12. "Zur Freiheit berufen" (Gal 5,1.13) - versöhnte Verschiedenheit

Die Freiheit des Glaubens und die Einheit der Christen

Ohne Verwirklichung der christlichen Freiheit keine kirchliche Einheit

Wer bestimmt, was ich glaube?

"Warum sollte ich das Gewissen eines anderen über meine Freiheit urteilen lassen" (1Kor 10,29).

Wir sind nicht Herren über euren Glauben” (2Kor 1,24)

Paulus Kampf um die Glaubensfreiheit der Heidenchristen

"Hier ist nicht Jude noch Grieche [..], denn ihr alle seid einer in Christus Jesus" (Gal 3,28).

"Ihr aber seid der Leib Christi und jeder Einzelne ist ein Glied an ihm" (1Kor 12,27)

"Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit" (nicht Beliebigkeit) (2Kor 3,17).

W. Klaiber (2009): Seit den Anfängen gibt es in christlichen Gemeinden und Kirchen unterschiedliche Meinungen zu Fragen des Glaubens und des Lebens, die das Miteinander belasten oder behindern. Paulus ruft in einer solchen Situation die Christen in Rom auf, sich trotz dieser Meinungsunterschiede gegenseitig als Menschen, die zu Christus gehören, anzunehmen. Uns steht kein Urteil über die zu, die Christus gegenüber verantwortlich sind (246f).

Der ist glücklich zu preisen, der zu seiner Freiheit steht, sie aber in der Liebe lebt. Es gibt Entscheidungen über das Leben als Christ, die nur richtig sind, wenn sie für uns persönlich mit dem übereinstimmen, was uns im Glauben trägt (254f).

In Galatien ging es nicht darum, Judenchristen Raum für die ihnen angemessen scheinende Lebensweise zu gewähren, sondern darum, für alle Christen die Beschneidung und die Einhaltung des Gesetzes verbindlich zu machen. Dadurch sah Paulus die Grundlagen des Evangeliums und der Freiheit, die es schenkt, gefährdet.

In Antiochien suchten Petrus und die Judenchristen nicht nach Wegen, durch die die Gemeinschaft zwischen den beiden Gruppen hätte aufrecht erhalten werden können. Sie sahen nur in der Trennung eine Lösung.

In Antiochien waren diejenigen, die sich trennten in der Mehrheit. Paulus spürte in ihrem Handeln einen unausweichlichen Zwang auf die Heidenchristen, um der Gemeinschaft willen ihre Glaubensüberzeugung aufzugeben.

Paulus unterscheidet klar zwischen Situationen, in denen er empfiehlt, auf die Ausübung der eigenen Freiheit zu verzichten, weil andere gefährdet sind, und solchen, in denen er vehement für die Freiheit in Christus eintritt, weil die Freiheit gefährdet ist (256).

Röm 14.17: "Das Reich Gottes besteht nicht in Essen und Trinken, sondern in Gerechtigkeit und Frieden und Freude im Heiligen Geist".

Was heute das Miteinander in die Zerreißprobe führt, ist z.B. das Schriftverständnis. Da gibt es die, die sich durch Tradition und eigene Erkenntnis an ein 'wörtliches' Verständnis gebunden wissen, und da gibt es andere, die durch wissenschaftliche Erforschung und die eigene Glaubensentwicklung dazu geführt wurden, zwischen historischem Wortlaut und heutiger Bedeutung zu unterscheiden (261).

Es geht darum, dass sich alle - auch bei unterschiedlichen Meinungen im Detail - auf das gleiche Ziel ausrichten: "damit ihr einmütig und mit einem Munde den Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus loben könnt" (Röm 15,6). Es geht um eine von Christus bestimmte Gemeinschaft (260).

Solus Christus

Solus Christus und jüdische Traditionen? Für Paulus gilt: Christus allein – ohne Zusatzbedingungen. Die Enthaltungsbestimmungen des Aposteldekrets sind für ihn lediglich Erfordernisse brüderlicher Liebe.

Solus Christus und christliche Traditionen? Die Reformation hat das Solus Christus wiederentdeckt und die christlichen Traditionen ausgeschieden. Sie hat aber übersehen, dass das NT weitgehend Tradition ist.

Jesus hat seinen Jüngern nicht diktiert, was sie aufsagen müssen (Vater-Unser s. Anhang 2, Apostolikum s. Anhang 1).

Solus Christus und das Abendmahl? Jesus hat das Abendmahl nicht eingesetzt. Der Wiederholungsbefehl: "Das tut zu meinem Gedächtnis" (Lk 22,19); 1Kor 11,24f) stammt nicht von Jesus. Jesus hat in der Naherwartung gelebt: "Es stehen einige hier, die werden den Tod nicht schmecken, bis sie sehen das Reich Gottes kommen mit Kraft" (Mk 9,1parr). Jesus hat nicht auf eine 2000 jährige Krichengeschichte geblickt, für die er einen neuen Kult schaffen wollte.

Solus Christus und die Taufe? Jesus hat nicht getauft (s. Anhang 3). Die christliche Taufe ist eine nachösterliche Tradition. Sie ist für mich ein äußerlicher, entbehrlicher Brauch wie die Beschneidung im Judentum: "Beschnitten sein ist nichts..." (1Kor 7,19). "Beschneidung mit Händen - Beschneidung durch Christus" (Kol 2,11).

Das Solus Christus ist allen Christen gemeinsam. Die jeweiligen 'Ergänzungen' müssen verschieden sein, weil es beim Christsein um ein personales Bezugsverhältnis geht, nicht um eine Lehre.

In Christus oder außerhalb Christus? Die Ekklesia ist die Gemeinde der Herausgerufenen; sie ist der Leib Christi auf Erden, sie ist das in Christus gesammelte neue Gottesvolk. Die Ekklesia ist die Gemeinschaft der Jesus Nachfolgenden. Für Israel gibt es nach Paulus keinen Sonderweg an Christus vorbei.

Das NT ist Dokument und Feld eines Gesprächs, in dem Menschen von jeweils verschiedenen Voraussetzungen aus mit- und gegeneinander sprechen. Solcher Dialog darf nicht nivelliert werden, so dass die Unterschiede und Gegensätze verschwinden... Jede Vereinfachung, die das ursprünglich Mannigfaltige in ausgefahrene Gleise zwingt, ist Sünde gegen den Geist (E. Käsemann, Pln. Perspektiven, 118).

Christlichen Glauben gibt es von Anfang an nur in Pluralität. Viele (theologisch verschiedene) Glieder - ein Leib (1Kor 12,13): Deshalb gibt es die Einheit der Kirche nie vorfindlich, sondern nur für den Glaubenden.

Das Wort Gottes ist kein göttliches Esperanto. Die Bibel ist Gotteswort in Menschenwort, das jeweils einen geschichtlichen Ort hat. Die Offenbarung ist ewig, aber wir haben sie nur in vergänglichen, irdischen Gefäßen. Bilder und Vorstellungen sind vergänglich. Gott und Jesus Christus können wir nicht systematisieren. Die Bibel ist weder ein naturwissenschaftliches noch ein historisches Lehrbuch.

Paulus verlangt kein sacrificium intellectus (→s. Text 1)

Kann ein Lehramt diktieren, was zu denken, was zu glauben und was zu bekennen ist? Gibt es die richtige Lehre unabhängig vom Standort des jeweiligen Gläubigen? Jesus ruft Menschen, die sich an verschiedenen Standorten befinden, in seine Nachfolge. Die Kirche, der Leib Christi, ist eine differenzierte Einheit von Christus-Gläubigen, deren Ausgangspositionen grundverschieden sind. Was heißt für das mess. Judentum richtige Lehre? Was heißt für das neuzeitliche Denken richtige Lehre?

Die Wahrheit ist eine Person: Jesus Christus. Keine Lehre ist, besitzt, die Wahrheit, denn Jesus Christus können wir nicht besitzen, Jesus Christus können wir nur nachfolgen. “An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen (nicht anders)... Ein guter Baum kann nicht schlechte Früchte bringen und ein schlechter Baum kann nicht gute Früchte bringen“ (Mt 7,16ff).

Weil die Ausdrucksformen verschieden sind, brauchen wir getrennte Gemeinschaften. Durch den Geist bilden die getrennten Gemeinschaften gemeinsam den einen Leib Christi. Für Antiochien z.B. heißt das: getrennte Tischgemeinschaften bzw. für mess. Juden: freiwillige Tischgemeinschaft mit Heidenchristen (Paulus, Barnabas). Für Heidenchristen heißt Tischgemeinschaft mit mess. Juden: freiwillige Übernahme der in Israel für Fremde geltenden Mindestforderungen.

Weil die Ausdrucksformen des neuzeitlichen Denkens andere sind als die der kirchlichen Tradition, brauchen wir auch hier getrennte Gemeinschaften, damit jeder seine Sprache, seine Ausdrucksform finden kann. Weil es beim Christsein nicht um eine Lehre sondern um ein personales Bezugsverhältnis geht, ist christlicher Glaube immer kulturell und biographisch mitbestimmt. Alles Verstehen beruht auf einem Vorverständnis, objektive Erkenntnis ist nicht möglich. Für Paulus (1Kor 13,9) gilt: “Alle Erkenntnis ist Stückwerk“. Keine Uniformität sondern nur eine durch den Geist gewirkte Einheit dient dem Lobe Gottes. (Wie schwierig das in der Praxis ist, zeigen 2000 Jahre Lehrstreitigkeiten - angefangen Apg 6.1).

Das jüdisch-apokalyptische Weltbild müssen Christen des 21. Jahrhunderts nicht übernehmen. Weil nach diesem Weltbild 'Leben' nur leiblich mit 'Haut, Knochen und Sehnen' möglich ist, muss zwangsläufig das Grab Jesu leer gedacht werden, müssen die Toten auf einer neuen/erneuerten Erde auferstehen und Jesus muss wiederkommen, andernfalls wäre die Trennung von Christus ewig. Die Vorstellungen des jüdisch-apokalyptischen Weltbildes sind mit unserem neuzeitlichen Weltbild/Denken unvereinbar.