1.2 Das Abendmahl spielt im Hebräerbrief keine Rolle

Der himmlische Kultus nach dem Hebräerbrief
M. Dibelius

Das zentrale Heilsereignis ist nicht die Kreuzigung oder die Auferstehung, sondern die Durchdringung der Himmel und der Eingang ins himmlische Heiligtum, d.h. die Erhöhung Christi, dargestellt als kultische Handlung des Sohnes, die auch den “vielen Söhnen“ (2,10) den Zutritt zu diesem Heiligtum eröffnet. Die Christen sind die “Herantretenden“, die durch den himmlischen Hohenpriester die vollendete Weihe erhalten (172).

Seitdem der himmlische Gottesdienst in Kraft getreten ist, hat der irdische seinen Eigenwert verloren. Die frühere Anordnung wird aufgehoben wegen ihrer Schwachheit und Nutzlosigkeit (7,18). Wenn Gott von der neuen Ordnung redet, so hat er damit die erste für veraltet erklärt (8,13); er will nach Ps 40,7-9 nicht Opfer noch Gabe (10,5). Er hebt das “erste“ auf, um das “zweite“ in Geltung zu setzen (10,9). Die alte Ordnung wird durch die neue nicht nur überboten (9,9-28) sondern außer Kraft gesetzt. Die Existenz des Melchisedek-Priestertums beweist, dass das Alte die vollkommene Weihe nicht gebracht hat (7,11). Das “vordere Zelt“ der alten Stiftshütte hat für die Gegenwart nur gleichnishafte Bedeutung: der alte kultische Apparat und der neue “Weg der Heiligen“ zum Himmel schließen sich aus (9,8f) (172f).

Der Hohepriester Christus hat “ein für allemal“ (7,27; 9,12; 10,10) endgültig getan, was zu tun war. Dieses “ein für allemal“ richtet sich gegen jeden antiken Kult, gegen das ganze kultische Wesen: es bedarf dessen nicht mehr! Wo Sündenvergebung ist, braucht es kein Sündenopfer mehr (10,18). Wo sich der Eintritt in den Himmel selbst vollzieht, ist es nicht mehr nötig, in sein irdisches Abbild einzugehen (9,24) (173f).

Die Versammlungen der Christen (Gottesdienst) ist kein Kultus im antiken Sinn. Es fällt auf, wie unfeierlich und unpriesterlich der Hebr von der “Versammlung“ der Christen redet (10,25). Man wird dabei zur Übung von Liebe und guten Werken ermuntert. Das Abendmahl spielt im Hebräerbrief keine Rolle. Die Bedrohung dessen, “der das Bundesblut für profan achtet, durch das er geheiligt worden ist“ (10,29), bezieht sich nicht auf das kultische Sakrament, sondern auf das Opfer Christi, durch das der Christ die vollkommene Weihe erlangt hat (174).

Im 1.Jh. gibt es eine Auffassung der Kirche, die aus theologischer Erkenntnis heraus, von jedem antiken Kultus-Gedanken weit entfernt ist. Opfer, Weihe, Eingang und Priesterdienst Jesu Christi im Himmel sind das einzige Kultmysterium, das für Christen noch Geltung hat. Dies aber ist einmalig und schließt jede Wiederholung aus. Es gibt keinen anderen Priester für Christen als nur den einen, der durch die Himmel gedrungen ist und uns damit den “neuen und lebendigen Weg“ eingeweiht hat (4,14; 10,20). Für Christen gibt es keinen anderen Kult als die Beteiligung an diesem himmlischen Mysterium (175).

Der “Gottesdienst“ dieser “Versammlungen“ der Christen soll die Christen reif machen, teilzunehmen an dem einzigen wirklichen “Gottesdienst“, dem Kultus im Himmel, dessen einziger “Hoherpriester“ Christus selbst ist (176).

Anhang: Hebr 5,7: Alles, was in diesen Worten befremdlich sein kann, findet sich in den Psalmversen: 42,6.12; 43,5; 22,25; 69,4; 31,23; 39,13 als Schilderung unschuldigen Leidens: Angst, Gebet, Schreien, Tränen, Erhörung. Die Darstellung des Hebr stellt eine Parallele zur Gethsemane-Szene dar. Das, was die ersten Christen über die Traurigkeit ihres Herrn aus dem AT herauslasen, ist hier im Rahmen jenes großen kultischen Geschehens gezeichnet, in dem der Verf. des Hebr das Heil sich vollenden sieht (172).