1. Keine Eucharistiefeier in der Hebräergemeinde

1.1 Der Verfasser des Hebräerbriefes ist ein Gegner jeder sakramentalen Abendmahlspraxis

O. Holtzmann

Hebr. 13,7-17: Führer, die bis zum Tod ihren Glauben bewahrt haben, haben das “Wort Gottes“ gebracht. Diesem “Wort Gottes“ stehen “schillernde, fremde Lehren“ gegenüber. Von solchen Lehren (Pl.) soll man sich nicht fortreißen lassen, “denn es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde durch (Gottes) Gnade, nicht durch Speisen...“ (13,9). Im Gegenstück ist das Vertrauen auf die Speise als Spenderin der Festigkeit des Herzens gedacht. Wir haben hier den Begriff einer sakramentalen Mahlzeit. Diesen Begriff bekämpft der Hebr (251f).

Das Abendmahl ist in der Geschichte der Christenheit die einzige Speise, durch die eine solche Kräftigung der Herzen erstrebt wurde. Die Opfermahle der Juden, zu denen sich die hebräischen Christen noch hingezogen fühlten, hatten nicht den Zweck, das Herz zu festigen. Die Abweisung jeder Speise als ein Festigungsmittel der Seele schließt die Abweisung einer solchen Beurteilung des christlichen Abendmahls in sich. Die schillernde, fremde Lehre beurteilt gewisse Speisen als Mittel, das Herz fest zu machen. Sie verlangt den Genuss der Speisen (252f).

Wie nach 9,13 das Blut von Böcken und Stieren und die Asche der Kuh das Bewusstsein nicht von Schuld reinigen konnte, so konnten Speisen das Herz nicht festigen. Gedacht ist an die jüdischen Opfermahle. Der Verfasser redet von ihnen nur deshalb, weil man vom christlichen Abendmahl eine “Festigung des Herzens“ erwartete. Die Bezugnahme auf die jüdischen Opfermahlzeiten weist darauf hin, dass Christen sich bei ihrer Beurteilung des Abendmahls auf eine ähnliche Beurteilung der im Gesetz vorgeschriebenen Opfermahlzeiten beriefen. Der Verf. sieht in der Hervorhebung der herzensfestigenden Speise eine Materialisierung des Versöhnungsgedanken. Alles Irdische ist ihm nur Schatten, nur Gleichnis, nur Nachbildung der wahren Wirklichkeit (8,5; 9,9.23;10,1) (253f).

Hebr 13,10: “Wir haben einen Altar, von dem die dem Zelt Dienenden nicht essen dürfen“. Die Christengemeinde hat einen Altar. Öfters ist vom Opfer Christi und vom Darbringen dieses Opfers gesprochen. Wo ein Opfer (9,26; 10,12), ein Darbringen (7,27; 8,3; 9,25.28; 10,12) statthat, da ist auch ein Altar schon in der Vorstellung dieser Bilder gegeben. Diese Stellen reden immer von der Selbsthingabe Christi. Jesus hat vor dem Stadttor gelitten (13,12), wie die Leiber der Opfertiere des Versöhnungstags außerhalb des Lagers verbrannt wurden. Der “Altar“, den “wir haben“ (13,10), ist der Altar, auf dem Jesus sich selbst zur Versöhnung geopfert hat (254).

Von diesem Altar darf die Gemeinde nicht essen. Es handelt sich um eine Mahlzeit, deren Speisen von dem Altar genommen sind, auf dem Christus sich selbst geopfert hat: es handelt sich um ein Essen vom Leibe Christi. Das ist die später herrschende Deutung des Abendmahls, die der Verfasser rundweg ablehnt (255).

Die “schillernde, neue Lehre“ behauptet, dass die Christen durch ihr heiliges Mahl an dem einen für sie gebrachten Opfer teilhätten. Wie bei einem großen Opfer auf dem Altar in der jüdischen und heidnischen Welt oft für viele Opfergesellschaften die Tische gedeckt waren, so werde auch für die vielen Christen immer wieder der Tisch gedeckt, nachdem der christliche Hohepriester sich selbst Gott dargebracht hat. Gegen diese Auffassung erhebt der Hebr den Einwand, dass auch nach atl Vorschrift von den Opfern des Versöhnungstages ein Opfermahl nicht gehalten wurde: “Denn die Leiber der Tiere werden draußen vor dem Lager verbrannt, deren Blut um der Sünde willen von dem Hohenpriester in das Heiligtum gebracht wird“ (13,11; Lev 16,27). Nach Hebr 9,12.14.24-26 tritt das Opfer Christi an die Stelle der Opfer des Versöhnungstages. Als Gott das Opfermahl am Versöhnungstag verbot, hat er nach dem Verständnis des Hebr auch die Beurteilung des Abendmahls als eines zur Versöhnungstat Christi gehörigen Opfermahls verboten. Im AT ist, wenn auch in unvollkommener Weise, alles das vorgebildet, was im Neuen Bund Wirklichkeit werden sollte (255f).

Nur was mit dem Opferfleisch am Versöhnungstag geschieht, scheint für die Auseinandersetzung wichtig zu sein. Weil die bekämpfte Richtung erklärte, dass im Abendmahl das Soma Christi zum Genuss gereicht werde, deshalb sagt der Hebr, dass die Somata der am Versöhnungstag geopferten Tiere vor dem Lager verbrannt werden mussten. Auch der Leib des ntl Versöhnungsopfers, das Soma Christi, darf von den Gläubigen nicht gegessen werden (256).

Aus der Übereinstimmung des Todes Jesu vor dem Stadttor und der Verbrennung der Opfertiere des Versöhnungstages vor dem Lager ergibt sich wieder die Folgerung, dass das Opfer Christi nicht für die Gläubigen zur Speise und zum Mahl werden darf. Das Soma Christi ist kein Gegenstand menschlicher Nahrung (256f).

“Wir Gläubigen müssen zu unserm Herrn hinausgehen vor das Lager und müssen seine Schmach tragen. Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die künftige suchen wir“ (13,13f). Es gehört zum Wesen der Frömmigkeit, dass der Gläubige sich wie die Patriarchen (11,13f) auf Erden in der Fremde und auf der Wanderschaft weiß und ein besseres, himmlisches Vaterland sucht (257).

Die Christen haben kein Opfermahl. Der Tod Christi ist das große, einmalige, voll genügsame Versöhnungsopfer (1,3; 7,27; 9,11-14.23-28; 10,12). Zwei Arten von Opfern sollen die Christen Gott bringen: das Opfer des Lobes (13,15) und die Opfer der Wohltätigkeit und der Milde, an denen Gott sein Wohlgefallen hat (13,16) (257).

H.-M. Schenke: Die Möglichkeit, das Herantreten zum himmlischen Heiligtum sich als konkret im Herantreten an den Tisch des Herrenmahls erfolgend zu denken, fällt aus. Die Beziehung auf das Herrenmahl wäre dem Verfasser von seinen Prämissen aus so überaus leichtgefallen, dass der Umstand, dass er diese Beziehung gerade nicht zum Ausdruck bringt, hier das entscheidende Datum ist, weswegen damit zu rechnen ist, dass der Verfasser wie seine Adressaten den Brauch des Herrenmahls nicht kennen (433).