,1; 12,18.22). Sie ist die paränetische Entsprechung zu dem Heilsverständnis, das im christologischen “Hineingehen“ des Hohepriesters Jesus in das himmlische Allerheiligste zu Wort kommt (265).

Begriffe, die an die Abendmahlsberichte erinnern (Bund, Blut, Leib), sind Ausdruck der Gegenüberstellung des Alten Bundes mit dem Neuen Bund, Kult des Alten Bundes mit dem in kultischen Anschauungen ausgelegten, in sich völlig unkultischen christologischen Heilsgeschehen. Dieses Heilsereignis signalisiert für den Hebr die Erledigung jeglichen kultischen Bemühens (10,18). Von seinem Argumentieren in kultischen Anschauungen aus betrachtet wäre es für den Verf. naheliegend, direkt auf das Thema Abendmahl einzugehen. Dass er es nicht tut, macht sichtbar, wie sehr das Herrenmahl außerhalb seines theologischen Gesichtskreises liegt (266f).

Von der Gesamtkonzeption der Hohepriesterchristologie her entscheidet sich, wie die kultische Redeweise innerhalb der Paränesen verstanden werden muss. In den christologischen Abschnitten wird das unkultische Heilsereignis von Kreuz und Erhöhung mittels kultischer Anschauungen so in seiner Einmaligkeit und Endgültigkeit dargestellt, dass man zugestehen muss: Für den Verfasser gilt alles kultische Bemühen um Heil als erledigt. Deshalb muss auch die Kultsprache im Rahmen der Paränesen (der Aufforderung zum Hinzutreten) in einem nicht-kultischen Sinn gedeutet werden. Mit der Hohepriesterchristologie legt der Verf. das Gemeindebekenntnis aus, um seine Adressaten zur Glaubensausdauer zu motivieren (267).

Eine Aufforderung zum kultisch- sakramentalen Hinzutreten verträgt sich mit der Gesamtintension des Hebr nicht, vielmehr nötigt sie zu dem Schluss, dass die kultische Ausdrucksweise in den Paränesen nicht mehr und nicht weniger sagen will, als sonst die Glaubensparänese auch, nur eben jetzt in der neuen Akzentuierung einer auf kultischen Anschauungen beruhenden Sprache (268).

In der Interpretation von Erniedrigung und Erhöhung durch die Vorstellung vom hohepriesterlichen “Hineingehen“ hat der Verf. Leidensgehorsam und Kreuzestod so mit der Erhöhung zu einer theologischen Einheit verbunden, dass das christologische Heilsereignis als das hohepriesterliche Hineingehen in das wirkliche Allerheiligste, in die Unmittelbarkeit der Gegenwart Gottes selbst, erscheint. Die für die neue Heilswirklichkeit entscheidende Existenzweise in der Sarx (Kennzeichen der Erniedrigung) bedeutet das Gleichwerden mit den Brüdern, ein Gleichwerden, das in der Erfahrung der gleichen Anfechtungssituation konkret wird (2,17f; 4,15). Weil der erniedrigte Sohn die Anfechtung im Leidensgehorsam bestand und so vollendet wurde, “wurde er allen ihm Gehorchenden der Urheber ewigen Heils“ (5,8f). Parallel dazu erscheint in 9,11f die “ewige Erlösung“ als Erfolg des hohepriesterlichen Hineingehens ins Allerheiligste mit dem eigenen Blut. Die Aufforderung zum Hinzutreten verweist den Glaubenden daher nicht auf eine im Kult mögliche Vorwegnahme der eschatologischen Erfüllung, sondern auf das einmalige Heilsereignis von Kreuz und Erhöhung, das für immer den Zugang zu Gott erschlossen hat. Bei ihrem Gläubigwerden hat sich der Gemeinde diese eschatologische Heilswelt Gottes eröffnet (12,22ff). Zur eschatologischen Erfüllung gelangt sie durch fortwährendes Hinzutreten im Glauben, d.h. durch fortwährende Realisierung der Möglichkeit des neuen Gottesverhältnisses, wie dies durch Glaubensausdauer, durch Festhalten am Bekenntnis und an der Hoffnung geschieht. Die Aufforderung zum Hinzutreten und die Glaubensparänese gehören engstens zusammen (268f).

Das “Hinzutreten“ zu der in Christus angebrochenen Heilswirklichkeit kann nur in der Weise geschehen, wie sie die Glaubensparänese beschreibt: “Daher lasst uns hinausgehen zu ihm, außerhalb des Lagers, seine Schmach tragend“ (13,13). Das Hinzutreten wird hier als ein Herausgehen erklärt. Die Adressaten werden zu einem Verhalten gemahnt, das dem vom Hohepriester Jesus gewirkten Heil angemessen ist. Denn durch Leidensgehorsam und Kreuzestod, durch sein Hineingehen in das wirkliche Allerheiligste mit dem eigenen Blut wurde er der Urheber “ewigen Heils“ und “ewiger Erlösung“ (5,9;9,12). Die kultisch-sakrale Sphäre für die Gemeinde des Neuen Bundes wird als abgetan erklärt und zwar so entschieden, dass mit dieser theologischen Position auch der Brauch der Herrenmahlsfeier, wenn nicht in direkter Bezugnahme so doch implizit ausgeschlossen wird (13,9-17) (269f).

Das “Hinausgehen zu ihm, außerhalb des Lagers“ will der Verf. als Gegenreaktion gegen eine der “vielfältigen und fremden Lehren“ verstanden wissen, wonach das Herz statt mit Gnade mit Speisen gefestigt werden soll (13,9). Dabei handelt es sich um die Speise eines kultischen Mahles (“Altar“): “Wir haben einen Altar, von dem zu essen die dem Zelt Dienenden kein Recht haben“ (13,10). Der Text unterscheidet die mit “wir“ angesprochene Adressatengemeinde und “die dem Zelt Dienenden“ 270f).

Der Verf. stellt die fremde Lehre (13,9; 9,10), von der sich seine Leser nicht verführen lassen sollen, ihren Wert nach auf eine Stufe mit den kultischen Anordnungen des Alten Bundes und bezeichnet das dann als ein “Dem-Zelt-Dienen“. Das Phänomen des “Speisen-Essens“ ist mit dem “Altar“ der Gemeinde des Neuen Bundes nicht zu vereinbaren. Wie das Fleisch der Tiere (Lev 16,27; 13,11f), mit deren Blut der Hohepriester am Versöhnungstag in das Allerheiligste hineinging, nicht als Opferspeise gegessen, sondern außerhalb des Lagers verbrannt wurde, so hat “auch Jesus, damit er das Volk durch sein Blut heilige, außerhalb des Tores gelitten“. Mit “wir haben einen Altar“ kann nichts anderes gemeint sein als das Heilsereignis, das der Hebr als hohepriesterliches “Hineingehen in das Allerheiligste mit dem eigenen Blut“ auslegt und das er mit dem Ein-für-allemal in seiner Einmaligkeit und Endgültigkeit hervorhebt (271).

Mit diesem Altar verträgt sich keinerlei kultisches Essen und es können an ihm diejenigen keinen Anteil haben, die meinen, das Herz mit Speisen festigen zu müssen. Anteil an diesem Altar bekommen, kann man nur im “Hinausgehen zu ihm, außerhalb des Lagers, seine Schmach tragend“ (13,13). D.h. das Verhalten, das dem “Altar“ der Gemeinde des Neuen Bundes angemessen ist, ist nicht das kultisch-sakramentale Essen, sondern jenes, das der Verf. in den Glaubensparänesen seinen Lesern nahebringen möchte (271f).

Die Art, wie der Hebr das Speisen-Essen als für die Gemeinde des Neuen Bundes als unzulässig und nutzlos erklärt, macht es unwahrscheinlich, dass in dieser theologischen Position Raum war für das Abendmahl und das Essen des Herrenleibes. Die Verse 13,16f sind eine Bestätigung für die Abneigung des Hebr gegenüber allem Kultisch-Sakramentalen. Als Gegensatz zu dem abgelehnten Essen von Speisen bezeichnet der Verfasser das “Lobopfer“, das “Wohltun“ und das “Gemeinschaft-Pflegen“ als die Opfer, an denen Gott Gefallen findet (272).

(4) Eine Vertiefung der teleiosis führt eine sakramentale Frömmigkeit ad absurdum

G. Theißen

Die Formel: “Jesus Christus gestern und heute und derselbe und auch in Ewigkeit“ (13,8) kontrastiert mit den “fremden und vielfältigen Lehren“ (13,9). Sie versprechen “durch Speisen“ das Herz zu festigen. In 9,9f wird diese Anschauung zurückgewiesen: Auf Grund von Speisen, Getränken und verschiedenen Waschungen kann der Dienende in seinem Gewissen nicht vollendet werden. Der Wendung “das Herz festigen“ (13,9) entspricht “das Gewissen vollkommen machen“ (9,9). Vollkommen machen und festigen beziehen sich auf die Teilhabe am Heil. In 13,9 wird die Auffassung abgelehnt, dass durch die Sakramente das Heil garantiert werden kann: “nicht durch Speisen, von denen keinen Nutzen haben, die damit umgehen“. In 7,18 wird das alte Gebot als “nutzlos“ bezeichnet, “denn das Gesetz hat nichts vollendet“. Ohne Nutzen sein meint die Unfähigkeit, eine erhoffte Vollendung zu geben. In diesem Sinn sind auch die christlichen Sakramente unnütz (76f).

Auf die negative Feststellung, dass Speisen nicht vollenden können, folgt positiv: “wir haben einen Opferaltar“ (13,10). Der Gegensatz ist sinnvoll, wenn die Speisen (wie in 9,9f) als Opfer aufgefasst werden. Im Hebr geschieht der wahre Opferkult im Himmel. Parallel zu “wir haben einen Altar“ steht, “denn wir haben hier keine bleibende Stadt“ (13,14). Der Altar gehört nicht zu dieser Welt, sondern zur zukünftigen Stadt. Er liegt außerhalb des Zeltes. “Wir haben einen Opferaltar, von dem zu essen, die dem Zelt Dienenden kein Recht haben“, d.h. wer dem Zelt dient, bleibt in der irdischen Stadt, wer am wahren Opferaltar teilhat, muss sie verlassen. Die dem Zelt Dienenden sind Vertreter jener mysterienhaften Abendmahlsauffassung, die schon in Kap. 9 verworfen wurde: wer Brot und Trank opfert, handelt dem ersten Zelt gemäß. Er hat keinen Zugang zum Allerheiligsten. In 8,1ff steht Christus als Diener am wahren Zelt den Dienern des Zeltes gegenüber, die vom wahren Altar ausgeschlossen sind. Wie dort, so dient auch hier der Versöhnungstag dazu, die Abwertung der Sakramente zu legitimieren. Weil es sich um Sühneopfer handelt, kann sich der eigentliche Altar nur außerhalb des Lagers befinden: denn die Körper der Tiere werden bei Sühneopfern außerhalb des Lagers verbrannt. Zum Schluss (13,15f) zeigt der Verfasser die Möglichkeit eines christlichen 'Opferkultes' in der Gegenwart: durch Christus, den himmlischen Hohenpriester, opfert die Gemeinde Lob, Bekenntnis und gute Werke (77f).

Der Hebr muss auf dem Hintergrund einer Frömmigkeit verstanden werden, für die der Kult im Mittelpunkt steht: Einführung ins vollkommene Christentum ist hier Einführung in seine sakramentale Praxis geworden. Das Abendmahl gilt in Analogie zum atl Kult als Opfer. Es verleiht Vollkommenheit und Festigkeit. Wer an ihm teilnimmt, wird von himmlischen Kräften durchströmt. Er hat die Sphäre des Vergänglichen und des alten Äons verlassen. Pneumatische Erfahrungen heben ihn über diese Welt hinaus (85).

Der Hebr erinnert an die bekannten Abendmahlsmahnungen. Ihm geht es um deren Forderung, dass der Abendmahlsteilnehmer frei von Sünde ist. Diese Forderung gilt so unbedingt, dass ihre Verletzung Verlust des Heils wäre. Die Grundstimmung des Hebr ist das Erschrecken vor der göttlichen Majestät, vor jener dunklen und lodernden Gewalt, die er im Bild des Feuers beschwört. Das Gericht Gottes erscheint ihm als Brand (6,8), Gottes Eifer als Feuer, das die Widersacher verzehrt (10,27). Am Sinai erschien er in Dunkelheit, Sturm und Feuer, so dass ihn niemand ertragen konnte (12,18-21). Er ist ein verzehrendes Feuer (12,29). Schrecklich ist es, in seine Hände zu fallen (10,31). Wie können wir diesem Gericht entkommen (2,3)? Erst wenn man das Erschrecken vor der Majestät Gottes und vor der Sünde kennt, begreift man die Bedeutung Christi als Hoherpriester (86).

Angesichts der Erfahrung des unbedingt fordernden Gottes versagen “Speisen und Getränke“. Sie können keine Zuversicht geben, Gott zu nahen und zur Vollendung zu kommen. Vollkommenheit ist nicht die Teilhabe an himmlischen Kräften und pneumatischen Erlebnissen, sondern Freiheit von der Sünde. Sündenvergebung ist durch wiederholte Opfer nicht möglich, sie schaffen nur eine Erinnerung an die Sünden (10,3). Daher kann das Abendmahl als immer wiederholtes Opfer keine Vollkommenheit geben. Die Vertiefung der teleiosis führt eine sakramentale Frömmigkeit ad absurdum (86).

Der Abwertung der Sakramente entspricht eine Aufwertung des einmaligen Christusgeschehens: Nur das Opfer Christi schafft die teleiosis, in deren Mittelpunkt die Sündenvergebung gerückt ist. Jer 31,31ff: Die wichtigste Gabe des Neuen Bundes ist die Sündenvergebung (10,16). Alle Opfer sind dadurch überflüssig geworden. Das himmlische Kultmysterium tritt an die Stelle der mysterienhaften Kultpraxis auf Erden (87).