Anhang

1. Der Apostolikumstreit

L.M.: Das Apostelikum ist nicht verpflichtend, weil es die Vielfalt ntl Entwürfe nicht beachtet. Die himmlischen Wohnungen (Joh 14,2f): "In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen ... Und wenn ich hingehe, euch die Stätte zu bereiten, will ich wiederkommen und euch zu mir nehmen, damit ihr seid, wo ich bin".

Der Hebräerbrief: Das verheißene Gut der Rettung besteht nicht in der Parusie Christi auf Erden, sondern im Einzug in das himmlische Allerheiligste. Die universale Eschatologie hat sich in eine individuelle Eschatologie gewandelt. Der Glaubende begegnet Christus in seinem persönlichen Tod und gewinnt dadurch endgültig das Leben. Der soteriologische Lebensgewinn realisiert sich für den Einzelnen in der nach seinem Tod durch Christus ermöglichten Teilnahme an der himmlischen Festversammlung (12,22-24) (W. Eisele 388)

Verschiedene Christologien:

a. Die Adoptionschristologie: "Du bist mein lieber Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen" (Markus 1,11)

b. Jesus ist seit seiner Geburt Sohn Gottes (Matthäus, Lukas)

c. Die trinitarische Christologie des JohEvs

Pluralität im 1. Jh. innerhalb von 60 Jahren. Die Vorstellung, dass es ca. 2000 Jahre später einen einheitlichen christlichen Glauben gäbe, ist Utopie. 

Lehrgesetz oder Glaubenszeugnis?

H. Kasparick: Der Apostolikumsstreit ist leidenschaftlich und heftig geführt worden, weil sich am Apostolikum die brennenden Fragen und Probleme der Gegenwart konzentrierten. Es geht um das Bedürfnis nach einem einheitlichen Verständnis der Wirklichkeit. Die Teilhabe an der wissenschaftlichen Methodik der Zeit, an der allgemeinen Voraussetzung eines prinzipiell gleichartigen Wirklichkeitskontinuums in den Natur- und Geschichtswissenschaften und die vehement verteidigte Freiheit der Forschung gehören für alle liberalen Theologen zum notwendigen Ausgleich der Theologie mit dem vernünftigen Wissen der Moderne. Gerade wissenschaftlich gebildete Theologen und Laien vermochten es nicht einzusehen, weshalb es zum Bestand der Gemeinschaft notwendig sein soll, ein Bekenntnis oder ein Dogma hinzustellen, das wenigstens nach außen, mit dem bestimmten Anspruch auftritt, daß es im ganzen und in allen seinen Teilen den zutreffenden Ausdruck der religiösen Überzeugung aller Gemeindeglieder bildet (81f).

Die Einheit der Kirche besteht in der Christusidentität, dem einen Geist, dem einen Herrn Jesus Christus und dem einen Gott und Vater.

Die Geschichte des Apostolikumstreits

W. Nigg

Der Fall Schrempf

1891 entschied Pfarrer Christoph Schrempf, zukünftig keine fragwürdigen Rücksichten mehr gelten zu lassen und nie mehr eine Glaubensäußerung zu tun, die er nicht vertreten könne. Bei der nächsten Taufe ließ er das Apostolikum weg, das in der Liturgie vorgesehen war. Die Anwesenden bemerkten die Weglassung des Apostolikums nicht, doch war Schrempfs Gewissen deshalb nicht weniger belastet. Er wünschte keine unerlaubten Heimlichkeiten und machte deshalb der Oberkirchenbehörde von seiner Handlungsweise sofort Mitteilung. In einem längeren Schreiben gab er der Behörde sehr ehrlich über seine Glaubenseinstellung Rechenschaft. Bei der nächsten Taufe ließ er sich nach dem Rat des Prälaten Walcher durch einen Kollegen vertreten. Um unkontrollierbaren Gerüchten die Spitze abzubrechen und die Gemeinde richtig zu orientieren, brachte Schrempf seine Stellung auf der Kanzel zur Sprache. Die Kirchenvorsteherschaft der Gemeinde beschwerte sich beim Konsistorium. Das Konsistorium beschuldigte hierauf Schrempf seine Gemeinde durch seine Mitteilung von der Kanzel aus in ihrem Glauben verletzt und verwirrt zu haben. Gegen diesen Vorwurf legte Schrempf sofort Protest ein, weil dies seine unbedingte, sittliche Pflicht gewesen sei. Die Behörde ordnete eine Vertretung Schrempfs durch einen anderen Pfarrer an und leitete das Disziplinarverfahren auf Entlassung ein. Als Antwort teilte Schrempf dem Konsistorium offen mit: „Die Lehr- und Gottesdienstordnung unserer Kirche ist unter den gegenwärtigen kirchlichen und theologischen Verhältnissen eine sittliche Unordnung. Das Verlangen an den einzelnen Geistlichen, sich ihr unbedingt zu fügen, ist eine sittlich sehr bedenkliche Zumutung. Die übliche Verpflichtung des evangelischen Geistlichen ist unter den gegenwärtigen kirchlichen und theologischen Verhältnissen eine Schlinge für das Gewissen“. Nach dieser kühnen Eingabe setzte das Konsortium Schrempf sofort frist- und pensionslos ab. Schrempf war darüber stark aufgebracht, dass die Kirchenbehörde mit Wissen einen ketzerischen Theologen gebraucht, solange er zu heucheln bereit ist, von dem Moment an aber, da ihm sein Gewissen schlägt, ihn aus dem Kirchendienst entläßt (264f).

Die ‘Fälle’

Es waren die verschiedensten Motive, die den Gegenstand der Konflikte bildeten. Bald war es der Nichtgebrauch des Apostolikums und dann wieder die sozialen Interessen oder die Insubordination gegen die kirchliche Behörde, was Anstoß erregte. Aber immer waren es liberale Momente, die die orthodoxe Kirchenleitung nicht zu dulden gewillt war, hinter deren Vorgehen die offenkundige Absicht lauerte, den religiösen Liberalismus aus Kirche und Universität hinauszudrängen (263).

Die Fälle beginnen als die Restaurationstheologie nicht mehr gewillt war, eine abweichende Lehrmeinung neben sich zu dulden, und liberale Pastoren ihres Amtes entsetzt wurden: um 1840 Rupp, Wislicenus, Uhlich, 1854 G.C. Bartholdi, 1857 A.E. Fritz, 1858 Michael Baumgarten, um 1862 Oberprediger Melcher, 1872 Adolf Sydow und E.G. Lisco, gegen die eine Disziplinaruntersuchung eingeleitet wurde, die aber ohne ernstliche Folgen blieb, 1878 Albert Kalthoffs. Wilhelm Benders entging einer Dienstentlassung weil er von der theologischen in die philosophische Fakultät wechselte, 1891 Klein, Kier und Ziegler, 1892 Schrempf, 1895 Heinrich Lisco, 1896 Friedrich Steudels, 1897 Wendeburg, Kötzschke, Weingart, 1898 Hillemanns, Blazejewski, Urbahrt und Neidhart. 1899 verlangten 193 Geistliche vom Kultusministerium die Absetzung von Prof. Otto Baumgarten in Kiel, dieses Ansinnen beantworteten die Universitätskollegen mit dessen spontaner Wahl zum Rektor, 1904 Max Fischer, 1911 Jatho, 1913 Traub, 1922, Leimbach, 1924 Pfarrer Knote (262f).

In all den Fällen hat nicht nur die Kirche, sondern auch der religiöse Liberalismus Deutschlands versagt. Wenn die liberalen Pastoren, die in diesen Fällen doch stets moralisch mitverurteilt worden waren, wie ein Mann geschlossen aufgestanden wären und unmissverständlich erklärt hätten: Wir denken und lehren das Gleiche wie der Angeklagte, wenn ihr ihn absetzt, so müsst ihr auch uns absetzen, hätten die Konflikte einen ganz anderen Verlauf genommen. Als sich im Fall Leimbach 54 Pfarrer mit ihm solidarisch erklärten, kam die Kirchenbehörde in fatale Verlegenheiten und hüllte sich aus Furcht vor einem großen Skandal in Schweigen (275).

Die Pfarrer sind moderne Menschen und haben als solche die neuzeitliche Bibelkritik und Dogmengeschichte in sich aufgenommen. Sie mußten sogar nach dem Willen der Kirche diese Wissenschaften durch ihr Studium in sich aufnehmen; denn die Kirche hat im Unterschied zu den Sekten auf die Universitätsausbildung ihrer Diener stets großen Wert gelegt. Nachdem sich diese Theologen diese wissenschaftlichen Ergebnisse zu eigen gemacht haben, werden sie in ihrer amtlichen Tätigkeit aber genötigt, eine geistige Welt zu vertreten, die so ziemlich im Gegenteil dessen besteht, was sie auf den Universitäten gehört haben. Daraus musste eine Gewissenskollision resultieren. Wenn eine protestantische Kirche spricht: „Wer sein Gewissen höher stellt als die Kirchenordnung, muss aus der Kirche entfernt werden“ spricht sie das Todesurteil über sich selbst. Denn wenn Luther in Worms dieser Verpflichtung nachgekommen wäre, hätte es nie eine Reformation gegeben (276f).

Der eigentliche Apostolikumstreit 1892/93

Die historische Forschung zeitigte das eindeutige Resultat, dass das Apostolikum nachapostolischen Ursprungs ist, verschiedene Wandlungen durchgemacht hat und in seiner heutigen Form das Taufsymbol der südgallischen Kirche in der zweiten Hälfte des 5. Jhs. war. Dieses Apostolikum als verpflichtendes Bekenntnis war seit dem Erwachen der neuzeitlichen Religiosität für viele Theologen ein Gegenstand ernster Bedenken. Mit dem Aufkommen der historisch-kritischen Forschung, die genau feststellte, was jeder dieser Sätze wirklich sagen wollte, war eine Selbsttäuschung unmöglich geworden. Man konnte sich nicht mehr der Einsicht verschließen, dass zwischen Apostolikum und moderner Christlichkeit eine tiefe Kluft besteht (279f).

Die Orthodoxie vermochte damals die, den Wahrheitsgehalt des Apostolikums bezweifelnden, liberalen Pastoren nicht aus der Kirche hinauszudrängen, und der religiöse Liberalismus Deutschlands vermochte nicht sich von seinem Gebrauch zu dispensieren. Der Gewissenskonflikt blieb bestehen, und viele liberale Pfarrer versuchten, ihn durch Anbringung einer ihre Vorbehalte andeutenden Einleitungsformel zu umgehen (280).

Der eigentliche Apostolikumstreit war aus Schrempfs ‘Fall’ als Folge einer Gewissensnot erwachsen. Er war eine Auflehnung der Wahrheit gegen ein nicht mehr als wahr empfundenes Bekenntnis. Es ging in dieser Frage um die Ehrlichkeit und Echtheit der intellektuellen Existenz des Theologen. Adolf Harnack, Professor für Kirchengeschichte an der Universität Berlin, war mit seinen Studenten einig, dass durch den ‘Fall Schrempf’ der gebotene Anlass entstanden sei, die Frage über die Geltung und den Gebrauch des Apostolikums neu aufzuwerfen. In einem Artikel in der ‘Christlichen Welt’ führte Harnack aus, er „teile mit seinen Studenten die Ansicht, dass es der evangelischen Kirche ziemen würde, an die Stelle des Apostolikums oder neben dasselbe ein kurzes Bekenntnis zu setzen, das das in der Reformation und in der ihr folgenden Zeit gewonnene Verständnis des Evangeliums deutlicher und sicherer ausdrückte und zugleich die Anstöße beseitigte, die jenes Symbol in seinem Wortlaut vielen ernsten und aufrichtigen Christen bietet“. Seine geschichtliche Würdigung des Symbols schließt mit den Worten: „Allein man vermisst den Hinweis auf die Predigt Jesu, auf die Züge des Heilandes der Armen und Kranken, der Zöllner und Sünder, auf die Persönlichkeit, wie sie in dem Evangelium leuchtet. Das Symbol enthält eigentlich nur Überschriften. In diesem Sinne ist es unvollkommen; denn kein Bekenntnis ist vollkommen, das nicht den Heiland vor die Augen malt und dem Herzen einprägt“ (280f).

In seiner Erwiderung auf Cremers Streitschrift schrieb Harnack: „Wenn die geschichtliche Untersuchung feststellt, dass die Zeugnisse unsicher und unzureichend sind, kann keine Dogmatik und kein Glaube sie sicher und zureichend machen“.

Die Erklärung der Freunde und Mitarbeiter Harnacks in der ‘Christlichen Welt’ trat den kirchlichen Protestkundgebungen gegen Harnack entgegen: „Wir denken nicht daran, der evangelischen Kirche das sog. apostolische Glaubensbekenntnis nehmen zu wollen, aber wir bestreiten, dass die Geltung dieses Symbols in der Kirche und sein kirchlicher Gebrauch, Geistliche und Laien in juridischer Weise zur Anerkennung aller seiner einzelnen Sätze verpflichte. Ein evangelischer Christ ist jeder, der im Leben und Sterben sein Vertrauen allein auf Jesus Christus setzt, und wir wünschen, dass anstatt unevangelischen Pochens auf einzelne Lehrsätze dieser unzweifelhafte Grundgedanke evangelischen Christentums offen als solcher anerkannt werde (282f).

Dem religiösen Liberalismus war es in Deutschland nicht beschieden, jene Freiheit zu erringen, die er sich in der Schweiz schon um 1860 erobert hatte. In Deutschland blieb der ganze Apostolikumstreit ohne Resultate (284).